{"id":1340,"date":"2021-01-16T23:11:00","date_gmt":"2021-01-16T22:11:00","guid":{"rendered":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=1340"},"modified":"2023-04-08T01:08:40","modified_gmt":"2023-04-07T23:08:40","slug":"pflege-krieg-euthanasie-morde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=1340","title":{"rendered":"Pflege, Krieg, \u201eEuthanasie\u201c-Morde"},"content":{"rendered":"\n<h2>Vom fatalen Frauenbild zur Vernichtung von \u201elebensunwertem Leben\u201c<\/h2>\n\n\n\n<p>1907 wurde im Unterrichtsbuch f\u00fcr die weibliche Krankenpflege festgehalten: \u201eIm Kriege werden sie [die Berufskrankenpflegerinnen] in erster Linie in den Heilanstalten auf dem Kriegsschauplatze gebraucht werden [\u2026] Es handelt sich in der Kriegst\u00e4tigkeit ausschlie\u00dflich um die Pflege von kranken M\u00e4nnern.\u201c Die zweite Auflage dieses Standardwerks, erschienen 1913, enthielt erg\u00e4nzende Anweisungen \u00fcber den Einsatz, die Pflichten und die Aufgaben der \u201eweiblichen freiwilligen und der Berufskrankenpflege im Kriege\u201c. Ein Jahr vor Beginn des Ersten Weltkriegs wusste man bereits, dass der Krieg \u2013 vorbereitet von denen, die sich f\u00fcr die Elite in Deutschland hielten \u2013 kommen w\u00fcrde. Und wie wichtig dann Krankenschwestern sein w\u00fcrden. Schlie\u00dflich sei die Frau \u2013 auch diese Erkenntnis findet sich in dem Lehrbuch \u2013 \u201edurch Charakter mehr f\u00fcr das Werk der Barmherzigkeit geeignet als der Mann.\u201c1<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>M\u00e4nner f\u00fchren Krieg und t\u00f6ten M\u00e4nner, Frauen und Kinder. Frauen pflegen die verwundeten M\u00e4nner. Diese gesellschaftliche Aufgabenteilung zieht sich wie ein \u201eRotes-Kreuz-Band\u201c durch die Geschichte der Krankenpflege der letzten 170 Jahre.<\/p>\n\n\n\n<p>Bereits das Krankenpflege-Vorbild Florence Nightingale fand ihre erste \u00f6ffentlichkeitswirksame Bet\u00e4tigung im Krim-Krieg 1853-1856. Damals starben laut britischer Times \u201emehr Soldaten vor K\u00e4lte, an Thyphus, Cholera und Ruhr als durch feindliche Angriffe \u2028auf dem Schlachtfeld\u201c.2<\/p>\n\n\n\n<p>Nightingale handelte zweifelsohne ehrlich, Menschlichkeit praktizierend. Doch diese Art effizienter Krankenpflege diente prim\u00e4r dazu, menschliches Kanonenfutter zu recyceln und den Krieg effizienter zu f\u00fchren. Die aus dem Einsatz von Nightingale hervorgegangenen Krankenpflegeschulen \u2013 eine erste mit Namen Nightingale Training School of Nurses at St. Thomas Hospital wurde 1860 in London gegr\u00fcndet \u2013 fanden auch in den vom britischen Empire besetzten Koloniall\u00e4ndern, so in Indien, Verbreitung \u2013 im Dienste des Kolonialismus.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) hat ebenfalls den Krieg als Referenzpunkt: die Schlacht von Solferino 1859, als Tausende verwundete \u00f6sterreichische, franz\u00f6sische und italienische Soldaten ohne Hilfe auf dem Schlachtfeld zur\u00fcckblieben. Dies veranlasste den in Genf geborenen Henry Dunant zur Gr\u00fcndung der IKRK-Vorg\u00e4ngerorganisation, dem \u201eInternationalen Komitee der Hilfsgesellschaften f\u00fcr die Verwundetenpflege\u201c. Die Hunderttausende Frauen und M\u00e4nner, die sich in den letzten 175 Jahren f\u00fcr Rotkreuz-Arbeit aufopferten, taten dies zweifellos in ihrer Mehrheit, um Menschlichkeit zu praktizieren. Das IKRK als Institution \u2013 mit Sitz in der Schweiz \u2013 hat jedoch w\u00e4hrend der NS-Diktatur menschliches Leben und menschliche W\u00fcrde oft nicht verteidigt. Kenntnisse des Internationalen Roten Kreuzes \u00fcber die Existenz der NS-Vernichtungslager und die Deportation der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung wurden nicht \u00f6ffentlich gemacht. Das IKRK sta nd vor allem im Zeitraum 1935 bis 1945 unter dem Einfluss der Schweizer Regierung, deren prim\u00e4res Ziel die Einhaltung ihrer Neutralit\u00e4t war \u2013 was die finanzielle Zusammenarbeit mit dem NS-Regime, einschlie\u00dflich des Einschmelzens von Zahngold der KZ-Opfer, und die Auslieferung Tausender in die Schweiz Gefl\u00fcchteter an das NS-Regime einschloss.3<\/p>\n\n\n\n<p>Kriege waren Katalysatoren hinsichtlich der Zahl der Krankenschwestern. Im Ersten Weltkrieg waren in Europa mehr als eine Million Frauen als Pflegerinnen in den Kriegslazaretten im Einsatz. Allein in Deutschland verdreifachte sich das Pflegepersonal im Zeitraum 1910 bis 1918; am Kriegsende waren mehr als 220.000 Menschen \u2013 weit \u00fcberwiegend Krankenschwestern \u2013 in der Pflege besch\u00e4ftigt. Eine \u00e4hnliche Entwicklung gab es im Zweiten Weltkrieg. Die Zahl der Lernschwestern des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) stieg bereits in den Friedensjahren 1933 bis 1939 um 50 Prozent; w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs wuchs sie nochmals an. Bereits vor Kriegsbeginn f\u00fchrte das DRK Sanit\u00e4tskurse f\u00fcr den Kriegseinsatz durch.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Zeit des NS-Regimes blieb das Deutsche Rote Kreuz formal unabh\u00e4ngig, um den Kriterien des IKRK zu gen\u00fcgen. Die DRK-F\u00fchrung war jedoch durchsetzt mit NSDAP-Mitgliedern. Als Ziel der Krankenpflege durch DRK-Schwestern wurde formuliert, \u201edie Kranken, die Verwundeten wirklich zu heilen, sie wieder zu K\u00e4mpfern zu machen, die mit unersch\u00fctterlicher Seele wieder in Reih und Glied treten.\u201c4 Das DRK hatte im Zweiten Weltkrieg faktisch das Monopol f\u00fcr die Kriegskrankenpflege. Die Wiener Pflegep\u00e4dagogin Irene Messner stellt hierzu fest: \u201eOhne diese Unterst\u00fctzung [durch das DRK] w\u00e4re die deutsche Wehrmacht nicht in der Lage gewesen, die medizinische Versorgung an der Front sicherzustellen. [\u2026] Die Kriegskrankenschwester stellte ein ideologisches Modell dar [\u2026] Sie stand dem deutschen Soldaten als Kameradin und Helferin zur Seite.\u201c5<\/p>\n\n\n\n<p>Die Generaloberin des Deutschen Roten Kreuzes war ab 1935 und in der gesamten Zeit der NSDAP-Herrschaft Luise von Oertzen. Sie war NSDAP-Mitglied. Ab 1949 war Luise von Oertzen wieder im DRK pr\u00e4sent. Zun\u00e4chst als Vizepr\u00e4sidentin, und von 1952 bis 1961 erneut als Pr\u00e4sidentin. 1959 wurde ihr die Florence-Nightingale-Medaille verliehen.6<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Krieg begann im NS-Reich auch die massenhafte T\u00f6tung von \u201elebensunwertem Leben\u201c, verharmlosend als Euthanasie bezeichnet. Mehr als 200.000 Menschen mit k\u00f6rperlichen und geistigen Behinderungen wurden in den Krankenh\u00e4usern und zum Teil in speziell daf\u00fcr eingerichteten T\u00f6tungsanstalten umgebracht. \u201eDie Auswahl der zu t\u00f6tenden Patientinnen und Patienten wurde dezentral, das hei\u00dft, in der Anstalt, vorgenommen, meist w\u00e4hrend der Visite. Die Namen der Patientinnen wurden von der Oberschwester oder dem Oberpfleger notiert. Diese Patientinnen wurden dann in ein speziell daf\u00fcr vorgesehenes Zimmer verlegt und [meist] mit Medikamenten umgebracht.\u201c7 In erster Linie waren f\u00fcr diese Massenmorde die NSDAP-F\u00fchrer und die \u00c4rzte, die die Auswahl vornahmen, verantwortlich. Tatsache ist jedoch auch, dass das Pflegepersonal in den Anstalten und Krankenh\u00e4usern in den allermeisten F\u00e4llen die erteilten Anordnungen umsetzte und damit Beihilfe zum Massenmord leistete. Die hierarchische Struktur der Pflege, das st\u00e4ndische Bewusstsein und die fatale Orientierung an einer \u201eVolksgesundheit\u201c beg\u00fcnstigten den Massenmord.<\/p>\n\n\n\n<p>Als es in der aktuellen Epidemie seitens der Corona-Leugner immer wieder die fatalen Hinweise auf \u201eVorerkrankungen\u201c und das \u201eDurchschnittsalter\u201c der Corona-Toten gab, schrieb der Schweizer Arzt Robert Vogt: \u201eEs ist das Resultat der Medizin, dass man nach drei Nebendiagnosen bei guter Lebensqualit\u00e4t ein hohes Alter erreichen kann. Diese positiven Errungenschaften sind nun pl\u00f6tzlich nur noch eine Last. [\u2026] Gewisse Kommentare haben den \u00fcblen Geruch der Eugenik.\u201c8<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Anmerkungen:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>1 Unterrichtsbuch f\u00fcr die weibliche Krankenpflege im Auftrag des Zentralkomitees des Preu\u00dfischen Landesvereins vom Roten Kreuz, bearbeitet von Dr. K\u00f6rting, Berlin 1913, wiedergegeben in: Birgit Panke-Kochinke, Die Geschichte der Krankenpflege (1679-2000). Ein Quellenbuch, Frankfurt 2020, S. 179f.<\/p>\n\n\n\n<p>2 Zitiert in: Hellmuth Vensky, Das Verm\u00e4chtnis der Florence Nightingale, in: Die Zeit, 16.8.2010.<\/p>\n\n\n\n<p>3 Eine Bindeglied war dabei Philipp Etter, in der Schweiz Bundespr\u00e4sident in den Jahren 1939, 1942, 1947 und 1953, zugleich Mitglied im IKRK.<\/p>\n\n\n\n<p>4 Zitiert bei: Daniela Duesterberg, Pflege im Zweiten Weltkrieg, in: Hilde Steppe (Hrsg.), Krankenpflege im Nationalsozialismus, Frankfurt\/M. 1991, hier 11. Auflage 2020. S. 132.<\/p>\n\n\n\n<p>5 Irene Messner, Geschichte der Pflege, Wien 2017, S. 111.<\/p>\n\n\n\n<p>6 Siehe Hilde Steppe, a.a.O., S. 222. In dem Band \u201e100 Jahre Verband der Schwesternschaften vom Deutschen Roten Kreuz, 1882-1982 (erschienen 1982) findet sich ein Foto von Luise von Oertzen, das durch Beschnitt die Abzeichen mit Hakenkreuz unsichtbar macht (Originalfoto mit Hakenkreuz im Spiegel 26. 6.1957).<\/p>\n\n\n\n<p>7 Siehe Hilde Steppe, a.a.O., S.161.<\/p>\n\n\n\n<p>8 In: Mittell\u00e4ndische Zeitung vom 7. 4.2020; auch bei: Kreilinger\/Wolf\/Zeller, Corona, Kapital, Krise, K\u00f6ln 2020, S.185.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dieser Beitrag erschien in Lunapark21, Heft 52<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom fatalen Frauenbild zur Vernichtung von \u201elebensunwertem Leben\u201c 1907 wurde im Unterrichtsbuch f\u00fcr die weibliche Krankenpflege festgehalten: \u201eIm Kriege werden sie [die Berufskrankenpflegerinnen] in erster Linie in den Heilanstalten auf dem Kriegsschauplatze gebraucht werden [\u2026] Es handelt sich in der Kriegst\u00e4tigkeit ausschlie\u00dflich um die Pflege von kranken M\u00e4nnern.\u201c Die zweite &hellip; <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[23],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1340"}],"collection":[{"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1340"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1340\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1343,"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1340\/revisions\/1343"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1340"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1340"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1340"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}