{"id":1056,"date":"2020-08-19T13:12:24","date_gmt":"2020-08-19T11:12:24","guid":{"rendered":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=1056"},"modified":"2020-09-02T09:07:58","modified_gmt":"2020-09-02T07:07:58","slug":"blog-07-nein-zu-diesem-zynismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=1056","title":{"rendered":"blog 07: Nein zu diesem Zynismus!"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<h2>\n<em><strong>Skandal\u00f6se\ndeutsch-israelische Milit\u00e4rshow \u00fcber dem KZ Dachau<\/strong><\/em><\/h2>\n\n\n\n<p>Am gestrigen 18. August donnerten zwei israelische Kampfflugzeuge vom Typ F-16 und drei deutsche Eurofighter in einer gemeinsamen Formation \u00fcber das ehemalige KZ Dachau. Dies ist zynisch und ein Skandal. Die Bundeswehr wurde von NS-Gener\u00e4len, die f\u00fcr den Holocaust mitverantwortlich waren, mit gegr\u00fcndet. Ex-NS-Milit\u00e4rs waren bis Mitte der 1960er Jahre die Spitzenvertreter der Bundeswehr. Die deutsche Armee und der Bundeswehrverband haben sich bis heute nicht von der Traditionslinie zur NS-Wehrmacht konsequent getrennt. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Demonstriert\nwerden sollte mit dem Flug von Kampfflugzeugen \u00fcber der\nKZ-Gedenkst\u00e4tte Dachau, dass Deutschland und Israel eine\nWaffenbr\u00fcderschaft  verbinde. Es soll nicht bei dem einmaligen\nAuftritt von israelischer Luftwaffe und Bundeswehr-Luftwaffe bleiben.\nIn den folgenden knapp zwei Wochen wird es \u201egemeinsame \u00dcbungen\u201c\nder beiden Luftwaffen unter der Bezeichnung \u201eblue wings 2020\u201c\ngeben. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Ein\nBerichterstatter von \u201eBild\u201c \u2013 Maximilian Kiewel \u2013 \u00fcberschlug\nsich vor Ort in einer Video-Reportage f\u00f6rmlich vor Begeisterung und\nbehauptete, \u201ebeide Seiten k\u00f6nnen viel voneinander profitieren\u201c.\nDie israelischen Milit\u00e4rs w\u00fcrden \u201edas deutsche Terrain, den\ndeutschen Wald, das Gel\u00e4nde hier\u201c so nicht kennen. Dar\u00fcber hinaus\nverf\u00fcge die Luftwaffe der Bundeswehr \u201emit dem Eurofighter \u00fcber\nein modernes Flugzeug, was die Israelis so nicht haben\u201c. Fr\u00fcher\nhalt Herrenmensch. Heute zun\u00e4chst mal nur noch Oberlehrer. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die\ndeutschen und die israelischen Soldaten, die an der \u00dcbung\nteilnehmen, tragen Abzeichen, auf denen der Davidstern und das\nEiserne Kreuz \u201eineinander verwoben\u201c sind. Die deutsche\nVerteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer sprach von \u201eeinem\n\u201ebewegenden Moment\u201c und betonte: \u201eHeute stehen hier israelische\nund deutsche Soldaten Seite an Seite. Lasst uns an die schmerzhafte\nGeschichte erinnern \u2013 f\u00fcr eine bessere Zukunft.&#8220; \n<\/p>\n\n\n\n<p>Erinnern?\nAuf eine solche Weise? F\u00fcr welche Art Zukunft?<\/p>\n\n\n\n<p>Halten\nwir fest: Die Bundeswehr, mit der die israelischen Soldaten gemeinsam\ntrainieren, wurde von Nazi-Gener\u00e4len, die f\u00fcr den Holocaust\nmitverantwortlich waren, gegr\u00fcndet. Und sie hat sich in ihrer\nTraditionspflege und in ihren Symbolen bis heute von der\nverbrecherischen Tradition des deutschen Militarismus und der\nNS-Wehrmacht nicht konsequent losgel\u00f6st.  Im Konkreten:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Personelle\nKontinuit\u00e4t NS-Armee und Bundeswehr<\/em>: Die\nWehrmacht war an der Shoa, an der vom NS-Regime europaweit\norganisierten Vernichtung der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung, aktiv\nbeteiligt. Die Bundeswehr wurde Anfang der 1950er Jahre von\nNazi-Gener\u00e4len gegr\u00fcndet. Nazi-Milit\u00e4rs haben diese Armee rund\neineinhalb Jahrzehnte lang gef\u00fchrt. Drei Beispiele: Der erste\nGeneralinspektor der Bundeswehr war der ehemalige Nazi-<em>General\nAdolf Heusinger<\/em>. Der Rezensent einer\nHeusinger-Biographie schreibt: \u201eKein\nzweiter Bundeswehrgeneral hatte in der nationalsozialistischen\nDiktatur eine solch exponierte Stellung besetzt. General Hitlers und\nAdenauers, Erf\u00fcllungsgehilfe kriegerischen Gr\u00f6\u00dfenwahns und\nGr\u00fcndungsvater der Bundeswehr &#8211; eine deutsche Karriere\u2026\u201c<sup><a href=\"#sdfootnote1sym\"><sup>1<\/sup><\/a><\/sup>\nHeusinger war von 1955 bis 1964 Generalinspekteur der Bundeswehr und\nzuletzt Vorsitzender des Nato-Milit\u00e4rausschusses. Ein zweiter\nBundeswehr-Gr\u00fcnder war <em>General\nHans Speidel<\/em>.\nDieser Militarist wurde im April 1943 zum\nGeneralstabschef der Heeresgruppe B in Frankreich ernannt. Speidel\nwar an Kriegsverbrechen in Frankreich beteiligt.<sup><a href=\"#sdfootnote2sym\"><sup>2<\/sup><\/a><\/sup>\nSpeidel war von 1957 bis 1963 General der Bundeswehr und zuletzt\nOberbefehlshaber der Alliierten Landstreitkr\u00e4fte Mitteleuropa der\nNato. Das dritte Beispiel: <em>General Johann\nAdolf Graf von Kielmansegg<\/em>. Dieser Mann war\nin der NS-Zeit zuletzt Oberst und enger Mitarbeiter von Heusinger. Er\nverfasste gemeinsam mit Heusinger \u201eGeheime Kommandosachen\u201c, in\ndenen dokumentiert wurde, welche \u201eS\u00fchneerschie\u00dfungen\u201c von\nZivilpersonen die Wehrmacht an den verschiedenen Frontabschnitten\nvorgenommen hatte. Heusinger und von Kielmannsegg halfen, in der\n\u201eBandenbek\u00e4mpfung\u201c die \u201eUnterst\u00fctzung durch Kr\u00e4fte des\nHeeres sicherzustellen.\u201c<sup><a href=\"#sdfootnote3sym\"><sup>3<\/sup><\/a><\/sup>\nIn der Bundeswehr hatte er zuletzt den Rang eines Generals. In der\nletzten Etappe seiner milit\u00e4rischen Laufbahn (bis April 1968) war er\nNato-Oberbefehlshaber der Alliierten Streitkr\u00e4fte Europa Mitte.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Bekenntnis\nder Bundeswehr zur Wehrmachtstradition.<\/em>\nJahrzehntelang gab es eine offene Traditionspflege der Bundeswehr mit\npositivem Bezug auf die Wehrmacht. Erst in dem Ma\u00df, wie die\nVerbrechen der Wehrmacht auch in Westdeutschland einer breiteren\n\u00d6ffentlichkeit bekannt gemacht wurden \u2013 hier spielte die von\nHannes Heer konzipierte und von Hamburger Institut f\u00fcr\nSozialforschung getragene \u201eWehrmachtsausstellung\u201c\n(\u201eVernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1945\u201c) eine\nherausragende Rolle<sup><a href=\"#sdfootnote4sym\"><sup>4<\/sup><\/a><\/sup>\n\u2013 wurden diese Bez\u00fcge teilweise eliminiert und teilweise\nrelativiert. Doch verschwunden sind sie keineswegs. Karl Theodor\nMolinari ist bis heute der Namenspatron des Deutschen\n<em>Bundeswehrverbandes (DBwV)<\/em>.\nMolinari war hochdekorierter Wehrmachtsoffizier, zuletzt im Rang\neines Oberstleutnant; er wurde in Belgien wegen Kriegsverbrechen\nverurteilt. In der Bundeswehr hatte er zuletzt (1961) den Rang eines\nGeneralmajors.<sup><a href=\"#sdfootnote5sym\"><sup>5<\/sup><\/a><\/sup>\nBis heute gibt es die Generalfeldmarschall Erwin Rommel-Kaserne in\nAugustdorf in Nordrhein-Westfalen und die \u201eRommel-Kaserne\u201c in\nDornstadt, Baden-W\u00fcrttemberg. Erwin Rommel war f\u00fchrender NS-Milit\u00e4r\n(\u201eW\u00fcstenfuchs\u201c). Er war an Judendeportationen beteiligt. Noch im\nNovember 1997 wurde die Eichelberg-Kaserne in Bruchsal umbenannt in\n\u201eGeneral-Dr. Speidel-Kaserne\u201c. Zu diesem NS-Milit\u00e4r siehe oben.\nDie \u201eGebirgsj\u00e4ger\u201c-Traditionalisten der Bundeswehr stellen sich\nbis heute in die NS-Gebirgsj\u00e4ger-Tradition. Diese Einheit war in\nGriechenland an der Vernichtung hunderter D\u00f6rfer und deren\nBev\u00f6lkerung beteiligt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch\ndie Symbolik, die an den deutschen Militarismus und an die\nNS-Milit\u00e4rs erinnert, existiert weiter.  Die zitierte\nMan\u00f6ver-Bezeichnung \u201eblue wings\u201c erinnert daran, dass die\nLuftwaffe der Wehrmacht die Farbe \u201eblaugrau\u201c hatte.<sup><a href=\"#sdfootnote6sym\"><sup>6<\/sup><\/a><\/sup>\nDa mag man noch an Zufall glauben und von \u00c4u\u00dferlichkeit reden. Doch\ndie Verwebung von Davidstern und Eisernem Kreuz ist offen zynisch.\nAlle oben zitierten Nazi-Milit\u00e4rs und Bundeswehr-Mitbegr\u00fcnder, die\ndirekt oder indirekt f\u00fcr die NS-Verbrechen an der j\u00fcdischen\nBev\u00f6lkerung Verantwortung trugen, waren Tr\u00e4ger des Eisernen\nKreuzes. Das Eiserne Kreuz der Bundeswehr unterscheidet sich nur\nunwesentlich vom Eisernen Kreuz der Wehrmacht. Das Eiserne Kreuz ist\ndamit ein Symbol f\u00fcr den deutschen Militarismus, f\u00fcr das\nVom-Zaum-Brechen von zwei Weltkriegen. Das Eiserne Kreuz kann nicht\nlosgel\u00f6st werden von den Kriegsverbrechen der Wehrmacht im\nAllgemeinen und von der Beteiligung der Wehrmacht am Holocaust im\nBesonderen. Dieses <em>Symbol der T\u00e4ter<\/em>\nin Verbindung zu bringen mit dem <em>Davidstern, \ndem Symbol der Opfer<\/em>, ist zynisch. Auf diese\nWeise sollen die NS-Verbrechen relativiert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn\ndie deutsche Verteidigungsministerin am 18. August die Milit\u00e4r\u00fcbung\nder deutschen und der israelische Luftwaffe mit Verweis auf \u201edie\nbessere Zukunft\u201c begr\u00fcndete, dann soll damit au\u00dferdem die\nBundeswehr einbezogen werden in die aggressive Politik der Regierung\nNetanjahu gegen die pal\u00e4stinensische Bev\u00f6lkerung. Und dies\nausgerechnet in Zeiten, in denen in Israel Zehntausende gegen diese\nRegierung auf die Stra\u00dfe gehen und den R\u00fccktritt Netanjahus\nfordern, der wegen Korruption unter Anklage steht.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><em>Winfried Wolf ist u.a. verantwortlicher Redakteur der Zeitung gegen den Krieg \u2013 ZgK. Die neue Ausgabe der ZgK, Nr. 47, erscheint p\u00fcnktlich zum 1. September 2020, dem Antikriegstag. Vertrieb ab dem 24. August 2020. Ein Dank geht an Ulrich Sander, VVN-BdA, der f\u00fcr diesen Artikel wichtige Details beisteuert.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Anmerkungen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote1anc\">1<\/a>\n\tJohannes H\u00fcrter, Historiker am\n\tM\u00fcnchener Institut f\u00fcr Zeitgeschichte, Rezensent der umfangreichen\n\tHeusinger-Biographie: Georg Meyer, Adolf Heusinger. Dienst eines\n\tdeutschen Soldaten 1915 bis 1964. Hamburg. \n\t<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote2anc\">2<\/a>\n\tDer \u201eCombat\u201d, Paris, schrieb am 4. April 1957 \u00fcber Speidel:\n\t\u201eFrankreich kann nichts daf\u00fcr: Wenn es das Gesicht Speidels\n\tsieht, wird es durch dieses Gesicht an vier Jahre Erpressung,\n\tFolterungen, an vier Jahre H\u00f6lle erinnert. [\u2026] Das Blut der Toten\n\tl\u00e4sst sich nicht so leicht trocknen wie eine Unterschrift. [\u2026]\n\tEin B\u00fcndnis, das uns zwingt, unsere logischen Reaktionen zu\n\tunterdr\u00fccken, wird von Tag zu Tag unertr\u00e4glicher erscheinen.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote3anc\">3<\/a>\n\tSiehe: Prozessakten N\u00fcrnberger Hauptkriegsverbrecherprozess, Band\n\tIV 1947, Dok. US 562.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote4anc\">4<\/a>\n\tDie Ausstellung wurde erstmals am 5. M\u00e4rz 1995 in Hamburg gezeigt.\n\tBis 1999 wurden rund 900.000 Besucherinnen und Besucher gez\u00e4hlt.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote5anc\">5<\/a>\n\tDer genannte Bundeswehrverband  (er z\u00e4hlt 200.000 Mitglieder) hat\n\teine Karl-Theodor-Molinari-Stiftung. Auf der Website des\n\tBundeswehrverbands wird diese wie folgt vorgestellt: \u201eDas\n\tBildungswerk des Deutschen Bundeswehr Verbandes (DBwV), die\n\tKarl-Theodor-Molinari-Stiftung e.V., wurde bereits 1988 als\n\tEinrichtung zur politischen Erwachsenenbildung gegr\u00fcndet. Der Name\n\tgeht zur\u00fcck auf den ersten Bundesvorsitzenden des DBwV,\n\tGeneralmajor a. D. Karl-Theodor Molinari.\u201c Zur NS-Vergangenheit\n\tdieses Milit\u00e4rs findet sich kein Wort. Siehe: \n\thttps:\/\/www.dbwv.de\/der-verband\/stiftungen-engagement\/karl-theodor-molinari-stiftung\/<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote6anc\">6<\/a>\n\thttps:\/\/www.militaerlacke.de\/fahrzeuglacke\/1k-eimergebinde\/wehrmacht\/53\/1k-ral-7016-blaugrau-nr.-4<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Skandal\u00f6se deutsch-israelische Milit\u00e4rshow \u00fcber dem KZ Dachau Am gestrigen 18. August donnerten zwei israelische Kampfflugzeuge vom Typ F-16 und drei deutsche Eurofighter in einer gemeinsamen Formation \u00fcber das ehemalige KZ Dachau. Dies ist zynisch und ein Skandal. 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