{"id":1113,"date":"2017-09-18T21:32:00","date_gmt":"2017-09-18T19:32:00","guid":{"rendered":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=1113"},"modified":"2020-08-26T21:34:27","modified_gmt":"2020-08-26T19:34:27","slug":"der-tod-eines-heilig-gesprochenen-scheinheiligen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=1113","title":{"rendered":"Der Tod eines heilig gesprochenen Scheinheiligen"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<h2><strong>Ein\nNachruf auf Heiner Gei\u00dfler<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">Der\nEx-CDU-Generalsekret\u00e4r Heiner Gei\u00dfler wurde in den letzten 15\nJahren seines Lebens in den Mainstream-Medien als ein aufgekl\u00e4rter,\ndemokratischer und f\u00fcr die Bed\u00fcrfnisse der Armen und Schwachen\naufgeschlossener Mensch dargestellt. Das war sp\u00e4testens so, als er\n2007 der globalisierungskritischen Bewegung Attac beitrat. WW\nzeichnet in diesem Nachruf \u2013 Gei\u00dfer starb im September 2017 \u2013\nein anderes Bild. Er sieht eine Kontinuit\u00e4t in dem Wirken dieses\nMannes \u2013 ein Engagement ausschlie\u00dflich im Interesse der\nHerrschenden, wenn auch auf eine ausgesprochen raffinierte, wenn\nnicht durchtriebene Art und Weise. <strong>Weiterlesen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>\nEgal, ob nun das Lateinische \u201eDe\nmortuis nil nisi bene [dicendum (est)]\u201c falsch als\n\u201e\u00dcber-Tote-nur-Gutes-reden\u201c oder richtig mit\n\u201e\u00dcber-Tote-fair-urteilen\u201c \u00fcbersetzt wird: \u00fcber den toten\nGei\u00dfler <em>muss<\/em>\njeder schlecht reden, der sachlich argumentiert. Gei\u00dfler war Zeit\nseines politisch aktiven Lebens \u201eGeneralsekret\u00e4r\u201c, jemand, der\nausschlie\u00dflich f\u00fcr die Interessen der f\u00fchrenden\nprokapitalistischen BRD-Partei k\u00e4mpfte, gegebenenfalls f\u00fcr die\nInteressen des ideellen Gesamtunionisten. Dies auf Biegen und\nBrechen. Mit L\u00fcge und Intrige. Mit Ironie und Demagogie. Die \u201eSPD\nist ein Verbrecher\u201c. So Gei\u00dfler zum\ninnenpolitisch-parlamentarischen Gegner Nr. 1. Er begr\u00fcndete dies\nschlitzohrig mit Bezug auf Bertolt Brechts Diktum, wonach der ein\nVerbrecher sei, der die Wahrheit wei\u00df und sie L\u00fcge nennt. \u201eDer\nPazifismus der 30er Jahre [\u2026] hat Auschwitz erst m\u00f6glich gemacht.&#8220;\nSo Gei\u00dfler in der Nachr\u00fcstungsdebatte 1983 zum\nau\u00dferparlamentarischen Gegner. Noch in seinem (posthum\nver\u00f6ffentlichten) letzten Interview (SZ vom 13.9.2017) untermauerte\nder Ewiggeneralsekret\u00e4r diese Behauptung mit der faustdicken L\u00fcge,\ndie Friedensbewegung habe \u201egegen [US-]Raketen demonstriert, die es\ndamals noch gar nicht gab.\u201c \n<\/p>\n\n\n\n<p>\nHeute kaum mehr bekannt d\u00fcrfte\nGei\u00dflers fatale Aussage sein, US-Pr\u00e4sident Ronald Reagan habe 1985\n\u201eCharakter gezeigt\u201c, als er sich weigerte, den damaligen\nSPD-Vorsitzenden Willy Brandt im Rahmen seines Deutschland-Besuchs zu\nempfangen. Er machte diese Feststellung ausgerechnet zu einem\nZeitpunkt, als Gei\u00dflers Langzeit-Chef, Helmut Kohl, in Bitburg\nReagan zum Shakehands an die Gr\u00e4ber von Waffen-SS-Schergen\ndirigierte. Willy Brandt bezeichnete ihn damals zu Recht als  \u201eseit\nGoebbels schlimmste(n) Hetzer in diesem Land.&#8220; \n<\/p>\n\n\n\n<p>In\nallen Nachrufen auf Gei\u00dfler wird positiv auf die\nStuttgart-21-Schlichtung Bezug genommen. Beispielhaft daf\u00fcr ist die\n\u00c4u\u00dferung des Gr\u00fcnen-Spitzen-Duetts Katrin G\u00f6ring-Eckard und Cem\n\u00d6zdemir: \u201eSein Engagement\nals Schlichter&nbsp;\u2013 etwa beim Konflikt um Stuttgart 21 \u2013 war\nein Geschenk f\u00fcr unsere Demokratie.\u201c Richtig\nist: Das war sein Meisterst\u00fcck \u2013 jedoch ein Meisterst\u00fcck in\njesuitischer Dialektik und teuflischer Demagogie. Ein Geschenk an die\nGr\u00fcnen, um diesen erstmals den Weg zu \u00f6ffnen, als f\u00fchrende Partei\neiner Landesregierung an die Fleischtr\u00f6ge zu gelangen. Gei\u00dfler\nwar es gelungen, buchst\u00e4blich alle Parteien f\u00fcr seine Intervention\nin den Konflikt, der kurz zuvor, am \u201eSchwarzen Donnerstag\u201c, dem\n30. September 2010, in eine blutige Polizeiaggression gem\u00fcndet war, \nzu gewinnen. In seiner Rede\nzum Abschluss der Schlichtung hob er hervor, dass er von einem\n<em>Allparteienb\u00fcndnis<\/em>\ngetragen sei: \u201eAm Mittwoch, dem 6. Oktober 2010, wurde ich im\nLandtag von Ministerpr\u00e4sident Mappus als Schlichter (\u2026]\nvorgeschlagen [\u2026], vom Fraktionsvorsitzenden Kretschmann in\nderselben Sitzung best\u00e4tigt. [\u2026] Dem schlossen sich alle\nLandtagsfraktionen an.\u201c Und obgleich es bei der Veranstaltung nach\nklarer Verabredung gar keinen abschlie\u00dfenden Schlichter-Spruch am\nEnde geben sollte, gelang Gei\u00dfler am letzten Tag des \u201eFaktenchecks\u201c,\nam 30. November 2010, der Giga-Clou. Um 12.06 Uhr verk\u00fcndete Heiner\nGei\u00dfler seinen schlichten Spruch: \u201eIch m\u00f6chte Ihnen jetzt <em>mein\nVotum, das Ergebnis der Schlichtung<\/em>,\nbekannt geben [\u2026] (Ich) halte ich die Entscheidung, Stuttgart 21\nfortzuf\u00fchren, f\u00fcr richtig.\u201c Gei\u00dfler schloss scheinbar\nmesserscharf: \u201eF\u00fcr Stuttgart 21 [\u2026] gibt es eine Baugenehmigung.\n[\u2026] Die rechtliche Situation erscheint mir eindeutig. Der Bau von\nStuttgart 21 k\u00e4me nur dann nicht, wenn die Deutsche Bahn AG\nfreiwillig darauf verzichten w\u00fcrde.\u201c Das war nat\u00fcrlich alles auch\nam Beginn der \u201eSchlichtung\u201c bekannt. Und der Faktencheck hatte\neigentlich ergeben, dass so gut wie alle harten Fakten \u2013 Geld,\nGeologie, Kapazit\u00e4t \u2013  gegen den S21-Weiterbau sprachen. Doch die\nInszenierung der Schlichtung, die Autorit\u00e4t, die Gei\u00dfler als\nangeblich \u00dcberparteilicher zugeschrieben erhielt und die mediale\nVermarktung der Veranstaltung vor einem Millionen-TV-Publikum hatten\ndie Situation gewendet: Aus einer Zweidrittelmehrheit gegen S21 wurde\nein Patt, das dann ein Jahr sp\u00e4ter in der Volksabstimmung nochmals\nzuungunsten der S21-Gegner gedreht werden konnte.   \n<\/p>\n\n\n\n<p>Ja,\nder Gei\u00dfler Einsatz bei S21 \u2013 und seine Eins\u00e4tze bei vielen\nanderen Themen \u2013 waren \u201eein Geschenk\u201c. Aber kein solches an die\nDemokratie. Es war vor allem ein Geschenk\nzur Aufrechterhaltung der freiheitlich demokratischen Grund-, Boden-\nund Spekulationsordnung.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Ver\u00f6ffentlichungsort\nunbekannt; September 2017<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Nachruf auf Heiner Gei\u00dfler Der Ex-CDU-Generalsekret\u00e4r Heiner Gei\u00dfler wurde in den letzten 15 Jahren seines Lebens in den Mainstream-Medien als ein aufgekl\u00e4rter, demokratischer und f\u00fcr die Bed\u00fcrfnisse der Armen und Schwachen aufgeschlossener Mensch dargestellt. Das war sp\u00e4testens so, als er 2007 der globalisierungskritischen Bewegung Attac beitrat. 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