{"id":1216,"date":"2020-09-20T21:16:41","date_gmt":"2020-09-20T19:16:41","guid":{"rendered":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=1216"},"modified":"2023-04-08T01:09:12","modified_gmt":"2023-04-07T23:09:12","slug":"die-sklavenwirtschaft-der-rassismus-die-usa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=1216","title":{"rendered":"Die Sklavenwirtschaft. Der Rassismus. Die USA."},"content":{"rendered":"\n<h2>\u201e<strong>Black Lives Matter \u2013 Das Leben von Schwarzen z\u00e4hlt\u201c: <\/strong> <strong>Diese Forderung wird in Amerika seit 500 Jahren vorgetragen<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Am 11. Juni 2020 gab US-Pr\u00e4sident\nDonald Trump dem Sender Fox News ein bemerkenswertes Interview. Trump\nargumentierte, er habe mehr f\u00fcr die Schwarzen in den USA geleistet\n\u201eals jeder andere Pr\u00e4sident vor mir\u201c. Ausdr\u00fccklich verwies er\ndann auf Abraham Lincoln, von dem es hei\u00dft, er habe die Sklaverei in\nden USA abgeschafft. Trump sagte: \u201eLincoln did good for the black\ncommunity but the end is questionable\u201c. Abraham Lincoln, 1861 als\n16. Pr\u00e4sident der USA gew\u00e4hlt und 1865 noch w\u00e4hrend seiner\nAmtszeit ermordet, habe Gutes f\u00fcr die Schwarzen getan, doch das Ende\nsei fragw\u00fcrdig. Die Interviewerin, Harris Faulkner, selbst Schwarze,\nunterbrach den wei\u00dfen Herrenmenschen mit den Worten: \u201eWell, we are\nfree, Mr. President, so I think he did pretty well \u2013 Nun, wir sind\nfrei, Mr. President. Daher glaube ich schon, dass er das ganz gut\ngemacht hat.\u201c Trump blieb stur und \u00e4u\u00dferte: \u201eYes, <em>we<\/em> are\nfree.\u201c F\u00fcr ihn ging es um die <em>Freiheit der USA<\/em>. Um die\nFreiheit von Seinesgleichen. Um Kapitalfreiheit. Um die Freiheit,\nmaximale Gewinne zu machen. Die Interviewerin vertrat die Auffassung,\nes sei um die Freiheit der Schwarzen gegangen.[1] \n<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich sagte Lincoln 1862: \u201eWas\nich bez\u00fcglich der Sklaverei und der farbigen Rasse unternehme, tue\nich, weil es hilft, die Union zu retten; und was ich unterlasse,\nunterlasse ich, weil ich nicht glaube, dass es helfen w\u00fcrde, die\nUnion zu retten.\u201c[2] Entsprechend sah das Ergebnis des B\u00fcrgerkriegs\naus, in dem es dem Norden angeblich um eine Aufhebung der Sklaverei,\nin Wirklichkeit aber um Expansion des produktiven Kapitals im Norden\nauch verst\u00e4rkt nach S\u00fcden und nach au\u00dfen und vor allem um die\nVerteidigung des riesigen Marktes und der gewaltigen Rohstoffe auf\ndem Gebiet der Vereinigten Staaten ging. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Sieg der Bundestruppen des\nNorden \u00fcber die Konf\u00f6derierten der S\u00fcdstaaten verweigerten 19 der\n24 Nordstaaten den Schwarzen weiterhin das Wahlrecht. Und <em>alle<\/em>\nS\u00fcdstaaten legten in ihren neuen Verfassungen den Entzug des\nWahlrechts f\u00fcr Schwarze fest. Dies hatte G\u00fcltigkeit bis 1900. Hinzu\nkamen die \u201eblack codes\u201c, Gesetze, die eine Trennung von Wei\u00dfen\nund Schwarzen im gesamten \u00f6ffentlichen und in gro\u00dfen Teilen des\nArbeitslebens etablierten \u2013 und die dann in wichtigen Bestandteilen\nein Jahrhundert lang, bis in die 1960er Jahre hinein, G\u00fcltigkeit\nhatten. \n<\/p>\n\n\n\n<p>In der Gesamtbilanz liegt der aktuellen\nPr\u00e4sident der USA mit seiner Einsch\u00e4tzung der Politik Lincolns so\nfalsch nicht. Das Ergebnis der Lincoln\u00b4schen Politik, dann vor allem\numgesetzt unter seinen Nachfolgern im Amt Andrew Johnson (1865-1969)\nund Ulysses S. Grant (1869-1877), muss man tats\u00e4chlich als \n\u201efragw\u00fcrdig\u201c bezeichnen. Der Milliard\u00e4r und\nImmobilien-Spekulant Donald Trump bringt mit seiner Interpretation\ndes US-amerikanischen B\u00fcrgerkriegs einen Klasseninstinkt zum\nAusdruck, der sich mit demjenigen Abraham Lincolns deckt. Beider\nPr\u00e4sidenten Position k\u00f6nnte auf die Formel gebracht werden: \u201eMake\nAmerica great\u201c. Darauf wird zur\u00fcckzukommen sein.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>500 Jahre Weltmarkt<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie Entdeckung der Gold- und\nSilberl\u00e4nder in Amerika, die Ausrottung, Versklavung und Vergrabung\nder einheimischen Bev\u00f6lkerung in die Bergwerke, die beginnende\nEroberung und Auspl\u00fcnderung von Ostindien, die Verwandlung von\nAfrika in ein Geheg zur Handelsjagd auf Schwarzh\u00e4ute bezeichnen die\nMorgenr\u00f6te der kapitalistischen Produktion. Diese idyllischen\nProzesse sind Hauptmomente der urspr\u00fcnglichen Akkumulation.\u201c Mit\ndiesem Satz beschrieb Karl Marx die Grundlagen der industriellen\nRevolution in Europa; er spannte dabei einen Bogen von der Zeit Ende\ndes 15. Jahrhunderts bis weit ins 18. Jahrhundert.[3] Unter der\nurspr\u00fcnglichen Akkumulation verstand Marx eine erste Anh\u00e4ufung von\nKapital in Form infrastruktureller Einrichtungen, Verkehrswegen,\nKan\u00e4len, Eisenbahnen, Geb\u00e4uden und Maschinerie, die die Grundlage\nf\u00fcr eine Industrialisierung schufen. Diese Basis wurde zu einem Teil\ndurch innere Prozesse in Europa geschaffen (Modernisierung der\nLandwirtschaft, Agrarimporte, Verdr\u00e4ngung der Bauern vom Land und\nSchaffung eines Proletariats, extreme Ausbeutung desselben\neinschlie\u00dflich durch Frauen- und Kinderarbeit). Der entscheidende\nTeil dieses ersten Kapitalstocks wurde jedoch <em>von au\u00dfen<\/em>\ngeleistet: in Form kolonialer Beute vor allem von Edelmetallen und\ndurch gewaltige Gewinne aus dem Sklavenhandel. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Im Grunde ging es um die <em>erste\nkapitalistische Globalisierung<\/em>. Diese war eher intensiver als die\nGlobalisierung, die wir in den letzten Dekaden erleben. Der Anteil\ndes Au\u00dfenhandels an der Gesamtwirtschaft \u2013 heute als\nBruttoinlandsprodukt bezeichnet \u2013 der Sklavenhandels- und\nKoloniall\u00e4nder Spanien, Portugal, Niederlande, Gro\u00dfbritannien und\nFrankreich d\u00fcrfte erheblich gr\u00f6\u00dfer gewesen sein als im Fall des\nAnteils der Exporte und Importe an den Bruttoinlandsprodukten der\nheutigen Weltmarktf\u00fchrer USA, China, Japan und Deutschland.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ging um eine erste weltumspannende\nExpansion des Kapitals. Diese war von vornherein mit Vertreibung und\nRassismus und Antisemitismus verbunden. 1492 war nicht nur das Jahr\nder Entdeckung Amerikas. Es war auch das Jahr der Reconquista; in\ndiesem Jahr fiel mit Granada das letzte Bollwerk der Araber in\nSpanien. Gleichzeitig wurden 150.000 sich als solche bekennende\nJ\u00fcdinnen und Juden des Landes vertrieben. Bereits drei Jahre sp\u00e4ter\nstand Christoph Kolumbus an der Spitze eines Feldzugs gegen die\nEingeborenen von Santo Domingo. Er kehrte mit reicher Beute \u2013\ndarunter mehr als 500 gefangene Indianer \u2013 zur\u00fcck, die in Sevilla\nals Sklaven verkauft wurden. Die Feldz\u00fcge waren von Anfang an vor\nallem Business; sie wurden meist von Privatleuten finanziert. Die\nGewinnmargen lagen deutlich im zweistelligen Bereich. W\u00e4hrend bei\nder aktuellen Form der Globalisierung die damit verbundene Brutalit\u00e4t\n\u2013 Kinderarbeit im Kobaltabbau im Kongo,  Billigstarbeit von Frauen\nin Bangladeschs Textilschuppen oder Recycling von hochgiftigem M\u00fcll\naus Europa in Form von Familienarbeit auf den M\u00fcllkippen der\nElfenbeink\u00fcste \u2013 oft verdeckt stattfindet, wurde sie damals meist\noffen zur Schau gestellt. In seinem Buch \u201eAfrika. Geschichte einer\nUnterentwicklung\u201c schreibt Walter Rodney: \u201eJohn Hawkins unternahm\num 1560 drei Reisen nach Westafrika und verschleppte Afrikaner nach\nAmerika, wo er sie verkaufte. Bei seiner R\u00fcckkehr nach der ersten\nReise war sein Gewinn so  ansehnlich, dass K\u00f6nigin Elizabeth I. sich\nf\u00fcr eine Beteiligung [\u2026] interessierte. Zu diesem Zweck stellte\nsie ein Schiff namens \u00b4Jesus\u00b4 zur Verf\u00fcgung. Hawkings machte sich\nmit \u00b4Jesus\u00b4 auf den Weg, um noch mehr Afrikaner zu entf\u00fchren und\nkehrte mit so hohem Gewinn nach England zur\u00fcck, dass K\u00f6nigin\nElizabeth ihn zum Ritter schlug. Als Wappen w\u00e4hlte Hawkins die\nDarstellung eines Afrikaners in Ketten.\u201c[4]<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Entwickelter Sklavenhandel<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der Sklavenhandel war von Anbeginn ein\nanerkannter Gesch\u00e4ftszweig. Es war die Reaktion auf die Expansion\ndes Kapitals, die mit der Entdeckung \u2013 und der durch Zwang\nerfolgten Entv\u00f6lkerung \u2013 vor allem der Gebiete in S\u00fcd- und\nNordamerika verbunden war. Dass es die Afrikaner traf, war nicht von\nvornherein ausgemacht. Als die Siedler in den Amerikas Bedarf an\nArbeitskr\u00e4ften anmeldeten, testeten sie zun\u00e4chst die Versklavung\nder einheimischen Bev\u00f6lkerung. Diese erwies sich in nur sehr\nbeschr\u00e4nktem Umfang als einsatzf\u00e4hig; vor allem wurden diese\nMenschen schnell durch Krankheiten hinweggerafft. Als die Siedler nun\nvon ihren Heimatl\u00e4ndern Nachschub von Billigarbeitskr\u00e4ften\nanforderten, wurde man dort auf spezifische Weise t\u00e4tig: Nunmehr\nwurden wei\u00dfe \u201eDienstverpflichtete\u201c angeheuert und vor allem\ndurch die Klassenjustiz geschaffen. Gustavus Myers beschreibt dies in\nseinem ern\u00fcchternden Standardwerk \u00fcber den US-Geldadel wie folgt:\n\u201eArme Teufel ohne Heller und Pfennig, die man wegen irgendeines der\nzahlreichen Vergehens, die damals schwer bestraft wurden, verhaftet\nund verurteilt hatte, wurden als Verbrecher in die Kolonien\ntransportiert und als Sklaven f\u00fcr einen Zeitraum von Jahren\nverkauft. Die englischen Gerichtsh\u00f6fe waren eifrig dabei,\nMenschenmaterial f\u00fcr die Pflanzungen in Virginia zu mahlen.\u201c[5] \n<\/p>\n\n\n\n<p>Das Ergebnis dieser\nArbeitsbeschaffungsma\u00dfnahmen war jedoch unbefriedigend. Es kam zu\njuristischen Auseinandersetzungen wegen \u201eillegaler\nFreiheitsberaubung\u201c, zu Aufs\u00e4ssigkeit \u2013 und vor allem dazu, \ndass viele der Angeheuerten sich in Amerika nach kurzer Zeit auf und\ndavon machten, um sich, ein paar hundert Meilen weiter westw\u00e4rts,\nselbst als Siedler zu bet\u00e4tigen. Die Unterscheidung, welcher Wei\u00dfe\nein Herr und welcher Wei\u00dfe ein Knecht oder Sklave sei, war nicht\nimmer einfach zu treffen. Anders im Fall der Sklavenimporte aus\nAfrika. Aufgrund ihrer Hauptfarbe konnten entlaufene afrikanische\nSklaven leicht eingefangen werden. Gleichzeitig stellte sich heraus,\ndass diese auch wesentlich leistungsf\u00e4higer waren als indianische\noder wei\u00dfe Sklaven. Wobei das Mittel des Zwangs, vor allem\nAuspeitschungen, gegen\u00fcber Afrikanern besonders oft und mit gro\u00dfer\nBrutalit\u00e4t eingesetzt wurde, was eindeutig rassistisch motiviert\nwar.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier ist interessant, wie konkret\nausgepr\u00e4gt der Sklavenhandel als globalisierte kapitalistische\nBranche organisiert war. Es gab Konzessionen, Monopole und Oligopole;\nes gab gro\u00dfe Gesellschaften, die sich auf den Einkauf von Afrikanern\n\u2013 also auf Menschenjagd \u2013 und deren Verschiffung spezialisiert\nhatten (z.B. die niederl\u00e4ndische Westindische Kompanie oder die\nbritische Royal African Company). Es gab Fachpersonal \u2013 \u00c4rzte, die\ndie potentiellen Sklaven (die bei der  Begutachtung oft in Palm\u00f6l\ngetr\u00e4nkt vorgef\u00fchrt wurde, um die Feststellung von Alter und\nk\u00f6rperlicher Verfassung zu erschweren) zu taxieren hatten. In Frage\nkamen nur junge, kr\u00e4ftige Menschen; meist zu zwei Dritteln M\u00e4nner\nund zu einem Drittel Frauen. Die Verlustrate auf der Seereise durch\nKrankheit und durch \u2013 sehr viele! \u2013 Selbstmorde, wurde mit 15 bis\n25 Prozent fest einkalkuliert. F\u00fchrend in Sklavenhandel-Branche war\n\u2013 \u00fcber den gesamten Zeitraum hinweg betrachtet \u2013 Gro\u00dfbritannien,\ngefolgt von den Niederlanden, Spanien, Portugal, Frankreich und\nKurbrandenburg. Gro\u00dfe Firmen mit stolzen Namen sind auf den\nSklavenhandel zur\u00fcckzuf\u00fchren \u2013 so die Barclay Bank oder der\nVersicherer Lloyds. Rodney argumentiert, dass es Ver\u00e4stelungen bis\nin Details der modernen Industrie gibt und schreibt \u00fcber ein fr\u00fches\nGaragen-Start-up: \u201eAuch James Watt blieb den westindischen\nSklavenhaltern zeitlebens verbunden, weil sie seine ber\u00fchmte\nDampfmaschine finanziert und vom Zeichentisch in die Fabrik gebracht\nhatten.\u201c[6] Bl\u00fchende Hafenst\u00e4dte und Handelszentren wie\nLiverpool, Genua, Nantes, Lissabon, Sevilla, Amsterdam \u2013 und in den\nUSA New York, Boston  und Portland \u2013 verdanken ihre Existenz eben\ndieser bl\u00fchenden, globalisierten Branche.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zahl derjenigen die in dreieinhalb\nJahrhunderten, im Zeitraum 1520 bis 1867, lebend, als einsatzf\u00e4hige\nSklavinnen und Sklaven in Nord- und S\u00fcdamerika und der Karibik\nankamen, wird auf mindestens elf Millionen gesch\u00e4tzt. Robert Ren\u00e9\nKuczynski wollte es besonders genau wissen und kam auf 14.650.000.\nUnd es gibt auch wesentlich h\u00f6here Sch\u00e4tzungen.[7] \n<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Dramatische R\u00fcckwirkungen auf\nAfrika<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die afrikanischen Sklaven kamen aus\nunterschiedlichen Regionen; aus naheliegenden Gr\u00fcnden oft aus den\nK\u00fcstengebieten bzw. aus einem rund 200 Meilen breiten\nK\u00fcstenstreifen. Den gr\u00f6\u00dften Aderlass zu beklagen hatten\nWestzentralafrika, Benin, Biafra und die Goldk\u00fcste.[8] Bereits rein\nquantitativ war der Verlust an Menschen f\u00fcr den afrikanischen\nKontinent nat\u00fcrlich enorm. Einige spezifische Faktoren sind zu\nbedenken, die das Drama erg\u00e4nzen: Die genannten Zahlen bezogen sich\nauf diejenigen, die in Amerika <em>lebend<\/em> ankamen. Es gab nicht\nnur die angef\u00fchrten hohen Verluste beim Transport, wo diese Opfer\nauf engstem Raum, aneinander gekettet, zusammengepfercht wurden. Es\ngab bereits viele Tote bei der eigentlichen Menschenjagd in Afrika.\nDabei bedienten sich die Sklavenh\u00e4ndler in der Regel afrikanischer,\nlokaler Vermittler, die wiederum in organisierten Feldz\u00fcgen auf\nMenschenjagd gingen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Es gelangten, wie erw\u00e4hnt, immer nur\ndie kr\u00e4ftigsten, jungen Menschen \u2013 m\u00f6glichst k\u00f6rperlich gro\u00df\nGewachsene \u2013 in die Maschinerie des Sklavenhandels. Im Unterschied\nzu vielen rassistischen Vorurteilen achteten die Eink\u00e4ufer auch\ndarauf, dass sie Menschen mit hoher Kultur in den Handel bringen\nkonnten. Damit wurden h\u00f6here Marktpreise erzielt. Auch wurde Wert\ndarauf gelegt, m\u00f6glichst Menschen einzufangen, die bereits die\nPocken  gehabt hatten und daher immun gegen diese Krankheit, die\ndamals zahlreiche Todesopfer forderte, waren. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses System wiederum hatte eine\nzersetzende Wirkung auf die gesellschaftlichen Strukturen in Afrika\nselbst. Die \u00d6konomie des gesamten Kontinents war zunehmend und mehr\nals drei Jahrhunderte lang von der Jagd auf Sklaven und vom\nSklavenhandel bestimmt. Der Verlust von Millionen Menschen, vor allem\nder j\u00fcngeren Generation, f\u00fchrte dazu, dass Afrika als einzige\nWeltregion im Zeitraum 1650 bis 1900 nur ein Bev\u00f6lkerungswachstum\nvon rund 20 Prozent erlebte. Im gleichen Zeitraum verdreifachte sich\ndie Bev\u00f6lkerung Asiens; die Einwohnerzahl Europas vervierfachte\nsich.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz offensichtlich pr\u00e4gte die\nSklavenwirtschaft, die die Europ\u00e4er dem afrikanischen Kontinent\naufgezwungen hatten, Afrika massiv und dies ausschlie\u00dflich negativ.\nDas Kolonialsystem, das sich im Schlepptau des Sklavenhandels\nherausbildete und das im 17. und 18. Jahrhundert zu einer v\u00f6llig\nneuen Einteilung Afrikas und zur fast kompletten Aufteilung des\nKontinents unter die gro\u00dfen Kolonialm\u00e4chte f\u00fchrte, tat ein\n\u00dcbriges. Schlie\u00dflich wurden einige s\u00fcdafrikanische V\u00f6lker von den\n\u2013 aus Europa eingewanderten \u2013 Buren versklavt, was dann in das\nApartheid-System m\u00fcndete, das es dort bis Ende der 1980er Jahre gab.\n\u00dcbrigens immer erheblich unterst\u00fctzt durch US-amerikanische Firmen\n(aber auch durch deutsche Unternehmen wie VW und Siemens).<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Europa Kapitalstock<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Umgekehrt wirkte das globale System von\nkolonialer Beute und Sklavenhandel belebend auf Nordamerika und auf\nEuropa. Das gilt sehr direkt f\u00fcr den Import der geraubten\nEdelmetalle. So gelangten allein im Zeitraum 1503 bis 1660 185.000\nKilogramm Gold und 16 Millionen Kilogramm Silber aus den Kolonien in\nden spanischen Hafen von San L\u00facar de Barrrameda in Andalusien.\nEduardo Galeano bewertete dies in seinem grandiosen Opus \u201eDie\noffenen Adern Lateinamerikas\u201c wie folgt: \u201eDas in etwas mehr als\nanderthalb Jahrhunderten nach Spanien gebrachte Silber \u00fcbertraf drei\nMal die gesamten Reserven Europas [\u2026] Die den neuen\nKolonialgebieten entrissenen Metalle f\u00f6rderten die wirtschaftliche\nEntwicklung Europas, und man kann sogar sagen, dass sie sie erst\nerm\u00f6glicht haben. Nicht einmal der umw\u00e4lzende Einfluss der\nEroberung der persischen Sch\u00e4tze, die Alexander der Gro\u00dfe \u00fcber die\nhellenische Welt ergoss, k\u00f6nnte im Umfang mit diesem gewaltigen\nBeitrag Amerikas zum fremden Fortschritt verglichen werden.\u201c[9] Auf\ndiese Weise wurde gewisserma\u00dfen p\u00fcnktlich am Vorabend der\nindustriellen Revolution die expansive Geldwirtschaft Westeuropas\nbef\u00f6rdert; der M\u00fcnzbedarf konnte mit den Edelmetallen aus den\nAmerikas und auch aus Afrika \u2013 hier vor allem aus Guinea \u2013\ngedeckt werden. Die Encyclopaedia Britannica erl\u00e4utert, dass \u201edie\nGuinea\u201c eine \u201eGoldm\u00fcnze war, die im Vereinigten K\u00f6nigreich in\nden Umlauf kam. 1663 wurde sie zum ersten Mal gepr\u00e4gt, w\u00e4hrend der\nRegierungszeit Charles II., aus Gold, das von der Guinea-K\u00fcste\nWestafrikas durch eine Gesellschaft importiert wurde, die mit\nGenehmigung der britischen Krone dort Handel trieb \u2013 daher der\nName.\u201c[10]<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt auch Versuche der Berechnung\n<em>aller<\/em> kolonialen Profite, die in Europa in den gesamten\nKapitalstock am Beginn der industriellen Revolution flossen. Es geht\ndabei um die erw\u00e4hnten Gewinne aus dem Raub und Import der\nEdelmetalle, um die Gewinne aus dem Sklavenhandel, um  die Gewinne,\ndie die Niederl\u00e4nder aus Indonesien herausholten und um den Gewinn,\nden England aus der Auspl\u00fcnderung Indiens bezog. Dies summierend\nschreibt Ernest Mandel: \u201eWenn wir diese Summen addieren, erhalten\nwir mehr als eine Milliarde Goldpfund, das hei\u00dft, mehr als den Wert\ndes gesamten Anlagekapitals in allen europ\u00e4ischen Industrienationen\num das Jahr 1800. Das Hineinflie\u00dfen dieser riesigen Kapitalmassen in\ndie Handelsnationen Europas zwischen dem 16. und dem Ende des 18.\nJahrhunderts schuf nicht nur eine g\u00fcnstige Atmosph\u00e4re f\u00fcr\nKapitalinvestitionen und \u00b4Unternehmergeist\u00b4, es finanzierte in\nvielen nachweisbaren F\u00e4llen direkt gro\u00dfe Manufaktur und\nFabrikgr\u00fcndungen, die mit den Ansto\u00df zur industriellen Revolution\ngaben.\u201c[11]<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Sklavenwirtschaft in den USA<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr eine Sklavenwirtschaft gab es in\nEuropa in j\u00fcngerer Zeit nie eine profitable Zukunft. Zwar wurden\nauch afrikanische Sklaven nach Europa verfrachtet. Doch das erfolgte\neher in hom\u00f6opathischer Dosierung \u2013 f\u00fcr einzelne T\u00e4tigkeiten in\nBankh\u00e4usern, Werften, Hotels, Handelsh\u00e4usern, f\u00fcr den Einsatz als\nDienstpersonal in den H\u00e4usern der Neureichen und in den Herrensitzen\ndes alten Adels. Grunds\u00e4tzlich gab es in Europa in diesen\nJahrhunderten immer ausreichend Arbeitskr\u00e4fte auch f\u00fcr schlecht\nbezahlte T\u00e4tigkeiten. Vor allem aber eigneten sich die aufstrebende\nManufaktur und die ersten Fabriken nicht f\u00fcr Sklavenarbeit. In\nAmerika jedoch mit seinen unermesslichen Natursch\u00e4tzen, mit den f\u00fcr\ndie Besiedelung der Wei\u00dfen unerschlossenen \u2013 durch die Vertreibung\nund Liquidierung der einheimischen, indianischen Bev\u00f6lkerung frei\nger\u00e4umten \u2013 Gebieten konnten Sklaverei und Sklavenhandel\nprofitabel betrieben werden. Das galt solange und dort, wo eine\nextensive Plantagenwirtschaft \u2013 mit dem Anbau von Tabak, Reis,\nZuckerrohr, Baumwolle \u2013 vorherrschte. Die Sklaverei, die auf Gewalt\nund nacktem Zwang basiert, erwies sich als zu starr f\u00fcr die\nindustrielle Entwicklung. Sklaven m\u00fcssen grobe, unzerbrechliche\nWerkzeuge haben, was die kapitalistische Entwicklung der Industrie\nund auch diejenige einer hoch entwickelten Landwirtschaft behindert.\nEin Einsatz von Sklaven und Zwangsarbeit in einer entwickelten\nIndustrie erweist sich dar\u00fcber hinaus als anf\u00e4llig f\u00fcr Sabotage. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Entsprechend gab es bereits sehr fr\u00fch\neinen erheblichen Unterschied zwischen den Nordstaaten und dem S\u00fcden\nder USA hinsichtlich des Einsatzes von Sklavinnen und Sklaven. 1680\nwurden in allen Nordstaaten zusammen 1805 Sklaven gez\u00e4hlt. In den\nS\u00fcdstaaten waren es damals mit 5076 nicht so viel mehr; knapp das\nDreifache. Neunzig Jahre sp\u00e4ter, 1770, waren es in den Nordstaaten\n47.735; in den S\u00fcdstaaten gab es nunmehr ein Heer von 422.141\nversklavten Menschen, was fast dem Neunfachen entsprach. 1860, beim\nAuftakt des  B\u00fcrgerkriegs, gab es im Norden faktisch keine Sklaven\nmehr (64 nennt die Statistik); in den S\u00fcdstaaten wurden nunmehr\nexakt 3.953.696  Sklavinnen und Sklaven in der Statistik\naufgef\u00fchrt.[12] Dabei ist der Eindruck, im S\u00fcden h\u00e4tte die gesamte\nBev\u00f6lkerung von der Sklavenwirtschaft profitiert, falsch. 1860\nkonzentrierten sich die angef\u00fchrten knapp 4 Millionen Sklaven auf\n385.000 Sklavenhalter. Die gesamte wei\u00dfe Bev\u00f6lkerung z\u00e4hlte acht\nMillionen Menschen. Der Anteil der Sklaven an der gesamten\nBev\u00f6lkerung betrug knapp ein Drittel (wobei die Sklavenbev\u00f6lkerung\nexplizit nicht als Menschen und nicht als Teil der Bev\u00f6lkerung\ngez\u00e4hlt, sondern als Sachen und Werte verbucht wurde).<\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier ist diese Behandlung der\nSklaven als Sache und als Kapital erhellend. Es gab genaue Angaben,\nwelchen Wert ein Sklave spezifischer Qualifikation zu welchem\nZeitpunkt und in welchem Bundesstaat hatte. Und es gab eine Art\nzyklische Bewegung der Sklavenpreise: Zwischen 1800 und 1837\nkletterte der Preis f\u00fcr \u201eeinen durchschnittlichen, erstklassigen\nFeldarbeiter (jungen Sklaven in guter Verfassung, aber ungelernt)\u201c\nvon 500 auf 1300 Dollar, um dann in den Jahren 1843 bis 1848 auf 800\nund 900 Dollar abzust\u00fcrzen \u2013 und bis 1860 wieder auf den\nRekordwert von 1800 Dollar zu klettern.[13]  \n<\/p>\n\n\n\n<p>Der Charakter der Sklaven als Eigentum\nschlug sich bereits in den Gr\u00fcndungsdokumenten der Vereinigten\nStaaten nieder. Im <em>Entwurf<\/em> der Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung\n(Declaration of Independence), verfasst vom sp\u00e4teren Pr\u00e4sidenten\nThomas Jefferson und Grundlage der Trennung von der britischen Krone,\nhie\u00df es noch: \u201eEr (der brit. K\u00f6nig; W.W.] hat einen grausamen\nKrieg gegen die menschliche Natur gef\u00fchrt, indem er die heiligsten\nRechte des Lebens und der Freiheit bei den Angeh\u00f6rigen eines fernen\nVolkes dadurch verletzte, dass er diese Menschen [\u2026] gefangen nahm\nund sie zur Sklaverei auf einen anderen Kontinent verbrachte. [\u2026]\nDiese Piratenkriegf\u00fchrung [\u2026] ist der Krieg des christlichen\nK\u00f6nigs von Gro\u00dfbritannien\u2026\u201c[14] Diese Passage musste gestrichen\nwerden; sie war f\u00fcr die Vertreter der S\u00fcdstaaten unannehmbar. In\nder 1787 beschlossenen Verfassung bezog sich dann der vielfach\nzitierte Verfassungsgrundsatz, wonach \u201ealle Menschen von Natur aus\nfrei und gleich geschaffen\u201c sind, nicht auf die Sklaven. Dort hei\u00dft\nes, dass der Staat sich \u201eauf die Herrschaft des Eigentums st\u00fctzen\nsoll\u201c. F\u00fcr den S\u00fcden hie\u00df das: das Eigentum an Sklaven. F\u00fcr den\nNorden bedeutete es Eigentum im Gewerbe und im Finanzsektor. Mit dem\nSchutz des Eigentums hatte die Verfassung auch die Institution der\nSklaverei anerkannt; nur der &lt;I&gt;<em>Import<\/em>&lt;I&gt; von\nSklaven sollte verboten werden k\u00f6nnen \u2013 allerdings erst nach\nAblauf einer 20-Jahres-Frist, also im Jahr 1808. John Hope Franklin\nund  Alfred A. Moss (Jr.) bilanzieren in der hier des \u00d6fteren\nzitierten, enorm faktenreichen \u201eGeschichte der Schwarzen in den\nUSA\u201c: \u201eEs sollte dann 75 Jahre [bis zum Ende des B\u00fcrgerkriegs;\nW.W.] dauern, das r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen, was in Philadelphia\nbeschlossen worden war. [\u2026] Mit dem Ende der britischen Herrschaft\n[\u2026] konnten die Amerikaner die Verantwortung f\u00fcr die Sklaverei\nnicht l\u00e4nger dem Mutterland anlasten. [\u2026] Ironischerweise war es\ngerade Amerikas Freiheit, die der Sklaverei im eigenen Land ein\nl\u00e4ngeres \u00dcberleben sichern sollte als im britischen Empire.\u201c[15]<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>B\u00fcrgerkrieg und Ende der\nSklaverei <\/strong><\/em>\n<\/p>\n\n\n\n<p>Der amerikanische B\u00fcrgerkrieg war vor\nallem Ausdruck der Tatsache, dass die dynamische Entwicklung der\nProduktivkr\u00e4fte im Norden zunehmend eingeengt wurde durch die\nweitgehend statische Situation im S\u00fcden mit ihrer\nPlantagenwirtschaft, basierend auf Sklavenarbeit. Der 1861 neu\ngew\u00e4hlte US-Pr\u00e4sident Abraham Lincoln h\u00e4tte jedoch keinen Krieg\nzur Abschaffung der Sklaverei  gef\u00fchrt. Das hatte Lincoln mehrfach\nerkl\u00e4rt und sich dabei durchaus als jemand geoutet, dem Rassismus\nnicht fremd ist. In einer Rede w\u00e4hrend seines\nPr\u00e4sidentschaftswahlkampfs sprach er in Charleston im s\u00fcdlichen\nIllinois, wie folgt Klartext: \u201eIch sage also, dass ich weder jetzt\nnoch irgendwann daf\u00fcr war, in irgendeiner Weise die soziale und\npolitische Gleichberechtigung der schwarzen und der wei\u00dfen Rasse\nherbeizuf\u00fchren (Applaus); dass ich weder jetzt noch irgendwann daf\u00fcr\nwar, aus Negern W\u00e4hler oder Geschworene zu machen  oder ihnen\nzuzugestehen [\u2026] sich mit Wei\u00dfen zu verheiraten. [\u2026]Es muss,\nwenn sie weiter zusammenbleiben, weiterhin minderwertige und\nh\u00f6herwertige Positionen geben, und ich bin wie jeder andere daf\u00fcr,\nder wei\u00dfen Rasse die h\u00f6herwertigen Positionen zuzusprechen.\u201c[16]<\/p>\n\n\n\n<p>Es waren die herrschenden Kreise im\nS\u00fcden, die faktisch den Krieg begannen, indem sie sich kurz nach der\nWahl von Lincoln zum US-Pr\u00e4sidenten unabh\u00e4ngig vom Norden\nerkl\u00e4rten. Bei dieser Entscheidung spielte eine erhebliche Rolle die\nseit Jahrzehnten zu beobachtende Zersetzung der Sklaverei im S\u00fcden\ndurch massenhafte und organisierte Flucht in den Norden (\u201eUnderground\nRailroad\u201c) und durch verbreitete Arbeitsverweigerung. Diese\nZersetzung steigerte sich noch dadurch, dass im Verlauf des\nB\u00fcrgerkriegs Hunderttausende Sklaven ihren Herren immer dann den\nR\u00fccken kehrten, wenn die Bundestruppen vorr\u00fcckten und sich ihrer\nFarm, ihrer Plantage n\u00e4herten. Insgesamt hat w\u00e4hrend des\nB\u00fcrgerkriegs im S\u00fcden eine halbe Million Schwarzer ihre Herren\nverlassen und ist in den Norden gewechselt oder hat sich bis zum Ende\ndes Kriegs versteckt gehalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ausgesprochen widerspr\u00fcchlich\nerwies sich das Verhalten der F\u00fchrung des Nordens in der Frage, ob\nSchwarze in der Armee w\u00fcrden dienen d\u00fcrfen. Der Nordstaaten-General\nHenry Halleck hatte bereits bei Kriegsbeginn aus h\u00f6chst\npragmatischen Gr\u00fcnden daf\u00fcr pl\u00e4diert. Vor allem fl\u00fcchtige\nSchwarze aus dem S\u00fcden waren in Scharen bereit, ihre Farmen zu\nverlassen und sich den Nordstaaten-Truppen anzuschlie\u00dfen. Dagegen\nhatte Lincoln als US-Pr\u00e4sident seinen Widerspruch eingelegt. Somit\nblieb es den Schwarzen w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkriegs lange Zeit versagt,\ngemeinsam mit den wei\u00dfen Nordstaatlern f\u00fcr die Befreiung ihrer\nBr\u00fcder und Schwestern mit der Waffe in den H\u00e4nden zu k\u00e4mpfen. Mehr\nnoch: 1861 \u00fcbermittelte der Nordstaaten-General Winfield Scott im\nNamen von Pr\u00e4sident Lincoln die Aufforderung an Brigadegeneral\nMcDowell, Besitzern von geflohenen Sklaven in Virginia zu erlauben,\nden Potomac zu \u00fcberqueren und fl\u00fcchtige Sklaven wieder in Besitz zu\nnehmen, die hinter den Linien der Union Zuflucht gesucht hatten.[17] \n<\/p>\n\n\n\n<p>Der Norden \u00e4nderte in dieser Frage\nseine Haltung im Verlauf des B\u00fcrgerkriegs allerdings um 180 Grad.\nDaf\u00fcr gab es zwei Gr\u00fcnde: Zum einen begannen die S\u00fcdstaaten,\nSchwarze zur Konf\u00f6derierten-Armee einzuberufen und ihnen die\nFreiheit zu versprechen, wenn sie bis zum Kriegsende loyal dienen\nw\u00fcrden. Zum anderen wogen die rein milit\u00e4rischen Aspekte immer\nst\u00e4rker, Schwarze in die Nordstaaten-Armee aufzunehmen (zun\u00e4chst\n\u00fcbrigens mit einem Sold, der der H\u00e4lfte des Solds der Wei\u00dfen\nentsprach!). Das Ergebnis war dann erstaunlich: Insgesamt lie\u00dfen\nsich bis zum Ende des Kriegs 180.000 schwarze M\u00e4nner f\u00fcr die\nUnionstruppen anwerben; davon waren 93.000 aus den abtr\u00fcnnigen\nStaaten des S\u00fcdens in den Norden gekommen. Die Schwarzen k\u00e4mpften\nbesonders tapfer \u2013 und bezahlten weit \u00fcberproportional mit Tod und\nVerletzungen. Insgesamt lie\u00dfen 38.000 schwarze Soldaten im\nB\u00fcrgerkrieg ihr Leben; die Todesrate lag um 40 Prozent h\u00f6her als\nbei den wei\u00dfen Truppen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Ergebnis des B\u00fcrgerkriegs schien\nzun\u00e4chst die Gleichberechtigung f\u00fcr die Schwarzen zu bringen. Die\nSklaverei wurde formell mit dem dreizehnten Amendement zur Verfassung\naufgehoben: \u201eWeder Sklaverei noch unfreiwillige Dienerschaft sollen\nin den Vereinigten Staaten [\u2026] existieren, au\u00dfer als Strafe f\u00fcr\nein Verbrechen, f\u00fcr das der Betroffene ordnungsgem\u00e4\u00df verurteilt\nwurde.\u201c Ein weiterer Verfassungszusatz \u2013 das f\u00fcnfzehnte\nAmendement \u2013 besagte: \u201eDas Wahlrecht der B\u00fcrger darf von den\nVereinigten Staaten oder einem Bundesstaat (!) aufgrund von Rasse,\nHautfarbe oder einem fr\u00fcheren Zustand der Leibeigenschaft weder\nverweigert noch eingeschr\u00e4nkt werden.\u201c 1875 verbot ein\nBundesgesetz (Civil Rights Act) sogar den Ausschluss von Schwarzen\naus Hotels, Theatern, Eisenbahnen und anderen \u00f6ffentlichen\nEinrichtungen. \n<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Apartheid nach US-Art<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch kam es zu einem <em>umfassenden\nRollback<\/em>. Dieser erfolgte nat\u00fcrlich vor allem auf Druck der\nalten S\u00fcdstaaten-Eliten. Er wurde jedoch auch erm\u00f6glicht durch eine\nmal passive, mal aktive Unterst\u00fctzung vor allem seitens des\nLincoln-Nachfolgers im Pr\u00e4sidentenamt, Andrew Johnson. Die alten\nS\u00fcdstaaten f\u00fchrten die Black Codes ein, Bestimmungen, welche die\nFreigelassenen Leibeigenen gleich machten, die nach wie vor auf den\nPlantagen arbeiteten \u2013 nun auf Basis von Vertr\u00e4gen, die sie nur\nauf Kosten einer Gef\u00e4ngnisstrafe brechen konnten. Ab 1870\nverabschiedeten einzelne Bundesstaaten im S\u00fcden \u2013 zun\u00e4chst\nTennessee und dann alle anderen S\u00fcdstaaten \u2013 Gesetze gegen\nMischehen beider Rassen. F\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter kam das sogenannte\n\u201eJim-Crow-Gesetz\u201c (erneut zuerst in Tennessee und dann in allen\nS\u00fcdstaaten): Schwarze und Wei\u00dfe wurden in Z\u00fcgen, auf Bahnh\u00f6fen,\nin Toiletten, an den Hafenkais getrennt. Das Oberste Bundesgericht\nsetzte 1883 die B\u00fcrgerrechtsgesetze (Civil  Rights Act) au\u00dfer\nKraft. Nunmehr durften Schwarze alle Hotels, Friseurladen,\nRestaurants, Theater und Kinos, in denen Wei\u00dfe verkehrten, nicht\nmehr besuchen. Es wurden ein getrenntes Schulsystem und\n\u201eRassentrennung\u201c an den Universit\u00e4ten etabliert. Mit der Annahme\nder neuen Verfassungen in den einzelnen S\u00fcdstaaten wurde die \u201ecolor\nline\u201c, die Barriere zwischen Schwarz und Wei\u00df, fest verankert.\n1886 best\u00e4tigte das Oberste Bundesgericht die \u201eRassentrennung\u201c\nin einer \u201eseparate-but-equal\u201c-Doktrin. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Ein sehr gro\u00dfer Teil dieser\nrassistischen Gesetzgebungen sollte nun ein weiteres\nDreivierteljahrhundert Bestand haben. Die \u201eracial segregation\u201c\n\u00fcberlebte auch die zwei Weltkriege, in denen Afroamerikaner einen\ngro\u00dfen Teil zum Sieg der US-Truppen beitrugen. Bis zu einer neuen\nmassiven Auseinandersetzung, die erneut fast b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnliche\nAusma\u00dfe annehmen sollte: der B\u00fcrgerrechtsbewegung der 1960er Jahre.<\/p>\n\n\n\n<p>Der beschriebene Rollback war, wie fast\nimmer in der Geschichte, keiner, der sich allein auf der Ebene von\nRegierungen, Parlamenten und  Gerichten abgespielt h\u00e4tte. Vielmehr\nwurde er durch offene Gewalt durchgesetzt. Die wei\u00dfe Elite in den\nS\u00fcdstaaten setzte ihre \u00f6konomische Macht dazu ein, terroristische\nOrganisationen, allen voran den Ku Klux Klan, zu bilden. Der Klan \u2013\n1865 gegr\u00fcndet, 1871 vom Kongress verboten, danach lokal weiter\naktiv; 1915 neu gegr\u00fcndet, 1944 formell aufgel\u00f6st, aber faktisch\nbis heute fortbestehend \u2013  z\u00e4hlte bereits wenige Jahre nach seiner\nErstgr\u00fcndung eine halbe Million Mitglieder. Er \u00fcbte einen\nfl\u00e4chendeckenden Terror aus, dem Hunderte Menschen schwarzer\nHautfarbe zum Opfer fielen. Insbesondere in den sp\u00e4ten 1860er und\nfr\u00fchen 1870er Jahren, dann wieder verst\u00e4rkt im Zeitraum 1889 bis\n1913, gab es Tausende lokale Terrorakte mit Gewaltexzessen und\nLynchings. Letztere wurden oft \u00f6ffentlich veranstaltetet; an ihnen\nnahmen bis zu 15.000 Menschen teil.[8] Howard Zinn: \u201eZwischen 1889\nund 1903 wurden durchschnittlich zwei Schwarze pro Woche von Mobs\ngelyncht \u2013 erh\u00e4ngt, verbrannt, verst\u00fcmmelt.\u201c[19]     \n<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Klassenkampf und Rassismus<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Rassismus ist immer ein Mittel zur\nSpaltung der Gesellschaft quer durch die sozialen Klassen. Mit\nRassismus soll von der entscheidenden Spaltung, der sozialen,\nabgelenkt und einer Organisierung der armen und unteren Schichten im\nKlassenkampf entgegengewirkt werden. Die wei\u00dfe Arbeiterklasse \u2013\nvor allem diejenige im Norden \u2013 bef\u00fcrchtete vielfach die\nKonkurrenz von schwarzen Billigarbeitskr\u00e4ften. Die lange Zeit von\nden Wei\u00dfen beherrschten Gewerkschaft <em>American Federation of\nLabour (AFL)<\/em> unterst\u00fctzte diese Haltung vielfach und lehnte es\nbis nach dem Ersten Weltkrieg ab, Schwarze in ihre Reihen\naufzunehmen. Schwarze wiederum lie\u00dfen sich als Streikbrecher\nmobilisieren. So geschehen 1863 beim Hafenarbeiterstreik, wo das\nDilemma und die \u00fcble Politik der wei\u00dfen herrschenden Klasse\nbesonders offenkundig hervortrat: Es \u201etraten 3000 [wei\u00dfe; W.W.]\nHafenarbeiter in den Lohnstreik. Schwarze nahmen unter Polizeischutz\nihre Pl\u00e4tze ein. Als die Regierung nun damit begann, arbeitslose\nWei\u00dfe einzuberufen\u201c \u2013 all das geschah inmitten den B\u00fcrgerkriegs!\n\u2013 \u201eempfanden diese das als blanken Hohn, der das Unrecht der\nEntlassung verdoppelte: Man hatte auf ihre Arbeitspl\u00e4tze Schwarze\ngesetzt und schickte sie jetzt in einen Krieg, der noch mehr Schwarze\nbefreien sollte.\u201c[20]  \n<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Ersten Weltkrieg kam es in\ngro\u00dfem Umfang zu rassistischen Auseinandersetzungen innerhalb der\narbeitenden Klasse. So vereinbarten 1927 die Vereinigten\nBahnhofsgesellschaften von Atlanta in einem Abkommen, wei\u00dfen Heizern\nbei Einstellungen Vorrang vor schwarzen Heizern zu geben. 1932 wurden\nzehn schwarze Eisenbahnarbeiter von wei\u00dfen Bahnbesch\u00e4ftigten der\nIllinois Central Railroad bei rassistischen Angriffen get\u00f6tet. Einen\nDurchbruch an dieser fatalen Front brachte die Gr\u00fcndung der\nBrotherhood of Sleeping Car Porters and Maids (der Bruderschaft des\nSchlafwagenpersonals) 1925 bei der Pullman Company, die im Zeittraum\n1926 bis 1937 beispielhaft f\u00fcr die erfolgreiche Organisierung von\nschwarzen und wei\u00dfen Bahnbesch\u00e4ftigten war.[21] Vergleichbare\nFortschritte gab es in der Folge in den Schlachth\u00f6fen, in der\nfleischverarbeitenden und in der Bekleidungsindustrie. Die Gr\u00fcndung\nder Gewerkschaft <em>Committee for Industrial  Organisation (CIO)<\/em>,\ndie von vornherein eine Organisierung  \u201eunabh\u00e4ngig von ihrer\nRasse\u201c betrieb, bedeutete einen gewaltigen Fortschritt zur\nReduzierung der gef\u00e4hrlichen Spaltung unter den Lohnabh\u00e4ngigen.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs \u2013 und\nim Vorfeld des Eintritts der USA in den Krieg \u2013 kam es erneut zu\nFrontstellungen entlang der Hautfarbe. Die Industrie stellte in\ngro\u00dfem Umfang auf R\u00fcstungsproduktion um. Bislang war die Industrie\nfast vollkommen von wei\u00dfen Arbeitskr\u00e4ften bestimmt. Die bereits\nerw\u00e4hnte  Brotherhood of Sleeping Car Porters and Maids begann im\nJanuar 1941, einen Marsch auf Washington zu  organisieren, um in der\ngesamten Industrie die Gleichberechtigung von Schwarz und Wei\u00df\nherzustellen. US-Pr\u00e4sident Roosevelt f\u00fcrchtete die Reaktionen der\nrassistischen NSDAP, die die rassistische US-Politik blo\u00dfstellen\nk\u00f6nnte \u2013 und erlie\u00df am 25. Juni 1941 die \u201eExecutive Order\n8802\u201c, in der er erkl\u00e4rte, dass \u201ees bei der Besch\u00e4ftigung von\nArbeitern in der R\u00fcstungsindustrie oder im \u00d6ffentlichen Dienst\nkeine Diskriminierung geben darf aufgrund von Rasse, Glauben,\nHautfarbe oder nationaler Herkunft und es Pflicht von Unternehmern\nund Gewerkschaften ist, [\u2026] f\u00fcr die volle und gleichberechtigte\nBeteiligung aller Arbeiter in Betrieben der R\u00fcstungsindustrie [\u2026]\nzu sorgen.\u201c[22] \n<\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch\nblieb es im Grundsatz in den USA bei dieser Spaltung der Gesellschaft\nentlang der Hautfarbe der Menschen. Die Mittel zur Spaltung, der\nRassismus und die diesen begr\u00fcndenden und verst\u00e4rkenden Gesetze und\nMa\u00dfnahmen, sind bis heute wirksam. Dass die Geschichte auch v\u00f6llig\nanders h\u00e4tte verlaufen k\u00f6nnen, zeigen die L\u00e4nder Uruguay und\nArgentinien. In diesen gab es im 17. und 18. Jahrhundert ebenfalls\neinen gro\u00dfen Anteil von Afroamerikanern an der Gesamtbev\u00f6lkerung.\nDiese waren, wie in Nordamerika, von Kolonialherren \u2013 in diesem\nFall den Spaniern \u2013 als Sklaven importiert worden. Montevideo und\nBuenos Aires waren in der Kolonialzeit wichtige H\u00e4fen f\u00fcr die\nEinfuhr von Sklaven. 1803 lebten in Montevideo 1040 Schwarze bei\neiner Gesamtbev\u00f6lkerung von 4725 Menschen.  1827 existierten in\nBuenos Aires noch sieben Vereinigungen von Afrikanern. Doch wenige\nJahrzehnte sp\u00e4ter waren sie verschwunden. Der Grund: In Argentinien\n\u2013und vergleichbar in Uruguay \u2013 hat sich die Bev\u00f6lkerung v\u00f6llig\nvermischt. John Hope Franklin und Alfred A. Moss (jr.) bilanzieren:\n\u201eDas Verschwinden der Afrikaner im s\u00fcdlichen Teil S\u00fcdamerikas ist\nein beredtes Zeugnis f\u00fcr die v\u00f6llige Absorption eines Volkes in der\ngewaltigen Einwanderung von Europ\u00e4ern w\u00e4hrend des 19.\nJahrhunderts.\u201c[23]<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Weitermarschieren auf der endlos\nlangen Stra\u00dfe<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBlack Lives Matter\u201c \u2013 Diese\nLosung steht im Grunde f\u00fcr den jahrhundertelangen Kampf der\nEmanzipation der Afroamerikaner. Das Leben der Afrikaner in den\nbeiden Amerikas z\u00e4hlte jahrhundertelang nichts \u2013 in den Augen der\nHerrschenden und Kolonialisten waren es \u2013 bereits rein formal \u2013\nkeine Menschen, sondern Sachen; Buchwerte und Unwerte. Und als die\nformelle Sklaverei aufgehoben wurde, waren die Afroamerikaner in den\nAugen der Rassisten Untermenschen; sie kommen, wie der Rassist Trump\nzu sagen pflegt, aus \u201eShithole Countries \u2013 aus\nDrecksloch-Staaten\u201c. Und da viele von ihnen get\u00f6tet wurden, sind\nes \u2013 so ebenfalls der amtierende Pr\u00e4sident \u2013 \u201ealles nur\nVerlierer\u201c, die es ist nicht wert sind, ihrer zu gedenken.[24]<\/p>\n\n\n\n<p>Die 2013 entstandene Black Lives\nMatter-Bewegung steht in der langen Tradition eines engagierten,\nkreativen und vielf\u00e4ltigen Widerstands, den diese Jahrhunderte lang\nVersklavten, Verschleppten und bis heute systematisch Diskriminierten\nleisten. Wer wei\u00df heute noch, dass es im Nordosten Brasiliens, in\nAlagoas, in den Jahren 1630 bis 1697 die Republik Palmares gab, ein\nStaat der Afrikaner: Zehntausende entlaufene Sklaven hatten sich dort\nniedergelassen. Sie trotzten jahrzehntelang mehreren Belagerungen\ndurch Portugiesen und Holl\u00e4nder. Erst 1697 konnte eine \u00fcberlegene\nMilit\u00e4rmacht die Befestigungen \u00fcberwinden und die Stadt einnehmen.\nDie Anf\u00fchrer der auch \u201eMaronen\u201c genannten Aufst\u00e4ndischen\nst\u00fcrzten sich von einem Felsvorsprung in den sicheren Tod. Wer\nwusste bis vor kurzem etwas von der \u201eUnderground Railroad\u201c mit\nihren Tausenden Organisatoren und Quartiermeistern \u2013 unter ihnen\neinige hundert Wei\u00dfe? Wer kennt heute noch die gro\u00dfartigen Analysen\nund Schriften von W.E.B. Du Bois und das vor 115 Jahren, 1905,\nerstmals gegr\u00fcndete Niagara Movement, was sich sp\u00e4ter zu der\njahrzehntelang bedeutenden und oft erfolgreichen Massenorganisation\n<em>National Association for the Advancement of Coloured People \u2013\nNAACO<\/em> \u2013 entwickeln sollte? Von der B\u00fcrgerrechtsbewegung, die\nMitte der 1950er Jahre begann und ihren H\u00f6hepunkt Anfang der 1960er\nJahre erlebte, sind zwar noch die Namen Martin Luther King und\nMalcolm X pr\u00e4sent. Vielleicht auch noch die S\u00e4tze aus der\nber\u00fchmten, letzten gro\u00dfen King-Rede \u201eI have a dream\u201c. Kaum\nbekannt sein d\u00fcrfte, als wie bedrohlich die herrschende Klasse in\nden USA die damaligen Massenmobilisierungen empfand, welche\ngewaltigen finanziellen, geheimdienstlichen und Polizeigewalt-Mittel\nsie einsetzten, um die f\u00fchrenden K\u00f6pfe dieser Bewegung einzukaufen,\nzu zerst\u00f6ren und diese sogar \u2013 so im Fall der Black\nPanther-Aktivisten \u2013 zu ermorden. Die Erfolge, die die\nMassenbewegungen der 1960er Jahre mit sich brachten, sind bis heute\nvon Bedeutung: gro\u00dfe Teile des beschriebenen Rollbacks, das auf den\nB\u00fcrgerkrieg gefolgt war, mussten zur\u00fcckgenommen werden. Dies d\u00fcrfte\nauch damit zu tun haben, dass diese Bewegung parallel zum\nVietnamkrieg verlief \u2013 und dass der US-Imperialismus in diesem\nKrieg zum ersten Mal eine schwere, milit\u00e4rische Niederlage hinnehmen\nmusste. Die Schw\u00e4chung au\u00dfen war zugleich eine Schw\u00e4chung im\nInneren \u2013 und verschaffte der Emanzipationsbewegung Spielr\u00e4ume. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz offensichtlich ist die von\nRassisten vielfach vorgetragene Behauptung, Schwarze erduldeten ihr\nSchicksal oder w\u00fcrden bestenfalls unkontrolliert rebellieren,\nfalsch. Es gibt ein breites Spektrum gut organisierter Bewegungen f\u00fcr\ndie Emanzipation der Afroamerikaner, mit Ver\u00e4stelungen in die\nBereiche Kultur, Kunst, Musik und Sport. Die antirassistischen\nStatements der US-Basketball-Profis in den Jahren 2018 bis 2020,\nallen voran die Aussage von Colin Kaepernick \u201eBelieve in something.\nEven if it means sacrificing everything. \u2013 Glaube an eine Sache.\nAuch wenn das bedeutet, alles zu opfern\u201c, steht in der Tradition\ndes Protestes vom 16. Oktober 1968, als bei den Olympischen Spielen\nin Mexiko die US-Sprinter Tommie Smith und John Carlos bei der\nSiegerehrung die F\u00e4uste in die H\u00f6he streckten \u2013 bekleidet von\nschwarzen Handschuhen. Das inzwischen ikonische Foto wird noch\n\u00fcbertrumpft von dem ikonischen Satz, den der ber\u00fchmteste Boxer\naller Zeiten, Muhamed Ali, sagte, als er im Juni 1967 den Wehrdienst\n\u2013 und damit den Milit\u00e4rdienst in Vietnam \u2013 verweigerte: \u201eI\nain\u00b4t got no quarrel  with them Vietcong \u2013 Ich hab doch mit diesem\nVietcong keinen Streit\u201c.  \n<\/p>\n\n\n\n<p>Rassismus wird von den Herrschenden\nimmer wieder aufs Neue \u2013 in mal feiner und in mal weniger feiner\nDosierung \u2013 als Spaltmittel eingesetzt. Armin Laschet wei\u00df, dass\nBulgaren das Virus nach Rheda-Wiedenbr\u00fcck brachten. Trump wei\u00df,\ndass Corona \u201eein chinesisches Virus\u201c ist. Und das Rote Kreuz in\nden USA wusste noch lange Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, dass das\nBlut von Schwarzen und Wei\u00dfen in den Blutbanken, die zur Rettung\nVerwundeter eingerichtet sind, getrennt gehalten und verwendet werden\nmuss. Die banale Erkenntnis, dass die entscheidende Trennlinie\ndiejenige ist, die entlang der sozialen Klassen verl\u00e4uft, kann vor\ndem Hintergrund dieser rassistischen Pandemie leicht vergessen\nwerden. Und dabei auch, dass der Rassismus erst von der modernen\nGesellschaft \u2013 und das ist die kapitalistische \u2013 erfunden wurde,\neben allein zum Zweck der Spaltung. W.E.B. Du Bois: \u201eDie Entdeckung\nder <em>Wei\u00dfheit<\/em> einer\nPerson ist unter den V\u00f6lkern der Erde eine sehr moderne Sache &#8211; erst\neine Sache des 19. und 20. Jahrhunderts. Die Antike h\u00e4tte \u00fcber eine\nderartige Entscheidung nur gelacht. Das Mittelalter betrachtete die\nHautfarbe mit gelinder Neugier, und selbst im 18. Jahrhundert\nh\u00e4mmerten wir solange und mit vollem Eifer an unserem nationalen\nM\u00e4nneken, bis daraus der gro\u00dfe universale Mensch geworden war, und\nignorierten Hautfarbe und Rasse noch mehr als die Geburt. Heute haben\nwir all das ge\u00e4ndert, und die Welt hat in einer pl\u00f6tzlichen,\nemotionalen Wallung entdeckt, dass sie wei\u00df ist und nur deshalb\nwundervoll.\u201c[25]<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Anmerkungen:<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>[1] Es lohnt, sich das Interview\nanzusehen \u2013 hier: https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=7UoO6e8WWxk<\/p>\n\n\n\n<p>[2] Lincoln in einem Briefwechsel mit\ndem Herausgeber der New Yorker <em>Tribune<\/em> im Jahr 1863, hier\nwiedergegeben in: Howard Zinn, Eine Geschichte des amerikanischen\nVolkes, Berlin 2007, S. 186. In den USA erstmals 1980 erschienen als\n\u201eA Peoples History oft he United States\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>[3] Karl Marx, Das Kapital, MEW 25,\nSeite 779.<\/p>\n\n\n\n<p>[4] Walter Rodney, Afrika, Geschichte\neiner Unterentwicklung, englisch 1972, deutsch Berlin 1975, S.71.<\/p>\n\n\n\n<p>[5] Gustavus Myers, Money, Wem die\nRockefellers, Astors, Vanderbilts, Pullmanns, Carnegies, Morgans etc.\ndas Geld abnahmen, Frankfurt\/M. 1979, S.4.<\/p>\n\n\n\n<p>[6] Rodney, a.a.O., S. 73.<\/p>\n\n\n\n<p>[7] John Hope Franklin und Alfred A.\nMoss (Jr.), Von der Sklaverei  zur Freiheit. Die Geschichte der\nSchwarzen in den USA, verschiedene US-Ausgaben im Zeitraum 1947 bis\n1994; deutsch: Berlin, 1999, Seite 69. Der Enkel des zu diesen Zahlen\nZitierten schreibt in jeder Lunapark21\nden Beitrag im Ressort \u201eGeschichte und \u00d6konomie\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>[8] Bernd St\u00f6ver, Geschichte der USA.\nVon der ersten Kolonie bis zur Gegenwart, M\u00fcnchen 2019, S.70.<\/p>\n\n\n\n<p>[9] Eduardo Galeano, Die offenen Adern\nLateinamerikas. Die Geschichte eines Kontinents, Uruguay 1971,\ndeutsche Ausgabe: Wuppertal 1986, S. 33.<\/p>\n\n\n\n<p>[10] Zitiert bei Rodney, a.a.O., S. 71.<\/p>\n\n\n\n<p>[11] Ernest Mandel, Marxistische\nWirtschaftstheorie, Frankfurt\/M. 1970, S.454ff.<\/p>\n\n\n\n<p>[12] Nach: St\u00f6ver, a.a.O., S. 204.<\/p>\n\n\n\n<p>[13] Franklin\/Moss, a.a.O., S. 173.<\/p>\n\n\n\n<p>[14] Franklin\/Moss, a.a.O., S. 111.<\/p>\n\n\n\n<p>[15] Ebenda,\nS. 128. W\u00e4hrend der Sklavenhandel und der Import von Sklavinnen und\nSklaven zunehmend kritisiert und teilweise illegalisiert wurden,\nentwickelte sich ein neuer Gesch\u00e4ftszweig: die Z\u00fcchtung von\nSklaven. FranklinMoss schreiben, \u201eSklaven z\u00fcchtende Grundbesitzer\u201c\nseien h\u00e4ufig gewesen und \u201eihr gesellschaftliches Ansehen war\nbedeutend h\u00f6her\u201c als dasjenige, von Sklavenh\u00e4ndlern: \u201eEin\nangesehener Plantagenbesitzer in Virginia prahlte damit, seine\nSlavinnen seien \u00b4ungew\u00f6hnlich gute Zuchtstuten\u00b4 und er habe noch\nvon keinem Baby geh\u00f6rt, das schneller auf die Welt komme als auf\nseiner Plantage. Das Erfreulichste an der Sache war nat\u00fcrlich, dass\n\u00b4jedes einzelne [Baby] \u2026 beim ersten Atemzug \u2026 200 Dollar wert\nwar.\u00b4 Tats\u00e4chlich war die Zucht so eintr\u00e4glich, dass viele\nSklavinnen schon als M\u00e4dchen von 13 oder 14 Jahren Mutter wurden.\nMit zwanzig hatte manche Sklavin schon f\u00fcnf Kinder geboren. Pr\u00e4mien\nund Preis wurden f\u00fcr besondere Fruchtbarkeit ausgesetzt, und es gibt\nF\u00e4lle, in denen Sklavinnen  die Freiheit gew\u00e4hrt wurde, die ihre\nBesitzer durch die Geburt  von zehn bis f\u00fcnfzehn Kinder reicher\ngemacht hatten.\u201c Franklin\/Moss, a.a.O. S. 171. \n<\/p>\n\n\n\n<p>[16] Zitiert bei Howard Zinn, a.a.O.,\nS.185. Es gibt auch beeindruckende Reden Lincolns, wonach \u201ealle\nMenschen gleich geschaffen sind\u201c und man \u201eStreitereien \u00fcber\ndiese und jene Rasse \u00fcber Bord werfen\u201c m\u00f6ge. Diese wurden dann\nvor Nordstaaten-Publikum gesprochen. Die Behauptung, Lincoln sei\ndiesbez\u00fcglich schwankend oder schillernd gewesen, muss angezweifelt\nwerden. In seiner praktischen Politik \u00fcberwogen durchaus\nrassistische Elemente \u2013 so wenn er massiv daf\u00fcr eintrat, dass die\nin den USA lebenden Schwarzen wieder nach Afrika zur\u00fcck gehen und\ndort neu angesiedelt werden sollten.<\/p>\n\n\n\n<p>[17] Nach Franklin\/Moss, a.a.O., S.287.<\/p>\n\n\n\n<p>[18] Im Juni 1916 nahmen im texanischen\nWaco an der \u00f6ffentlichen Erh\u00e4ngung des geistig zur\u00fcckgebliebenen\n17-j\u00e4hrigen Jesse Washington 15.000 Menschen teil. Es wurden\nAnsichtskarten in Verkehr gebracht mit dem Foto des Erh\u00e4ngten. Siehe\nSt\u00f6ver, Geschichte der USA, a.a.O., S.225.<\/p>\n\n\n\n<p>[19] Zinn, a.a.O., S.306.<\/p>\n\n\n\n<p>[20] Franklin\/Moss, a.a.O., S.295.<\/p>\n\n\n\n<p>[21] Bei der\nPullman-Eisenbahngesellschaft \u2013 \u00fcberwiegend Schlafwagen-Z\u00fcge \u2013\nwaren Mitte der 1920er Jahre bis zu 40.000 Schaffner und \u201eDiener\u201c\nbesch\u00e4ftigt.<\/p>\n\n\n\n<p>[22] Zitiert bei Franklin\/Moss, a.a.O.,\nS.612.<\/p>\n\n\n\n<p>[23]\nSiehe ausf\u00fchrlich bei Franklin\/Moss, a.a.O., S. 85.<\/p>\n\n\n\n<p> [24]\nShithole Countries: Siehe Die Zeit vom 18. Januar 2018. Trump nannte\ndie im Zweiten Weltkrieg gefallenen US-Soldaten &#8222;Verlierer&#8220;,\nweswegen er einen 2018 geplanten Besuch auf dem US-Soldatenfriedhof\nAisne-Marne bei Paris abgesagt hatte. Nach: Stern vom 4. September\n2020.<\/p>\n\n\n\n<p>[25]\n W.E.B. Du Bois, Darkwater, Voices from Within the Veil, New York\n1920, S. 30f.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Winfried Wolf ist Chefredakteur von\nLunapark21 \u2013 Zeitschrift zur Kritik  der globalen \u00d6konomie. Am 22.\nSeptember erscheint Heft 22 von LP21; Teil des 68-seitigen Magazins\nist ein 30-Seiten-LP21-Spezial zu den Wahlen in den USA. Siehe:\n<\/em><a href=\"http:\/\/www.lunapark21.net\/\"><em>www.lunapark21.net<\/em><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eBlack Lives Matter \u2013 Das Leben von Schwarzen z\u00e4hlt\u201c: Diese Forderung wird in Amerika seit 500 Jahren vorgetragen Am 11. Juni 2020 gab US-Pr\u00e4sident Donald Trump dem Sender Fox News ein bemerkenswertes Interview. 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