{"id":1498,"date":"2021-08-25T19:29:00","date_gmt":"2021-08-25T17:29:00","guid":{"rendered":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=1498"},"modified":"2021-08-25T19:31:02","modified_gmt":"2021-08-25T17:31:02","slug":"drama-in-kabul-und-wachsende-kriegsgefahr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=1498","title":{"rendered":"Drama in Kabul und wachsende Kriegsgefahr"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Reiner Braun \u00b7 Michael M\u00fcller \u00b7  Winfried Wolf<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der zwanzigj\u00e4hrige Krieg in Afghanistan hat eine ganze Region mit Millionen Menschen ins Unheil gest\u00fcrzt und weltweit die Militarisierung der Konflikte und die Dynamik der Gewalt beschleunigt. Der Abzug der westlichen Milit\u00e4rs aus dem Land stellt eine schwere Niederlage f\u00fcr die USA, die Nato, die deutsche Regierung und die Bundeswehr dar. Vergleiche mit Vietnam 1975 dr\u00e4ngen sich auf. Sie sind teilweise richtig, teilweise falsch. Auch in Vietnam erlitt der Westen eine schwere Niederlage. Es siegten jedoch fortschrittliche Kr\u00e4fte. Im Fall Afghanistan ist die westliche Niederlage verbunden mit dem Sieg einer extrem frauenfeindlichen, reaktion\u00e4ren, gewaltt\u00e4tigen Gruppe.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>F\u00fcr uns ergeben sich drei Lehren aus dem zwanzigj\u00e4hrigen Afghanistan-Abenteuer.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lehre 1:<\/strong> Das fatale Modell des Afghanistan-Einsatzes wird es auch in der Zukunft geben. Der westliche Krieg am Hindukusch folgte einem klassischen Muster imperialistischer Politik: Man nimmt einen kriminellen Anlass (9\/11), besetzt die identifizierte, geopolitisch wichtige Region milit\u00e4risch, installiert dort eine korrupte Marionettenregierung (Karzai-Ghani) und verfolgt so seine machtpolitischen und Rohstoff-Interessen. Das war vergleichbar in Vietnam Anfang der 1960er Jahre. Das war so im Irak 1990 und 2002. Bei all dem aktuellen Wehklagen \u00fcber die \u201eKatastrophe in Afghanistan\u201c hat der Westen dieser Politik mit keinem Wort abgeschworen. Im Gegenteil. In Mali proben Frankreich und Deutschland ein weiteres Modell imperialistischer Intervention. In Mozambique organisiert und finanziert die EU derzeit nach vergleichbarem Muster eine 1500 Mann starke \u201eSchnelle Eingreiftruppe\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lehre 2: <\/strong>Noch im R\u00fcckzug aus Kabul orientiert die US-Regierung auf den gro\u00dfen Krieg. US-Pr\u00e4sident Joe Biden begr\u00fcndete den Truppenabzug aus Afghanistan laut Frankfurter Allgemeine Zeitung (18.8.) wie folgt: Die USA m\u00fcssten sich jetzt auf \u201edie heutigen entscheidenden Bedrohungen konzentrieren\u201c. Die \u201ewahren Rivalen Amerikas\u201c seien \u201eRussland und China\u201c. Diese s\u00e4hen es \u201enur zu gerne\u201c, wenn Washington seine \u201eWachsamkeit und Mittel\u201c auf Afghanistan verschwenden w\u00fcrde. Klarer konnte die Orientierung auf einen gro\u00dfen Krieg kaum formuliert werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lehre 3:<\/strong> Der Afghanistan-Krieg war gegen Russland und China gerichtet. Er war Teil einer Einkreisungspolitik. Beides wird nach dem R\u00fcckzug aus Kabul verst\u00e4rkt fortgesetzt. F\u00fcr die Pentagon-Strategen war der Einmarsch in Afghanistan ein zentraler Baustein ihrer Konfrontationspolitik gegen Russland und China. So wie sie bereits in den 1980er Jahren Saudi Arabien \u2013 die Ausgangsbasis von Osama bin Laden \u2013 und weitere reaktion\u00e4re Golfstaaten finanziert und die Vorl\u00e4ufer der Taliban mit modernen Waffen ausger\u00fcstet hatten, damit diese die damalige sowjetische Armee aus Afghanistan vertreiben konnten. Der aktuelle Abzug der westlichen Truppen aus Afghanistan entspricht damit einer Frontbegradigung. Dabei ist nicht einmal ausgemacht, ob aus den Taliban-K\u00e4mpfern in Kabul nicht am Ende ein westlich orientiertes Regime wird. Schlie\u00dflich hatte die US-Regierung vor 9\/11 mit den Taliban \u00fcber den Bau einer Erdgaspipeline durch das Land verhandelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Orientierung auf einen gro\u00dfen Krieg l\u00e4uft auf hohen Touren. Die Politik der Einkreisung Russlands und Chinas wurde in den letzten Jahren beschleunigt. Siehe die Man\u00f6ver Defender 2021 und die Stationierung von rotierenden Nato-Verb\u00e4nden in Osteuropa. Diese Politik findet seit einiger Zeit auf hoher See ihre Erg\u00e4nzung: siehe die gesteigerte Pr\u00e4senz westlicher Kriegsschiffe vor der chinesischen K\u00fcste. Der ehemalige US-Admiral James G. Stavridis schreibt offen und ohne Widerspruch aus Washington, dass ein Krieg gegen China vorbereitet wird und dass dabei der Ausl\u00f6ser \u201eAuseinandersetzungen um Taiwan und um verschiedene Inseln im S\u00fcd- und Ostchinesischen Meer\u201c sein k\u00f6nnten (siehe Artikel S. 4).<\/p>\n\n\n\n<p>So wie der Afghanistan-Krieg ein Krieg des Westens und nicht allein ein US-Krieg war, so ist heute die Militarisierung der Welt gemeinsame westliche Politik. Das allgemeine Ziel, 2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts f\u00fcr R\u00fcstung auszugeben, ist der gemeinsame Nenner dieser Kriegsvorbereitungen. CDU\/CSU, SPD, FDP und AfD unterst\u00fctzen dieses Ziel. Die Gr\u00fcnen \u00e4u\u00dfern formal Bedenken. Gleichzeitig treten sie f\u00fcr eine aggressive Politik gegen\u00fcber Russland und China ein.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesen Wochen wird mit Recht der zynische Umgang der deutschen Regierung mit den afghanischen Hilfskr\u00e4ften kritisiert. Gleichzeitig gibt es bei den politisch Verantwortlichen eine gro\u00dfe Angst vor einer neuen Welle mit hunderttausenden afghanischen Fl\u00fcchtlingen. Es entstehen neue Grenzz\u00e4une und neue Mauern, so in der T\u00fcrkei, um Fl\u00fcchtlinge abzuwehren. In Wirklichkeit gibt es einen engen Zusammenhang zwischen Waffenexporten und milit\u00e4rischen Interventionen einerseits und dem wachsenden Heer von Fl\u00fcchtlingen andererseits. Wer Kriege s\u00e4t, wird Fl\u00fcchtlinge ernten.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor diesem Hintergrund ist eine Friedenpolitik vor allem von zwei Elementen bestimmt:<\/p>\n\n\n\n<p>Notwendig sind erstens ein menschenw\u00fcrdiger Umgang mit den Gefl\u00fcchteten, ein Ende der Politik \u201eFestung Europa\u201c mit Tausenden Ertrunkenen im Mittelmehr und die vollst\u00e4ndige Integration der Gefl\u00fcchteten in die Gesellschaft. Zweitens ben\u00f6tigen wir eine Politik der Abr\u00fcstung und Entspannung, des Abzugs der US-Atombomben von deutschem Boden und ein Ende von R\u00fcstungsexporten und R\u00fcstungsproduktion.<\/p>\n\n\n\n<p>Das zwanzigj\u00e4hrige Desaster in Afghanistan zeigt deutlich: Es ist Zeit f\u00fcr ein neues Friedensprojekt Europa. Grundlage f\u00fcr eine \u00fcberzeugende Friedenspolitik ist eine sozial-\u00f6kologische Weltinnenpolitik.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Am 25.8.21 erschienen in der Printausgabe der &#8222;Zeitung gegen den Krieg&#8220; Nr. 49 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Reiner Braun \u00b7 Michael M\u00fcller \u00b7 Winfried Wolf Der zwanzigj\u00e4hrige Krieg in Afghanistan hat eine ganze Region mit Millionen Menschen ins Unheil gest\u00fcrzt und weltweit die Militarisierung der Konflikte und die Dynamik der Gewalt beschleunigt. 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