{"id":159,"date":"2019-03-02T12:08:34","date_gmt":"2019-03-02T11:08:34","guid":{"rendered":"http:\/\/winfriedwolf.de\/wordpress\/?p=159"},"modified":"2020-01-25T09:18:27","modified_gmt":"2020-01-25T08:18:27","slug":"tabubruch-kosovo-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=159","title":{"rendered":"Tabubruch Kosovo-Krieg"},"content":{"rendered":"\n<h2><strong>20\nJahre danach ein Besuch in Belgrad und ein R\u00fcckblick auf die\nDebatten im Deutschen Bundestag 1998\/99<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Als Milomir Mari\u0107, Direktor des serbischen TV-Senders \u201eHappy\u201c, mich am 9. M\u00e4rz zum Auftakt eines Gespr\u00e4chs vor laufender Kamera fragt: \u201eWie kam es, dass Sie zum Freund der Serben wurden?\u201c, antworte ich irritiert-vage mit \u201eEs ging mir in erster Linie um die Wahrheit, nicht prim\u00e4r um Serbien.\u201c In Belgrad, vor dem Hintergrund, dass Deutschland in den letzten 105 Jahren zwei Mal (1914 bis 1918 und 1999) an einem Angriffskrieg auf Serbien beteiligt war und ein drittes Mal (1941-1945) einen solchen f\u00fchrte, hat die Frage ihre Berechtigung. Selbst die Kenntnisse \u00fcber den Ersten Weltkrieg, in dem mehr als ein Viertel der serbischen Bev\u00f6lkerung das Leben verlor, sind in Serbien bis heute weit verbreitet. Der kleine Verlag Prometei in Novi Sad, in dem das Buch von Klaus Gietinger und mir \u201eDer Seelentr\u00f6ster. Wie Christopher Clark die Deutschen von der Schuld am Ersten Weltkrieg erl\u00f6st\u201c in serbischer Sprache erschien, hat in den Jahren 2014 bis 2018 insgesamt 65 (in Worten: f\u00fcnfundsechzig) B\u00fccher zu dem \u201eGro\u00dfen Krieg\u201c, wie der Erste Weltkrieg in Serbien genannt wird, publiziert.[1] An den \u00dcberfall der Wehrmacht auf Belgrad \u2013 Hitler hatte mit der \u201eWeisung Nr. 25\u201c befohlen, Belgrad&nbsp;\u201edurch fortgesetzte Tag- und Nachtangriffe \u2026 zu zerst\u00f6ren\u201c \u2013 erinnert der \u00dcbersetzer unseres Buchs und mein Begleiter w\u00e4hrend der Tage in Belgrad, Milos Kazimirovic, mit dem Verweis, dass seine Gro\u00dfmutter im April 1941 Opfer der Brandbomben wurde und \u201ebei lebendigem Leib verbrannte\u201c.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Der dritte Krieg schlie\u00dflich, dessen Beginn sich in diesen Tagen zum zwanzigsten Mal j\u00e4hrt, ist f\u00fcr eine gro\u00dfe Mehrheit der serbischen Bev\u00f6lkerung schmerzhaft pr\u00e4sent. Man wird an ihn erinnert in fast allen Gespr\u00e4chen mit Serbinnen und Serben und bei vielen Fahrten und Wegen durch Novi Sad und Belgrad \u2013 beispielsweise in Serbiens Hauptstadt beim Blick in die aufgerissene Haush\u00e4lfte des Geb\u00e4udes von Radio Televizija Srbije (RTS), das durch einen Nato-Bombenangriff, der auch 16 Menschen das Leben kostete, zerst\u00f6rt wurde.  <\/p>\n\n\n\n<h3>Blinder Fleck bei Wikipedia  <\/h3>\n\n\n\n<p>Der Nato-Krieg gegen die Bundesrepublik\nJugoslawien bzw. gegen \u201eRestjugoslawien\u201c, das zu diesem Zeitpunkt\nnoch aus Serbien, Kosovo und Montenegro bestand, begann \u2013 so war\ngl\u00fccklicherweise in den letzten Tagen noch in den Medien zu lesen \u2013\nvor exakt zwanzig Jahren, am 24. M\u00e4rz 1999.<\/p>\n\n\n\n<p>Das sieht das Internet-Welt-Lexikon\nanders. Bei Wikipedia in der deutschen Fassung hei\u00dft es, der Krieg\nhabe am \u201e28. Februar 1998\u201c begonnen. Die englische\nWikipedia-Fassung  bevorzugt eine vage Formulierung f\u00fcr den\nKriegsbeginn und definiert diesen auf  \u201elate February 1998\u201c. In\nder franz\u00f6sischen Ausgabe von Wikipedia wiederum wird einerseits\nauch ein pr\u00e4ziser Tag als Kriegsbeginn genannt, allerdings ein ganz\nanderer, n\u00e4mlich \u201e<a href=\"https:\/\/fr.wikipedia.org\/wiki\/6_mars\">6\nmars<\/a>&nbsp;<a href=\"https:\/\/fr.wikipedia.org\/wiki\/1998\">1998<\/a>.\u201c[2]\n<\/p>\n\n\n\n<p>In allen drei Wikipedia-Fassungen wird\nalso von einem Krieg, von dem es gemeinhin hei\u00dft, er habe am 24.\nM\u00e4rz 1999 begonnen und dann 78 Tage und bis zum 10. Juni 1999\ngedauert,  davon ausgegangen, dieser habe sich \u00fcber mehr als 15\nMonate hinweg gezogen. Und w\u00e4hrend in der deutschen\nWikipedia-Fassung in diesem Krieg als \u201eKonfliktparteien (!) die\nBefreiungsarmee des Kosovo (UCK), die jugoslawische Armee und\nserbische Ordnungskr\u00e4fte sowie Nato-Streitkr\u00e4fte unter F\u00fchrung der\nUSA\u201c aufgef\u00fchrt werden, ist die Darstellung in der englischen\nAusgabe von Wikipedia nochmals verzerrter. Danach wurde der Krieg\nzwischen der jugoslawischen Armee und der UCK ausgefochten, wobei\nletztere \u201eLuftunterst\u00fctzung durch die NATO und Unterst\u00fctzung am\nBoden durch die Armee Albaniens erhalten\u201c h\u00e4tten.[3] Die NATO, die\nals entscheidende Kriegspartei zu sehen ist, wird hier in einer\nNebenrolle gesehen \u2013 auf der gleichen Ebene wie die Armee\nAlbaniens, die in den meisten Berichten \u00fcber den Kosovo-Krieg erst\ngar nicht auftaucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie absurd diese Darstellung ist, zeigt\nbereits die Tatsache, dass es \u2013 hier in der deutschen Fassung von\nWikipedia \u2013 hei\u00dft: \u201eAnlass [f\u00fcr den Krieg; M.K.] war die\nNichtunterzeichnung des Vertrags von Rambouillet durch den serbischen\nPr\u00e4sidenten Slobodan Milosovic.\u201c In einer tabellarischen Randnotiz\nin derselben Wikipedia-Ausgabe wird sogar explizit als \u201ecasus\nbelli\u201c, also als Kriegsgrund, genannt: die \u201eNichtunterzeichnung\ndes Vertrags von Rambouillet durch die BR Jugoslawien\u201c. Da nun die\nVerhandlungen \u00fcber einen Vertrag zwischen Belgrad und der UCK in\nRambouillet \u2013 einem Schloss in der N\u00e4he von Paris \u2013 erst am 6.\nFebruar 1999 <em>begannen<\/em> und da in allen Wikipedia-Fassungen zum\nKosovo-Krieg das Nichtzustandekommen dieses Vertrags als \u201eAnlass\u201c\nf\u00fcr den Krieg angef\u00fchrt wird, ist ein Kriegsbeginn ein knappes Jahr\nfr\u00fcher schlechterdings unm\u00f6glich. Wobei es nun durchaus vorstellbar\nist, dass die Verantwortlichen f\u00fcr das hoch volatile\nWikipedia-Lexikon in Zukunft neue Anpassungen vornehmen werden,\nsodass derlei krasse Ungereimtheiten nivelliert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die weitreichenden\nGeschichtsf\u00e4lschungen bei Wikipedia seien hier ausf\u00fchrlich\ndargestellt, weil im Kosovo-Krieg die medialen Manipulationen \u2013 den\nBegriff \u201efake news\u201c gab es noch nicht und US-Pr\u00e4sident Bill\nClinton, der eigentliche Kriegsherr, hatte ein deutlich positiveres\nImage als der aktuelle Hauptmieter im Wei\u00dfen Haus zu Washington \u2013 \nauf ausgesprochen hohem Niveau stattfanden. Und weil sie\nsymptomatisch daf\u00fcr sind, wie mit diesem Krieg auch insofern\nGeschichte geschrieben wurde, als bereits die Grundlagen einer\nseri\u00f6sen Geschichtsschreibung (wie Kriegsbeginn, Kriegsdauer und \nexakte Nennung der Kriegsgegner) entsorgt werden.<\/p>\n\n\n\n<h3><strong>Kosovo-Krieg und \u201enew\nworld order\u201d<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Der Kosovo-Krieg gewinnt seine\nBedeutung vor dem Hintergrund des Zusammenbruchs der Sowjetunion\n1990\/91 und der neuen Rolle, die seither die USA spielen. Als damals\nnoch gr\u00f6\u00dfte Wirtschaftsmacht und als damals (und heute) mit Abstand\nst\u00e4rkste Milit\u00e4rmacht formulierte US-Pr\u00e4sident George Bush senior\n1990 den Satz: \u201eWe create a new world order\u201c. Mit diesem Slogan\nzur Schaffung einer \u201eneuen Weltordnung\u201c unter US-Vorherrschaft\nstartete er den Golfkrieg 1990. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Nachfolger im Amt, US-Pr\u00e4sident\nWilliam (\u201eBill\u201c) Clinton, setzte diese Politik nahtlos fort. Bush\n(senior) und Clinton war dabei gemein, dass man nunmehr weder\nR\u00fccksicht nehmen m\u00fcsse auf die Sowjetunion respektive Russland noch\nauf die UNO. W\u00e4hrend der Republikaner Bush sich beim Golfkrieg 1990\nnoch um eine UN-Resolution, die diesen Krieg teilweise abdeckte,\nbem\u00fcht hatte, war dies f\u00fcr den Demokraten Bill Clinton 1999 erst\ngar kein Thema. Der Kosovo-Krieg wurde nicht nur ohne UN-Mandat\ngef\u00fchrt; es wurde erst gar nicht ein Versuch unternommen, ein\nsolches UN-Mandat beizuholen. Legal, illegal, kollateral \u2013 der\nKosovo-Krieg wurde von vornherein und bewusst bei Verletzung\ngeltender Normen gef\u00fchrt. Der \u00f6sterreichische  Historiker Hannes\nHofbauer schrieb: \u201eDer nicht erkl\u00e4rte Krieg gegen Jugoslawien war\neine jeder Rechtsgrundlage entbehrende Aggression. Gebrochen wurden\ndas V\u00f6lkerrecht, die UN-Charta, die NATO-Statuten und vielerlei\nnationale Verfassungen, insbesondere auch das deutsche\nGrundgesetz.\u201c[4]<\/p>\n\n\n\n<p>Es ging bei diesem Krieg nicht, wie\nauch heute im R\u00fcckblick oft behauptet, um eine \u201eWeiterentwicklung\ndes V\u00f6lkerrechts\u201c. Nein, es ging darum, das V\u00f6lkerrecht zu\nentsorgen, auf sp\u00e4tere Kriege vorzubereiten und das pure \u201eRecht\u201c\ndes St\u00e4rkeren zu proklamieren und zu praktizieren. Das wurde kaum\nirgendwo deutlicher als bei den sogenannten Verhandlungen in\nRambouillet. Diese Verhandlungen fanden zu einem Zeitpunkt statt, als\nsich die Lage im Kosovo erheblich beruhigt hatte und als\nhunderttausende Fl\u00fcchtlinge in ihre ehemaligen Siedlungsgebiete\nzur\u00fcckgekehrt waren. Rund 1400 Beobachter der OSZE waren in der\nProvinz Kosovo stationiert worden; 15.000 Mann der serbischen\nSonderpolizei hatten sich im Oktober 1998 aus dem Kosovo\nzur\u00fcckgezogen. Die OSZE bzw. der Westen lie\u00dfen damit jedoch zu,\ndass die UCK \u2013 sie wurde bis Mitte 1998 selbst vom US-Geheimdienst\nkorrekt als \u201eTerrororganisation\u201c bezeichnet \u2013 in breitem Umfang\nfaktisch die Macht im Kosovo \u00fcbernahm \u2013 und zwar mit milit\u00e4rischen\nMitteln. Das las sich in der Tageszeitung <em>Die Welt<\/em> vom 22.\nJanuar 1999 wie folgt: \u201eDie Rebellen sind fast \u00fcberall dorthin\nzur\u00fcckgekehrt, wo sie im Sommer [1998] waren. [\u2026] Ferner haben sie\nneue Waffen herangeschafft, moderne Panzersch\u00fctzengewehre, deren\nKugeln zur Not auch mittlere Panzerungen durchschlagen k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Situation kam es am 16.\nJanuar 1999 in dem D\u00f6rfchen &nbsp;Ra\u010dak,\nmitten im Kosovo, zu dem, was als \u201eMassaker\u201c, begangen durch\nserbische Einheiten, ausgegeben wurde. Darauf wird noch einzugehen\nsein. Im Gefolge dieses sogenannten Massakers wurden im franz\u00f6sischen\nRambouillet  \u201eFriedensverhandlungen\u201c  gef\u00fchrt. Die Details zu\nRambouillet \u2013 wer hier welche F\u00e4den spann; wie die UCK-Verhandler\nausgetauscht wurden, wie der lange Zeit per internationalen\nHaftbefehl gesuchte Hashim\nTha\u00e7i, der von Belgrad beschuldigt wurde, konkrete Polizistenmorde\nbegangen zu haben, an die Spitze der UCK-Delegation gestellt wurde \u2013\nseien hier ausgeklammert. Festzuhalten ist hier nur, was der Westen\nder serbischen Seite in ultimativer Form zur Unterschrift vorlegte.\nBelgrad sollte akzeptieren, dass die Provinz Kosovo einen\n\u201eInternationalen Verwalter\u201c erh\u00e4lt, dass dort 28.000 Mann\nNato-Soldaten stationiert werden, dass in drei Jahren ein Referendum\nin Kosovo \u00fcber eine m\u00f6gliche Lostrennung von Serbien\nstattfinden sollte,\ndass die UCK faktisch als Polizeigewalt im Kosovo agieren w\u00fcrde \u2026\nund dann vor allem, dass sich \u201eNATO-Personal [\u2026] innerhalb der\ngesamten  Bundesrepublik [Jugoslawien] einschlie\u00dflich ihres\nLuftraums und ihrer Territorialgew\u00e4sser frei und ungehindert bewegen\nk\u00f6nnen\u201c m\u00fcsse. Damit w\u00e4re ganz Serbien und Montenegro zu einem\nAufmarschgebiet der NATO geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war klar, dass die serbische Seite\ndas nicht unterschreiben konnte. Und dies war auch das Ziel. Es\nsollte keine serbische Unterschrift, es sollte Krieg geben. \n<\/p>\n\n\n\n<h3><strong>Die Art der Bombardierung<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Es folgte an 78 Tagen ein intensives\nBombardement durch NATO-Flugzeuge. Beteiligt waren 1000\nKampfflugzeuge der Luftstreitkr\u00e4fte unter anderem der USA,\nGro\u00dfbritanniens, Deutschlands, Italiens, Spaniens und der T\u00fcrkei.\nEs gab 35.000 Lufteins\u00e4tze. 6500 Zivilisten und 500 jugoslawische\nSoldaten fanden den Tod. 200 Fabriken wurden dem Erdboden\ngleichgemacht. Raffinerien wurden in Brand geschossen. 33 Br\u00fccken,\nein gro\u00dfer Teil des Stra\u00dfennetzes und der Infrastruktur der\nEisenbahn  wurden zerst\u00f6rt. Hunderte D\u00f6rfer wurden in Brand\ngesteckt. In fast allen St\u00e4dten Jugoslawiens wurden\nRegierungsgeb\u00e4ude, Rath\u00e4user, Kirchen, Kl\u00f6ster, Krankenh\u00e4user,\nSchulen, Universit\u00e4ten, Kinderg\u00e4rten, Sportanlagen, Museen,\nGedenkst\u00e4tten, ja sogar Friedh\u00f6fe bombardiert und oft in Schutt und\nAsche gelegt.[5] Der NATO gingen buchst\u00e4blich die Ziele aus bzw. sie\nmussten mehrmals neu definiert und damit immer mehr rein zivile Ziele\nins Visier der Bomber genommen werden. Dabei legte die NATO Wert auf\ndie Feststellung, jedem einzelnen Angriffsziel \u201epolitisch\nzugestimmt\u201c zu haben. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Einige der im Krieg eingesetzten Waffen\nd\u00fcrften \u00fcberhaupt erstmals oder erstmals in gro\u00dfem Umfang\neingesetzt worden sein. Der Krieg als <em>showroom<\/em>, als\nGro\u00dfversuch. Das gilt auch f\u00fcr den Einsatz von <em>Graphit-Bomben<\/em>.\nEs handelt sich um Bomben, die Graphit-F\u00e4den ausstreuen und damit zu\nKurzschl\u00fcssen im Hochspannungsnetz und in Umspannstationen usw.\nf\u00fchren. Mit dem Einsatz dieser Bomben konnte die\nElektrizit\u00e4tsversorgung ganzer Gebiete oder von Wohnvierteln f\u00fcr\nl\u00e4ngere Zeit ausgeschaltet werden. Dar\u00fcber wurde auch in\nDeutschland berichtet. So konnte man am 23. Mai in der <em>S\u00fcddeutschen\nZeitung<\/em> lesen: \u201eKein Licht, kein Wasser, keine Stra\u00dfenbahn [\u2026]\nLuftangriffe der NATO auf die Stromversorgungssysteme Serbiens haben\nzu Beginn des dritten Monats der Bombardierung Jugoslawiens die\nSt\u00e4dte Belgrad, Novi Sad und Nis und einen gro\u00dfen Teil des Landes\nin Katastrophenstimmung versetzt.\u201c Ohne Zweifel handelte es sich\nhier um Ma\u00dfnahmen, die v\u00f6lkerrechtswidrig gezielt gegen die\nZivilbev\u00f6lkerung gerichtet waren. Die fatalen Folgen beispielsweise\nin Krankenh\u00e4usern sind naheliegend.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Vorgehen der NATO im\nJugoslawien-Krieg 1999 war einerseits beispiellos und andererseits\n<em>beispielgebend<\/em>. Sieben Jahre sp\u00e4ter diente die\nNATO-Aggression der Regierung in Tel Aviv als Muster f\u00fcr das\nVorgehen im Libanon-Krieg, der am 12. Juni 2006 begann. Der\nisraelische Premierminister Ehud Olmert rechtfertigte die\nkatastrophalen Auswirkungen der israelischen Luftangriffe auf den\nLibanon mit den folgenden Worten: \u201eDie europ\u00e4ischen L\u00e4nder haben\nden Kosovo angegriffen und dabei 10.000 Zivilisten umgebracht. [\u2026]\nIch sage ja nicht, dass es falsch war, im Kosovo zu intervenieren.\nAber bitte: Erz\u00e4hlt uns nicht, wie man mit Zivilisten umgeht.\u201c[6]<\/p>\n\n\n\n<h3><strong>Uranmunition \u2013 die Aktualit\u00e4t der\nKriegsfolgen<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Besonders fatal war und ist der Einsatz\nvon Uran-Munition. Die NATO hatte nach dem Krieg eingestanden, 30.000\nGeschosse mit abgereichertem Uran (depleted Uranium, DU) abgefeuert\nzu haben. Belgrad nannte 50.000 Geschosse. Das entspricht zwischen 10\nund 15 Tonnen Uran. 2018 lebte die Debatte \u00fcber die Folgen des\nEinsatzes der uranhaltigen Munition neu auf. Die serbische\nTageszeitung <em>Politika<\/em> berichtete am 8. November 2018 (und\nzuvor bereits am 23. M\u00e4rz 2012) \u00fcber das Thema. In Gebieten, in\ndenen nachweislich solche DU-Geschosse eingesetzt wurden, war in den\nletzten Jahren eine massiv erh\u00f6hte Rate an Krebserkrankungen\nfestgestellt worden.[7] \n<\/p>\n\n\n\n<p>Der US-Boschafter in Belgrad, Kyle\nScott, l\u00f6ste mit seiner Behauptung, der Anstieg der Krebsf\u00e4lle in\nSerbien habe nichts mit den Uran-Geschossen zu tun und sei vielmehr\neine Folge \u201edes ungesunden Lebensstils vieler Serben und der\nr\u00fcckst\u00e4ndigen medizinischen Versorgung im Land\u201c Emp\u00f6rung aus. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Uran-Munition war von der NATO bereits 1995 in Bosnien (und hier in der Gegend von Pale) eingesetzt worden. Vor allem aber wurden solche Geschosse im gro\u00dfen Umfang im Irak-Krieg 1990 verschossen \u2013 also just zum Auftakt der \u201enew world order-\u201c Strategie der US-Regierung. Und im Gefolge des Irak-Kriegs 1990 bilanzierte Ramsey Clark, ehemaliger Justizminister der USA: \u201eDie Wirkungen der Uran-Mantelgranaten waren durchaus bekannt. Testgel\u00e4nde f\u00fcr diese Waffen in Minnesota und New Mexico blieben st\u00e4ndig radioaktiv [\u2026] Wissenschaftler aus Saudi-Arabien berichteten [nach dem Irak-Krieg; M.K.] \u00fcber einen Anstieg der Radioaktivit\u00e4t entlang der Nordgrenze des Landes. Dem Bericht der britischen Atomenergiebeh\u00f6rde UKAEA zufolge verursachen 40 Tonnen radioaktiver Tr\u00fcmmer in der W\u00fcste m\u00f6glicherweise bis zu 500.000 Todesf\u00e4lle. Uran-238 beh\u00e4lt seine Radioaktivit\u00e4t \u00fcber Jahrmillionen. Demnach d\u00fcrfen ganze Regionen im Irak und Kuweit f\u00fcr immer t\u00f6dlich und unbewohnbar bleiben.\u201c[8] <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Deutschland und der Krieg<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Was mich in den Tagen in Belgrad besonders betroffen machte, ist die Erkenntnis, dass die eigene Erinnerung an diesen Krieg, den ich 1999 als Bundestagsabgeordneter der PDS durchaus einigerma\u00dfen konkret erlebte, bereits wieder erheblich verblichen ist. Dass mir erst in den Gespr\u00e4chen vor Ort in Belgrad und dann, zur\u00fcck in Deutschland, beim Aufarbeiten des Erlebten, beim Neu-Lesen von B\u00fcchern und Reden zum Krieg, auch eigenen, und bei der Aktivierung meines Archivs wieder deutlich wurde, welch ein Tabu-Bruch dieser Krieg f\u00fcr das damals jung vereinte Deutschland darstellte. Und wie infam-erfolgreich dieser war. Dass bis zu zwei Drittel der deutschen Bev\u00f6lkerung Bundeswehreins\u00e4tze im Ausland wie denjenigen in Afghanistan ablehnt, ist f\u00fcr neunzig Prozent der Bundestagsabgeordneten, die immer wieder aufs Neue f\u00fcr diese Auslandseins\u00e4tze stimmen, kein Anlass zur kritischen Reflexion. Die ma\u00dfgeblichen Mitglieder von CDU, CSU, FDP, SPD und Gr\u00fcnen, die den Kosovo-Krieg und die deutsche Beteiligung an diesem Krieg unterst\u00fctzt haben, empfinden ein Leben mit einem offenkundig dauerhaften Verfassungsbruch als unproblematisch. Die Artikel 25 und 26 des Grundgesetzes lauten: \u201eDie allgemeinen Regeln des V\u00f6lkerrechts sind Bestandteil des Bundesrechtes. Sie gehen den Gesetzen vor und erzeugen Rechte und Pflichten unmittelbar f\u00fcr die Bewohner des Bundesgebietes.\u201c Und: \u201eHandlungen, die geeignet sind, [\u2026] das friedliche Zusammenleben der V\u00f6lker zu st\u00f6ren, insbesondere die F\u00fchrung eines Angriffskrieges vorzubereiten, sind verfassungswidrig.\u201c Der Nato-Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien, der am 24. M\u00e4rz 1999 begann und an dem sich ab diesem Datum 78 Tage lang deutsche Soldaten und deutsche Tornado-Kampfflugzeuge beteiligten, war ein Angriffskrieg. Er erfolgte ohne UN-Mandat und bei eindeutigem Bruch des V\u00f6lkerrechts. Altkanzler Helmut Schmidt hatte entsprechend argumentiert und den Krieg verurteilt. Oskar Lafontaine hatte am 1. Mai 1999 \u2013 er war am 11. M\u00e4rz 1999 von seinen Funktionen als Finanzminister und SPD-Parteivorsitzender zur\u00fcckgetreten \u2013 in einer Rede im Saarbr\u00fccker Deutsch-Franz\u00f6sischen Garten festgestellt: \u201eIch bin fest davon \u00fcberzeugt, dass wir nicht weiterkommen, wenn wir eine Volksgruppe [die Serben; W.W.] d\u00e4monisieren. [\u2026] So kann man nicht zu Frieden kommen.\u201c[9]<\/p>\n\n\n\n<h3><strong>Die PDS und der Kosovo-Krieg<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Die PDS war nach den Bundestagswahlen vom September 1998 erstmals als Fraktion mit insgesamt 36 Abgeordneten vertreten. Die PDS-MDBs hatten bereits im Oktober 1998 im Bundestag ihre Zustimmung zur \u201eActivation Oder\u201c, mit der der NATO freie Hand zu einem Angriff auf die BR Jugoslawien gegeben wurde, geschlossen verweigert. Bei dieser   Antikriegshaltung blieb es auch w\u00e4hrend des Kosovo-Kriegs. Sie stand dabei allerdings unter einem immensen Druck, da alle anderen Bundestagsparteien so gut wie einhellig f\u00fcr den Krieg stimmten bzw. diesen unterst\u00fctzten. Als die beschriebenen Ereignisse in Racak stattfanden, nahm auch die PDS-Fraktion die Darstellung der US-Regierung und der NATO umgehend f\u00fcr bare M\u00fcnze und gab entsprechende Erkl\u00e4rungen ab, in denen von einem \u201eMassaker\u201c das \u201edie jugoslawische Regierung zu verantworten\u201c habe, die Rede war. Auch ein dramatischer Appell des jugoslawischen Botschafters in Deutschland, Zoran Jeremic, gerichtet an Gregor Gysi und die PDS-Bundestagsfraktion, in dem dieser diese Vorverurteilung kritisierte und dazu aufforderte, das Ergebnis einer unabh\u00e4ngigen Untersuchungskommission abzuwarten, wurde negativ beschieden.[10]<\/p>\n\n\n\n<p>Bereits Anfang April, knapp zwei Wochen nach Beginn des Nato-Bombenkriegs, erschien  die neu gegr\u00fcndete \u201eZeitung gegen den Krieg \u2013 ZgK\u201c. Im Impressum stand: \u201edie Zeitung gegen den Krieg wird herausgegeben von der PDS-Fraktion im Bundestag. Verantwortlich im Sinne des Pressegesetzes: Winfried Wolf, Bundeshaus, 53113 Bonn\u2026\u201c Bis Mitte April waren drei Ausgaben erschienen; Nr., 3 hatte eine vertriebene Druckauflage von 250.000 Exemplaren. Am 15. April fand eine Bundestagsdebatte zum Kosovo-Krieg statt. In dieser polemisierte der Fraktionsvorsitzende der SPD, Peter Struck, gegen die Zeitung mit den Worten:<em> \u201e<\/em>Ich m\u00f6chte hier \u2013 der Kollege ist zwar gerade nicht anwesend \u2013 f\u00fcr meine Fraktion deutlich ausdr\u00fccken, wie peinlich ich den Vorgang des Besuches von Herrn Gysi in Belgrad und seine Begegnung mit Herrn Milosevic finde, (Beifall bei der SPD, dem B\u00dcNDNIS 90\/DIE GR\u00dcNEN, der CDU\/CSU und der F.D.P.) und darauf hinweisen, da\u00df mir hier eine Zeitung vorliegt, herausgegeben von der PDS im Deutschen Bundestag, in der der Bundesminister der Verteidigung, Herr Kollege Rudolf Scharping, als \u201eKriegsminister\u201c diskreditiert wird. (Zuruf von der CDU\/CSU: Pfui!) Ich weise diese Unerh\u00f6rtheit deutlich zur\u00fcck. (Beifall bei der SPD, dem B\u00dcNDNIS 90\/DIE GR\u00dcNEN, der CDU\/CSU und der FDP).\u201c In \u00e4hnlicher Weise \u00e4u\u00dferte sich der Verteidigungsminister Rudolf Scharping, der dabei besonders kritisierte, dass \u201ediese Zeitung mit Steuermitteln\u201c finanziert werden w\u00fcrde (sie wurde finanziert mit den Mitteln, die der PDS-Fraktion nach Recht und Gesetz zur Verf\u00fcgung standen).[11]<\/p>\n\n\n\n<p>Darauf beschloss eine Mehrheit der\nPDS-Bundestagsfraktion, ab sofort keine Gelder mehr f\u00fcr die \u201eZeitung\ngegen den Krieg\u201c zur Verf\u00fcgung zu stellen und damit die Zeitung\neinzustellen. Die \u201eZeitung gegen den Krieg\u201c erschien allerdings\nweiter. Ab Nr. 4 stand im Impressum: \u201eHerausgegeben von Tobias\nPfl\u00fcger, Informationsstelle Militarisierung (IMI) e.V., T\u00fcbingen,\nund Dr. Winfried Wolf, MdB.\u201c  Erg\u00e4nzend wurden im Impressum 14\nPDS-MdBs (das waren knapp 40 Prozent der Fraktion) aufgef\u00fchrt, die\ndie ZgK weiter unterst\u00fctzten \u2013 und diese auch aus ihren\nindividuellen Budgets ko-finanzierten. So konnten w\u00e4hrend des\nKrieges und bis Juni 1999 noch drei weitere Ausgaben erscheinen. Die\nAuflage lag nun allerdings \u201enur\u201c bei 50.000 Exemplaren je\nAusgabe. Nun musste die Zeitung auf Rechnung vertrieben werden. Und\nes nicht einfach war, in wenigen Tagen eine den Bed\u00fcrfnissen in der\nBev\u00f6lkerung entsprechende Vertriebslogistik aufzubauen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Denn der Widerspruch zwischen einer\nMehrheit in der Bev\u00f6lkerung, die den Krieg ablehnte, und den 94,7\nProzent der Bundestagsabgeordneten, die den v\u00f6lkerrechtswidrigen\nKrieg unterst\u00fctzten, war mit H\u00e4nden zu greifen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich heute die Protokolle der\nBundestagsplenardebatten w\u00e4hrend des Krieges lese \u2013 und dabei\ninsbesondere das Augenmerk auf die Beitr\u00e4ge von ansonsten\nernsthaften ehemaligen Kollegen aus der SPD und den Gr\u00fcnen werfe \u2013\ndann sehe ich wieder die Bilder dieser unglaublichen Macht der\nManipulation und der Hetze vor mir, die mit jedem Krieg verbunden ist\nund die in der konkreten  Konstellation, in der sich die\nBundesrepublik Deutschland damals befand, besonders fatal wirkte.<\/p>\n\n\n\n<h3><strong>Gr\u00fcne und SPD trommeln f\u00fcr einen Krieg, den CDU\/CSU und FDP in dieser Form nie h\u00e4tten durchziehen k\u00f6nnen<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Der Tabubruch Kosovo-Krieg hatte zwei entscheidende Voraussetzungen. Erstens die Einbindung von SPD und Gr\u00fcnen. Dieser Krieg mit ma\u00dfgeblicher deutscher Beteiligung w\u00e4re nicht m\u00f6glich gewesen, wenn im September 1998 Helmut Kohl die Wahl gewonnen und SPD und Gr\u00fcne Oppositionsparteien geblieben w\u00e4ren. Kohl sagte einmal Anfang der 1990er Jahre \u201eBalkan \u2013 nie\u201c. Mit einem gewissen gesunden  Bauchgef\u00fchl ging er davon aus, dass ein dritter Einsatz deutscher Soldaten auf dem Balkan innerhalb eines Jahrhunderts zu sehr das verletzen k\u00f6nnte, was sein Verteidigungsminister Volker R\u00fche als  \u201egewachsene Instinkte der Menschen\u201c \u2013 gemeint: Friedensliebe \u2013 bezeichnet hatte.[12] Dass also der Widerstand in der Bev\u00f6lkerung zu gro\u00df werden k\u00f6nnte, wenn ein neuer Krieg auf dem Balkan in Bonn respektive Berlin von einer Regierungspartei dirigiert worden w\u00e4re, die dem konservativen Lager mit einigen personellen Verbindungen zur NSDAP (Globke! Kiesinger!! Filbinger!!!) zuzurechnen war.  <\/p>\n\n\n\n<p>Die zweite Voraussetzung war: SPD und Gr\u00fcne als Regierende mussten das Ja zum Bruch von V\u00f6lkerrecht und Verfassung besonders engagiert und zynisch-demagogisch begr\u00fcnden, dabei die verbrecherische deutsche  Politik im Zweiten Weltkrieg auf den Kopf stellend. Das klang beim Bundeskanzler Gerhard Schr\u00f6der, SPD, so: \u201eWir f\u00fchren keinen Krieg. Aber wir sind aufgerufen, eine friedliche L\u00f6sung im Kosovo auch mit milit\u00e4rischen Mitteln durchzusetzen. [\u2026] Der entscheidende Punkt, den Menschenschl\u00e4chter in Belgrad zu bek\u00e4mpfen, ist unsere Festigkeit.\u201c[13]  Der Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping, SPD, argumentierte wie folgt: \u201eInzwischen werden im Kosovo [von den Serben] offensichtlich Konzentrationslager eingerichtet.\u201c[14] Ludger Volmer, Staatssekret\u00e4r der Gr\u00fcnen, behauptete: \u201eDas, was Milosevic betreibt, ist V\u00f6lkermord. Er bedient sich der gleichen Kategorien, deren sich Hitler bedient hat.\u201c[15] Der deutsche Au\u00dfenminister Joseph Fischer, Gr\u00fcne, benutzte eine Ernst-J\u00fcnger-Sprache: \u201eJetzt werden die Gr\u00fcnen geh\u00e4rtet oder zu Asche verbrannt.\u201c[16]<\/p>\n\n\n\n<p>Es k\u00f6nnte ein peinliches Versehen sein, dass die deutsche Regierung \u2013 hier unter Kanzler Kohl \u2013 die provokative Anerkennung von Bosnien-Herzegowina als eigenst\u00e4ndigen Staat am 6. April 1992 vornahm, am Jahrestag des \u00dcberfalls der deutschenWehrmacht auf Jugoslawien. Kaum ein Zufall ist dann die Tatsache, dass diejenige Passage in dem Ultimatum der NATO vom 18. M\u00e4rz 1999, die f\u00fcr Belgrad nicht annehmbar war, in der Substanz demjenigen Teil des k. u. k.-Ultimatums vom Juli 1914 entspricht, der f\u00fcr Belgrad nicht annehmbar war. Zwei Vorw\u00e4nde f\u00fcr Kriege, herbeigef\u00fchrt mit vergleichbarem \u201ewording\u201c. Christopher Clark bezeichnet in seinem Weltbestseller \u201eDie Schlafwandler\u201c, in dem er die Serben auf hunderten Seiten schm\u00e4ht und dem\u00fctigt, \u201edie \u00f6sterreichische Note\u201c [von Juli 1914; W.W.] als \u201edeutlich zur\u00fcckhaltender als das Ultimatum, das die NATO im Februar und M\u00e4rz 1999  [\u2026] Serbien-Jugoslawien vorlegte.\u201c[17]  <\/p>\n\n\n\n<p>Nach Abschluss des Waffenstillstands am Ende des Kosovo-Kriegs marschierten 50.000 NATO-Soldaten im Kosovo ein. Darunter auch einige Tausend deutsche Bundeswehr-Soldaten. Alle wurden von der albanisch-kosovarischen Bev\u00f6lkerung freudig begr\u00fc\u00dft; die letztgenannten nicht selten mit dem Hitler-Gru\u00df. Dazu hie\u00df es im \u201eLeitfaden f\u00fcr Bundeswehrsoldaten im Kosovo\u201c, herausgeben im Juni 1999 vom \u201eAmt f\u00fcr Nachrichtenwesen der Bundeswehr\u201c: \u201eEs ist nicht auszuschlie\u00dfen, dass Sie von Verwandten oder Freunden ehemaliger Angeh\u00f6riger der SS-Division \u00b4Skanderberg\u00b4 [einer unter dem NS-Regime in Gro\u00dfalbanien dienenden Einheit; W.W.] oder albanischer Partisanenbataillone [\u2026] auf geschichtliche Bez\u00fcge angesprochen werden. Die Motive hierf\u00fcr m\u00fcssen nicht unbedingt in der Heroisierung der deutschen Vergangenheit liegen. Es ist denkbar, dass der Betreffende in seiner Sympathie f\u00fcr Deutschland  [\u2026] einen Anhaltspunkt sucht, um eben diese Begeisterung bei unzureichenden Sprach- und nur punktuellen Geschichtskenntnissen zum Ausdruck zu bringen. Er k\u00f6nnte genauso gut einen deutschen Fu\u00dfballer nennen.\u201c[18]<\/p>\n\n\n\n<h3><strong>Was bleibt<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Die direkten, kurzfristigen\nBegr\u00fcndungen f\u00fcr den NATO-Krieg wurden bald nach dem Krieg erst gar\nnicht mehr vorgetragen. Was in Ra\u010dak\npassierte, ist zumindest nicht aufgekl\u00e4rt; sehr viel spricht daf\u00fcr,\ndass es sich um eine Manipulation, organisiert von der UCK, handelte:\nin vorausgegangenen Gefechten gefallene UCK-K\u00e4mpfer wurden als\nZivilisten umgekleidet und nach  Ra\u010dak\nverbracht. Entsprechende glaubw\u00fcrdige Berichte gab es bereits im\nJanuar 1999 im franz\u00f6sischen <em>Figaro<\/em> und im britischen\n<em>Guardian<\/em>. Der deutsche Verteidigungsminister hatte behauptet,\nserbische Kommandos verfolgten eine \u201eOperation Hufeisen\u201c. Er\nverf\u00fcge \u00fcber \u201eeinen Beweis daf\u00fcr, dass schon im Dezember 1998\neine systematische S\u00e4uberung und Vertreibung der Kosovo-Albaner\ngeplant waren.\u201c[19]  Dieser Hufeisenplan entpuppte sich bald als\npure F\u00e4lschung eines westlichen Geheimdienstes (als Urheber wurde\nder bulgarische Geheimdienst vermutet).[20]<\/p>\n\n\n\n<p>Das Hauptanliegen der \u201ehumanit\u00e4ren\nIntervention\u201c hatte gelautet, man m\u00fcsse eine ethnische S\u00e4uberung\ndes Kosovo verhindern. Einmal abgesehen davon, dass der Westen in den\nJahren zuvor gestattet hatte, dass 1995 rund 200.000 Serbinnen und\nSerben aus der Krajina, in Kroatien, von der kroatischen Armee\nvertrieben (und in den serbischen Teil von Bosnien bzw. nach\nMontenegro und vor allem nach Serbien gefl\u00fcchtet) waren, besteht das\nResultat des Kosovo-Kriegs in nichts anderem als in einer neuen, gro\u00df\nangelegten ethnischen S\u00e4uberung. Mehr als 250.000 Serben, slawische\nMoslems und Roma mussten nach dem Krieg den Kosovo verlassen. Viele\nhundert, wenn nicht einige Tausend, wurden unter den Augen der\nNATO-Truppen, die nach dem Waffenstillstand in den Kosovo einr\u00fcckten,\nvon UCK-Kommandos ermordet.<\/p>\n\n\n\n<p>Was bleibt sind in Serbien vor allem\ndie Sch\u00e4den, die der Krieg anrichtete. Die gesundheitlichen Folgen.\nUnd der immense Vertrauensverlust  des Westens, der NATO, der EU und\nder US-Regierung. Diese pr\u00e4gt noch heute die Gesellschaft. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Was <em>f\u00fcr uns<\/em> bleibt sind drei\nDinge. <em>Erstens<\/em> das Wissen, dass die Kr\u00e4fte, die Kriege\nvorbereiten, gewaltig sind. Es kommt zu einem umfassenden Prozess der\nGehirnw\u00e4sche f\u00fcr Millionen. Darauf m\u00fcssen wir vorbereitet sein.\n<em>Zweitens.<\/em> Die Triebkr\u00e4fte, die hinter dem Kosovo-Krieg\nstanden, waren \u00fcberwiegend \u201enur\u201c politische \u2013 solche, die mit\ndem Konzept \u201enew world order\u201c verbunden waren. Ein kommender\ngro\u00dfer Krieg wird in weit st\u00e4rkerem Ma\u00df zus\u00e4tzlich von \u00f6komischen\nTriebkr\u00e4ften befeuert werden \u2013 siehe den sich hochschaukelnden\nHandelskrieg, siehe die K\u00fcndigung des INF-Vertrags durch Washington,\nwas vor allem auf eine milit\u00e4rische Konfrontation mit der VR China\nals der aufsteigenden Wirtschaftsmacht vorbereiten soll. Drittens.\nWir m\u00fcssen den Kampf f\u00fcr den Frieden wieder ins Zentrum r\u00fccken.\nWilly Brandt hatte recht mit dem Satz: \u201eFrieden ist nicht alles.\nAber ohne Frieden ist alles nichts.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h4><strong>Anmerkungen:<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>[1] Das Buch erschien\nzuerst 2017 in deutscher Sprache: Klaus Gietinger \/ Winfried Wolf,\nDer Seelentr\u00f6ster. Wie Christopher Clark die Deutschen von der\nSchuld am Ersten Weltkrieg erl\u00f6st, Stuttgart (Schmetterling Verlag),\n344 Seiten. Es erschien in serbischer Sprache Ende 2018, Verlag\nPrometej, Novi Sad, 448 Seiten. \u00dcbersetzung Milos <em>Kazimirovic,\nBelgrad.<\/em> \n<\/p>\n\n\n\n<p>[2] Im Einzelnen: Deutsche\nWikipedia: \u201eDer&nbsp;<strong>Kosovokrieg<\/strong>&nbsp;(auch\nals&nbsp;<strong>Kosovo-Konflikt<\/strong>&nbsp;bezeichnet,&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Albanische_Sprache\">albanisch<\/a>&nbsp;<em>Lufta\ne Kosov\u00ebs<\/em>,&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Serbische_Sprache\">serbisch<\/a>\n\u041a\u043e\u0441\u043e\u0432\u0441\u043a\u0438\n\u0441\u0443\u043a\u043e\u0431&nbsp;<em>Kosovski\nsukob<\/em>)\nwar ein bewaffneter Konflikt im Rahmen der&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jugoslawienkriege\">Jugoslawienkriege<\/a>&nbsp;um\ndie Kontrolle des&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kosovo\">Kosovo<\/a>&nbsp;vom\n28. Februar\n1998 bis zum 10. Juni 1999.\u201c Wikipedia englisch:  \u201eThe&nbsp;<strong>Kosovo\nWar<\/strong>&nbsp;was\nan armed conflict in&nbsp;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Kosovo\">Kosovo<\/a>&nbsp;that\nstarted in late February 1998&nbsp;and lasted until 11 June 1999.\u201d\nWikipedia  franz\u00f6sisch: \u201cLa&nbsp;<strong>guerre\ndu Kosovo<\/strong>&nbsp;a\neu lieu du&nbsp;<a href=\"https:\/\/fr.wikipedia.org\/wiki\/6_mars\">6\nmars<\/a>&nbsp;<a href=\"https:\/\/fr.wikipedia.org\/wiki\/1998\">1998<\/a>&nbsp;au&nbsp;<a href=\"https:\/\/fr.wikipedia.org\/wiki\/10_juin\">10\njuin<\/a>&nbsp;<a href=\"https:\/\/fr.wikipedia.org\/wiki\/1999\">1999<\/a>,\nsur le territoire de la&nbsp;<a href=\"https:\/\/fr.wikipedia.org\/wiki\/R\u00e9publique_f\u00e9d\u00e9rale_de_Yougoslavie\">R\u00e9publique\nf\u00e9d\u00e9rale de Yougoslavie<\/a>,\nopposant&nbsp;<a href=\"https:\/\/fr.wikipedia.org\/wiki\/Arm\u00e9e_de_Yougoslavie\">l&#8217;arm\u00e9e\nyougoslave<\/a>&nbsp;\u00e0\nl&#8216;<a href=\"https:\/\/fr.wikipedia.org\/wiki\/Arm\u00e9e_de_lib\u00e9ration_du_Kosovo\">arm\u00e9e\nde lib\u00e9ration du Kosovo<\/a>&nbsp;et\nl&#8216;<a href=\"https:\/\/fr.wikipedia.org\/wiki\/Organisation_du_trait\u00e9_de_l%27Atlantique_nord\">Organisation\ndu trait\u00e9 de l&#8217;Atlantique nord<\/a>&nbsp;(OTAN).\u201c\n[Jeweils\nabgerufen am 17. M\u00e4rz 2019]. \n<\/p>\n\n\n\n<p>[3] Der gesamte Wortlaut\nbei der englischen Wikipedia-Fassung: \u201cThe&nbsp;<strong>Kosovo\nWar<\/strong>&nbsp;was\nan armed conflict in&nbsp;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Kosovo\">Kosovo<\/a>&nbsp;that\nstarted in late February 1998&nbsp;[\u2026] and lasted until 11 June\n1999. [\u2026]&nbsp;It\nwas fought by the forces of the&nbsp;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Federal_Republic_of_Yugoslavia\">Federal\nRepublic of Yugoslavia<\/a>&nbsp;(by\nthis time consisting of the Republics of Serbia and Montenegro),\nwhich controlled Kosovo before the war, and the&nbsp;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Kosovo_Albanian\">Kosovo\nAlbanian<\/a>&nbsp;rebel\ngroup known as the&nbsp;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Kosovo_Liberation_Army\">Kosovo\nLiberation Army<\/a>&nbsp;(KLA),\nwith air support from the&nbsp;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/North_Atlantic_Treaty_Organisation\">North\nAtlantic Treaty Organisation<\/a>&nbsp;(NATO)\nfrom 24 March 1999, and ground support from the Albanian army.[\u2026]\u201d\n[Abgerufen am 17. 3.2019]<\/p>\n\n\n\n<p>[4]\nHannes Hofbauer, Experiment Kosovo. Die R\u00fcckkehr des Kolonialismus,\nWien 2008. S. 99.<\/p>\n\n\n\n<p> [5] Hier nach: Hannes\nHofbauer, Experiment Kosovo, S. 100.<\/p>\n\n\n\n<p>[6] In: Der Spiegel\n34\/2006; hier zitiert bei Hofbauer, Experiment Kosovo, S. 100. \n<\/p>\n\n\n\n<p>[7] Siehe Politika vom 8.\nNovember 2018 \u201eNato \u2013 Fakten \u00fcber abgereichertes Uran; siehe:\n<a href=\"http:\/\/www.politika.rs\/sr\/clanak\/415295\/NATO-Debatu-o-osiromasenom-uranijumu-zasnovati-na-cinjenicama\">http:\/\/www.politika.rs\/sr\/clanak\/415295\/NATO-Debatu-o-osiromasenom-uranijumu-zasnovati-na-cinjenicama<\/a>\n<\/p>\n\n\n\n<p>[8] Ramsey Clark, Der\nW\u00fcstensturm. US-Kriegsverbrechen am Golf, G\u00f6ttingen 1995, S. 144.<\/p>\n\n\n\n<p><em>[9]\nWiedergegeben in: Tageszeitung Junge Welt vom 3. Mai 1999.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>[10] Bereits in einer\nPressemitteilung vom 18. Januar 1999 ist die Rede von \u201edem von der\njugoslawischen Regierung zu verantwortenden Massaker\u201c. Am 19.\nJanuar richtete die PDS-Fraktion einen Brief an den Pr\u00e4sidenten der\nBundesrepublik Jugoslawien, in dem sie sich \u201eentsetzt \u00fcber das\nMassaker in Racak zeigt\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>[11] Bundestagsdebatte vom\n15. April 1999 siehe: <a href=\"http:\/\/dipbt.bundestag.de\/doc\/btp\/14\/14032.pdf\">http:\/\/dipbt.bundestag.de\/doc\/btp\/14\/14032.pdf<\/a>\n Bez\u00fcglich des Scharping-Zitats zur \u201eZeitung gegen den Krieg\u201c\nberichtete diese Zeitung in der Ausgabe Nr. 3 von Mitte April wie\nfolgt: \u201eAm 20. 4. \u00e4u\u00dferte Rudolf Scharping an anderer Stelle im\nBundestag, ihm sei es zwar \u00b4schei\u00dfegal\u00b4 wie die PDS ihn bezeichne;\nes sei jedoch ein Skandal, dass die PDS \u00b4mit Steuermitteln\u00b4 diese\nZeitung gegen den Krieg herausgeben k\u00f6nne.\u201c Einen Beleg f\u00fcr diese\nletztgenannte Aussage Scharpings konnte ich in den\nBundestagsprotokollen nicht (mehr) finden. Der 20.4. war ein\nDienstag, also kein offizieller Sitzungstag des Bundestags.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\n[12] R\u00fche hatte 1992\nge\u00e4u\u00dfert: \u201eNiemand sollte erwarten, dass die \u00dcbernahme neuer\nAufgaben in der Au\u00dfenpolitik [gemeint waren Auslandseins\u00e4tze der\nBundesehr; W.W.] \u00fcber Nacht geschieht. Die in 40 Jahren gewachsenen\nInstinkte der Menschen lassen sich nicht einfach wegkommandieren. [\u2026]\nDeswegen m\u00fcssen wir Schritt f\u00fcr Schritt vorgehen. Es geht auch\nnicht darum allein, die Soldaten, sondern die ganze Gesellschaft auf\ndiese Aufgaben vorzubereiten.\u201c Zitiert in: Bl\u00e4tter f\u00fcr deutsche\nund internationale Politik, 9\/1992.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>[13]\nErster Teil des Zitats nach dpa vom 24. M\u00e4rz 1999; 2. Teil nach BILD\nvom 1. April 1999.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>[14]\nNach: K\u00f6lner Stadtanzeiger vom 2. April 1999.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>[15]\nInterview mit L. Volmer in: Neues Deutschland vom 1. April 1999.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>[16]\nZitiert in: Die Wirtschaftswoche vom 15. April 1999.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>[17]\nChristopher Clark, Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten\nWeltkrieg zog, M\u00fcnchen 2013, S. 585.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>[18]\nZitiert bei Hannes Hofbauer, Experiment Kosovo. Die R\u00fcckkehr des\nKolonialismus, Wien 2008, S. 104. <\/em>\n<\/p>\n\n\n\n<p>[19] Rudolf Scharping, Wir\nd\u00fcrfen nicht wegsehen, Berlin 1999, S.92f.<\/p>\n\n\n\n<p>[20] Im Kopf des Plans\nbefand sich das Wort \u201ePutkova\u201c. Das Wort bedeutet zwar\n\u201eHufeisen\u201c, ist jedoch ein im Serbischen nicht gebr\u00e4uchliches\nWort und einem altert\u00fcmlichen Kroatisch zuzuordnen. Siehe Rede Dr.\nGregor Gysi, Deutscher Bundestag, Sitzung vom 15. April 1999.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Dieser Beitrag von WW entstand nach einem Besuch in Belgrad im Fr\u00fchjahr 2019 anl\u00e4sslich der Vorstellung der serbischen Ausgabe des Buchs von Klaus Gietinger und Winfried Wolf, Der Seelentr\u00f6ster\u2026\u201c  Er erscheint ausschlie\u00dflich auf dieser Website.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>20 Jahre danach ein Besuch in Belgrad und ein R\u00fcckblick auf die Debatten im Deutschen Bundestag 1998\/99 Als Milomir Mari\u0107, Direktor des serbischen TV-Senders \u201eHappy\u201c, mich am 9. 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