{"id":1426,"date":"2021-06-28T20:02:08","date_gmt":"2021-06-28T18:02:08","guid":{"rendered":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=1426"},"modified":"2021-07-19T11:33:43","modified_gmt":"2021-07-19T09:33:43","slug":"blog-17-es-rettet-uns-kein-hoehres-wesen-schon-gar-nicht-das-klima","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=1426","title":{"rendered":"blog 17: Es rettet uns kein h\u00f6h\u2018res Wesen \u2013 schon gar nicht das Klima"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<h2>Katastrophen,Kapital, Karlsruhe-Entscheid, Shell-Urteil und die Illusion eines \u201eWeiter so\u201c mit \u00d6kostrom und \u00d6ko-Pkw<\/h2>\n\n\n\n<p>In den letzten Wochen gab es drei richtungsweisende Entscheidungen, die beim Umgang mit dem Thema Klimakatastrophe einiges ver\u00e4ndern k\u00f6nnten. Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe verpflichtete Ende April in einem Beschluss den Gesetzgeber zu konkreten Ma\u00dfnahmen des Klimaschutzes noch vor 2030. Am 26. Mai verurteilte ein Bezirksgericht in Den Haag den niederl\u00e4ndisch-britischen \u00d6lriesen Shell dazu, den CO2-Aussto\u00df seiner Gesch\u00e4ftst\u00e4tigkeit bis 2030 um 45 Prozent zu senken. Am selben Tag gelang es einem eher kleinen Investmentfonds auf der Aktion\u00e4rsversammlung des gr\u00f6\u00dften US-\u00d6lkonzerns, Exxon, gegen die Vorstellungen der Konzernf\u00fchrung drei von zw\u00f6lf Verwaltungsratsposten mit Leuten zu besetzen, die f\u00fcr eine Kehrtwende hin zu Erneuerbaren Energien eintreten. Es waren vor allem Kapitalanleger wie der kalifornische Lehrerpensionsfonds Calsters, die sich hinter die Gruppe Engine Nr. 1 gestellt und damit diese Palastrevolution bei Exxon erm\u00f6glicht hatten.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Die drei Entscheidungen passen in das Bild gr\u00f6\u00dferer Ver\u00e4nderungen in der Weltenergiebranche. So galt die Internationale Energieagentur (IEA) bis vor kurzem als knallharte Vertreterin der fossilen Wirtschaft. Noch Anfang 2021 pr\u00e4sentierte sie Folien, wonach es ab dem Jahr 2026 zu einem Nachfrageanstieg beim weltweiten \u00d6lverbrauch von zehn Millionen Barrel pro Tag \u2013 das entspr\u00e4che einem Plus von gut zehn Prozent \u2013 kommen w\u00fcrde. Dieselbe IEA vollzog jedoch inzwischen einen 180-Grad-Schwenk. Nun hei\u00dft es, wolle man das Ziel der Beschr\u00e4nkung der Erderw\u00e4rmung auf 1,5 Grad-Celsius einhalten, k\u00f6nne man im Jahr 2050 \u201enur noch ein F\u00fcnftel der weltweiten Energienachfrage mit fossilen Quellen decken\u201c.1 Womit sich die Agentur unzweideutig hinter die Klimaschutzziele stellt und sich f\u00fcr einen Ausstieg aus fossilen Energien ausspricht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch geben die Entwicklungen keine Veranlassung zu gro\u00dfem Optimismus. Die Energiekonzerne sind weiterhin extrem m\u00e4chtig; \u201eein dreckiges Dutzend\u201c dominiert auch heute die Spitzengruppe der \u201eGlobal 500\u201c.2 Die beim Thema CO2-Emissionen wichtigste Wirtschaftsmacht, die Volksrepublik China, will bis 2025 weitere Kohlekraftwerke in Betrieb nehmen. Um die Dimensionen zu verdeutlichen: 2020 wurden weltweit Kohlekraftwerke mit einer Leistung von 17 Gigawatt abgeschaltet. Im selben Jahr nahm die VR China neue Kohlekraftwerke mit einer Leistung von 30 Gigawatt in Betrieb.3 Nachdem der \u00d6lpreis in den vergangenen Monaten wieder deutlich stieg, f\u00e4hrt die Fracking-Industrie in den USA die Gas- und \u00d6lf\u00f6rderung wieder hoch.4 Es stellt sich die Frage: Warum sollte eine Branche, die gerade beim Thema Klima mehr als zwei Jahrzehnte lang mit kriminellen Methoden arbeitete, sich jetzt pl\u00f6tzlich \u2013 und bei weitgehend identischem F\u00fchrungspersonal \u2013 zu Klimasch\u00f0 ctzern wandeln? Es sei daran erinnert: Die \u00d6lkonzerne finanzierten in gro\u00dfem Ma\u00dfstab Studien und Institute, deren einzige Aufgabe darin bestand, den Klimawandel zu leugnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Klimaschutzma\u00dfnahmen, die von dieser Seite als \u201ealternativ\u201c und \u201enachhaltig\u201c ausgegeben werden, erweisen sich bei n\u00e4herer Betrachtung durchweg als ein teurer, technisch kaum zu stemmender Ersatz von fossiler Energie, der in der Regel mit neuem Verbrauch knapper Ressourcen \u2013 etwa Wasser \u2013 verbunden sein wird. Paradebeispiel daf\u00fcr ist der geplante Ersatz der Verbrenner-Pkw durch Elektroautos. Die daran gekn\u00fcpften Hoffnungen entspringen dem Glauben, es rette uns ein h\u00f6heres Wesen! Es rette uns ausgerechnet diejenige Produktionsweise, die seit mehr als 250 Jahren die Zerst\u00f6rung der Ressourcen und die Klimaerw\u00e4rmung produziert. Das Kapital werde das Menschengeschlecht und den Planeten ab sofort auf einen gr\u00fcnen Pfad und in eine nachhaltige Zukunft f\u00fchren. Wie offensichtlich die Verantwortlichen in Washington, Br\u00fcssel, Berlin oder Wien in diesen Tagen das Gegenteil von einer nachhaltigen Klimapolitik betreiben, wird am Beispiel Flugverkeh r deutlich. Anstatt den bestehenden R\u00fcckgang des Flugverkehrs als neue Ausgangsbasis f\u00fcr Nachhaltigkeit zu begreifen, flie\u00dfen weltweit mehr als 300 Milliarden Euro Steuergelder in Airlines, Airports und Flugzeugindustrie, um m\u00f6glichst schnell wieder das unverantwortlich hohe Niveau von 2019 zu erreichen. Ich erinnere an unsere Quartalsl\u00fcge im vorigen Heft: Der scheinbar krass abgesackte Flugverkehr des Corona-Jahres 2020 entsprach dem Weltflugverkehr des Jahres 2004, der wiederum doppelt so gro\u00df war wie der Weltflugverkehr im Jahr 1985. War die Zeit vor 2005 denn eine des Stillstands, der eingefrorenen Mobilit\u00e4t, eine Zeit umfassender Traurigkeit?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Hoffnung, es rette uns ein h\u00f6h\u00b4res Wesen, verbindet sich in Deutschland mit der Bundestagswahl am 26. September, in deren Folge die Gr\u00fcnen wahrscheinlich auch auf Bundesebene Regierungspartei sein werden. Eigentlich gibt es gen\u00fcgend Beispiele daf\u00fcr, dass eine solche Regierung f\u00fcr fl\u00e4chendeckendes Greenwashing stehen und keine grunds\u00e4tzliche Politikwende herbeif\u00fchren wird. Schlie\u00dflich waren es gr\u00fcne Umweltminister, die in Schleswig-Holstein und Hessen gegen deutlichen Widerstand den Neubau von Autobahnen durchsetzten. In Baden-W\u00fcrttemberg, wo die Gr\u00fcnen sogar den Ministerpr\u00e4sidenten und den Verkehrsminister stellen, legte Gr\u00fcn-Schwarz vor wenigen Wochen einen neuen Koalitionsvertrag vor, in dem gleich noch ein \u201ezweites Stuttgart21\u201c vereinbart wurde.5 Und Toni Hofreiter, der Ambitionen auf das Amt des Bundesverkehrsministers hat, antwortete im Juni auf die Frage: \u201eM\u00fcssten Sie den Deutschen nicht sagen: Liebe Leute, um das 1,5 -Grad-Ziel zu schaffen, m\u00fcssen wir weniger Auto fahren, weniger fliegen, weniger Fleisch essen?\u201c mit: \u201eNein! Wie soll das denn gehen? \u2026 Wir leben in einer freien Gesellschaft\u2026 Ihre pers\u00f6nliche Lebensf\u00fchrung geht mich nichts an. Sie k\u00f6nnen von mir aus einen Schweinebraten essen und danach nach Mallorca fliegen, so oft sie wollen.\u201c6<\/p>\n\n\n\n<p>Doch gerade darum wird es gehen: um eine radikale Reduktion der Zahl der Autos, um ein Verbot von Kurzstreckenfl\u00fcgen, um eine deutliche Reduktion des Fleischkonsums und um eine massive Reduktion des Energieverbrauchs \u2013 und damit auch um \u201edie pers\u00f6nliche Lebensf\u00fchrung\u201c, besser gesagt: um die Verwirklichung eines nachhaltigen Lebensmodells.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Zielsetzungen werden nicht durch kapital-immanente Entwicklungen umzusetzen sein. Das G7-Treffen in Cornwall, der Nato-Gipfel und der EU-USA-Gipfel in Br\u00fcssel haben lediglich eines klar gemacht: Es k\u00f6nnte sein, das es vor der Klimakatastrophe eine milit\u00e4rische und atomare Katastrophe \u2013 einen Krieg des Westens gegen China \u2013 und gegebenenfalls gegen Russland \u2013 geben wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Kampf gegen die Klimakatastrophe m\u00fcssten es in erster Linie die jungen Menschen sein, die sich bei Fridays for Future, im Dannenr\u00f6der Forst, im Hambacher Forst und an anderen Brennpunkten engagieren, sein, die ein Massenbewusstsein von einem nachhaltigen Lebensmodell, davon, dass weniger mehr ist, schaffen. Diese Menschen k\u00e4mpfen daf\u00fcr, dass der Klimaschutz demokratisch umgesetzt wird \u2013 und nicht im Rahmen einer \u00d6kodiktatur. In den Worten von Niko Paech, dem verdienten K\u00e4mpfer f\u00fcr eine \u201ePostwachstums\u00f6konomie\u201c: \u201eEs besteht bestenfalls noch die Wahl zwischen einem chaotischen oder freiwillig geordneten R\u00fcckzug aus dem \u00f6kosuizidalen \u00dcberfluss. Entweder wir \u00e4ndern uns, oder wir werden ge\u00e4ndert.\u201c7<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Anmerkungen:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>1 Katharina Kort und Katrin Witsch, Investoren dr\u00e4ngen \u00d6lkonzerne zur gr\u00fcnen Wende, in: Handelsblatt vom 26. Mai 2021.<\/p>\n\n\n\n<p>2 Siehe LP21 Heft 53, Seiten 38 ff, dort vor allem Fu\u00dfnote (4) auf Seite 42.<\/p>\n\n\n\n<p>3 Angaben nach der finnischen Klimaschutz-NGO CREA; wiedergegeben in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 19. Mai 2021.<\/p>\n\n\n\n<p>4 Vor der Krise betrieben die USA 700 Bohrl\u00f6cher. In der Krise waren es, wegen des niedrigen \u00d6lpreises, nur noch 176. Aktuell sind es bereits wieder 400. Nach: Die Welt vom 4. M\u00e4rz 2021.<\/p>\n\n\n\n<p>5 Im Stuttgarter gr\u00fcn-schwarzen Koalitionsvertrag vom Mai 2021 steht auf Seite 124, dass man sich auf den Bau einer zus\u00e4tzlichen \u201eErg\u00e4nzungsstation\u201c als Kopfbahnhof im Untergrund mit sechs Gleisen geeinigt habe. Damit gibt Gr\u00fcn-Schwarz einerseits unserer seit mehr als 20 Jahren ge\u00e4u\u00dferten Kritik, wonach der unterirdische S21-Durchgangsbahnhof mit acht Gleisen einem 30-Prozent-Kapazit\u00e4tsabbau gleichkommt, Recht. Andererseits wird die zerst\u00f6rerische und CO2-intensive Politik nochmals gesteigert. Siehe W. Wolf, Begrabt mein Herz an der Biegung der G\u00e4ubahn, Telepolis vom 11. Mai 2021. https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Gruene-und-CDU-bauen-ein-zweites-Stuttgart-21-6043638.html<\/p>\n\n\n\n<p>6 Interview mit Anton Hofreiter in: taz vom 10. Juni 2021.<\/p>\n\n\n\n<p>7 Nach: Streitgespr\u00e4ch zwischen Niko Paech und Otmar Edenhofer (Potsdam-Institut) in: S\u00fcddeutsche Zeitung vom 27. M\u00e4rz 2021.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Zuerst erschienen in Lunapark21, Heft 54<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Katastrophen,Kapital, Karlsruhe-Entscheid, Shell-Urteil und die Illusion eines \u201eWeiter so\u201c mit \u00d6kostrom und \u00d6ko-Pkw In den letzten Wochen gab es drei richtungsweisende Entscheidungen, die beim Umgang mit dem Thema Klimakatastrophe einiges ver\u00e4ndern k\u00f6nnten. 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