{"id":1633,"date":"2021-12-18T14:28:00","date_gmt":"2021-12-18T13:28:00","guid":{"rendered":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=1633"},"modified":"2021-12-15T14:50:00","modified_gmt":"2021-12-15T13:50:00","slug":"die-verantwortung-fuer-millionen-tote","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=1633","title":{"rendered":"Die Verantwortung f\u00fcr Millionen Tote"},"content":{"rendered":"\n<h1><\/h1>\n\n\n\n<h2>Weltweite Situation der Pandemie Ende 2021<\/h2>\n\n\n\n<p>Es war leider keine linke Zeitung, sondern das Boulevard-Blatt \u201eBild am Sontag\u201c, das am 28. November 2021 die Schlagzeile hatte \u201eHundert f\u00fcr 100.000\u201c und auf f\u00fcnf Seiten 100 Kurzportr\u00e4ts mit Fotos brachte von Menschen, die seit Beginn der Pandemie aufgrund einer Corona-Infektion gestorben sind. Zu sehen und zu lesen war da unter anderem: \u201eArzt Hannes Schedel (59), aus Passau, Bayern \u2020 14.4.2020; Kfz-Werkstattchef Rudi Lempik (52) aus K\u00f6ln (NRW, \u2020 16.4.2020; Bloggerin Brittanya Karma (29) aus Hamburg, \u2020 29.11.2020; Recycling-Unternehmerin Marion Bergler (41) aus Weiden (Bayern), \u2020 15.4.2020.\u201c Dazu in gro\u00dfen Lettern: \u201eWir schulden Ihren Angeh\u00f6rigen unsere Anteilnahme.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ende November 2021 hat Corona nach offizieller Statistik auf Weltebene 5,2 Millionen Frauen und M\u00e4nnern und in Deutschland mehr als 100.000 Menschen das Leben gekostet. Andere Berechnungen gehen von weltweit 10,7 bis 19,9 Millionen Corona-Toten aus.1<\/p>\n\n\n\n<p>Damit ist der Todeszoll, den die Covid-19-Pandemie der Menschheit binnen 22 Monaten auferlegte, nicht mehr weit entfernt von den Opfern der Spanischen Grippe, die im Dreijahres-Zeitraum 1918 bis 1920 zwischen 20 und 40 Millionen Menschenleben forderte. Dabei gilt es zu bedenken, dass die Spanische Grippe unter den Bedingungen des Massenelends am Ende des Ersten Weltkriegs, bei Abwesenheit einer modernen Medizin und bei Fehlen eines Impfstoffes w\u00fctete.<\/p>\n\n\n\n<p>Wirft man einen Blick auf die weltweite Lage und die Unterschiede in den verschiedenen L\u00e4ndern, wird deutlich, welche Chancen es offenkundig gab, Menschenleben zu retten. Anders formuliert: Es war die verfehlte Pandemie-Politik, die Hunderttausenden unn\u00f6tig den Tod brachte.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Bei der Tabelle auf Seite 16 sind drei Aspekte hervorzuheben:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img src=\"https:\/\/www.lunapark21.net\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/56.4-tabelle-corona-tote.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8668\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Erstens: Die Spanne bei der Zahl der Corona-Toten je 100.000 Menschen liegt bei den gr\u00f6\u00dferen L\u00e4ndern in Europa beim Zwei- bis Zweieinhalbfachen im Vergleich Niederlande und Deutschland einerseits und Polen, Gro\u00dfbritannien, Italien und Rum\u00e4nien andererseits. Sie liegt bei den kleineren europ\u00e4ischen L\u00e4ndern beim Dreifachen beim Vergleich der L\u00e4nder Irland, \u00d6sterreich und Schweiz einerseits und Tschechien, Ungarn und Bulgarien andererseits. In Lateinamerika hat Peru einen siebenmal gr\u00f6\u00dferen Blutzoll zu beklagen als Kuba. In Brasilien sind es viermal mehr Corona-Tote als auf Kuba \u2013 wobei sehr viel daf\u00fcr spricht, dass es in Brasilien wesentlich mehr Covid-19-Opfer gab als in der offiziellen Statistik ausgewiesen. Argumentiert man, Kuba sei nicht mit dem \u00fcbrigen Lateinamerika vergleichbar (\u201eInsellage\u201c), dann bleibt als Spanne, dass in Peru 3,4 mal mehr Corona-Tote zu beklagen sind als in Uruguay.<\/p>\n\n\n\n<p>Zweitens: Unter den vier skandinavischen L\u00e4ndern \u2013 alle vier sind hinsichtlich ihrer Randlage in Europa, ihrer sozialen Struktur, ihrer Gr\u00f6\u00dfe und ihres hochentwickelten Gesundheitssystems vergleichbar \u2013 musste Schweden einen achtmal h\u00f6heren Opferzoll als Norwegen beklagen; er ist siebenmal h\u00f6her als in Finnland und noch dreimal h\u00f6her als in D\u00e4nemark \u2013 wobei das letztgenannte Land aufgrund seiner Grenze mit Deutschland in diesem innerskandinavischen Vergleich benachteiligt ist. Das Urteil \u00fcber die \u201eliberale\u201c schwedische Pandemie-Politik k\u00f6nnte kaum deutlicher ausfallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Drittens: Ende 2021 gibt es immer noch L\u00e4nder, in denen es ausgesprochen wenige Covid-19-Opfer gab und die damit nahe \u201eZero-Covid\u201c liegen. Zu nennen sind hier China, Taiwan und Neuseeland. Ganz offensichtlich jedoch konnte die Zero-Covid-Politik in S\u00fcdkorea, Vietnam, Japan, Neuseeland, Australien und auf Kuba nur bis Anfang 2021 aufrechterhalten werden. Ab Fr\u00fchjahr 2021 wurde diese Politik Schritt f\u00fcr Schritt aufgegeben. Zuletzt kapitulierten im Herbst 2021 Australien und Neuseeland. Dabei spielten wirtschaftliche Zw\u00e4nge (Tourismus in Kuba!), die Globalisierung (junge Autoindustrie in Vietnam!) und der Kommerz (Olympiade in Japan!) eine gro\u00dfe Rolle. Wichtig ist jedoch: Die in diesen L\u00e4ndern lange Zeit sehr erfolgreiche Zero-Covid-Politik musste aufgegeben werden, weil diese L\u00e4nder von der Weltgemeinschaft allein gelassen wurden. Eine Politik der Abschottung l\u00e4sst sich in der gegenw\u00e4rtigen Welt nur f\u00fcr eine begrenzte Zeit aufrechterhalten. In den Worten von Bary Pradelski vom National Centre for Scientific Research in Grenoble: \u201eEine Pandemie ist ein globales Problem, das nicht ein Land f\u00fcr sich allein l\u00f6sen kann.\u201c2 Dar\u00fcber hinaus trug die Laissez-Faire-Pandemie-Politik in einem gro\u00dfen Teil der westlichen Welt dazu bei, dass sich zunehmend gef\u00e4hrlichere Virus-Mutationen herausbildeten und weltweit verbreiteten, was die Zero-Covid-Politik in diesen L\u00e4ndern enorm erschwerte und dar\u00fcber hinaus die Wirkung der Impfkampagnen abschw\u00e4chte.<\/p>\n\n\n\n<h3>Mehrheiten f\u00fcr eine konsequente Pandemie-Bek\u00e4mpfung<\/h3>\n\n\n\n<p>Es gibt seit mehr als einem Jahrzehnt genaue Erkenntnisse der WHO, wie eine Pandemie wie Covid-19 einged\u00e4mmt und wie der abverlangte Blutzoll in engen Grenzen gehalten werden k\u00f6nnen.3 Diese Erkenntnisse wurden auf Weltebene weitgehend ignoriert. In der erw\u00e4hnten L\u00e4ndergruppe jedoch wurde diese Zero-Covid-Politik gut ein Jahr lang erfolgreich praktiziert. Dabei gab es in L\u00e4ndern wie Australien, Neuseeland, Japan, Taiwan und Vietnam deutliche Mehrheiten f\u00fcr die dort lange Zeit praktizierte Zero-Covid-Politik. Die Olympiade in Japan fand beispielsweise statt, obgleich eine Mehrheit in der Bev\u00f6lkerung dies aus Angst vor einer Intensivierung der Pandemie ablehnte. In Neuseeland, wo es eine ausgesprochen konsequente Politik der Pandemie-Eind\u00e4mmung gab, konnte die Premierministerin Jacinda Ardern bei den Parlamentswahlen im Oktober 2020 als Dankesch\u00f6n der Bev\u00f6lkerung einen grandiosen Wahlsieg f\u00fcr ihre Labour-Party \u2013 mit der absoluten Mehrheit der abgegebe nen Stimmen \u2013 erzielen. Auch in der VR China d\u00fcrfte die Politik der Pandemie-Bek\u00e4mpfung von einer gro\u00dfen Mehrheit der Bev\u00f6lkerung unterst\u00fctzt werden. Und als die Corona-Leugner in der Schweiz eine Volksabstimmung \u00fcber das \u201eCorona-Zertifikat\u201c erzwangen, lautete am 28. November 2021 das Ergebnis beim Plebiszit: 62 Prozent der Bev\u00f6lkerung stimmten f\u00fcr den Erhalt des \u201eZertifikats\u201c; das Referendum galt als Gradmesser f\u00fcr die \u00f6ffentliche Haltung zu den Schweizer Auflagen im Kampf gegen das Virus.<\/p>\n\n\n\n<p>Es spricht sehr viel daf\u00fcr, dass es im Fall eines einheitlichen und klaren Auftretens von WHO und dem gr\u00f6\u00dften Teil der Regierungen weltweit klare Mehrheiten f\u00fcr eine konsequente Pandemie-Bek\u00e4mpfung gegeben h\u00e4tte. Eine solche einheitliche und fr\u00fchzeitige Covid-19-Politik h\u00e4tte die Chance beinhaltet, eine gr\u00f6\u00dfere Verbreitung des Virus \u2013 und damit auch das Entstehen gef\u00e4hrlicher Mutanten \u2013 zu verhindern. Dazu kam es nicht. Die klassischen Erfahrungen zur wirksamen Pandemiebek\u00e4mpfung wurden insbesondere in den USA, in Europa und in Russland ignoriert. Bei jeder neuen Pandemie-Welle behauptete die Politik in diesen Regionen, man sei \u201ev\u00f6llig \u00fcberrascht\u201c worden, weswegen dann kurzatmige \u2013 und teilweise unn\u00f6tig harte \u2013 Ma\u00dfnahmen ergriffen und ein absurder Zickzack-Kurs mit den sattsam bekannten Jojo-Lockdowns praktiziert wurden. Und als es Anfang 2021 in gro\u00dfen Mengen wirksame Impfstoffe gab, wurde deren Einsatz zu mehr als 80 Prozent auf die reichen westlichen L\u00e4nder konzentriert und der Bev\u00f6lkerung im Westen suggeriert, die Pandemie-Gefahr sei damit weitgehend gebannt.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Bilanz kostete diese Politik Millionen Menschen das Leben. Sie gab auch freien Raum f\u00fcr ein fl\u00e4chendeckendes Corona-Leugnertum, was einer Entsolidarisierung und einer Verst\u00e4rkung der Ellbogen-Mentalit\u00e4t in den westlichen Gesellschaften gleichkommt. Auch wenn es einige Linke unter den Corona-Relativierern gibt, so ist auf Weltebene doch eindeutig, dass es in erster Linie Neoliberale wie FDP-Lindner, Rechte wie Trump und Rutte und Rechtsextreme wie Gauland und Bolsonaro sind, die die Pandemie relativieren und die \u201eFreiheit des Individuums\u201c ins Zentrum der Corona-Debatte r\u00fcckten. In einigen F\u00e4llen \u2013 so in den niederl\u00e4ndischen St\u00e4dten Rotterdam und Leeuwarden und in der belgischen Metropole Br\u00fcssel \u2013 m\u00fcndeten im November die Corona-Leugner-Demos in blinde Zerst\u00f6rungswut, bei der in den Innenst\u00e4dten auch die L\u00e4den vieler kleiner Gesch\u00e4fte zerst\u00f6rt wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Parteinahme von Liberalen und Rechten f\u00fcr das Relativieren von Corona wiederum weist auf die entscheidende Triebkraft hin, die hinter der fatalen Nichtbek\u00e4mpfung der Pandemie steckt. Das globale System kapitalistischer Weltwirtschaft muss am Laufen gehalten werden. Profit geht vor Gesundheit.<\/p>\n\n\n\n<h4>Anmerkungen:<\/h4>\n\n\n\n<p>1 Siehe The pandemic\u00b4s true death toll, Economist vom 13. November 2021; https:\/\/www.economist.com\/graphic-detail\/coronavirus-excess-deaths-estimates.<\/p>\n\n\n\n<p>2 Interview in S\u00fcddeutsche Zeitung vom 4. Mai 2021.<\/p>\n\n\n\n<p>3 World Health Organisation \u2013 Western Pacific Region, SARS, How a Global Epidemic was Stopped, Washington 2006. Siehe Verena Kreilinger, Winfried Wolf, Christian Zeller, Corona, Krise, Kapital. Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine solidarische Alternative in den Zeiten der Pandemie, K\u00f6ln 2020, S. 46ff.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weltweite Situation der Pandemie Ende 2021 Es war leider keine linke Zeitung, sondern das Boulevard-Blatt \u201eBild am Sontag\u201c, das am 28. 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