{"id":1001,"date":"2020-06-24T10:19:14","date_gmt":"2020-06-24T08:19:14","guid":{"rendered":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=1001"},"modified":"2020-06-24T10:19:15","modified_gmt":"2020-06-24T08:19:15","slug":"die-corona-epidemie-konnte-in-deutschland-so-gut-eingedaemmt-werden-weil-der-abbau-der-bettenkapazitaeten-hierzulande-moderat-war","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=1001","title":{"rendered":"\u201eDie Corona-Epidemie konnte in Deutschland so gut einged\u00e4mmt werden, weil der Abbau der Bettenkapazit\u00e4ten hierzulande moderat war\u201c"},"content":{"rendered":"\n<h2>Quartalsl\u00fcge II\/MMXX<\/h2>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Am\n12. April ver\u00f6ffentlichte die Financial Times einen Beitrag unter\nder \u00dcberschrift \u201eOversupply of hospital beds helps Germany to\nfight virus\u201c \u2013 in Deutschland g\u00e4be es ein \u00dcberangebot an\nKrankenhausbetten, was es dem Land besser als anderen L\u00e4ndern\nerm\u00f6glichen w\u00fcrde, die Corona-Epidemie zu bek\u00e4mpfen. Eine \u00e4hnliche\nSicht pr\u00e4sentierte im Mai 2020 die ehemalige Krankenhausdezernentin\nCornelia Heintze. In ihrer im Magazin Sozialismus (5\/2020)\nver\u00f6ffentlichten Analyse des deutschen Kliniksektors im\ninternationalen Vergleich hei\u00dft es, der Abbau der Krankenhausbetten\nsei in Deutschland \u201evergleichsweise moderat\u201c gewesen. In anderen\nL\u00e4ndern seien 35 und bis zu mehr als 50 Prozent der\nBettenkapazit\u00e4ten abgebaut worden, in Deutschland nur rund 15\nProzent. Tats\u00e4chlich ist die Behauptung \u201eeher geringer\nBettenabbau\u201c in Deutschland eine Quartalsl\u00fcge. Und zwar dann, wenn\nerstens ein l\u00e4ngerer Zeitraum in den Blick genommen wird, und wenn\nzweitens \u2013 was statistisch notwendig ist \u2013 die\nDDR-Krankenhausbetten ber\u00fccksichtigt werden. \n<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>\nIn der aktuellen Corona-Epidemie tauchen\nvielfach Zahlen auf, die auch \u00fcber eine l\u00e4ngere Zeit von 50 Jahren\nhinweg dokumentieren, dass es in Deutschland zu einem deutlichen\nAbbau der Zahl der Krankenh\u00e4user und der Bettenzahl gekommen ist.\nDas Seltsame ist, dass dabei der Umstand der Existenz zweier\ndeutscher Staaten auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik\nDeutschland, die es bis zum Jahr 1989 gab, nirgendwo auftaucht. Diese\nTatsache findet erstaunlicherweise auch in der fortschrittlichen\nLiteratur zur Entwicklung des deutschen Gesundheitssektors keine\nBeachtung.<sup>1<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>\nSucht man beispielsweise bei Wikipedia unter\nhttps:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Krankenhaus, enth\u00e4lt der entsprechende\nBeitrag einen Abschnitt, \u00fcberschrieben mit \u201eKrankenhausstatistik\nDeutschland\u201c. Dort erf\u00e4hrt man: Es gab im Jahr 1971 noch 3545\nKrankenh\u00e4user mit 690.336 Betten, 1991 waren es 2411 Krankenh\u00e4user\nmit 665.565 Betten. Und f\u00fcr 2015, das letzte dort aufgef\u00fchrte Jahr,\nwerden noch 1956 Krankenh\u00e4user mit 499.351 Betten genannt.<sup>2<\/sup>\nDanach wurde im 45-Jahreszeitraum die Zahl der Krankenh\u00e4user \u201enur\u201c\num 46,2 Prozent und die Zahl der Krankenhausbetten \u201enur\u201c um 27,4\nProzent abgebaut. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Die\nDDR-Realit\u00e4ten werden dabei schlicht ignoriert.<\/p>\n\n\n\n<p>\nNun m\u00f6gen Original-Angaben zum\nDDR-Gesundheitssektor heute schwer erh\u00e4ltlich, also im DDR-Jargon\n\u201eB\u00fcckware\u201c, sein. Und die elektronische Fassung der offiziellen\ndeutschen Statistik mag Angaben zur DDR nicht mehr enthalten. Doch in\nder Printfassung der Statistischen Jahrb\u00fccher f\u00fcr die\nBundesrepublik Deutschland gab es bis zum Jahr 1989 noch in jeder\nAusgabe eine rund 50-seitige Abteilung mit den elementaren\nstatistischen Daten zur DDR. Danach existierten 1971 noch 620\nDDR-Krankenh\u00e4user mit 187.756 Betten. Vier Jahre vor der\nVereinigung, 1986, waren es noch 542 Krankenh\u00e4usern mit 169.179\nBetten. F\u00fchrt man die Zahlen zusammen und erg\u00e4nzt sie mit Zahlen\naus der Nach-Wende-Zeit, dann erh\u00e4lt man das Bild wie in der Tabelle\nund in der Grafik wiedergegeben. \n<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"330\" src=\"https:\/\/winfriedwolf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/50-tabelle1-1-1024x330.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1003\" srcset=\"https:\/\/winfriedwolf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/50-tabelle1-1-1024x330.jpg 1024w, https:\/\/winfriedwolf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/50-tabelle1-1-300x97.jpg 300w, https:\/\/winfriedwolf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/50-tabelle1-1-768x247.jpg 768w, https:\/\/winfriedwolf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/50-tabelle1-1-1536x495.jpg 1536w, https:\/\/winfriedwolf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/50-tabelle1-1.jpg 1816w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>\nDanach gab es auf deutschem Boden 1971 noch\n4165 Krankenh\u00e4user, davon 3545 in Westdeutschland und 620 in\nOstdeutschland. Diese verf\u00fcgten zusammen \u00fcber 877.992 \u201eaufgestellte\nKrankenbetten\u201c. 1986 waren es gesamtdeutsch noch 3613 Krankenh\u00e4user\nmit insgesamt 843.563 Krankenbetten. Danach \u2013 mit der Wende und bis\n2015 \u2013 kam es zu einem gewaltigen Abbau bei der Zahl der\nKrankenbetten und zu einer nochmals st\u00e4rkeren Reduktion der Zahl der\nKrankenh\u00e4user. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\nWenn wir die beiden Krankenhaus-Systeme als\nfiktive Einheit nehmen, wird die gesamte Dramatik des Kahlschlags\ndeutlich. Diese Zusammenf\u00fchrung ist methodisch ein Muss. Schlie\u00dflich\nist das Gebiet, f\u00fcr das die Krankenversorgung bis 1989 vorzuhalten\nwar und f\u00fcr das sie heute vorzuhalten ist, identisch. Die\nEinwohnerzahl auf diesem Gebiet stieg sogar deutlich \u2013 von 78,3\nMillionen im Jahr 1971 auf 82,2 Millionen 2015 (oder um 5 Prozent).\nAuch erh\u00f6hte sich die Lebenserwartung der gesamtdeutschen\nBev\u00f6lkerung im angegebenen Zeitraum um rund ein Jahrzehnt. Damit\nerh\u00f6hte sich auch die gesamtgesellschaftliche Lebenszeit um mehr als\nein Zehntel, f\u00fcr die der Kranken-haussektor Leistungen zu erbringen\nhat. Sprich: Es gab viele Gr\u00fcnde f\u00fcr einen Ausbau des\nKrankenhauswesens. Doch es fand der entgegengesetzte Prozess statt.<sup>3<\/sup><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"684\" src=\"https:\/\/winfriedwolf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/50.4.-grafik-krankenhausbetten-1-1024x684.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1005\" srcset=\"https:\/\/winfriedwolf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/50.4.-grafik-krankenhausbetten-1-1024x684.jpg 1024w, https:\/\/winfriedwolf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/50.4.-grafik-krankenhausbetten-1-300x200.jpg 300w, https:\/\/winfriedwolf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/50.4.-grafik-krankenhausbetten-1-768x513.jpg 768w, https:\/\/winfriedwolf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/50.4.-grafik-krankenhausbetten-1.jpg 1106w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p> Ber\u00fccksichtigt man die beiden Krankenhaus-Systeme auf deutschem Boden, dann gab es im Zeitraum 1971 bis 2015 mehr als eine Halbierung bei der Zahl der Krankenh\u00e4user (-53%), einen Abbau der Zahl der Krankenbetten um 43,1 Prozent und fast eine Halbierung der Bettenzahl je 100.000 Einwohner (-45,5%). \u201eModerat\u201c? Der Kahlschlag ist so gro\u00df wie derjenige in den anderen westeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern. Es gibt zwei Gr\u00fcnde daf\u00fcr, dass die Epidemie in Deutschland nicht derart viele Opfer forderte wie z.B. in Italien oder Frankreich: Erstens war das Ausgangsniveau dort ein h\u00f6heres. Und zweitens \u201eerwischte\u201c es Deutschland sp\u00e4ter; es gab rund zwei Wochen mehr Vorbereitungszeit und Wirkungsm\u00f6glichkeit beim Lockdown.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Die Printausgabe dieses Beitrags ist zuerst im Heft Nr. 50 von  Lunapark21 erschienen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<h4>Anmerkungen:<\/h4>\n\n\n\n<p>1\nIn der hervorragenden Brosch\u00fcre Krankenhaus statt Fabrik,\nherausgegeben vom B\u00fcndnis Krankenhaus statt Fabrik (April 2020) gibt\nes mehrere Tabellen und Grafiken, die in den Zeiten vor der\nVereinigung von BRD\/DDR beginnen (zur Verweildauer oder zur\nLohnquote), die jedoch den Einschnitt 1989\/90 komplett \u201e\u00fcbersehen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>2\nBei den Zahlen f\u00fcr 1966 und 1971 gibt es bei Wikipedia ein Sternchen\n(*) ; man erf\u00e4hrt im Kleingedruckten: \u201eDaten nur von\nWestdeutschland und Westberlin\u201c. Verwiesen wird dann in einer\nFu\u00dfnote mit Ziffer 10 auf \u201eStatistisches Bundesamt:\nhttps:\/\/www.destatis.de\/DE\/Publikationen\/Thematisch\/Gesundheit\/Krankenhaeuser\/GrunddatenKrankenhaeuser2120611157004.pdf?__blob=publicationFile<\/p>\n\n\n\n<p>Grunddaten\nder Krankenh\u00e4user 2015 &#8211; Fachserie 12 Reihe 6.1.1. (PDF).\u201c Doch\ndiese Grunddaten sind beim Statistischen Bundesamt (destatis) nicht \u2013\nnicht mehr \u2013 abrufbar.<\/p>\n\n\n\n<p>3 Im angegebenen\nZeitraum gab es auch einen deutlichen Fortschritt in der Medizin und\neine Teilverlagerung von medizinischer Versorgung, die in fr\u00fcheren\nZeiten in Krankenh\u00e4usern stattfand, in den ambulanten Bereich.\nDieser wiegt jedoch die erheblich l\u00e4ngere Lebenszeit, die deutliche\nZunahme von Krankheiten im h\u00f6heren Alter nicht auf. Die Reduktion\nder Kapazit\u00e4ten bei einer Zunahme der \u201eNachfrage\u201c konnte nur\nwettgemacht werden durch den Umbau der Krankenh\u00e4user in\nGewinnmaschinen \u2013 mit massiven negativen Folgen f\u00fcr die\nPflegekr\u00e4fte und f\u00fcr die Patientinnen und Patienten. Siehe die\nArtikel auf den Seiten 48ff.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Quartalsl\u00fcge II\/MMXX Am 12. April ver\u00f6ffentlichte die Financial Times einen Beitrag unter der \u00dcberschrift \u201eOversupply of hospital beds helps Germany to fight virus\u201c \u2013 in Deutschland g\u00e4be es ein \u00dcberangebot an Krankenhausbetten, was es dem Land besser als anderen L\u00e4ndern erm\u00f6glichen w\u00fcrde, die Corona-Epidemie zu bek\u00e4mpfen. 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