{"id":1588,"date":"2021-11-25T19:15:28","date_gmt":"2021-11-25T18:15:28","guid":{"rendered":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=1588"},"modified":"2021-11-25T19:15:29","modified_gmt":"2021-11-25T18:15:29","slug":"e-auto-schwemme-und-betonbahn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=1588","title":{"rendered":"E-Auto-Schwemme und Betonbahn"},"content":{"rendered":"\n<h2>Digitalisiertes Greenwashing: Kritik des Verkehrsbereichs im Koalitionsvertrag von &#8222;Rot-Gr\u00fcn-Gelb&#8220;<\/h2>\n\n\n\n<p>Der Koalitionsvertrag der &#8222;Ampel&#8220;-Parteien tr\u00e4gt in gro\u00dfen Teilen die Handschrift der FDP. Das d\u00fcrfte auch daran liegen, dass Gr\u00fcne und FDP sich im Vorfeld als &#8222;K\u00f6nigsmacher&#8220; zusammentaten &#8211; und dass die Gr\u00fcnen in den vergangenen zwei Jahrzehnten sich immer mehr zur eine neoliberalen Partei gewandelt hatten. Diese Tendenz wird im Koalitionsvertrag beim Thema Autoindustrie, Verkehr und Mobilit\u00e4t deutlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich wird das Thema Verkehr und Mobilit\u00e4t verbal als Klimaschutzpolitik pr\u00e4sentiert. In Wirklichkeit wird im Koalitionsvertrag das &#8222;Weiter so&#8220; einer fatalen Verkehrspolitik festgeschrieben, wie sie unter den CSU-Verkehrsministern Peter Ramsauer, Alexander Dobrindt und Andreas Scheuer praktiziert wurde. Nur mit noch mehr Digital-Geklingel und mit der kaum verh\u00fcllten Drohung, gegebenenfalls Verkehrsprojekte mit der Brechstange, sprich deutlich beschleunigt, umsetzen zu wollen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<h3>FDP ergattert Verkehrsministerium<\/h3>\n\n\n\n<p>Insofern ist es konsequent, wenn der neue Verkehrsminister Volker Wissing hei\u00dft, und dass die FDP &#8211; nach dem strategisch zentralen Ressort Finanzen &#8211; auch dieses Ressort mit dem gr\u00f6\u00dften Investitionsetat \u00fcberhaupt \u00fcbernimmt. Allein diese Entscheidung, dass die Gr\u00fcnen das Verkehrsressort der FDP \u00fcberlassen mussten, spricht B\u00e4nde. Wissing von der Autolobby-Partei FDP &#8211; bis Mai 2021 in Rheinland-Pfalz Minister f\u00fcr Wirtschaft, Verkehr und Weinbau &#8211; d\u00fcrfte sich daf\u00fcr ins Zeug legen, dass die Glaubw\u00fcrdigkeitskrise der deutschen Autokonzerne in Vergessenheit ger\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon t\u00f6nt Wissing in der Bild vom heutigen Donnerstag: &#8222;Mobilit\u00e4t muss bezahlbar bleiben.&#8220; Und damit keiner denkt, der Herr pl\u00e4diere f\u00fcr Nulltarif in den &#8222;\u00d6ffis&#8220;, f\u00fcgt er hinzu, der Staat k\u00f6nne dabei helfen, indem er &#8222;bei der Besteuerung von Energie Entlastung schafft&#8220;. Gemeint ist: Mineral\u00f6lsteuersenkung, um preiswertes Tanken zu erm\u00f6glichen.Anzeige<\/p>\n\n\n\n<p>Der erste Paukenschlag in den &#8222;Ampel&#8220;-Gespr\u00e4chen bestand ja auch darin, dass vereinbart wurde: Es wird erneut keinerlei Tempolimit geben. Auch wenn alle anderen europ\u00e4ischen L\u00e4nder solche Geschwindigkeitsbeschr\u00e4nkungen haben, auch wenn mit der Einf\u00fchrung von Tempo 120\/80\/30 auf Autobahnen, auf Landstra\u00dfen und in Wohngebieten sofort eine deutliche CO2-Reduktion erreicht und mehr als 250 Menschen im Jahr das Leben gerettet werden k\u00f6nnte &#8211; es bleibt beim fatalen deutschen Tempowahn.<\/p>\n\n\n\n<p>Im gesamten Koalitionsvertrag findet sich kein Wort zu Verkehrsvermeidung. Es gibt keine belastbare Stelle f\u00fcr das notwendige Stopp-Zeichen f\u00fcr einen fortgesetzten Stra\u00dfenbau. Zum gesamten nichtmotorisierten Verkehr &#8211; Zufu\u00df-Gehen und Radfahren &#8211; finden sich l\u00e4cherliche und absolut nichtssagende f\u00fcnf Zeilen (Seite 53). Dagegen ist der Abschnitt zum Flugverkehr (Seite 53f) f\u00fcnf Mal umfangreicher und so formuliert, dass f\u00fcr das weitere Anwachsen des Flugverkehrs &#8211; derjenigen Verkehrsform, die das Klima am st\u00e4rksten belastet &#8211; keinerlei Grenzen gesetzt werden. Schlie\u00dflich soll &#8222;Deutschland Vorreiter beim CO2-neutralen Fliegen werden&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<h3>Schnelles Deutschland<\/h3>\n\n\n\n<p>Als &#8222;Highlight des Koalitionsvertrags&#8220; bezeichnet die&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/inland\/koalitionsvertrag-der-ampel-ein-revolutionaeres-programm-17650823.html\" rel=\"noreferrer noopener\" target=\"_blank\">Frankfurter Allgemeine Zeitung<\/a>&nbsp;die beabsichtigte &#8222;radikale Vereinfachung des Planungsrechts&#8220;, die die Ampel-Parteien vorsehen. Tats\u00e4chlich gibt es mehr als ein Dutzend Passagen im &#8222;rot-gr\u00fcn-gelben&#8220; Koalitionsvertrag, die auf Demokratieabbau und Beschleunigung aller Genehmigungsverfahren hinauslaufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Um es vorab deutlich zu sagen: Ginge es darum, beim echten, wirksamen Klimaschutz und bei einer belastbaren Verkehrswende &#8222;Tempo zu machen&#8220;, dann k\u00f6nnte angesichts des Klimanotstands \u00fcber dergleichen geredet werden. In Wirklichkeit laufen jedoch alle Projekte dieser Regierung auf etwas ganz anderes, auf ein &#8222;Weiter so&#8220; bis zum Abgrund und auf noch mehr Klimabelastung hinaus. Entsprechend weisen diese neuen Beschleunigungs-Vorhaben in die falsche Richtung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ampel-Regierung will &#8222;staatliches Handeln schneller und effektiver machen&#8220; (S. 12); bereits im &#8222;im ersten Jahr der Regierung&#8220; sollen &#8222;alle notwendigen Entscheidungen getroffen und durchgesetzt werden, um private wie staatliche Investitionen schnell, effizient und zielsicher umsetzen zu k\u00f6nnen. Unser Ziel ist es, die Verfahrensdauer mindestens zu halbieren&#8220; (S. 12). &#8222;Bei besonders priorit\u00e4ren Vorhaben soll der Bund k\u00fcnftig nach dem Vorbild des Bundes-Immissionsschutzgesetzes kurze Fristen zum Erlass des Planfeststellungsbeschlusses vorsehen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Man will &#8222;gro\u00dfe und besonders bedeutsame Infrastrukturma\u00dfnahmen auch im Wege zul\u00e4ssiger (\u2026) Legalplanung beschleunigt auf den Weg bringen und mit hoher politischer Priorit\u00e4t umsetzen&#8220;. Darunter seien &#8222;systemrelevante Bahnstrecken, Stromtrassen und Ingenieursbauwerke (z. B. kritische Br\u00fccken)&#8220; zu verstehen (S. 13).<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, man will &#8222;beginnen (\u2026) mit Schienenprojekten aus dem Deutschlandtakt &#8211; dem Ausbau\/Neubau der Bahnstrecken Hamm-Hannover-Berlin, Korridor Mittelrhein, Hanau-W\u00fcrzburg\/Fulda-Erfurt, M\u00fcnchen-Kiefersfelden-Grenze D\/A, Karlsruhe-Basel, &#8222;Optimiertes Alpha E+&#8220;, Ostkorridor S\u00fcd, N\u00fcrnberg-Reichenbach\/Grenze D-CZ, die Knoten Hamburg, Frankfurt, K\u00f6ln, Mannheim und M\u00fcnchen.&#8220; (Ebenfalls S.13).<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist ein Blankoscheck, um Vorhaben mit staatlicher Gewalt durchzusetzen, die &#8211; wie im Fall der neuen Bahnstrecke Bielefeld &#8211; Hannover mit Tempo 300 km\/h oder wie im Fall der neu geplanten, gewaltige Tunnelbauten in Frankfurt am Main und M\u00fcnchen oder wie im Fall der geplanten zus\u00e4tzlichen gro\u00dfen Tunnelstrecken (&#8222;Bilger-Tunel&#8220;) und des zus\u00e4tzlichen unterirdischen Kopfbahnhofs in Stuttgart mit einem &#8222;zweiten Stuttgart 21&#8220; &#8211; eindeutig klimasch\u00e4digend und f\u00fcr einen fahrgastfreundlichen Bahnverkehr unn\u00f6tig sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor diesem Hintergrund wirkt der Satz &#8222;Dabei wollen wir erheblich mehr in die Schiene als in die Stra\u00dfe investieren&#8220; (Seite 48) nicht als Beruhigung, sondern als Drohung, eben weil es gleich im Anschluss hei\u00dft &#8222;um priorit\u00e4r Projekte eines Deutschlandtaktes umzusetzen&#8220; und weil diese konkrete Art des Deutschlandtaktes keine Fl\u00e4chenbahn, keine B\u00fcrgerbahn und keine Klimabahn darstellt, sondern eine Betonbahn und eine Geschwindigkeitswahn-Bahn ist.<\/p>\n\n\n\n<h3>Ausweitung des Autoverkehrs mit &#8222;Elektromobilit\u00e4t&#8220; als Zusatz<\/h3>\n\n\n\n<p>Derweil w\u00e4chst zurzeit die Autoflotte in unserem Land Jahr f\u00fcr Jahr um mehr als eine halbe Million. Gemeint ist der Bestand an Pkw und das Nettowachstum desselben &#8211; die Abmeldungen also bereits ber\u00fccksichtigt. Wer dem keinen Riegel vorschiebt, der erlebt im entscheidenden kommenden Jahrzehnt ein gewaltiges Wachstum dieser Flotte und einen deutlichen Anstieg der verkehrsbedingten CO2-Emissionen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer dann noch eine Senkung der Mineral\u00f6lsteuer ins Gespr\u00e4ch bringt und in den Koalitionsvertrag hineinschreibt &#8222;Um Jugendliche schon fr\u00fchzeitig f\u00fcr die Gefahren im Stra\u00dfenverkehr zu schulen, werden wir begleitetes Fahren ab 16 Jahren erm\u00f6glichen&#8220; (Seite 52), der verschreibt sich auch noch dieser fatalen Orientierung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ampel-Koalition\u00e4re postulieren (Seite 27): &#8222;Unser Ziel sind mindestens 15 Millionen vollelektrische Pkw bis 2030.&#8220; Und: &#8222;Wir machen Deutschland zum Leitmarkt f\u00fcr Elektromobilit\u00e4t, zum Innovationsstandort f\u00fcr autonomes Fahren und beschleunigen.&#8220; Einmal abgesehen davon, dass 15 Millionen Batterie-Pkw im gegebenen Zeitraum eindeutig unrealistisch sind und dass autonomes Fahren mit einer gigantischen Steigerung des Energieverbrauchs verbunden sein wird, ist das Ziel &#8222;Elektromobilit\u00e4t&#8220; aus drei Gr\u00fcnden klimasch\u00e4digend: Erstens, weil es nicht verbunden ist mit einer Deckelung des Pkw-Bestands; die E-Pkw sind damit ein Plus, ein Zusatz zur allgemein steigenden Pkw-Dichte.Anzeige<\/p>\n\n\n\n<p>Zweitens, weil alle Erfahrungen, unter anderem im E-Auto-Pionierland Norwegen, besagen, dass E-Pkw zu mehr als 50 Prozent Zweitwagen und zu mehr als 35 Prozent Stadtwagen sind, was hei\u00dft, die Pkw-Flotte w\u00e4chst gerade dort, wo Autoverkehr zur\u00fcckgedr\u00e4ngt werden soll &#8211; in den St\u00e4dten. Drittens, weil die Bezeichnung von E-Pkw als &#8222;Zero-Emission-Vehicles&#8220; absurd, ein bewusster Selbstbetrug, ist. Selbst bei 100 Prozent \u00d6kostrom sind E-Pkw mit massiven CO2-Emssionen verbunden, vor allem aufgrund des gewaltigen Ressourcenverbrauchs (z.B. vier bis sechsmal mehr Kupfer je Pkw) und der energieintensiven F\u00f6rderung derselben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wobei es 100 Prozent \u00d6kostrom auch im Jahr 2030 nicht geben wird. Es bedarf bereits einer enormen Kraftanstrengung, im Fall des Abschaltens der verbliebenen Atomkraftwerke bis Ende n\u00e4chsten Jahres den Atomstromanteil durch regenerative Energien zu ersetzen &#8211; womit aber der fossile Anteil beim Strommix nur gehalten werden k\u00f6nnte. Irritiert nimmt man da zur Kenntnis, dass der &#8222;Ampel&#8220;-Vertrag kein klares Bekenntnis zum Ausstieg aus der Atomenergie enth\u00e4lt, dass u.a. nichts gesagt wird zu den atomaren &#8222;Forschungsreaktoren&#8220; in Karlsruhe und M\u00fcnchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dass auch auf diesem Gebiet mit dem Verweis auf &#8222;Beschleunigung&#8220; eine unverantwortlich schnelle und rigide Festlegung zur Endlagerung von Atomm\u00fcll droht (siehe S. 65). Der Koa-Vertrag schreibt fest, dass Milliarden Euro Steuergelder daf\u00fcr ausgegeben werden sollen, um der Autoindustrie und den Energiekonzernen so gut wie alle Infrastrukturkosten f\u00fcr die neue Elektromobilit\u00e4t abzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>So, wenn es dort auf Seite 51 hei\u00dft: &#8222;Der Ausbau der Ladeinfrastruktur muss dem Bedarf vorausgehen. Wir werden deshalb den vorauslaufenden Ausbau der Lades\u00e4uleninfrastruktur mit dem Ziel von einer Million \u00f6ffentlich und diskriminierungsfrei zug\u00e4nglichen Ladepunkten bis 2030 mit Schwerpunkt auf Schnellladeinfrastruktur ressort\u00fcbergreifend beschleunigen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Passage im Vertrag l\u00e4sst aufhorchen. Sie lautet: &#8222;Wir wollen das Nebeneinander von Autobahn GmbH und Deutsche Einheit Fernstra\u00dfenplanungs- und -bau Gesellschaft (DEGES) aufheben. Zwischen Bund und Autobahn GmbH wollen wir eine \u00fcberj\u00e4hrige Finanzierungsvereinbarung abschlie\u00dfen.&#8220; (Seite 51f) Das d\u00fcrfte auf eine erg\u00e4nzende Privatisierung im Bereich Fernstra\u00dfen (Bau und Unterhalt) hinauslaufen.<\/p>\n\n\n\n<h3>Widerspr\u00fcchliches im Bereich Schiene<\/h3>\n\n\n\n<p>FDP-Verkehrsminister hin oder her &#8211; eindeutig positiv zu beurteilen ist die folgende Festlegung im &#8222;rot-gr\u00fcn-gelben&#8220; Vertrag: &#8222;Wir werden die Deutsche Bahn AG als integrierten Konzern inklusive des konzerninternen Arbeitsmarktes im \u00f6ffentlichen Eigentum erhalten. Die internen Strukturen werden wir effizienter und transparenter gestalten. Die Infrastruktureinheiten (DB Netz, DB Station und Service) der Deutschen Bahn AG werden innerhalb des Konzerns zu einer neuen, gemeinwohlorientierten Infrastruktursparte zusammengelegt. Diese steht zu 100 Prozent im Eigentum der Deutschen Bahn als Gesamtkonzern. Gewinne aus dem Betrieb der Infrastruktur verbleiben zuk\u00fcnftig in der neuen Infrastruktureinheit.&#8220; (Seiten 49\/50).<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn diese Aussagen umgesetzt werden, ist der Konzern Deutsche Bahn AG ein v\u00f6llig anderer als wir ihn &#8211; mit \u00fcberwiegend negativen Folgen &#8211; im Zeitraum 1994 bis 2021 erlebt haben. Damit k\u00f6nnte Transparenz in einem Bereich hergestellt werden, in den Jahr f\u00fcr Jahr mehr als f\u00fcnf Milliarden Euro flie\u00dfen. Damit k\u00f6nnten diejenigen, die in Hamburg (Altona-Diebsteich!), in Frankfurt am Main (Fernbahntunnel!), in Bielefeld und Hannover (neue Hochgeschwindigkeitsstrecke mit Tempo 300 km\/h) und in Stuttgart (Stuttgart21!) gegen&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.ft.com\/content\/7373c137-80ce-4a23-8257-9be3e8af0297\" rel=\"noreferrer noopener\" target=\"_blank\">zerst\u00f6rerische Gro\u00dfprojekte<\/a>&nbsp;k\u00e4mpfen, bessere Bedingungen f\u00fcr ihre Engagements erhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor allem aber reduziert diese Strukturreform, die mit vergleichbaren Formulierungen im Sommer 2016 auf einer&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.linksfraktion.de\/termine\/detail\/wie-schuetzen-wir-die-bahninfrastruktur-vor-privatisierung\/\" rel=\"noreferrer noopener\" target=\"_blank\">gemeinsamen Tagung<\/a>&nbsp;von der Bundestagsabgeordneten Sabine Leidig (Die Linke) und der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivf\u00fchrer (GDL) erstmals ins Spiel gebracht wurde, den eigentlichen Konzern Deutsche Bahn &#8211; insoweit es Deutschland und die Gewinn- und Verlust-Rechnung des Konzerns betrifft &#8211; auf die drei Eisenbahnverkehrsunternehmen DB Fernverkehr, DB Regio (Nah- und Regionalverkehr) und DB Cargo (Schieneng\u00fcterverkehr).<\/p>\n\n\n\n<p>Da DB Cargo derzeit und in den n\u00e4chsten Jahren massive Verluste einf\u00e4hrt, welche die Gewinne von DB Regio deutlich \u00fcbersteigen (DB Fernverkehr hat ein Plus-Minus-Null-Ergebnis), schreibt der DB-Konzern damit im Inland deutlich rote Zahlen. Schlie\u00dflich geh\u00f6rt die deutlich profitable Infrastruktur dann nur noch formal und operativ nur noch hinsichtlich des Arbeitsmarktes zum Konzern.<\/p>\n\n\n\n<h3>Staatskonzern als verl\u00e4ngerter Arm deutscher Au\u00dfenpolitik<\/h3>\n\n\n\n<p>Vor diesem Hintergrund ist es dann logisch, dass der Koalitionsvertrag zu den Auslandsbeteiligungen der Deutschen Bahn &#8211; und diese machen die H\u00e4lfte des gesamten Umsatzes aus &#8211; bedrohlich schweigt. Das hei\u00dft nichts anderes, als dass die Deutsche Bahn nach den Ampel-Pl\u00e4nen weiter als Global Player unterwegs sein soll &#8211; mit Flugverkehr in Asien, mit Lkw- und Logistikgesch\u00e4ften weltweit oder auch mal mit einem den Regenwald zerst\u00f6renden Tren Maya in Mexiko.<\/p>\n\n\n\n<p>Da der Auslandsbereich mit den DB-T\u00f6chtern Schenker und Arriva bisher in der Summe gewinnbringend war &#8211; was angesichts der weltweiten Krisentendenzen so nicht bleiben muss und ins Gegenteil umschlagen kann &#8211; soll er nach dem Willen der Ampel offensichtlich als Gegengewicht zu den Verlustbringern der DB-eigenen Verkehrssparte erhalten werden. Damit aber werden fr\u00fchere Versprechen, wie sie vor allem von den Gr\u00fcnen gegen wurden, gebrochen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Staatskonzern wird weiter als eine Art verl\u00e4ngerter Arm deutscher Au\u00dfenpolitik und auch als Tr\u00e4ger von massiv klimasch\u00e4digenden Verkehrsformen erhalten bleiben. Relativ gesehen k\u00f6nnten dann die Engagements des Vorstand der Holding noch st\u00e4rker vom Auslandsgesch\u00e4ft bestimmt und noch mehr vom Kerngesch\u00e4ft Schiene Deutschland entfernt sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Im &#8222;Ampel&#8220;-Vertrag vereinbart ist auch, was die alte Bundesregierung und die Deutsche Bahn seit mehr als f\u00fcnf Jahren wie eine Monstranz vor sich hertragen: &#8222;Die Verkehrsleistung im Personenverkehr (wird sich) verdoppeln.&#8220; (Seite 49). Abgesehen davon, dass das formal falsch ist; gemeint ist nicht, dass sich die gesamte Verkehrsleistung im Bereich Schiene &#8222;verdoppeln&#8220; soll; es geht hier &#8222;nur&#8220; um den Fernverkehr, der lediglich rund die H\u00e4lfte der gesamten Verkehrsleistung ausmacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber auch hier gilt: Es gibt keine Aussage zu einer Deckelung von anderen Verkehrsleistungen; es findet sich im Koalitionsvertrag kein Wort zu der notwendigen Verlagerung von Stra\u00dfenverkehren und von Luftverkehr auf die Schiene. Wenn aber alles w\u00e4chst, dann wachsen erneut die CO2-Emissionen insgesamt. Dann ist das Wachstum des Schienenverkehrs nur das schmutzige Sahneh\u00e4ubchen oben drauf auf dem kaum begrenzt wachsenden Verkehrssektor.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Koalitionsvertrag legt in diesem Zusammenhang fest: &#8222;Den Zielfahrplan eines Deutschlandtaktes und die Infrastrukturkapazit\u00e4t werden wir auf diese Ziele ausrichten.&#8220; (Seite 50). Das l\u00e4uft auf die oben bereits beschriebene Beton- und Tunnelbahn hinaus. Zum Schienenpersonennahverkehr &#8211; er macht f\u00fcnfzig Prozent der Schienenverkehrsleistung und 90 Prozent des Aufkommens (der Fahrten auf der Schiene) aus &#8211; findet sich kein Wort.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu den Aussagen &#8222;Wir werden mehr Oberzentren an den Fernverkehr anbinden&#8220; und &#8222;Wir werden das Streckennetz erweitern, Strecken reaktivieren und Stilllegungen vermeiden&#8220; kann man nur sagen: Die Botschaft h\u00f6r ich wohl, wie wohl mir fehlt der Glaube. Vergleichbares haben die letzten drei Vorg\u00e4ngerregierungen vorgetragen und Vergleichbares erkl\u00e4ren die Bahn-Oberen seit mehr als 15 Jahren. Doch Jahr f\u00fcr Jahr findet das Gegenteil statt &#8211; Abbau der Betriebsl\u00e4nge des Netzes und vor allem Abbau der Netzeffizienz durch Herausnahme von Weichen, von Ausweichgleisen und durch Schlie\u00dfung von Gleisanschl\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dort wo es bei diesem Thema konkret wird, bleibt die Zielvorgabe hinter den Notwendigkeiten zur\u00fcck. So wenn es im Koa-Vertrag hei\u00dft: &#8222;Bis 2030 wollen wir 75 Prozent des Schienennetzes elektrifizieren&#8220;. Das w\u00e4re bei der Gesamtelektrifizierung nur ein Plus von 13 Prozentpunkten. Wobei &#8211; so eine Einsch\u00e4tzung von &#8222;Allianz pro Schiene&#8220; &#8211; auch dieses eher bescheidene Ziel bei der bestehenden Politik von DB Netz verfehlt werden d\u00fcrfte.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Ampel-Vertrag findet sich der anscheinend nur en passant hingeworfene Satz: &#8222;Eisenbahnverkehrsunternehmen werden markt- und gewinnorientiert im Wettbewerb weitergef\u00fchrt.&#8220; Dass das im Nahverkehr seit Ende der 1990er-Jahre so ist, ist sattsam bekannt. Die j\u00fcngste Pleite des privaten Betreibers Abellio in Baden-W\u00fcrttemberg und der Flickenteppich, den es inzwischen im Schienenpersonennahverkehr gibt, unterstreichen, die Problematik dieser Art Wettbewerb in einem Sektor, der insgesamt als \u00f6ffentlicher organisiert werden m\u00fcsste.<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr viel spricht daf\u00fcr, dass mit dieser Formulierung die Ampel und insbesondere der neue Verkehrsminister Wissing andeuten, dass es zuk\u00fcnftig auch im Fernverkehr in gro\u00dfem Umfang &#8222;Wettbewerb&#8220; geben soll, dass es also erg\u00e4nzend zum ICE einen gro\u00dfen privaten Fernverkehrsbetreiber auf Schienen &#8211; analog dem &#8222;Italo&#8220; in Italien und der &#8222;Westbahn&#8220; in \u00d6sterreich &#8211; geben wird. Damit w\u00fcrde es auch im Fernverkehr einen Verlust an Synergien und ein Plus an Fahrplan- und Ticket-Chaos geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Allerdings &#8211; Vorsicht! Dass der bestehende Konzern Deutsche Bahn diese Entwicklung zu immer mehr Privatisierung verhindern w\u00fcrde, ist ein Trugschluss. Schlie\u00dflich w\u00e4chst der Anteil der Privaten von Jahr zu Jahr, auch und gerade weil der &#8222;integrierte Konzern&#8220; dies indirekt und oft sogar direkt f\u00f6rdert. So sickert derzeit durch, dass die Einstellung des DB-eigenen preiswerten IRE-Verkehrs auf der Verbindung Hamburg &#8211; Berlin von der DB selbst herbeigef\u00fchrt wurde \u2026 weil intern bereits die entsprechenden Trassen an den privaten Betreiber Flixtrain vergeben wurden.<\/p>\n\n\n\n<h3>Bilanz<\/h3>\n\n\n\n<p>In den Koalitionsverhandlungen f\u00fcr die neue &#8222;Ampel&#8220;-Regierung konnte die FDP auch im Bereich Verkehr starke neoliberale Duftmarken setzen. Der gesamte Verkehrsbereich des Koalitionsvertrags bringt keinerlei Fortschritte im Bereich Klimaschutz. Im Gegenteil &#8211; der Autoverkehr wird damit faktisch deutlich gesteigert und die CO2-Emissionen in diesem Bereich werden weiter steigen. Der Ampel-Vertrag ist hier &#8211; wie in fast allen Bereichen &#8211; Greenwashing pur, erg\u00e4nzt um viel Digital-Blablabla. Allein die Umstrukturierung des Bahnkonzerns bleibt positiv zu vermerken.<\/p>\n\n\n\n<p>Die drei Zielsetzungen (1) &#8222;Beschleunigungen aller Planverfahren&#8220;, (2) Umsetzung aller Betonprojekte im Schienenfernverkehr unter dem irref\u00fchrenden Label &#8222;Deutschlandtakt&#8220; und (3) die angedeutete Orientierung auf Konkurrenzverkehr zum ICE sind negativ zu vermerken. Nur eine breite Verkehrswende-Bewegung von unten kann die Chancen, die es mit der Ampel-Regierung in diesem Bereich auch gibt, wahrnehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuerst <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/E-Auto-Schwemme-und-Betonbahn-6276837.html?seite=all\">hier<\/a> ver\u00f6ffentlicht <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Digitalisiertes Greenwashing: Kritik des Verkehrsbereichs im Koalitionsvertrag von &#8222;Rot-Gr\u00fcn-Gelb&#8220; Der Koalitionsvertrag der &#8222;Ampel&#8220;-Parteien tr\u00e4gt in gro\u00dfen Teilen die Handschrift der FDP. 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