{"id":1109,"date":"2017-07-24T21:23:00","date_gmt":"2017-07-24T19:23:00","guid":{"rendered":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=1109"},"modified":"2020-08-27T08:54:00","modified_gmt":"2020-08-27T06:54:00","slug":"abgrundtief-bodenlos-eine-ganz-besondere-buchvorstellung-in-stuttgart","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=1109","title":{"rendered":"\u201eabgrundtief + bodenlos\u201c: Eine ganz besondere Buchvorstellung in Stuttgart"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<h2><strong>Oder:\ndie Revue verschiedener B\u00fccher von Winfried Wolf und deren\nEntstehungsgeschichte(n)<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">Ende\nJuli 2017 stellte WW in Stuttgart und dort im Gro\u00dfen Saal des\nRathauses sein neues \u2013 erneut bei PapyRossa erschienenes \u2013 Buch\nzu Stuttgart 21 mit dem Titel \u201eabgrundtief + bodenlos\u201c vor. Es\nwar bereits das f\u00fcnfte Buch, das er zum Thema Stuttgart21 verfasst\nbzw. mit herausgegeben hatte. Dabei handelte es sich nicht um ein\nx-beliebiges Buch und auch nicht um eine x-beliebige Buchvorstellung.\nDas Letztere betreffend: Die Buchpr\u00e4sentation wurde durch\neinf\u00fchlsame, wunderbare Saxofon-Musikeinlagen von Ekkehard R\u00f6ssle\neingerahmt. Dabei wurde u.a. der Leonard-Cohen-Song \u201eThe Anthem\u201c\nwiedergegeben bzw. interpretiert, der im Buch auch eine wichtige\nRolle spielt. \u201eKein x-beliebiges Buch\u201c: Das Buch \u201eabgrundtief +\nbodenlos\u201c, das dann in der Folge und bis 2020  in drei\nverschiedenen Auflagen, am Ende in einer Hardcover-Fassung und mit\n380 Seiten erscheinen sollte, stellt die Synthese der bisherigen\nArbeiten von WW zu diesem Thema dar. Es handelt sich bisher auch um \ndas Standardwerk zur Geschichte des Projekts \u201eStuttgart21\u201c und\nvor allem zur Geschichte der zivilgesellschaftlichen Bewegung gegen\ndieses stadtzerst\u00f6rerische Vorhaben. In diesem Zusammenhang geht der\nVerfasser auch auf eine Reihe anderer seiner B\u00fccher  und deren\nEntstehungsgeschichte ein. Diese hier aufgef\u00fchrten B\u00fccher sind\ndamit auch ein St\u00fcck WW-Biographie. <strong>Weiterlesen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<h2><em>Rede\nWinfried Wolf \/\/ Buchvorstellung \u201eabgrundtief + bodenlos\u201c <\/em>\n<\/h2>\n\n\n\n<p><em><strong>24. Juli 2017 &#8211; im Rathaus Stuttgart<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Musikalisches Intro\n\u201eCohen\u201c von Ekkehard R\u00f6ssle [Saxophon]<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>So\nmuch of the world \/ is plunged in darkness and chaos [\u2026]<\/p>\n\n\n\n<p>\nRing the bells (ring the bells) that still can ring \/\nForget your perfect offering<\/p>\n\n\n\n<p>There\nis a crack in everything  (there is a crack in everything)<\/p>\n\n\n\n<p>\nThat\u00b4s how the light gets in [\u2026]<\/p>\n\n\n\n<p>\nI can\u00b4t run no more \/ With that lawless crowd<\/p>\n\n\n\n<p>While\nthe killers in high places \/ Say their prayers out loud<\/p>\n\n\n\n<p>\nBut they\u00b4ve summoned, they\u00b4ve summoned up \/ A\nthundercloud<\/p>\n\n\n\n<p>\nAnd they\u00b4re going to hear from me<\/p>\n\n\n\n<p>Ring\nthe bells (ring the bells) that still can ring [\u2026]<\/p>\n\n\n\n<p><em>Leonard\nCohen, Anthem<\/em><sup><em><a href=\"#sdfootnote1sym\"><sup>1<\/sup><\/a><\/em><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>[Anrede]<\/p>\n\n\n\n<p>Was ihr soeben geh\u00f6rt\nhabt, war das St\u00fcck von Leonard Cohen \u201eThe Anthem \u2013 Die Hymne\u201c.\nEin Song, den er zur Begeisterung von 7000 Menschen am 1. Oktober\n2010 in der Stuttgarter Schleyer-Halle vortrug. Er widmete dieses\nLied damals \u201eden B\u00e4umen\u201c, den B\u00e4umen im Schlossgarten, die in\nder vorausgegangenen Nacht erstmals \u2013 im direkten Anschluss an die\nmassive Polizeirepression an diesem \u201eSchwarzen Donnerstag\u201c \u2013 in\ngro\u00dfem Ma\u00dfstab gef\u00e4llt worden waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Song spielt eine\nwichtige Rolle in meinem Buch \u2013 bereits im vorletzten, dem siebten\nKapitel. Und er bestimmt das gesamte letzte Buchkapitel, Kapitel\nVIII. Dieses tr\u00e4gt sogar die \u00dcberschrift, die dem Song entnommen\nist: \u201eDer Spalt, durch den das Licht dringt \u2013 There is a crack in\neverything \/ That\u00b4s how the light gets in\u201c. Worauf zur\u00fcckzukommen\nist. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Damit ist schon klar, dass\ndieses Buch, das ich hier vorstelle, etwas Besonderes ist \u2013 etwas\nBesonderes f\u00fcr mich. Wobei in einigen der gut drei Dutzend B\u00fcchern,\ndie ich schrieb, nat\u00fcrlich ebenfalls viel Herzblut drinsteckt. \n<\/p>\n\n\n\n<p>So als ich 1977 das erstes\nBuch von mir, das in einem gr\u00f6\u00dferen Verlag, bei Wagenbach,\nver\u00f6ffentlicht wurde, verfasst  hatte \u2013 damals als Koautor mit dem\nvon mir bewunderten, j\u00fcdischen Marxisten Ernest Mandel, der lange\nZeit mein Mentor war. Thema und Titel damals d\u00fcrften auch heute\naktuell sein: \u201eEnde der Krise oder Krise ohne Ende\u201c. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Oder als ich 1980\/81 in\nGdansk auf der Lenin-Werft die Streiks von Solidarnosc verfolgte und\ndanach zwei B\u00fccher \u00fcber den \u201eLangen Sommer der Solidarit\u00e4t\u201c\nschrieb \u2013 und die Hoffnung hegte, dass in Polen das erstarrte\nSystem der Politb\u00fcrokratie aufgebrochen w\u00fcrde und eine neue,\ndemokratische, nichtkapitalistische  Gesellschaft entstehen w\u00fcrde.\nWas kam war ein Milit\u00e4rputsch unter General Jaruzelski. Und es war\nerst dann, dass die Menschen aufgrund dieser Repression in die Arme\nder Muttergottes von Tschenstochau und in diejenigen des reaktion\u00e4ren\nPapstes Woytila getrieben wurden. Vor ein paar Tagen las ich, dass\nein Mann mit Namen Wladislaw Frasyniuk, den ich damals 1981 auf der\nLenin-Werft interviewt hatte und der danach Solidarnosc im Untergrund\nanf\u00fchrte und dann mehrere Jahre im Knast war, dass dieser Frasyniuk\nheute einer der au\u00dferparlamentarischen F\u00fchrer im Kampf derjenigen\nist, die gegen die Zerschlagung der Justiz in Polen k\u00e4mpfen. Es gibt\nsie, diese Leute, die sich treu bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Herzblut geschrieben\nwar auch ein Buch, das in mehrere Auflaben Ende der 1980er Jahre\nerschien und das den Titel \u201eSackgasse Autogesellschaft\u201c hat.\nDeshalb mit Herzblut geschrieben, weil ich in diesem eine erste\nalternative Verkehrsplanung vornahm \u2013 und dies f\u00fcr meine\nHeimatstadt Ravensburg. Wir pl\u00e4dierten damals \u2013 gemeinsam mit den\nMachern der alternativen Zeitschrift \u201eS\u00fcdschw\u00e4bische\nNachrichten\u201c, darunter Charly Schweizer,  \u2013 daf\u00fcr, dass es keine\ngewaltige Umgehungsstra\u00dfe \u201eB30 neu\u201c um die Region Mittleres\nSchussental geben sollte. Dass stattdessen \u201es\u00b4B\u00e4hnle\u201c, eine\nStra\u00dfenbahn, die 1959 stillgelegt wurde, wieder eingef\u00fchrt werden\nsollte. Und wir sagten voraus, dass eine B30 neu zun\u00e4chst zwar die\nSt\u00e4dte Ravensburg und Weingarten vom Autoverkehr entlasten w\u00fcrde,\ndass aber nach rund einem Jahrzehnt es die Situation geben w\u00fcrde:\nmassive Belastung des gr\u00fcnen Umlands und Zerst\u00f6rung von\nNaherholungsgebieten durch die autobahn\u00e4hnliche B30 neu und\nneuerliches \u201eVolllaufen\u201c des innerst\u00e4dtischen Verkehrs in Baind,\nBaienfurt, Weingarten, Ravensburg und Weissenau mit dem neu\ngesteigerten motorisierten Verkehr. Und just so kam es \u2013 wobei es\nseither alle zehn Jahre neu die Debatte gibt, ob man nicht vielleicht\nnicht doch \u201es\u00b4B\u00e4hnle\u201c wieder einf\u00fchren m\u00fcsse\u2026<\/p>\n\n\n\n<p> Schlie\u00dflich und endlich\nver\u00f6ffentlichte ich mit erheblich viel Herzblut im letzten Jahr,\nzusammen mit meinem griechischen Freund Nikos Chilas, das Buch \u201eDie\ngriechische Trag\u00f6die\u201c. Das war damals Ausdruck gro\u00dfer Hoffnungen,\ndie wir wohl alle hatten, als ein gutes halbes Jahr lang Alexis\nTsipras und Jannis Varoufakis die Welt in Atem hielten und die\nEurokraten im Allgemeinen und den unbarmherzigen Sparmeister Sch\u00e4uble\nim Besonderen herausforderten. Um dann nach dem wunderbaren\nVolksentscheid vom 5. Juli 2015, als fast zwei Drittel der\nGriechinnen und Griechen \u201eOchi\u201c \u2013 \u201eNein\u201c \u2013 sagten,\nverraten zu werden: Syriza unterzeichnete die Kapitulationsurkunde\nder EU unter Sch\u00e4ubles Knute.<sup><a href=\"#sdfootnote2sym\"><sup>2<\/sup><\/a><\/sup>\n\n<\/p>\n\n\n\n<p>Der neue Dengler-Krimi von\nWolfgang Schorlau greift das Thema Griechenland \u00fcbrigens neu auf \u2013\nwohl auch ab und an gest\u00fctzt auch unser Griechenland-Buch.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch bei all dem: Dieses\nStuttgart21-Buch ist f\u00fcr mich, wie erw\u00e4hnt, etwas Besonderes. Etwas\nBesonderes aus <em>DREI Gr\u00fcnden<\/em>:<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Erstens<\/strong><\/em><strong>\n\u2013 die Existenz einer breiten B\u00fcrgerbewegung und das\nEingebettetsein in diese langj\u00e4hrige Bewegung.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bei S21 handelt es sich um\ndasjenige unter meinen Engagements mit der gr\u00f6\u00dften Kontinuit\u00e4t.\nGenau genommen mit einer nunmehr 22-j\u00e4hrigen Geschichte. Da gibt es\nnicht nur dieses viel zitierte erste S21-Buch, das ich 1995 schrieb\n(\u201eStuttgart 21 \u2013 Hauptbahnhof im Untergrund\u201c). Es gab da auch\neine erste Veranstaltung in Stuttgart 1995, auf der ich zu dem Thema\nsprach \u2013 und in deren Gefolge dann Gangolf Stocker die Gruppe\n\u201eLeben in Stuttgart \u2013 Kein Stuttgart 21\u201c gr\u00fcndete. Ich fand\nJETZT \u2013 im Rahmen der Arbeiten f\u00fcr dieses neue S21-Buch \u2013 sogar\nnoch Ort und Datum f\u00fcr dieses Treffen; in meinem 1995er\nTerminkalender steht mit Datum 30. November 1995: \u201eStutttgart 21 VA\n&#8211;  Zentralkultur, Pfarrstr.\u201c \n<\/p>\n\n\n\n<p>Als dann 2009 diese\nBewegung Fahrt aufnahm und ab 2010 eine massenhafte wurde, war ich\ndabei \u2013 eher im zweiten Glied, weil inzwischen bei Berlin wohnend.\nAber doch immer wieder auch vor Ort. Auf Demos. Am Mikro. 2014 auch\ndie Konferenz \u201e20 Jahre Bahnreform \u2013 20 Jahre Stuttgart 21\u201c\nmitorganisierend.<\/p>\n\n\n\n<p>Und es ist halt eine\nSache, wenn man \u00fcber ein Sachthema \u2013 z.B. eine\nWeltwirtschaftskrise oder die globalisierten Transportorganisation \u2013\nvon au\u00dfen schreibt. Beziehungsweise wenn man eine satte Niederlage\nzu beschreiben und zu verarbeiten  hat \u2013 etwas im Fall Polen 1981ff\noder im Fall Griechenland nach dem Juli 2015. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Oder ob es eine lebendige\nBewegung vor Ort gibt, die einen mit-tr\u00e4gt. Die einen beim Schreiben\nbewegt, begeistert und befl\u00fcgelt.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Zweitens<\/strong><\/em><strong>\nist dieses Buch etwas Besonderes, weil damit viele pers\u00f6nliche\nBeziehungen und Freundschaften verbunden sind. Und viele NEUE dabei\nENSTANDEN. <\/strong>\n<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist echt eine\ngl\u00fcckliche, fast k\u00f6nnte man sagen: eine g\u00f6ttliche F\u00fcgung, dass es\nbei diesem Thema und bei diesem Buch zu so vielen inspirierenden\npers\u00f6nlichen Verbindungen kam. Da gab und gibt es Freunde aus den\nalten Zeiten meiner politischen Gruppe GIM [Gruppe Internationale\nMarxisten] bzw. VSP, dann aus der \u201ealten PDS\u201c, aus den\nNaturfreunden (wo ich j\u00fcngst, im Mai, wieder im Clara-Zetkin-Heim in\nSillenbuch referierte und an die Tradition von mehr als acht Jahren\nmonatlichen Matinees \u2013 in den Jahren 1996 bis 2004 \u2013 ankn\u00fcpfen\nkonnte). \n<\/p>\n\n\n\n<p>Hier nenne ich mal\nstellvertretend nur <em>zwei<\/em>\nNamen \u2013 Tom Adler und Werner Sauerborn \u2013 , weil es sonst zu viele\nProteste gibt wegen all derjenigen Namen, die ich vergessen h\u00e4tte. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Es kamen neue Freunde und\nFreundinnen hinzu \u2013 wie Volker L\u00f6sch, Walter Sittler, Egon\nHopfenzitz, Sabine Leidig, Sabine Schmidt. Es gab die befruchtende\nZusammenarbeit mit den Leuten, die in der Bahnexpertengruppe\n\u201eB\u00fcrgerbahn statt B\u00f6rsenbahn\u201c zusammenarbeiten (wie Eberhard\nHappe, Karl-Dieter Bodack, Heiner Monheim). Pro Bahn-Leute wie Andi\nKegrei\u00df, die Robin-Wood-Aktivistin Monika Lege, und zumindest ein\nechter Lokf\u00fchrer, Thilo B\u00f6hmer, stie\u00dfen hinzu. In diesem\nZusammenhang gab es auch eine gute Zusammenarbeit mit Freunden in der\nGDL, vor allem in der Zeit, als diese 2014\/15 mit ihren Streiks der\nRepublik zeigten, dass eine kleine, kampfstarke Gewerkschaft\nerfolgreich sein kann. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Reichlich krass und\ntypisch f\u00fcr unsere globalisierte Welt war es dann, dass ich eine\nalte Freundschaft, die mich mit Prof. Hermann Knoflacher aus Wien\nverbindet, in Peking auffrischte\u2026 Ja, wir sprachen dort im\nSeptember 2014 gemeinsam auf einer Tagung, die die\nRosa-Luxemburg-Stiftung mit organisiert hatte. Wir debattierten dort\nauch viel \u00fcber Stadtzerst\u00f6rung an den Beispielen Peking und \u2026\neben auch Stuttgart&#8230; Was dann mit dazu beitrug, dass bald darauf\nHermann Knoflacher in Stuttgart hier in diesem Saal anl\u00e4sslich der\nVerabschiedung von Gangolf Stocker als Gemeinderat die Hauptrede\nhielt \u2013 was heute wohl \u201ekeynote\u201c hei\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann gab es da nicht\nzuletzt diese ganz ausgezeichneten Kontakte und Freundschaften mit\nLeuten jenseits der Landesgrenzen \u2013 so mit den aktiven Frauen im\nVal di Susa, Italien, die gegen die Hochgeschwindigkeitsstrecke Lyon\n\u2013 Turin k\u00e4mpfen. Und mit Tiziano Cardosi in Florenz und mit\nSusanna Kuby in Venedig, die sich gegen zerst\u00f6rerische Gro\u00dfprojekte\nin ihren St\u00e4dten engagieren. Und alle diese Leute haben dann ja auch\nin Stuttgart auf Montagsdemos geredet und dazu beigetragen, dass\ndiese B\u00fcrgerbewegung hier immer mehr auch eine Einbettung in diese\ninternationalen Engagements erfuhr. Wobei es hier eine Klammer gab\nund gibt: Die vielf\u00e4ltigen, europaweiten Engagements gegen \u201eLe\ngrandi opere inutili\u201c \u2013 gegen die \u201egro\u00dfen unn\u00fctzen und\nzerst\u00f6rerischen Gro\u00dfprojekte\u201c \u2013  sind eingebunden in eine\nlockere Koordination, mit der die hier Engagierten sich vernetzt\nhaben.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Drittens <\/strong><\/em><strong>ist\ndas Buch etwas Besonderes aufgrund der Verbindung von Bewegung und\nKultur. Wie wir dies ja auch heute Abend praktizieren, mit den Intros\nvon Ekkehard R\u00f6ssle.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die deutsche Linke gilt\ntraditionell als kulturlos. Wobei das gute Gr\u00fcnde hat. Franz-Josef\nDegenhardt hat die Ursache benannt, ja besungen: \n<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<em>Wo sind unsere\nLieder, unsere alten Lieder?  [\u2026] <\/em><em>Tot\nsind uns&#8217;re Lieder,<br>uns&#8217;re alten Lieder. \/ Lehrer haben sie\nzerbissen \/ Kurzbehoste sie verklampft \/ braune Horden totgeschrien \/\nStiefel in den Dreck gestampft. <\/em>\n<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder, wenn wir in\nItalien, in Frankreich, in Spanien, in Portugal  oder in Griechenland\ngro\u00dfe antikapitalistische Bewegungen erlebten, dann spielte dort so\ngut wie immer Kultur, echte volkst\u00fcmliche Kultur, eine gro\u00dfe Rolle.\nSongs, Trommeln, Feste, Gem\u00e4lde, Wandmalerei, Rockmusik usw. Da\nsingen dann auch wir gerne mit \u2013 \u201eAvanti populi\u2026\u201c; \u201eO bella\nchiao\u201c\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>In Westdeutschland war\ndies h\u00f6chst selten. Mit Walter Mossmann gab es da eine wunderbare\nAusnahme \u2013 die nicht zuf\u00e4llig auf einer anderen echten\nB\u00fcrgerbewegung, derjenigen gegen das Atomkraftwerk in Whyl,\nbasierte. Auf den UZ-Pressefesten versuchte man auch oft \u2013 und\ngelegentlich erfolgreich \u2013 eine solche Verbindung von\nemanzipatorischem Kampf und kreativer linker Kultur herzustellen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die B\u00fcrgerbewegung gegen\nStuttgart 21 war <em>von vornherein<\/em>\nmit Kultur eng verbunden. Ja, ohne diese gar nicht vorstellbar. Es\ngab wohl keine Montagsdemo ohne einen kulturellen \u2013 meist\nmusikalischen \u2013 Beitrag. Hier entstanden wunderbare\nTrommlergruppen, die die Demos begleiteten und begleiten: Lokomotive\nStuttgart, Parkblech, Compagnia Sackbahnhof, Capella Rebella \u2026 Und\nebenso begeisternde Musikgruppen wie den Lenkungskreis Jazz, den wir\nheute auf der Montagsdemo, teilweise in Verbindung mit den\nTrommlerinnen und Trommlern, h\u00f6rten.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich  konnte ich\nin diesem Saal bei einer ganz besonderen Kulturauff\u00fchrung mit dabei\nsein und Lyrik von Brecht und Ausz\u00fcge aus dem Buch \u201eEin Zug aus\nEis und Feuer\u201c von Mano Chao, dem franz\u00f6sisch-portugiesischen\nRockmusiker zitieren. Das war damals, als Bernd K\u00f6hler und seine\nGruppe ewo2 aus Mannheim das neu und speziell f\u00fcr den Kampf gegen\nStuttgart 21 entwickelte Programm \u201eZug um Zug\u201c im April 2014 und\ndann nochmals 2015 vortrugen. Die Texte dazu wurden damals auch von\nWalter Sittler, Egon Hopfenzitz, Andreas Kleber und Christine Prayon\nmitgesprochen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Diese <em>drei\nElemente <\/em>\u2013 die zwei Jahrzehnte w\u00e4hrende\nKontinuit\u00e4t und Pr\u00e4senz in einer Bewegung, die vielen alten und\nneuen Freundschaften, die sich damit verbinden, und die Einheit des\npolitischen Engagements mit Kultur \u2013 waren es dann, die das\nurspr\u00fcngliche Projekt, das diesem Buch zugrunde lag, v\u00f6llig \u00fcber\nden Haufen warfen. Denn Ende 2016 wurde das Buch vom Verlag noch als\nein 120 Seiten-B\u00fcchlein vorgestellt. F\u00fcr  mich galt dann: \u201eHalb\nzog er ihn \/ halb sank er hin\u201c. Will sagen: Es war der Verlag\nPapyRossa und sein Chef J\u00fcrgen Harrer, die mich beknieten, so ein\ndoch etwas umfangreicheres<em> \u201eB\u00fcchle\u201c<\/em>\nzu schreiben.  Ich dachte eigentlich nur an einen neuen Sammelband.\nAn etwas f\u00fcr \u201eZwischendrin\u201c. Vielleicht ein B\u00e4ndchen mit ein\npaar aktualisierten, aufgemotzten Montags-Demo-Reden. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Es wurde dann etwas ganz\nanderes. Eine mehr oder weniger runde Sache. Wie \u201erund\u201c, das\nm\u00fcsst schon ihr, die Leserinnen und Leser, mir am Ende\nsignalisieren. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Wobei ich beim Schreiben\ndann ziemlich verdutzt feststellte, dass es zu Stuttgart 21 bislang\nkein einigerma\u00dfen rundes Buch gibt. Nur mehr oder weniger gelungene\nPublikationen, die einen <em>Zwischenstand<\/em>\nbeschreiben, so eines von Wolfgang  Schorlau und zwei, an denen ich\nma\u00dfgeblich beteiligt war. Und ein zutiefst ideologisches, und in\nweiten Bereichen verlogenes Buch, dasjenige von dem Ex-OB Wolfgang\nSchuster und Frank Brettschneider.<\/p>\n\n\n\n<p>Wobei mein Buch nicht nur\nBestandsaufnahme, nicht nur Beschreibung des Projektes als solches,\nnicht nur Kritik an S21 auf der H\u00f6he der Zeit sein soll. In dem Buch\nwird zugleich der Versuch unternommen, Stuttgart 21 als Teil der\naktuellen kapitalistischen Krise zu erkl\u00e4ren. Deutlich zu machen,\ndass in diesem irrationalen, zerst\u00f6rerischen Projekt eben auch die\nRatio und die Logik des Kapitals steckt, dass da eine f\u00fcr das\nKapital sinnvolle, weil profitable Zerst\u00f6rungskraft wirkt. Und dass\nder Kampf hier in Stuttgart sich einordnet in das, was weltweit als\n\u201eRecht auf Stadt\u201c Thema ist und was von dem Historiker und\nGeograph David Harvey \u2013 auf den ich auch erst im Rahmen meiner\nArbeit f\u00fcr dieses Buch gestossen wurde \u2013 sehr gut analysiert wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf Seite 155 im Buch habe\nich das folgende Zitat aus einem fr\u00fcheren Schorlau-Krimi eingebaut: \n<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMartin, ich bitte dich!\nWarum sollte ausgerechnet die Bahn den Stuttgarter Verkehrsknoten \u2026.\nWie sagtest du? \u201eChaotisieren?\u201c \u201eJa. Warum soll die Bahn das\nmachen? Die wollen doch wohl, dass die Z\u00fcge reibungslos laufen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sage \u2013 und Schorlau\nl\u00e4sst Dengler das sagen: <em>Nein, das wollen sie\nnicht<\/em>. Die Top-Leute der Deutschen Bahn AG\nwollen nicht prim\u00e4r \u201eZ\u00fcge reibungslos laufen\u201c lassen. Diese\nBahn ist l\u00e4ngst im Inneren und beim Top-Personal <em>durchsetzt<\/em>\nvon Figuren aus der Autoindustrie und dem Bereich Flugverkehr und\nFlugzeugbau, denen ein reibungsloser Schienenverkehr hart am Arsch\nvorbei geht. Das sind Leute, die Schienenverkehre zerst\u00f6ren und f\u00fcr\ndie  Gegenseite arbeiten. Das belege ich in dem Buch im Detail \u2013\nund nicht nur am Beispiel Stuttgart 21. Daf\u00fcr gibt es das gro\u00dfe\nnegative \u201eVorbild USA\u201c, wo seit den 1930er Jahre als Resultat\neiner Verschw\u00f6rungspraxis die \u00f6ffentlichen schienengebundenen\nVerkehrssysteme systematisch \u2013 Stadt f\u00fcr Stadt, generalstabsm\u00e4\u00dfig\ngeplant \u2013 zerst\u00f6rt wurden, und zwar konkret geplant und\ndurchgesetzt von einem konspirativ arbeitenden Kartell mit General\nMotors, Ford, Chrysler und Firestone. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Apropos Kartell. Es gibt\nja nicht nur dieses neu aufgeflogene Diesel-Kartell, das jetzt Furore\nmacht.\u2026 Es gab auch ein <em>Schienenkartell<\/em>\n\u2013 die interne Bezeichnung lautete \u201eSchienenfreunde\u201c. Dieses\nKartell war bis vor f\u00fcnf Jahren aktiv \u2013 und es wirkte ebenfalls,\nwie das Diesel-Kartell, \u00fcber Jahrzehnte hinweg im Verborgenen. In\ndiesem Schienenkartell waren alle wichtigen Stahlproduzenten Europas\nin abgrundtiefer, bodenloser Kumpanei verbunden. Diese verkauften an\nalle europ\u00e4ischen Eisenbahnen den Schienenstahl zu Preisen, die um\nmehr als 50 Prozent \u00fcber dem normalen Marktpreis lagen. Das hei\u00dft:\nDa ging es um Steuergelder, f\u00fcr die man am Ende nur rund halb so\nviel Schiene bekam, wie man h\u00e4tte bekommen m\u00fcssen. Die\nSchienenkartell-Leute trafen sich ebenfalls regelm\u00e4\u00dfig und heimlich\n\u2013 so in einem Duisburger Lokal mit Mafia-Hintergrund. Sie gaben\nsich Decknamen aus dem Sado-Maso-Bereich.<\/p>\n\n\n\n<p>Und vor allem \u2013 haltet\nEuch fest: Die Deutsche Bahn AG war in diesem Kartell mit vertreten.\nDa sa\u00dfen oft Bahnmanager mit bei den Geheimtreffen, die damit\ndar\u00fcber informiert waren, dass sie deutlich zu viel f\u00fcr\nSchienenstahl zu bezahlen hatten, dass hier viele Steuergelder f\u00fcr\nviel zu wenig Sciene ausgegeben wurden Das war damals Untreue in\nSerie, begangen gegen das eigene Unternehmen. Ich schrieb damals \u00fcber\ndiese Geschichte Artikel. Auch das \u201eHandelsblatt\u201c berichtete.\nDoch es gab leider keinen Aufschrei \u2013 und das Ganze hatte wenig\nKonsequenzen. Es soll aber ein weiteres Malillustrieren, wie zersetzt\nund im Inneren selbstzerst\u00f6rerisch diese Deutsche Bahn AG\nzusammengesetzt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sprach eingangs von\ndem Cohen-Konzert am 1. Oktober 2010 in der Stuttgarter\nSchleyer-Halle. Dieses Konzert war nicht nur kulturell wichtig und\neine Ode an die Solidarit\u00e4t und die Liebe zur Natur, zu den\nJahrhunderte alten B\u00e4umen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich finde auch den Text\nabsolut zeitgem\u00e4\u00df und spannend \u2013 f\u00fcr uns alle. Cohen macht in\ndem Text auf eine Sache aufmerksam, die wir immer wieder bei gro\u00dfen\ngesellschaftlichen K\u00e4mpfen erleben: Darauf, dass es oft einen\n\u00fcberraschenden \u201eRi\u00df\u201c in der Maschine der Zerst\u00f6rung, in den\nb\u00fcrokratisierten Apparaten, bei den repressiv-zerst\u00f6rerischen\nKr\u00e4ften gibt. Wobei dieser \u201eRi\u00df\u201c nur ein anderes Bild f\u00fcr den\nTropfen, der das Fass zum \u00dcberlaufen bringen kann, ist, wie dies\nnicht zuletzt Peter Conradi immer wieder betonte.<\/p>\n\n\n\n<p>Der kanadische Poet und\nS\u00e4nger Leonard Cohen fordert in diesem Song \u2013 und er forderte bei\nseinem Auftritt in Stuttgart am 1. Oktober 2010 \u2013 dazu auf, die\nAugen offen zu halten und Ausschau zu halten \u2013 nach diesem Riss,\ndurch den der Lichtstrahl dringt.<\/p>\n\n\n\n<p><em>So vieles auf der Welt\n\/ Ist in Finsternis geh\u00fcllt und in Chaos geworfen [\u2026]<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Mit diesen haltlosen\nLeuten \/ Will ich  mich nicht l\u00e4nger abgeben \/<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>W\u00e4hrend die M\u00f6rder\ndort oben \/ Vollmundig beten. \/<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Doch sie haben etwas\nheraufbeschworen, ja, heraufbeschworen. \/<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Heftiges Gewitterb\u00f6en.\n\/ Und sie werden von mir h\u00f6ren<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>L\u00e4utet alle Glocken,\ndie wir noch zum Klingen bringen \/<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Nehm Abstand von all\nden profanen Dingen \/<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Immer gibt es einen\nRiss \u2013 einen Spalt \u2013 im Inneren \/<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Durch ihn wird ein\nLichtstrahl dringen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Soweit Leonard Cohen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Soweit meine hoffentlich\nnicht zu ausufernden S\u00e4tze zur Buchvorstellung. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Soweit und soviel zu\nunserer gemeinsamen Sache. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die objektiven Gr\u00fcnde,\nwarum Stuttgart 21 scheitern wird, entnehmt bitte dem\n320-Seiten-B\u00fcchle. Auf dieser Grundlage der objektiven Analyse\nk\u00f6nnen wir aus guten Gr\u00fcnden als k\u00e4mpferische Subjekte nach dem\nRiss, durch den Licht einfallen wird, Ausschau halten.<\/p>\n\n\n\n<p>Zumal es ja auch so ist,\ndass Risse im S21-Gipskeuper, durch die Wasser eindringen und der\nAnhydrit quellen d\u00fcrfte, so sicher wie das Amen in der Kirche sind. \n<\/p>\n\n\n\n<p><em>Oben bleiben.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Die Rede wurde am 24. Juli 2017 in Stuttgart, Rathaus, Gro\u00dfer Saal, gehalten und sp\u00e4ter in die hier wiedergegebene schriftliche Fassung gebracht.<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote1anc\">1<\/a>\n\tLeonard Cohen, Anthem, beim Konzert in Stuttgart am 1. Oktober 2010\n\tgewidmet den B\u00e4umen im Schlossgarten; zu sehen und zu h\u00f6ren: \n\t<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=ZemZdP4HKYo\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=ZemZdP4HKYo<\/a>.\n\t\u00dcbersetzung WW.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote2anc\">2<\/a>\n\tDieses Buch \u201eDie griechische Trag\u00f6die erscheint im Herbst 2017 in\n\teiner 2., erweiterten und aktualisierten Auflage. Gleichzeitig\n\terscheint das Buch Ende 2017 in Athen in einem Verlag in\n\tgriechischer Sprache. [Erg\u00e4nzung im August 2020: Letzteres \u2013\n\tBuchver\u00f6ffentlichung in griechischer Sprache \u2013 sollte dann erst\n\tim Oktober 2020 erfolgen; W.W.]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>. Oder: die Revue verschiedener B\u00fccher von Winfried Wolf und deren Entstehungsgeschichte(n) Ende Juli 2017 stellte WW in Stuttgart und dort im Gro\u00dfen Saal des Rathauses sein neues \u2013 erneut bei PapyRossa erschienenes \u2013 Buch zu Stuttgart 21 mit dem Titel \u201eabgrundtief + bodenlos\u201c vor. 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