{"id":1226,"date":"2020-10-03T09:10:00","date_gmt":"2020-10-03T07:10:00","guid":{"rendered":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=1226"},"modified":"2020-10-27T08:20:04","modified_gmt":"2020-10-27T07:20:04","slug":"das-lenkmal-in-stuttgart","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=1226","title":{"rendered":"blog 09: Das LenkMal in Stuttgart"},"content":{"rendered":"\n<p>Am 23. September\nentschieden die Stadtoberen in Stuttgart wie folgt: Die mehr als elf\nMeter hohe Skulptur des Bildhauers Peter Lenk \u201eSchw\u00e4bischer\nLaokoon\u201c wird zur Aufstellung im Zentrum der Stadt \u2013 am\nStadtpalais \u2013 zugelassen. Es handelt sich um eine bis zum 31. M\u00e4rz\n2021 befristete Aufstellung. Wo die Skulptur danach platziert werden\nwird, wird sich herausstellen. Im Fall vergleichbarer Vorhaben der\nLenk\u2018schen Kunstwerke fand sich sp\u00e4ter an anderer Stelle ein\nw\u00fcrdiger Platz.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Peter Lenk wurde\neiner gr\u00f6\u00dferen \u00d6ffentlichkeit in den 1990er Jahren durch die\nStatue \u201eImperia\u201c bekannt. Wer sich mit dem Schiff, von Meersburg\noder von der Insel Mainau kommend, der Stadt Konstanz n\u00e4hert \u2013 und\ndie Schiffsreise ist dringend zu empfehlen \u2013, den begr\u00fc\u00dft die\nzehn Meter hohe Skulptur bei der Hafeneinfahrt. Es handelt sich um\ndie Darstellung einer Kurtisane, die in der einen Hand ein\nSchrumpel-P\u00e4pstlein und in der anderen einen Hutzel-Kaiser h\u00e4lt.\nSie erinnert an das Konzil in Konstanz 1414 bis 1418, einen H\u00f6hepunkt\nder mittelalterlichen Amtskirche mit vielen \u00f6ffentlichen Damen und\nder \u00f6ffentlichen Verbrennung des arglos angereisten \u201eKetzers\u201c\nJan Hus, grellbunt beschrieben von Honor\u00e9 de Balzac als Teil seiner\n\u201eTolldreisten Geschichten\u201c. Lenk hat die Statue 1993 in einer\nNacht-und-Nebel-Aktion \u2013 ohne Genehmigung \u2013 auf der Hafenmauer\nplatzieren lassen. Trotz massiver Proteste der Obrigkeit und eines\nsich zust\u00e4ndig und betroffen f\u00fchlenden Bischofs ist die Statue\nl\u00e4ngst zum Wahrzeichen der Stadt Konstanz geworden, in jedem Jahr\nvon Hunderttausenden Touristinnen und Touristen bewundert. Inzwischen\ngibt es ein Dutzend St\u00e4dte, \u00fcberwiegend im badischen Teil des\nBodensee-Raums, mit \u2013 oft hochpolitischen \u2013 Lenk&#8217;schen Werken,\ndarunter die \u201eGlobal Players\u201c in Ludwigshafen am Bodensee oder\n\u201eDas Narrenschiff\u201c in Bodman.<\/p>\n\n\n\n<p>Und was lag da\nn\u00e4her als ein LenkMal, das das gr\u00f6\u00dfte Infrastruktur-Projekt in\nDeutschland und den breiten zivilgesellschaftlichen Widerstand gegen\ndasselbe zum Thema hat? Seit Mitte 2018 arbeitet Lenk an einem\nKunstwerk zu Stuttgart 21. Im Januar 2019 initiierte ich eine\nSpendensammlung zur Finanzierung des Projekts. Inzwischen kam mit\nrund 120.000 Euro ein Betrag zusammen, der weitgehend die\nMaterialkosten und die Ausgaben f\u00fcr Fremdarbeit deckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn eines war\nklar: Die Oberen in Baden-W\u00fcrttemberg und in der Landeshauptstadt\nStuttgart, die in den Positionen Ministerpr\u00e4sident,\nLandesverkehrsminister und Stuttgarter Oberb\u00fcrgermeister der Partei\nDie Gr\u00fcnen angeh\u00f6ren, w\u00fcrden ein solches LenkMal mit der\nlandestypischen Begr\u00fcndung \u201eMer g\u00e4bet nix\u201c ablehnen. Vor einem\nJahrzehnt als S21-Kritiker in diese \u00c4mter gew\u00e4hlt, sind sie\ninzwischen mit daran beteiligt, das stadtzerst\u00f6rerische und den\nBahnverkehr einengende Projekt umzusetzen. Nachdem nun das Kunstwerk\n\u2013 ein nackter \u201eSchw\u00e4bischer Laokoon\u201c, von dem es hei\u00dft, er\nw\u00fcrde den MP Kretschmann darstellen, \u00fcber dem sich mehr als zwei\nDutzend Figuren der Nomenklatur tummeln, die f\u00fcr Stuttgart 21\nmitverantwortlich sind (darunter Mappus, Rommel, Gei\u00dfler, Mehdorn),\n\u2013 weitgehend vollendet ist, befanden sich die Stadtoberen in\nErkl\u00e4rungsnot. Sollten sie es ablehnen, das Werk in Stuttgart selbst\nzur Schau zu stellen, und sich damit bundesweit dem Gesp\u00f6tt\npreisgeben? Oder sollten sie unter Verweis auf die Freiheit von Kunst\ndem Tieflader mit dem S21-Kunstwerk gr\u00fcnes Licht signalisieren? Sie\nentschieden sich f\u00fcr einen Zwischenweg: Lenk darf seinen\n\u201eSchw\u00e4bischen Laokoon\u201c zwar noch im Oktober vor dem Stadtpalais\nplatzieren. Das \u2013 insgesamt mehr als elf Meter hohe Werk \u2013 soll\njedoch zusammen mit zwei anderen Skulpturen pr\u00e4sentiert werden. Man\ndarf gespannt sein, welche Darstellung den ersten Preis in diesem\nabsurden Wettbewerb in Sachen Aufmerksamkeits\u00f6konomie erh\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stadtoberen\nwerden die Angelegenheit mit Verweis auf \u201eSatire darf (fast) alles\u201c\nzu bagatellisieren versuchen. Doch es handelt sich um einen\nhochpolitischen Vorgang. In diesen Tagen beginnt der offizielle\nWahlkampf  um das Amt des Oberb\u00fcrgermeisters der Landeshauptstadt.\nDer aktuelle OB, Fritz Kuhn, blickt auf eine \u00e4u\u00dferst d\u00fcrftige\nBilanz; er tritt nicht mehr an. Das Infrastrukturprojekt S21\nentwickelt sich immer mehr zu einem finanziellen und\nverkehrspolitischen Desaster. Gerade erst wurde ein (seit einem Jahr\nunter Verschluss gehaltener) Pr\u00fcfbericht des Bundesrechnungshofs\npublik, in dem w\u00f6rtlich zu lesen ist: Das Bundesministerium f\u00fcr\nVerkehr \u201eh\u00e4lt das Projekt S21 nicht mehr f\u00fcr verkehrsbedeutsam\u201c.\nZehn und mehr Milliarden Euro an Steuergeldern f\u00fcr ein \u201enicht\nbedeutsames\u201c Verkehrsprojekt? Und dann gibt es die aktuellen und\ndie noch zu erwartenden Medienberichte anl\u00e4sslich von \u201eZehn Jahre\nSchwarzer Donnerstag\u201c (am 30. September 2010 gab es den brutalen\nPolizeiangriff auf friedlich demonstrierende Jugendliche im\nStuttgarter Schlossgarten) und zu \u201eZehn Jahre (manipulative)\nGei\u00dfler-S21-Schlichtung\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Stuttgart ist\neine Reise wert. Oder zumindest einen Zwischenstopp. Es gibt aktuell\ndrei Sehensw\u00fcrdigkeiten, die man sich dort nicht entgehen lassen\nsollte: Erstens, nach dem Aussteigen aus dem ICE, einige tiefe\nEinblicke in die Art und Weise, wie hier seit einem Jahrzehnt das\nstadt- und bahnhofzerst\u00f6rerische  Werk vorangetrieben wird \u2013 nebst\nGang durch die seit einem Jahr weitgehend entkernte Haupthalle des\n\u201eeigentlich\u201c unter Denkmalschutz stehenden Bahnhofsgeb\u00e4udes, des\n\u201eBonatz-Baus\u201c, in dem ein Vier-Sterne-Hotel errichtet werden\nsoll. Als Gro\u00dfinvestor mit dabei: der Schweinepriester T\u00f6nnies.\nZweitens \u2013 ab Mitte Oktober \u2013 besagtes LenkMal am Stadtpalais\n(Charlottenplatz; Stadtmuseum). Und drittens das seit zehn Jahren Tag\nund Nacht \u2013 rund um die Uhr \u2013 besetzte Mahnwachen-Zelt gegen\u00fcber\nvom Hauptbahnhof \u2013 als lebendige Einrichtung, die, zusammen mit den\nan jedem Montag um 18 Uhr stattfindenden Montags-Demos, den\nzivilgesellschaftlichen Widerstand gegen Stuttgart 21 dokumentiert.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Infos: Website: www.lenk-in-stuttgart.de, Spendenkonto: MBS\/BFS e.V., IBAN DE04 1605 0000 3527 0018 66. Wer mindestens 75 Euro spendet, bekommt \u2013 wenn gew\u00fcnscht \u2013 entweder Peter Lenks Bildband \u201eSkulpturen: Bilder. Briefe, Kommentare\u201c oder das Buch von Winfried Wolf \u201eabgrundtief + bodenlos. Stuttgart 21, sein absehbares Scheitern und die Kultur des Widerstands\u201c zugesandt. Jeweils mit Widmung des Autors.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><br>Der Artikel erschien am 3.10. zuerst in der Zeitschrift <a href=\"https:\/\/www.ossietzky.net\/\">Ossietzky<\/a> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 23. 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