{"id":1584,"date":"2021-11-12T19:53:59","date_gmt":"2021-11-12T18:53:59","guid":{"rendered":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=1584"},"modified":"2021-11-12T19:54:01","modified_gmt":"2021-11-12T18:54:01","slug":"zum-tod-von-rolf-verleger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=1584","title":{"rendered":"Zum Tod von Rolf Verleger"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Mit Rolf Verleger verlieren die Menschen in Deutschland und die Linke hierzulande eine wichtige j\u00fcdische Stimme des Humanismus und des Engagements f\u00fcr den Frieden. Wir als Redaktion von Lunapark21 und die<br>Redaktion der Zeitung gegen den Krieg &#8211; in diesem Fall Reiner Braun und Winfried Wolf &#8211; sind tief best\u00fcrzt und traurig. Wir werden die Arbeit Rolfs f\u00fcr Frieden und Gerechtigkeit w\u00fcrdigen.<br><br>Winfried Wolf, der Anfang der 1960er Jahre in seiner Zeit als Sch\u00fcler in Ravensburg mit Rolf Verleger und st\u00e4rker noch mit dessen Bruder Peter Verleger freundschaftlich verbunden war, f\u00fchrte 2006, auf dem H\u00f6hepunkt des Libanon-Kriegs, ein Interview mit Rolf in L\u00fcbeck.<br><br>Wir ver\u00f6ffentlichen dieses hiermit. Es hat nicht nur historischen Wert, sondern es ist auch angesichts der fortgesetzten aggressiven Politik der Regierung der USA (Stichwort: Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem) und der Regierung in Tel Aviv gegen\u00fcber der pal\u00e4stinensischen Bev\u00f6lkerung (Stichwort: beschleunigter Siedlungsbau) von hoher Aktualit\u00e4t.<br><br>Winfried Wolf \/ Redaktion LP21<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<h2><strong>Gottgef\u00e4llige Tat oder Kritik eines Abweichlers?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<h3>Ein Gespr\u00e4ch mit Rolf Verleger. F\u00fcr \u201eZeitung gegen den Krieg [ZgK]\u201c: Winfried Wolf<\/h3>\n\n\n\n<p><strong>ZgK: <\/strong>Du hast die Politik der israelischen Regierung und den Libanon-Krieg kritisiert und dabei heftige Reaktionen aus den j\u00fcdischen Gemeinschaften und seitens des Zentralrats geerntet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Rolf Verleger:<\/strong> Ich habe nicht den Zentralrat als solchen kritisiert. Dazu bin ich innerhalb der j\u00fcdischen Gemeinschaft mit meiner Kritik am Libanon-Krieg viel zu sehr in der Minderheit. Mir ging es darum, meine Meinung in einer Zeit zu sagen, in der mir das geboten erscheint.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>ZgK:<\/strong> Inhaltlich sagtest Du, dass Israel mit seiner Politik im Libanon und gegen\u00fcber der pal\u00e4stinensischen Regierung \u201ein eine Sackgasse\u201c laufen und dass \u201edas Judentum mit hinein gezogen\u201c w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>R.V.:<\/strong> Wer die jeweilige israelische Regierungspolitik mittr\u00e4gt und sich in keiner Weise von dieser distanziert, der wird auch mit der jeweiligen israelischen Regierungspolitik identifiziert. In dem Sinne wird man auch mit hineingezogen. Das Wesentliche ist: Israel schafft mit dieser Politik keinen Frieden und keine Existenzsicherung. Stattdessen sch\u00fcrt es in der Region immer neu Hass und Gewalt. Das f\u00fchrt dazu, dass die Gegner je nach politischer Kultur mit Terrorakten auch gegen j\u00fcdische Einrichtungen auf der ganzen Welt vorgehen. Im \u00dcbrigen ist Judentum eine Religion mit moralischen Werten. Doch diese moralischen Werte sind nur noch mit der Lupe aufzufinden, wenn man sich im aktuellen Geschehen mit Gewaltma\u00dfnahmen identifiziert und diese f\u00fcr alternativlos erkl\u00e4rt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>ZgK:<\/strong> Zwei Direktoriumsmitglieder des Zentralrats der Juden, Elvira Noa und Grigori Pantijelew, kritisieren das breite Echo, das Deine Meinungs\u00e4u\u00dferungen fanden. Sie schrieben: \u201cDie tapferen Journalisten besch\u00e4ftigen sich mit der Suche nach dem \u00b4guten Juden\u00b4\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>R.V.:<\/strong> Um was es eigentlich geht, hat einer der vielen Anrufer auf den Punkt gebracht: \u201eDas war der wichtigste Beitrag gegen Antisemitismus seit langem.\u201d Das war die wesentliche Motivation, weswegen ich \u00fcberhaupt an die \u00d6ffentlichkeit ging. Die Mehrheit der Juden, die mich kritisieren, scheint das nicht zu begreifen. Sie sehen nicht, wie wichtig es ist, deutlich zu machen, dass in der j\u00fcdischen Gemeinschaft auch offen diskutiert wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder wird gesagt, dass man einen Unterschied machen m\u00fcsste zwischen einer Kritik an der Politik Israels und einer Gegnerschaft gegen die Juden als solche, dem Antisemitismus. Tats\u00e4chlich aber ist es so, dass die gro\u00dfe Mehrheit der Juden in Deutschland und der Zentralrat als die politische Vertretung keinen Spaltbreit frei l\u00e4sst zwischen sich und der aktuellen Politik des Staates Israel. Das f\u00fchrt dazu, dass \u2013 so wie in Trier j\u00fcngst geschehen \u2013 j\u00fcdische Kulturveranstaltungen in diesen Zeiten als nicht opportun angesehen werden. Als ich das las, sagte ich zu mir: Da l\u00e4uft etwas falsch. Hier wird Judentum mit der Politik des Staates Israel identifiziert.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor einigen Monaten diskutierte ich auf einer interkonfessionellen Veranstaltung als einziger Jude zusammen mit f\u00fcnf Christen und zwanzig t\u00fcrkischen Muslimen. Es ging um die Mohamed-Karikaturen in einer d\u00e4nischen Zeitung. Ich sagte damals, man w\u00fcrde von au\u00dfen wenig merken, dass der Islam wirklich den Terrorismus, der in seinem Namen ausge\u00fcbt wird, verurteilt und dass man gerne mal mitbekommen w\u00fcrde, dass zu dem Thema ernste Diskussionen gef\u00fchrt w\u00fcrden. Ich m\u00f6chte jetzt die Politik Israels nicht gleichsetzen mit den Taten von Selbstmord-Terrorristen. Im Prinzip gilt aber nat\u00fcrlich: Was ich von anderen verlange, muss ich auch selbst einl\u00f6sen. Und Au\u00dfenstehenden deutlich machen, dass es auch zum Thema der konkreten Politik der israelischen Regierung Diskussionen innerhalb des Judentums gibt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>ZgK: <\/strong>Der Vorsitzende der s\u00e4chsischen j\u00fcdischen Gemeinden, Heinz Joachim Aris, erkl\u00e4rte in einer Reaktion auf Deine Positionen: \u201eDie Solidarit\u00e4t mit Israel geh\u00f6rt zu unserer heiligen Pflicht, die in keiner Situation von Juden zur Disposition gestellt werden darf.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>R.V.: <\/strong>Ich achte Herrn Aris sehr. Und ich stimme seiner Aussage zu. Er sagt ja nicht, dass es nicht auch noch andere Pflichten geben w\u00fcrde. Es ist auch mir ein tiefes Bed\u00fcrfnis, den Staat Israel zu verteidigen. Doch ich denke, dass diejenigen, die die israelische Milit\u00e4rpolitik verteidigen, dieser Idee schaden. Es w\u00e4re vielmehr in Sinne dieses Ziels, ein friedliches \u00dcbereinkommen mit seinen Nachbarn zu suchen anstatt auf die milit\u00e4rische St\u00e4rke zu vertrauen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>ZgK: <\/strong>Wie waren die Reaktionen insgesamt?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>R.V.: <\/strong>Von den weit \u00fcber hundert Reaktionen \u2013 \u00fcberwiegend E-Mails \u2013, waren die meisten positiv. Auch bei den Reaktionen, die von Juden kamen, \u00fcberwog die Zustimmung. Letzteres ist allerdings sicher nicht repr\u00e4sentativ. Diejenigen J\u00fcdinnen und Juden, die mir auf Grundlage der Mehrheitsmeinung in den j\u00fcdischen Gemeinschaften schrieben, waren sehr emotional, voller Wut, auch voll von Hass gegen\u00fcber dem Abweichler. Aus den Reaktionen derjenigen, die positiv reagierten, geht hervor, dass sehr gut verstanden wurde, worum es mir geht. Es waren fast ausschlie\u00dflich Menschen, die differenziert argumentierten, Menschen, f\u00fcr die Moral, Werte, ja auch Freundschaft zu Israel eine wichtige Rolle spielt. Es gab viel Dankbarkeit daf\u00fcr, dass einmal gesagt wird, dass mit dieser Politik die Existenz des Staates Israel nicht gesichert, sondern eher gef\u00e4hrdet wird. Da wurde oft das Gef\u00fchl zum Ausdruck gebracht, dass meine Stellungnahme von einem Zwang befreit, in dieser Frage nicht zu den Werten stehen zu k\u00f6nnen, die im sonstigen Leben G\u00fcltigkeit haben: dass Frieden besser ist als Krieg, dass Konflikte besser friedlich und durch Verhandlungen als mit Krieg und Gewalt zu l\u00f6sen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>ZgK: Uri Avnery hat Deine offen ge\u00e4u\u00dferte Kritik an der Milit\u00e4rpolitik der israelischen Regierung in einer Mail an Dich als eine \u201eMitzwa\u201c, als ein gottgef\u00e4lliges Werk, bezeichnet. Das ist dann aber doch ein ganz anderer Akzent. Gibt es eine Begr\u00fcndung der Friedensliebe aus der j\u00fcdischen Tradition?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>R.V.:<\/strong> Es gibt eine Geschichte aus dem Talmud, Traktat vom Schabbat. In ihr wird erz\u00e4hlt, dass ein r\u00f6mischer Besatzungssoldat im damaligen Israel zu den Hohen Gelehrten kam und sagte, er wolle zum Judentum \u00fcbertreten. Er kam dann zu Hillel. Das ist nicht irgendwer. Das ist derjenige, dessen Lehrhaus praktisch immer Recht erhielt und dessen Auslegung der meisten religi\u00f6sen Gebote sich durchsetzte. Der Besatzungssoldat kam also zu Hillel und sagte, er wolle \u00fcbertreten, wobei ihm das Judentum in der Zeit beigebracht werden m\u00fcsse, in der er auf einem Bein stehen k\u00f6nne. Er stellte also die Frage nach dem Wesen des Judentums. Hillel sagte: \u201eDas ist keine Schwierigkeit: Was Dir verhasst ist, tue Deinem N\u00e4chsten nicht an. Das ist das Wesentliche. Der ganze Rest ist Auslegung. Geh hin und lerne!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt in der Debatte um meine kritische Position oft die Aussage, das Volk Israel habe in Stunden der Not immer zusammen gestanden. Ich h\u00e4tte mich mit meiner \u00f6ffentlichen Kritik dar\u00fcber hinweggesetzt. Ich kann dazu nur sagen: Die Bibel ist voll davon, dass es Au\u00dfenseiter gab, die sich von einem eigenen moralischen Standpunkt aus gegen die jeweilige Mehrheitsmeinung wandten. Diese Propheten sollen uns ja ein Vorbild sein. Und in diesem Sinne kann man nur sagen: Es ist keine j\u00fcdische Tradition, mit dem Strom zu schwimmen. Tradition der Propheten war es, ihre Meinung klar und deutlich zu sagen, auch wenn sie dem jeweiligen K\u00f6nig von Israel \u00fcberhaupt nicht gefiel.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>ZgK: <\/strong>Du hast Dich vor drei Jahren in eine Debatte eingeschaltet, die in Attac gef\u00fchrt wurde und von Deiner Position aus die Forderung gerechtfertigt, dass Waren aus den von Israel besetzten Gebieten zu boykottieren sind. Das mag in Frankreich und f\u00fcr Dich als aktives Mitglied der j\u00fcdischen Gemeinschaft vertretbar sein. F\u00fcr die deutsche Linke taucht aber sofort das Problem auf, dass eine Kampagne, die mit der alten NS-Parole \u201cKauft nicht bei Juden!\u201d in Verbindung gebracht werden kann, untauglich ist und die spezifische deutsche Verantwortung f\u00fcr den Holocaust nicht reflektiert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>R.V.:<\/strong> Wir zwei f\u00fchren die Debatte sicherlich von zwei verschiedenen Polen aus. Es mag sein, dass eine solche Kampagne in Deutschland und f\u00fcr eine deutsche Linke nicht f\u00fchrbar ist. Allerdings wurde die Debatte damals in Attac nicht mit dem Argument der spezifischen deutschen Verantwortung gef\u00fchrt. Es wurden damals seitens des Kritikers dieser Losung \u2013 des DGB-Kreisvorsitzenden von G\u00f6ttingen \u2013 prinzipielle Argumente ins Feld gef\u00fchrt. Prinzipiell meine ich jedoch, dass Israel Druck von au\u00dfen braucht, um sich dem Weg des Friedens zuzuwenden. Derzeit ist eine Friedenspolitik in Israel kaum mehrheitsf\u00e4hig.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>ZgK:<\/strong> Es ist allerdings ein Fortschritt, dass die deutsche Linke ihre spezifische Verantwortung gegen\u00fcber der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung zumindest in gro\u00dfen Teilen zur Kenntnis nimmt. Das war in meiner Jugend nicht der Fall. Ich werde heute noch schamrot, wenn ich daran denke, dass ich Mitte der sechziger Jahre als 15- und 16j\u00e4hriger oft in Eurem Haus in Ravensburg zu Gast und mit Deinem Bruder Peter gut befreundet war. Doch die deutsche Verantwortung f\u00fcr die Shoa, ja der Holocaust als solcher, waren f\u00fcr mich bzw. mein Elternhaus schlicht kein Thema; nicht existent.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>R.V.:<\/strong> Meine Eltern waren damals sicher tief verletzt. Auf der anderen Seite wollte mein Vater eine neue Familie aufbauen und ein neues Leben gr\u00fcnden. Und er wollte seine Kinder mit der Vergangenheit nicht belasten. F\u00fcr die Juden selbst war dieses Schweigen damals ebenso von Nachteil wie vorteilhaft. Eine \u00f6ffentliche Anerkennung des Leidens w\u00e4re nat\u00fcrlich richtig gewesen. Auf der anderen Seite wollten wir Juden damals endlich wieder ein normales Leben f\u00fchren. Es h\u00e4tte allen gut getan, wenn das Thema damals bereits behandelt worden w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>1982 hatte ich diesbez\u00fcglich in Mannheim, in der Innenstadt ein interessantes Erlebnis. Ich hatte meinen kleinen Sohn auf dem Fahrrad und wir stie\u00dfen auf eine Demonstration gegen die israelische Invasion im Libanon und das Massaker an den Fl\u00fcchtlingen in den Lagern Sabra und Shatila.<\/p>\n\n\n\n<p>Da der Protest von mir geteilt wurde, schloss ich mich mit dem Rad der Demo an. Bis ein Demoteilnehmer direkt neben mir zu einem Passanten, der am Stra\u00dfenrand stand, br\u00fcllte: \u201eSchick Deinen Begin doch nach Auschwitz. Da geh\u00f6rt er hin.\u201c Ich bin ausgerastet und dem Demoteilnehmer mit dem Fahrrad ans Bein gefahren. Der versuchte dann, das zu erkl\u00e4ren. Aber die Erkl\u00e4rung machte alles noch schlimmer. Er habe nicht gemeint, dass (der israelische Ministerpr\u00e4sident) Begin als Opfer nach Auschwitz geh\u00f6re. Vielmehr f\u00fchre sich Begin wie ein KZ-Aufseher auf. Deshalb passe er gut dorthin. Ich habe den Demozug verlassen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>ZgK:<\/strong> Avneri vertrat nach der j\u00fcngsten Wahl die These, dass es in der israelischen Bev\u00f6lkerung eine Friedenssehnsucht geben w\u00fcrde. Dieser Optimismus scheint sich nicht best\u00e4tigt zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>R.V.:<\/strong> Man muss unterscheiden zwischen der praktizierten Politik und den Stimmungen in der Bev\u00f6lkerung. In der offiziellen Politik Israels geht es seit Yitzak Rabin nur noch bergab. Es z\u00e4hlt fast ausschlie\u00dflich die Politik der milit\u00e4rischen St\u00e4rke. Gleichzeitig gibt es in der Bev\u00f6lkerung durchaus den Willen zum Frieden. Zumindest war dies vor dem j\u00fcngsten Libanon-Krieg so.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>ZgK: <\/strong>Kann es sein, dass die Bilanz dieses neuen Kriegs in der israelischen Bev\u00f6lkerung zu einem Nachdenken f\u00fchrt?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>R.V.:<\/strong> Offensichtlich wurden die Kriegsziele nicht erreicht. Der Einfluss der Hisbollah im Libanon, in Pal\u00e4stina und in der arabischen Welt hat sich enorm vergr\u00f6\u00dfert. Und selbst wenn es f\u00fcr den Norden Israels mit Hilfe einer Friedenstruppe im S\u00fcdlibanon eine Entspannung geben sollte, so reicht das nat\u00fcrlich bei weitem nicht f\u00fcr eine friedliche Zukunft aus. Der Kern des Problems liegt woanders. Israels Regierung muss in ernsthafte Verhandlungen mit der Regierung der Pal\u00e4stinenser treten. Das hei\u00dft, in Verhandlungen mit der demokratisch gew\u00e4hlten Hamas-Regierung. Man kann nur mit seinen Feinden \u00dcbereink\u00fcnfte f\u00fcr den Frieden treffen. Mit seinen Freunden braucht man dar\u00fcber nicht zu verhandeln.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>ZgK: <\/strong>Du bist Vorsitzender des Landesverbands der j\u00fcdischen Gemeinschaften Schleswig-Holsteins. M\u00f6glicherweise wirst Du wegen Deiner Kritik dieses Amt verlieren. Wie gro\u00df ist Deine Identifikation mit diesem Job?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>R.V.: <\/strong>Die ist sehr gro\u00df, auch weil ich sehr viel daf\u00fcr gearbeitet habe. In L\u00fcbeck gab es bis Mitte der neunziger Jahre kein j\u00fcdisches Leben mehr. Mit der Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion stellten sich neue Aufgaben. Ignaz Bubis, der mir ein gro\u00dfes Vorbild ist, erkl\u00e4rte es zur Aufgabe der j\u00fcdischen Gemeinschaften in Deutschland, die Menschen, die nun neu zu uns kamen, zu integrieren und die j\u00fcdischen Gemeinden neu aufzubauen. Ich f\u00fchlte mich da gerufen. In L\u00fcbeck gab es zus\u00e4tzlich das Problem, dass es vor Ort keine Ansprechpartner gab und dass damals alles von Hamburg aus geregelt wurde. Als es 1994 und 1995 die Anschl\u00e4ge auf die Synagoge in L\u00fcbeck gab, da reisten hier immer j\u00fcdische Vertreter aus Hamburg ein, um die wirklich beeindruckenden Solidarit\u00e4tsbekundungen der L\u00fcbecker B\u00fcrger huldvoll entgegenzunehmen. Doch danach waren sie wieder weg. Es gab keinen lokalen Ansprechpartner. Das war kein akzeptabler Zustand. Ich habe mich damals ma\u00dfgeblich mit engagiert, in L\u00fcbeck autonome Strukturen aufzubauen, ohne die Gemeinde zu spalten. 2001 konnte in L\u00fcbeck die J\u00fcdische Gemeinde e.V. gegr\u00fcndet werden; 2005 hat dieser Verein die gesamte Verantwortung f\u00fcr das j\u00fcdische Leben in L\u00fcbeck \u00fcbernommen, was dann auch zu einem Landesverband Schleswig-Holstein der J\u00fcdischen Gemeinschaften f\u00fchrte. In diesen Prozess floss sehr viel Energie von mir.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>ZgK: <\/strong>Irgendwo sagst Du, das Judentum sei f\u00fcr Dich \u201eein St\u00fcck Heimat\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>R.V.: <\/strong>Das Judentum ist f\u00fcr mich manchmal meine enge Heimat, aus der ich in die weite Welt ausbrechen will. Es ist zugleich die warme Heimat, in der ich viel gelernt habe, die mir viel emotionale Sicherheit gibt, in die ich immer wieder gern zur\u00fcckkehre. Das h\u00e4ngt wesentlich mit meinem Elternhaus zusammen. Meine Eltern haben mir in der Provinz, in Ravensburg, wo es ja kaum andere Juden gab, all dies vermittelt.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Das Gespr\u00e4ch wurde am 16. August 2006 in L\u00fcbeck gef\u00fchrt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>F\u00fcr ZgK: Winfried Wolf<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Biografische Daten (Stand: 2006):<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Rolf V. wird 1951 in Ravensburg geboren. Dort Abitur in 1970. Studium der Psychologie in Konstanz. Diplom 1976. Lebt 1977 bis 1988 in Mannheim zusammen mit seiner sp\u00e4teren Frau. Das erste Kind, ein Sohn, wird 1981 geboren, 1983 folgt eine Tochter. Nach einem k\u00fcrzeren Aufenthalt in T\u00fcbingen (1985\/86) erh\u00e4lt Rolf 1988 eine Stelle an der Neurologischen Universit\u00e4tsklinik in L\u00fcbeck. Dort 1994 Habilitation f\u00fcr Medizinische Psychologie und 1998 Verleihung des Professorentitels.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Familiengeschichte von Rolf Verleger:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ernst Israel Josef Verleger, Vater von Rolf V., 1899 in Bendzin bei Kattowitz geboren (damals gab es kein Polen: Kattowitz war deutsch, Bendzin Teil von Russland). Die Familie wanderte 1905 nach Deutschland (Falkenstein im Vogtland) ein, vermutlich wegen antij\u00fcdischer Pogrome. Heirat in den 20er Jahren in Berlin. Von den f\u00fcnf Kindern (zwei T\u00f6chter, drei S\u00f6hne) sterben zwei T\u00f6chter fr\u00fch. 1938 wird die Familie V. als \u201eNichtdeutsche\u201c aus Sachsen nach Polen ausgewiesen. Sie lebt wieder in Bendzin und wird nach der Besetzung Polens nach Auschwitz verschleppt. Die Frau von Ernst V. und die drei S\u00f6hne werden in Auschwitz in den Gastod geschickt. Ernst V. \u00fcberlebt und kehrt 1945 ins Vogtland zur\u00fcck. Neue Heirat 1948.<\/p>\n\n\n\n<p>Ernst V. hatte sieben Geschwister. Sechs werden Opfer des NS-Regimes. Der Gro\u00dfvater Rolfs v\u00e4terlicherseits stirbt bereits fr\u00fch in den 20er Jahren. Die Gro\u00dfmutter v\u00e4terlicherseits stirbt im KZ Theresienstadt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Mutter von Rolf V., Helga, wird 1925 in Berlin geboren. Sie lebt als Einzelkind mit ihren beiden Eltern in Berlin. Deportation der Familie 1942 nach Estland. Ihre Mutter wird beim Aussteigen aus dem Zug zu einem Exekutionsplatz gebracht und erschossen, weil sie zuvor in Berlin, als sie zum Friseur ging, ihren Judenstern versteckt hatte. Auch der Vater \u00fcberlebt Estland nicht (sein genaues Schicksal ist nicht aufgekl\u00e4rt). Helga wurde, als die Front n\u00e4her r\u00fcckte, zur\u00fcck nach Deutschland verschafft. Beim Transport ins Reich, auf dem Todesmarsch, kann sie sich rechtzeitig mit drei Kameradinnen absetzen und \u00fcberlebt. Sie lebt zun\u00e4chst in Berlin bei sozialdemokratischen Nachbarn, die die Habseligkeiten der Familie aufbewahrt haben und diese ihr zur\u00fcckgeben. Heirat 1948 (siehe oben).<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Kapitulation und der Befreiung vom Faschismus lebt das Ehepaar V. zun\u00e4chst im Vogtland. 1949 wird dort Sohn Peter geboren. Familie Verleger zieht 1951 nach Ravensburg und er\u00f6ffnet dort mit vogtl\u00e4ndischen Maschinen eine kleine Fabrik f\u00fcr Spitzenstickerei. 1951 Geburt von Rolf V.; 1957 wird Schwester Hanna Miriam geboren. Vater V. stirbt 1965.<\/p>\n\n\n\n<p>Bruder Peter und Schwester Hanna Miriam wandern bereits um 1970 nach Israel aus. Rolfs Mutter lebt [2006] in M\u00fcnchen und ist dort in der j\u00fcdischen Gemeinde aktiv.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dokumentiert:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>J\u00fcdische Stimmen f\u00fcr den Frieden<\/strong><\/p>\n\n\n\n<h2><strong>Debatte zum Krieg in den j\u00fcdischen Gemeinschaften<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Am 20. Juli 2006 \u2013 inmitten des neuen Libanon-Krieges \u2013 erschienen in mehreren gro\u00dfen deutschen Tageszeitungen Anzeigen des Zentralrats der Juden in Deutschland mit einem \u201eAufruf zur Solidarit\u00e4t mit Israel\u201c. Es handelte sich um einen Teil einer europaweiten Aktion des Europ\u00e4ischen J\u00fcdischen Kongresses. In dem Aufruf hei\u00dft es u.a.: \u201eDie Verantwortung f\u00fcr die aktuelle Situation tr\u00e4gt nicht Israel, sondern die libanesische Regierung, die seit Jahren nicht ihrer aus der UNO-Resolution 1559 resultierenden Verpflichtung nachkommt, die terroristische Hisbollah, die immer wieder zur Vernichtung Israels aufgefordert hat, aufzul\u00f6sen. Die Welt darf nicht tatenlos zusehen, wie terroristische Kr\u00e4fte, unterst\u00fctzt aus dem Iran, die Region in ein Chaos st\u00fcrzen. Wir fordern die Politik in Deutschland und Europa dringend auf, all ihren Einfluss geltend zu machen, um die Freilassung der entf\u00fchrten Soldaten und die Aufl\u00f6sung der terroristischen Hisbollah zu erreichen und erkl\u00e4ren unsere Solidarit\u00e4t mit Israel.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Parteinahme des Zentralrats der Juden in Deutschland f\u00fcr die Politik der israelischen Regierung wurde \u00fcberwiegend schweigend zur Kenntnis genommen, wobei viele, die sie lasen, innerlich davon betroffen waren, in welch undifferenzierten Form sich der Zentralrat mit einer Politik milit\u00e4rischer Aggression identifizierte. Gleichzeitig gab es auch Widerspruch, auch solchen aus den j\u00fcdischen Gemeinschaften.<\/p>\n\n\n\n<p>Die am meisten wahrgenommene Stimme war dabei diejenige von Rolf Verleger, Vorsitzender des Landesverbands J\u00fcdische Gemeinschaft Schleswig-Holstein, und Delegierter des Landesverbands im Direktorium des Zentralrats der Juden in Deutschland, und Professor f\u00fcr Psychologie in L\u00fcbeck. Rolf Verleger kritisierte in einem Brief an den Zentralrat, dass dieser \u201e\u00f6ffentlich Partei f\u00fcr die milit\u00e4rischen Ma\u00dfnahmen der israelischen Regierung gegen den Libanon ergriffen\u201c habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Reaktionen waren heftig: Der Gemeinderat der L\u00fcbecker Gemeinde zog die Entsendung von Rolf Verleger in den Landesverband zur\u00fcck \u2013 womit er sein Amt als Landesvorsitzender verlor und sein Sitz im Zentralrat der Juden in Frage gestellt ist. F\u00fchrende Vertreter des Zentralrats der Juden kritisierten Rolf Verleger in scharfer Form. So sprach Stephan Kramer, Generalsekret\u00e4r des Zentralrats, von einem \u201eNachplappern von antiisraelischen und antisemitischen Klischees und Stereotypen\u201c, was angesichts der Familiengeschichte (siehe Kasten) und der prinzipiellen Haltung Verlegers gegen\u00fcber dem Staat Israel ein grotesker, fast m\u00f6chte man sagen: verleumderischer Vorwurf ist. Die \u201eJ\u00fcdische Allgemeine Wochenzeitung\u201c brachte in der Ausgabe vom 19. August auf Seite 1 einen Frontalangriff auf Rolf Verleger. Dort argumentierte Dr. Dieter Graumann, der Vizepr\u00e4sident des Zentralrats, er empfinde \u201e\u00c4rger und Scham\u201c angesichts der \u00c4u\u00dferungen von Verleger, zumal sich nun \u201edie Todfeinde Israels auf eine Stimme aus dem F\u00fchrungsgremium des Zentralrats berufen\u201c k\u00f6nnten (siehe Kasten).<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u201eZeitung gegen den Krieg \u2013 ZgK\u201c ist kein \u201eTodfeind Israels\u201c und verteidigt das Existenzrecht des Staates Israel. Doch wir gehen \u00e4hnlich wie Rolf Verleger davon aus, dass der Krieg, den die israelische Regierung gegen den Libanon f\u00fchrte und der im Gaza-Streifen weiter gef\u00fchrt wird, die Sicherheit des Staates Israel untergr\u00e4bt und dem Antisemitismus Vorschub leistet. Wir f\u00fchrten ein ausf\u00fchrliches Gespr\u00e4ch mit Rolf Verleger und dokumentieren die Geschichte der j\u00fcdischen Familie Verleger. Erg\u00e4nzend bringen wir einen Beitrag, den Judith Bernstein, Mitglied der \u201eJ\u00fcdischen Stimme f\u00fcr gerechten Frieden in Nahost\u201c f\u00fcr die \u201eS\u00fcddeutsche Zeitung\u201c verfasste.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit Rolf Verleger verlieren die Menschen in Deutschland und die Linke hierzulande eine wichtige j\u00fcdische Stimme des Humanismus und des Engagements f\u00fcr den Frieden. 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