{"id":1431,"date":"2021-06-30T18:45:54","date_gmt":"2021-06-30T16:45:54","guid":{"rendered":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=1431"},"modified":"2021-06-30T18:58:15","modified_gmt":"2021-06-30T16:58:15","slug":"deutschland-hat-seine-klimaschutzziele-doch-noch-geschafft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=1431","title":{"rendered":"\u201eDeutschland hat seine Klimaschutzziele doch noch geschafft\u201c"},"content":{"rendered":"\n<h1><\/h1>\n\n\n\n<h2>quartalsl\u00fcge II\/MMXXI<\/h2>\n\n\n\n<p><strong>von Winfried Wolf und Emmo Frey <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In den vergangenen Jahren gab es des \u00d6fteren selbstkritische T\u00f6ne bei den f\u00fcr Umweltpolitik Verantwortlichen. Allzu deutlich war die Stagnation der CO2-Emissionen in einigen Wirtschaftsbereichen. Im Verkehrsbereich gab es zwischen 2014 und 2017 sogar einen Anstieg der Emissionen. Doch dann, im Fr\u00fchjahr 2021, schien die Welt wieder in Ordnung. \u201eDie Treibhausgasemissionen liegen 2020 im Vergleich zu 1990 um 40,8 Prozent niedriger.\u201c Und: \u201eDeutschland hat sein Klimaschutzziel doch noch geschafft.\u201c So lauteten die Schlagzeilen im M\u00e4rz.1<\/p>\n\n\n\n<p>Wobei, das sei korrekt hinzugef\u00fcgt: Die deutsche Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) und das Umweltbundesamt betonten, dass bei den besonders deutlichen CO2-R\u00fcckg\u00e4ngen im Corona-Jahr 2020 \u201edie Pandemie-Ma\u00dfnahmen eine wichtige Rolle spielten\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch es bleibt der Tenor: Deutschland ist wieder auf dem gr\u00fcnen Pfad. Die vielfache Kritik aus fr\u00fcheren Jahren, wonach das Etikett \u201eMusterknabe Deutschland in Sachen Umweltpolitik\u201c l\u00e4ngst zerkratzt und verbeult sei, scheint vergessen.2<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist eben doch so: Die Behauptung einer deutlichen Verringerung an CO2-Emission aufgrund einer engagierten Klimapolitik ist zum gr\u00f6\u00dften Teil falsch. Es waren \u00fcberwiegend \u00e4u\u00dfere Faktoren und ungewollte Ereignisse, die die beschriebene CO2-Reduktion herbeif\u00fchrten. Vor allem kommt die Bezugnahme auf das Jahr 1990 einer Rosst\u00e4uscherei gleich. Doch im Einzelnen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" width=\"650\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/winfriedwolf.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/54-grafik-treibhausgase-650x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1435\" srcset=\"https:\/\/winfriedwolf.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/54-grafik-treibhausgase-650x1024.jpg 650w, https:\/\/winfriedwolf.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/54-grafik-treibhausgase-190x300.jpg 190w, https:\/\/winfriedwolf.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/54-grafik-treibhausgase.jpg 762w\" sizes=\"(max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Gesamtemissionen kumulativ: Die Kurve in der oberen Grafik f\u00e4llt von 1249 Millionen Tonnen CO2 auf 739 Millionen Tonnen 2020 stark ab \u2013 insgesamt um 510 Millionen Tonnen oder um 40,8 Prozent. Einen ersten massiven R\u00fcckgang gab es im Zeitraum 1990 bis 1995 von 1249 auf 1121 Millionen Tonnen. In absoluten Zahlen war dies ein R\u00fcckgang um 128 Millionen Tonnen; prozentual um gut 10 Prozent. Das l\u00e4sst sich jedoch fast komplett auf die Deindustrialisierung der DDR zur\u00fcckf\u00fchren. Wirksame Ma\u00dfnahmen zur CO2-Reduktion gab es damals nicht. Und die Autoflotte wuchs damals sogar stark (siehe unten). Einen zweiten erheblichen Einbruch um 69 Millionen Tonnen oder sieben Prozent gab es zwischen 2007 und 2009 in Folge der Weltwirtschafts- und Finanzkrise. Ab 2016 machen sich die erneuerbaren Energien bemerkbar. Der beschleunigte R\u00fcckgang 2020 um 8,7 Prozent ist, wie erw\u00e4hnt, den Corona-Restriktionen geschuldet.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch sehen wir uns die Entwicklung der einzelnen Sektoren an, die f\u00fcr die Treibhausgasemissionen relevant sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Energiesektor: Hier hatten wir 1995 bis 2013 mehr oder weniger eine Stagnation. Der leichte Anstieg 2011 d\u00fcrfte auf das Abschalten erster AKW bei gleichzeitigem Hochfahren von Braunkohleverstromung zur\u00fcckzuf\u00fchren sein. Ab 2013 machen sich die Erneuerbaren positiv bemerkbar. Da d\u00fcrfte es 2022\/2023 einen Bremseffekt geben, wenn alle AKW abgeschaltet werden und wenn der aktuelle Atomstromanteil von derzeit noch zw\u00f6lf Prozent nicht in G\u00e4nze von einem entsprechenden Hochfahren der Erneuerbaren kompensiert werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Industriesektor: Zwischen 1999 und 2019 herrschte weitgehend Stagnation. Ein wirksamer Wille zur CO2-Einsparung scheint hier nicht vorzuliegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Verkehrssektor: Hier sieht es besonders traurig aus. Nach der Wende gab es die massenhafte Motorisierung im Osten. Ab dem Jahr 1999 kam es zu einer gewissen Reduktion der Emissionen. Doch ab 2013\/14 erfolgt stiegen zusammen mit der SUV-Welle die CO2-Emissionen wieder an. Dem Einbruch 2020 sollte man, da strikt Corona-bedingt, nicht trauen; bereits 2021 d\u00fcrfte diese Delle wieder ausgeglichen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Geb\u00e4udesektor: Hier gibt es ab 1995 einen stetigen, aber eher m\u00e4\u00dfigen R\u00fcckgang der CO2-Emissionen. Sicherlich auch, weil Geb\u00e4uded\u00e4mmung, verbesserte Heiztechnik (Brennwertkessel) und erg\u00e4nzende Ma\u00dfnahmen ein gutes Gesch\u00e4ft f\u00fcr die Bauwirtschaft darstellten. Beim Verkehr sieht das leider nicht so aus; weniger Autos, kleinere Autos, weniger PS \u2013 das sind wohl keine Anreize, wenigsten nicht f\u00fcr Leute mit BWL-Studium.3<\/p>\n\n\n\n<p>Landwirtschaft: Auf der ganzen Linie leider so gut wie nichts! Ist die Zunahme des \u00d6kolandbaus in Deutschland so schwach, dass man keinen Einfluss erkennen kann?<\/p>\n\n\n\n<p>Milit\u00e4r: \u00dcber die nicht unerheblichen CO2-Mengen unseres v\u00f6llig \u00fcberfl\u00fcssigen Milit\u00e4rs schweigt sich das Umweltbundesamt aus. Lediglich bei den Geb\u00e4udeemissionen werden \u201eMilit\u00e4rgeb\u00e4ude\u201c, also Kasernen, ber\u00fccksichtigt. Man will ja korrekt sein. Das Kriegsger\u00e4t ist jedoch nicht zu vernachl\u00e4ssigen. Immerhin schluckt so ein Panzer rund 500 Liter Treibstoff auf 100 Kilometer. Ein Kampfflugzeug verbraucht bei einem 30-Minuten-Einsatz gut 1000 Liter. Wer auch nur im Geringsten beim Klimaschutz glaubhaft sein will, muss ohne Wenn und Aber abr\u00fcsten. Und zwar zu 100 Prozent!<\/p>\n\n\n\n<p>Gesamtbilanz4: Das Klimaschutzziel f\u00fcr Deutschland wurde zun\u00e4chst \u2013 bewusst \u2013 falsch definiert, indem als Bezugsgr\u00f6\u00dfe das Jahr 1990 gew\u00e4hlt wurde. Das gilt nat\u00fcrlich auch f\u00fcr entsprechende Zielvorgaben der EU, wenn diese ebenfalls 1990 als Basisjahr w\u00e4hlt. Schlie\u00dflich kam es in ganz Osteuropa zu einem radikalen Deindustrialisierungsprozess. Zur\u00fcck zu Deutschland: Rechnet man die Folgen des Abbaus der industriellen Kapazit\u00e4ten Ostdeutschlands heraus und nimmt nur den Zeitraum 1995 bis 2020, dann gab es einen bescheidenen 28-Prozent-CO2-R\u00fcckgang in einem Vierteljahrhundert.<\/p>\n\n\n\n<p>Notwendig ist sodann, die Effekte der Krisenjahre 2008\/09 herauszurechnen. Schlie\u00dflich war dies aus Sicht der Verantwortlichen ein Betriebsunfall. Damit reduziert sich der auf Klimapolitik zur\u00fcckzuf\u00fchrende R\u00fcckgang der CO2-Emissionen der vergangenen 25 Jahre auf gut 20 Prozent oder auf rund 1,5 Prozent pro Jahr. Das ist ein ausgesprochen blamables Ergebnis.<\/p>\n\n\n\n<p>Wobei die Bunderegierung und die Parteien CDU\/CSU, SPD, FDP und AfD in den Wochen vor der Bundestagswahl t\u00f6nen, man werde alles daf\u00fcr einsetzen, um 2021 und 2022 hohe Wachstumsraten zu erzielen. Im Klartext: Man will alle Kr\u00e4fte b\u00fcndeln, um die CO2-Emissionen wieder zu steigern.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Anmerkungen:<\/strong><br>1  Hier nach einem Bericht der Deutschen Welle am 16. M\u00e4rz 2021.<br>2  Die folgenden Ausf\u00fchrungen zu dieser Quartalsl\u00fcge stammen weitgehend von dem Lunapark21- Leser, Emmo Frey. Die Grafik wurde komplett aus dessen Zusendung \u00fcbernommen. Siehe dazu auch das Editorial auf Seite 3.<br>3  An dieser Stelle schrieb E.F. erg\u00e4nzend: \u201eEs w\u00e4re reizvoll, in diesem Bereich den Einfluss verschiedener<br>Ma\u00dfnahmen wie W\u00e4rmeschutzverordnungen (sp\u00e4ter Energieeinsparungsverordnungen genannt),<br>Verkaufsmengen der D\u00e4mmstoffindustrie, Einf\u00fchrung der Brennwerttechnik oder der W\u00e4rmepumpen<br>zu untersuchen\u201c.<br>4  Die Gesamtbilanz dann als Text der LP21-Redaktion \u2013 aber durchaus wohl im Sinne von Emmo Frey.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Zuerst ver\u00f6ffentlicht in Lunapark21, Heft 54<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>quartalsl\u00fcge II\/MMXXI von Winfried Wolf und Emmo Frey In den vergangenen Jahren gab es des \u00d6fteren selbstkritische T\u00f6ne bei den f\u00fcr Umweltpolitik Verantwortlichen. Allzu deutlich war die Stagnation der CO2-Emissionen in einigen Wirtschaftsbereichen. Im Verkehrsbereich gab es zwischen 2014 und 2017 sogar einen Anstieg der Emissionen. 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