{"id":116,"date":"2019-09-22T09:54:00","date_gmt":"2019-09-22T07:54:00","guid":{"rendered":"http:\/\/winfriedwolf.de\/wordpress\/?p=116"},"modified":"2020-01-25T08:54:24","modified_gmt":"2020-01-25T07:54:24","slug":"zum-tod-von-prof-dr-juergen-rochlitz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=116","title":{"rendered":"Zum Tod von Prof. Dr. J\u00fcrgen Rochlitz"},"content":{"rendered":"\n<h2><em><strong>Nachruf der Bahnexpertengruppe B\u00fcrgerbahn statt B\u00f6rsenbahn <\/strong><\/em><em><strong>und des B\u00fcndnisses Bahn f\u00fcr Alle auf einen Freund und K\u00e4mpfer<\/strong><\/em> <\/h2>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Mit J\u00fcrgen Rochlitz \u2013 gestorben am 19. September im Alter von 82 Jahren \u2013 verlieren wir einen guten Freund und leidenschaftlichen Mitstreiter. Wir haben mit ihm rund zwei Jahrzehnte lang als Gruppe \u2013 einige von uns noch l\u00e4nger \u2013 zusammengearbeitet. Wir waren mit ihm freundschaftlich verbunden \u2013 durch unser Engagement, aber vielfach auch durch pers\u00f6nliche Freundschaften und gemeinsame Reisen. Ihn zeichnete ein derart breites Band von Engagements aus, wie es heute selten anzutreffen und zugleich vorbildlich ist.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>J\u00fcrgen k\u00e4mpfte seit vielen\nJahrzehnten <em>gegen Atomkraftwerke, gegen zerst\u00f6rerische\nGro\u00dfprojekte und f\u00fcr eine dezentrale alternative Energieerzeugung\nbzw. f\u00fcr Energieeinsparung<\/em>. Seine Ausbildung (als promovierter\nChemiker) und seine Profession (u.a. als Professor f\u00fcr Organische\nChemie, sp\u00e4ter auch als Sachverst\u00e4ndiger in Kommissionen des\nBundes) bildeten bei diesen Engagements eine wesentliche Grundlage.\nIm Sommer 2007, als die Atomlobby gerade einmal wieder Oberwasser\nhatte, sagte J\u00fcrgen in einem Interview mit der Tageszeitung \u201ejunge\nwelt\u201c: \u201eWer weiter auf die Dinosauriertechnologie Atomkraft\nsetzt, verhindert damit die Weiterentwicklung von Alternativen der\nEnergiegewinnung. [\u2026] Der umweltfreundlichste Reaktor wird in\nsicherer Entfernung betrieben \u2013 auf der Sonne. Ihn in vollstem\nUmfang \u2013 als eingestrahlte Energie selbst, als umgewandelte Energie\nin Form von Wind und Biogas \u2013 zu nutzen, ist weltweit das Gebot der\nStunde.\u201c \n<\/p>\n\n\n\n<p>An diese Position schloss sich logisch\ndas <em>Engagement gegen Stuttgart 21<\/em> an. J\u00fcrgen geh\u00f6rte \u2013 wie\nalle Mitglieder der Gruppe <em>B\u00fcrgerbahn statt B\u00f6rsenbahn (BsB)<\/em>,\nzu den ganz fr\u00fchen K\u00e4mpfern gegen das zerst\u00f6rerische Projekt eines\nTiefbahnhofs in Stuttgart. Die \u201eSchlichtung\u201c zu S21 kommentierte\ner 2011 wie folgt: \u201eHeiner Gei\u00dfler, das Trojanische Pferd von\nMappus und Merkel , au\u00dfen humorvoll, zuvorkommend, ganz Attacci,\ninnen der alte Generalsekret\u00e4r, der gegen GR\u00dcNE und\nFriedensbewegung hetzte, zelebrierte ein zwar faires Verfahren. [\u2026]\nDoch letztlich fiel seine Entscheidung f\u00fcr S21. Damit wurde der\nB\u00fcrgerwillen missachtet.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>J\u00fcrgen war \u00fcberzeugter <em>Pazifist<\/em>.\nDie Konsequenz, mit der er die Friedensposition vertrat, f\u00fchrte zu\neiner grundlegenden politischen Neuorientierung. Obgleich J\u00fcrgen\nMitbegr\u00fcnder der Gr\u00fcnen war, obgleich er Ortsverb\u00e4nde der Gr\u00fcnen,\nso den in Neustadt an der Weinstra\u00dfe, mit begr\u00fcndet hatte, obgleich\ner zun\u00e4chst Landtagsabgeordneter und dann \u2013 1994 bis 1998 \u2013\nBundestagsabgeordneter der Gr\u00fcnen war, trat er 1999 aus der Partei\nDIE GR\u00dcNEN aus. Der Grund: Die Gr\u00fcnen hatten als Regierungspartei\nin der ersten rot-gr\u00fcnen Koalition dem Krieg gegen die\nBundesrepublik Jugoslawien und  einem Einsatz der Bundeswehr in\ndiesem Krieg zugestimmt. In einer Debatte, die dazu im Jahr 2002 in\nder \u201eFrankfurter Rundschau\u201c wiedergegeben wurde, schrieb er: \u201eZum\nGl\u00fcck wird der Pazifismus, der mit den Namen Bertha von Suttner,\nRosa Luxemburg, Carl von Ossietzky, Kurt Tucholsky, Mahatma Gandhi,\nMartin Luther King und Nelson Mandela verbunden ist, sowohl den\n[Gr\u00fcnen-] Staatsminister Ludger Volmer als auch den von ihm\nerfundenen \u00b4politischen Pazifismus\u00b4 \u00fcberleben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Das <em>direkte demokratische Engagement\nv<\/em>or Ort und damit die gelebte Demokratie \u2013 das war f\u00fcr J\u00fcrgen\neine Herzensangelegenheit. Sei es in vielf\u00e4ltigen lokalen\nEngagements dort, wo er jeweils wohnhaft war \u2013 in Mannheim in\nBaden-W\u00fcrttemberg, im hessischen Burgwald-Ernsthausen oder im\nbrandenburgischen  Strodehne. Sei es auf Bundesebene im Vorstand des\nBundesverbandes B\u00fcrgerinitiativen Umweltschutz (BBU) und als\nMitglied im Beirat der Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG). In\neinem Vortrag, gehalten am 5. Oktober 2011 auf einem Seminar des\nBeamtenbundes (dbb), f\u00fchrte er aus: \u201eWas l\u00e4uft in Sachen\nDemokratie in den Industriestaaten falsch? Gerade in letzter Zeit hat\nsich in Deutschland auf vielen Sektoren gezeigt, dass B\u00fcrgerwille\nund Aktivit\u00e4ten von Gesetzgebungsk\u00f6rperschaften nicht kongruent\nsind. Vom \u00b4Wutb\u00fcrger\u00b4 war da die Rede. Dabei handelt es sich\nhaupts\u00e4chlich um MUTb\u00fcrger, [\u2026] also um B\u00fcrger, die den Mut\naufbringen, zu protestieren gegen Projekte, die ihre elementaren\nRechte und Interessen ber\u00fchren. Es ist schon eigent\u00fcmlich, dass der\nWiderstand solcher Mutb\u00fcrger in der DDR des Jahres 1989 auch heute\nnoch mit gro\u00dfem Respekt und vollem Recht gerade jetzt wieder\ngefeiert wird. Dass aber \u00e4hnliche Widerstandsaktionen [\u2026] gegen\ndie Atompolitik, gegen Stuttgart 21, gegen eine CO-2-Pipleline der\nFa. BAYER bei D\u00fcsseldorf in den Medien missachtet und verh\u00f6hnt\nwerden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>J\u00fcrgen Rochlitz war engagierter <em>Freund\nder Schiene<\/em> und Bef\u00f6rderer einer umweltfreundlichen Bahn. Er war\n2001 Gr\u00fcndungsmitglied unserer Bahnfachleute-Gruppe <em>B\u00fcrgerbahn\nstatt B\u00f6rsenbahn<\/em>. Er nahm an vielen Dutzend Aktivit\u00e4ten unserer\nGruppe teil. Er war vielfach in Stuttgart vor Ort; unter anderem als\nRedner auf Montagsdemonstrationen. Er betonte die Notwendigkeit, vor\nallem den G\u00fcterverkehr auf Schienen zu f\u00f6rdern, und war Gr\u00fcnder\ndes Vereins \u201eG\u00fcterz\u00fcge statt Laster\u201c. 1999 schrieb er in einem\nGrundlagentext \u201eG\u00fcterverkehr auf der Schiene \u2013 Chance statt\nRisiko f\u00fcr die Deutsche Bahn AG\u201c: \u201eDie Transportleistung von 318\nMilliarden Tonnenkilometern im Jahr 1998 (Bahn: 75,5 Mrd. tkm) auf\nden Stra\u00dfen wird erkauft mit zahllosen Staus auf den Autobahnen, mit\neiner Zerst\u00f6rung von Stra\u00dfen ohnegleichen, mit beinahe achtmal\nh\u00f6heren Schadstoffemissionen im Vergleich mit der Bahn [\u2026] Doch\nsp\u00e4testens mit der Privatisierung der Bahn ist deren Interesse an\neiner Bedienung der Fl\u00e4che gesunken: Infrastrukturen wie\nG\u00fctergleise, kleinere und mittlere G\u00fcterbahnh\u00f6fe und Lagerhallen\nwerden entfernt, stillgelegt und verkauft. [\u2026] Ja schlimmer: Die\nTochter DB Cargo ist nur noch interessiert an den gro\u00dfen Linien mit\nGanzz\u00fcgen [\u2026] Die Fehlentwicklung des G\u00fcterverkehrs muss gestoppt\nwerden \u2013 auch dies w\u00e4re die Aufgabe einer B\u00fcrgerbahn.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>All das, wof\u00fcr sich J\u00fcrgen\nengagierte, ist auch heute ein derart leidenschaftliches Engagement\nwert, wie es J\u00fcrgen Rochlitz aufbrachte. Ja, ein solches Engagement\ngegen Atomkraft (schon fordert der VW-Boss Herbert Diess den\nWeiterbetrieb der AKW, um \u201eElektromobilit\u00e4t zu erm\u00f6glichen\u201c),\ngegen Stuttgart 21 (das Projekt blockiert inzwischen den\n\u201eDeutschlandtakt\u201c im S\u00fcdwesten), gegen Krieg (ein solcher droht\naktuell am Persischen Golf), f\u00fcr direkte Demokratie (welche die\nFridays for Future so begeisternd fordern und die sie am weltweiten\nKlimastreiktag, dem 20. September, mit in Deutschland mehr als einer\nMillion Beteiligter auf den Stra\u00dfen einklagten)  und nicht zuletzt\nf\u00fcr eine B\u00fcrgerbahn anstelle einer B\u00f6rsenbahn (was mit der akuten\nKrise der Bahn immer wichtiger wird) \u2013 all diese Engagements sind\nnotwendiger denn je.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir werden das Engagement und die\nArbeit von J\u00fcrgen fortsetzen. Das sind wir ihm schuldig.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Bahnexpertengruppe B\u00fcrgerbahn statt\nB\u00f6rsenbahn (BsB): Prof. Dr. Karl-Dieter Bodack (Gr\u00f6benzell),\nMichael Bienick (L\u00fcbeck), Thilo B\u00f6hmer (Rodgau), Dr. Christoph\nEngelhardt (Garching), Klaus Gietinger (Saarbr\u00fccken), Dipl. Ing.\nEberhard Happe (Celle), Johannes Hauber (Mannheim), Prof. Dr.\nWolfgang Hesse (M\u00fcnchen), Joachim Holstein (Hamburg), Andreas\nKegrei\u00df (Herrenberg), Andreas Kleber (Schorndorf), Dr. Bernhard\nKnierim (Werder), Karl-Heinz Ludewig (Berlin), Thomas Kraft (Lahnau),\nProf. Dr.  Heiner Monheim (Malente), Gangolf Stocker (Stuttgart), Dr.\nWinfried Wolf (Wilhelmshorst).<\/em> \n<\/p>\n\n\n\n<p><em>Dieser Nachruf von WW auf den Freund J.R. \u2013 verfasst f\u00fcr die Bahnexpertengruppe BsB \u2013 erschien exklusiv auf dieser Website.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachruf der Bahnexpertengruppe B\u00fcrgerbahn statt B\u00f6rsenbahn und des B\u00fcndnisses Bahn f\u00fcr Alle auf einen Freund und K\u00e4mpfer Mit J\u00fcrgen Rochlitz \u2013 gestorben am 19. September im Alter von 82 Jahren \u2013 verlieren wir einen guten Freund und leidenschaftlichen Mitstreiter. 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