{"id":167,"date":"2019-01-20T12:57:00","date_gmt":"2019-01-20T11:57:00","guid":{"rendered":"http:\/\/winfriedwolf.de\/wordpress\/?p=167"},"modified":"2020-01-02T13:03:33","modified_gmt":"2020-01-02T12:03:33","slug":"das-engagement-fuer-frieden-und-gegen-krieg-ist-so-wichtig-wie-selten-zuvor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=167","title":{"rendered":"\u201eDas Engagement f\u00fcr Frieden und gegen Krieg ist so wichtig wie selten zuvor!\u201c"},"content":{"rendered":"\n<h2><strong>Jahrzehntelange\nAntikriegsarbeit \u2013 eine Zwischenbilanz. Interview mit Winfried Wolf<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<h3><em>Anfang 2019 k\u00f6nnte man\nin Sachen Kriegsgefahren bzw. Friedenshoffnungen ja etwas Hoffnung\nsch\u00f6pfen: Die USA ziehen ihre Truppen aus Syrien zur\u00fcck. Der IS\nscheint weitgehend besiegt. In Jemen gibt es\nWaffenstillstandsgespr\u00e4che. Eine direkte Konfrontation USA \u2013\nNordkorea scheint vom Tisch. Und vielleicht kommen sich ja sogar die\nbeiden Alpha-Tiere Trump und Putin wieder n\u00e4her.<\/em><\/h3>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Ja. Es gibt diese\nHoffnungsschimmer. Aber sie w\u00e4rmen auch nur kurzzeitig und\noberfl\u00e4chlich. Bei allen Konfliktfeldern kann man auch das Kritische\nund Negative hervorkehren. In Syrien droht ein Einmarsch der T\u00fcrkei\n\u2013 und damit die blutige Beendigung des Demokratieversuchs in\nRojava. Die Wirtschaftskrise in der T\u00fcrkei k\u00f6nnte die kriegerischen\nAbsichten Erdogans nochmals verst\u00e4rken \u2013 eben das klassische\nMotiv: Mit einer au\u00dfenpolitischen Aktion kann man von der\ninnenpolitischen Misere ablenken. Auch ist die Tatsache, dass die\nkurdische Seite  Assad und die Truppen der syrischen Regierung um\nHilfe bitten muss, eher beunruhigend. Das Assad-Regime hat in der\nVergangenheit die kurdischen Autonomie-Bestrebungen bek\u00e4mpft \u2013\nauch mit brutalen Mitteln, dem Verbot des Tragens kurdischer Tracht\nund des Praktizierens der kurdischen Sprache. Im Jemen ist es ja eher\nso, dass wir alle besch\u00e4mt sein m\u00fcssen, wie wenig gegen diesen\nschrecklichen Krieg in den vergangenen f\u00fcnf Jahren getan wurde und\nwie niedrig der Informationsstand dazu ist. Dabei gibt es erhebliche\nR\u00fcstungsexporte aus der EU nach Saudi Arabien, die im Krieg im Jemen\neingesetzt wurden, darunter gro\u00dfe Exporte des deutschen\nR\u00fcstungskonzerns Rheinmetall, die \u00fcber ein Rheinmetall-Werk auf\nSardinien in das Kriegsgebiet geschleust wurden und wohl weiter von\ndort an die Kriegsparteien dort gehen.[1]<\/p>\n\n\n\n<p>Im November 2018 las ich\ndas Buch von Bob Woodward \u201eFear\u201c \u2013 \u00fcber die Zust\u00e4nde im\nWei\u00dfen Haus unter Trump. Danach gab es 2017 und bis Fr\u00fchjahr 2018\nmindestens zwei Mal eine Situation, in der der US-Pr\u00e4sident kurz\ndavor war, einen gro\u00dfen Krieg vom Zaun zu brechen. Darunter auch die\nGefahr eines atomaren Erstschlags gegen Nordkorea. Hier kommen drei\ngef\u00e4hrliche Aspekte zusammen: Erstens die pr\u00e4sidialen Vollmachten,\n\u00fcber die ein US-Pr\u00e4sident verf\u00fcgt. Zweitens der erratische,\nirrationale Charakter der Person Donald Trump. Und drittens die engen\nVerbindungen  von Trump und seinem Clan \u2013 den Leuten in seiner\nRegierung, aber auch den Mitgliedern seiner Familie \u2013 zur\nUS-R\u00fcstungsindustrie. Auch ein gro\u00dfer Krieg kann von Trump als\n\u201eguter Deal\u201c verkauft werden, als Deal mit dem\nMilit\u00e4risch-Industriellen Komplex, der ja f\u00fcr Hunderttausende\nArbeitspl\u00e4tze steht. Das hat auch System \u2013 es ist kein Zufall,\ndass im Niedergang eines imperialistischen Systems so durchgeknallte\nTypen wie Trump nach oben gesp\u00fclt werden. Hitler war eine \u00e4hnliche\nFigur \u2013 individuell irrational, geistig beschr\u00e4nkt, wenn auch\nbauernaschlau \u2013 aber zugleich Ausdruck der herrschenden Klasse, die\nes nochmals mit einem Weltkrieg versuchen wollte, den eigenen, rein\nwirtschaftlich verlorenen Kampf um die M\u00e4rkte zu gewinnen \u2013\nnunmehr milit\u00e4risch und mit Russisch Roulette.<\/p>\n\n\n\n<h3><em>Auf den\nMilit\u00e4risch-Industriellen Komplex sollten wir noch zur\u00fcckzukommen.\nDoch zun\u00e4chst etwas zu Deinem Engagement in Sachen Frieden und\ndessen Geschichte. Du bist ja seit Jahrzehnten in Sachen Frieden\nnicht nur unterwegs, sondern h\u00f6chst konkret aktiv. Mich\ninteressiert, wie es zu Deinem langj\u00e4hrigen Engagement f\u00fcr den\nFrieden kam?<\/em><\/h3>\n\n\n\n<p>Richtig ist, dass am\nBeginn meiner Politisierung \u2013 oder auch meiner \u201eLinkswerdung\u201c \u2013\ndie Themen Krieg, R\u00fcstung und Faschismus standen. Und dies durchaus\nin einer verqueren Art und Weise. Ich bin 1949 in Horb am Neckar,\nrelativ nahe an Stuttgart, geboren, aufgewachsen aber im katholischen\nOberschwaben, in der N\u00e4he des Bodensees. Und dies  auch in einer\ndurch und durch katholischen Familie, mit einem Vater, der in der\nFamilie cholerisch-autorit\u00e4r und in politischer Hinsicht\nchronisch-reaktion\u00e4r war.  Ich war bis Mitte der 1960er Jahre in der\nKatholischen Jugendbewegung \u2013 konkret in der Katholischen\nJungm\u00e4nnergemeinschaft (KJG) \u2013 aktiv. Nicht unbedingt lamm-fromm,\naber doch politisch- fromm. Hier spielte sicher auch der erhebliche\nEinfluss unseres Gro\u00dfvaters m\u00fctterlicherseits eine Rolle. Dieser\nwar in den 1950er Jahren Mitbegr\u00fcnder der CDU in W\u00fcrttemberg, dann\nCDU-Bundestagsabgeordneter und schlie\u00dflich\nCDU-Landwirtschaftsminister in Baden-W\u00fcrttemberg. Der Mann pr\u00e4gte\nunseren Familien-Clan. Und ich empfand ihn, anders als meinen Vater,\nals Respektsperson und als jemand, der f\u00fcr ein \u201eChristentum der\nN\u00e4chstenliebe\u201c stand.  \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die Haltung in meinem\nElternhaus, gepaart mit der Position der Tageszeitung, die wir\nabonniert hatten und die ich recht fr\u00fch und wohl auch ziemlich\ngr\u00fcndlich las \u2013 es war die <em>Schw\u00e4bische\nZeitung<\/em> \u2013 engagierte ich mich geistig im\nVietnam-Krieg \u2026 auf Seiten der USA. In meinem Jugendzimmer hing\neine selbst gebastelte, gro\u00dfe Landkarte von Vietnam an der Wand.\nUngef\u00e4hr 1,20 Meter hoch und 75 Zentimeter breit. Auf dieser waren\nmarkiert , neben den Hauptst\u00e4dten Saigon im S\u00fcden und Hanoi im\nNorden, die US-amerikanischen St\u00fctzpunkte, beispielsweise Da Nang,\nPleiku, Khe Sanh, Hue usw. Ich war \u00fcberzeugt, dass die USA in\nIndochina einen guten, gerechten Krieg f\u00fchrten, dass es dort\nirgendwie um die \u201eVerteidigung von Demokratie und Freiheit\u201c gehen\nw\u00fcrde. Und dann gab es da pl\u00f6tzlich eine Titelseite \u201emeiner\u201c\nKJG-Zeitschrift \u201ePrisma\u201c, auf der ein brennender M\u00f6nch\nabgebildet war \u2013 ein buddhistischer M\u00f6nch, der sich aus Protest\ngegen das Regime in Saigon, gegen die Unterdr\u00fcckung der Religion und\n\u2013 so jedenfalls meine Wahrnehmung damals \u2013 auch gegen den Krieg\nin Brand gesetzt hatte. Wann das genau war \u2013 1963 oder 1964 \u2013 das\nwei\u00df ich nicht mehr genau. Es k\u00f6nnte sich um den M\u00f6nch <strong>Th\u00edch\nQu\u1ea3ng \u0110\u1ee9c<\/strong> gehandelt\nhaben.[2] Das Bild hat mich enorm aufger\u00fcttelt. Wobei das eher nur\nder Eyecatcher war. Entscheidend f\u00fcr meine weitere Entwicklung war,\ndass es in derselben Ausgabe \u201eunserer\u201c Zeitschrift \u201ePrisma\u201c\neinen umfassenden Beitrag gab, mit dem die Entwicklung Vietnams seit\nder Besetzung durch die Japaner, dann durch die Franzosen und danach\ndie Realit\u00e4t des Krieges zum damaligen Zeitpunkt weitgehend der\nWahrheit entsprechend wiedergegeben wurde. In dem Heft wurde auch\nunterstrichen, dass es nach der Niederlage der franz\u00f6sischen\nKolonialmacht 1954 bei Dien Bien Phu  ein Friedensabkommen gab, in\ndem \u2013 auch vom Westen garantiert \u2013 freie Wahlen in ganz Vietnam\nf\u00fcr das Jahr 1956 zugesagt worden waren. Doch die USA und das von\nden USA unterst\u00fctzte Regime in Saigon unter Diem brachen dieses\nAbkommen und verweigerten freie Wahlen, weil klar war, wer sie\ngewinnen w\u00fcrde: Die Befreiungsfront FNL mit Ho Chi Minh an der\nSpitze. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Das hat mein Weltbild\nnicht nur ver\u00e4ndert. Es wurde f\u00f6rmlich auf den Kopf gestellt. Die\nKarte in meinem Zimmer konnte bleiben \u2013 nur dass ich ab diesem\nZeitpunkt gewisserma\u00dfen gemeinsam mit dem Vietcong  die US-Truppen\n\u201ebek\u00e4mpfte\u201c und mich f\u00fcr die \u201enationale Einheit\u201c Vietnams,\nf\u00fcr Demokratie und ganz vage wohl auch f\u00fcr Sozialismus \u2013 wovon\nich aber keine konkretere Vorstellung hatte \u2013 einsetzte. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Das war aber zun\u00e4chst\neine Politisierung, die ihre Bezugspunkte fern von Deutschland hatte.\nDie Bundesrepublik und die damalige EWG empfand ich zu diesem\nZeitpunkt noch als positive Bezugspunkte. Innenpolitisch allerdings\nsympathisierte ich mit der SPD, die ab Ende 1966 erstmals \u2013 als\nJuniorpartner im Rahmen einer Gro\u00dfen Koalition mit der CDU\/CSU \u2013\nRegierungspartei wurde und die damals mit Willy Brandt den\nAu\u00dfenminister stellte. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann gab es am 21.\nApril 1967 ein zweites gro\u00dfes Ereignis, das meine Welt ein weiteres\nMal auf den Kopf stellte. Und das war der Putsch der Obristen\nPattakos und Papadopoulos in Griechenland und die Errichtung einer\nfaschistischen Diktatur in diesem Land. Auch da gab es etwas \u201eans\nHerz Gehendes\u201c: Mikis Theodorakis, der griechische S\u00e4nger und\nKomponist, wurde damals von den in Athen Herrschenden verhaftet und\nauf eine KZ-Insel verbracht. Ich hatte kurz zuvor mich f\u00fcr die Musik\nvon Theodorakis begeistert. \u00c4hnlich wie der brennende M\u00f6nch wurde\ndas Verbot der Musik von Theodorakis f\u00fcr mich zu einem Symbol. Ich\nhatte damals bereits meinen Einberufungsbescheid zur Bundeswehr. Doch\nich entschied mich zur Wehrdienstverweigerung. Und ich begr\u00fcndete\nmeine Kriegsdienstverweigerung explizit politisch \u2013 mit Bezugnahme\nauf den Putsch in Griechenland. Das war damals durchaus gewagt \u2013\neine Wehrdienstverweigerung aus \u201eGewissensgr\u00fcnden\u201c ging eher\ndurch. Eine politische Begr\u00fcndung war h\u00f6chst kritisch. Ich\nargumentierte \u2013 damals auf Basis eines bei Rowohlt erschienenen\nTaschenbuchs, dass der Putsch in Griechenland auf Basis eines\nNato-Plans mit der Bezeichnung \u201ePrometheus\u201c erfolgt sei. Dass die\nNato ihren \u201ePartner\u201c Griechenland trotz der Errichtung einer\nDiktatur zur Seite stehen w\u00fcrde \u2013 und dass die Bundeswehr als Teil\nder Nato damit an der Seite einer faschistischen Diktatur st\u00fcnde.\nEin Jahr darauf, am 21. August 1968, marschierten dann die\nsowjetischen Truppen in Prag ein. Die Niederschlagung eines\n\u201eSozialismus mit menschlichem Antlitz\u201c machte mir deutlich, dass\nich offensichtlich politisch heimatlos war.    \n<\/p>\n\n\n\n<p>Bei dieser umfassenden\nKritik an jeder Art von Kriegen und  an jeglichem Militarismus blieb\nes seither &#8211; und bei dieser Kombination: Die Kritik an den Kriegen\nzur Verteidigung des US-Imperiums (Vietnam-Krieg 1965 bis 1974;\nIrak-Kriege 1990 und 2003ff, Afghanistan-Krieg seit 2001), die Kritik\nan den Kriegen zur Verteidigung der Interessen der UdSSR (der\nsowjetische Krieg in Afghanistan 1979-1988), die Kritik an den\nUS-gest\u00fctzten Milit\u00e4rdiktaturen in Chile (1973- 1990) und in\nArgentinien (1976-1983 ), die Kritik an der atomaren Aufr\u00fcstung der\nNato (1979ff), die Kritik am Nato-Krieg gegen Jugoslawien 1999 und\nheute die Kritik an der EU-Militarisierung \u2013 um diesen\nantimilitaristischen Bogen grob zu schlagen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Der Vietnam-Krieg\nspielte wohl f\u00fcr eine ganze Generation eine wichtige Rolle\nhinsichtlich der Politisierung und der Weltsicht. Ein gro\u00dfer Teil\nder westeurop\u00e4ischen Linken identifizierte sich damals mit dem\nVietcong und mit der vietnamesischen Revolution und bald darauf auch\nmit der chinesischen Revolution und dem Maoismus. War das bei Dir\nauch so?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Nein, gar nicht. Da\nspielte sicher eine Rolle, dass ich mich bereits 1970 der Gruppe\nInternationale Marxisten (GIM) angeschlossen hatte, eine\nOrganisation, der gemeinhin das Etikett \u201eTrotzkismus\u201c verpasst\nwurde. Damit verbunden war u.a. eine Kritik an der fehlenden\nDemokratie in den Gesellschaftssystemen, die sich entweder an Moskau\noder an Peking orientierten. Da gab es sicher auch einige\nspezifisch-sektiererische Einschl\u00e4ge. Doch die \u201eGrundimpfung\u201c\nwar so falsch nicht. Als ich dann 1994 Mitglied im Bundestag wurde,\ngab ich zur Charakterisierung meiner Person im Bundestagshandbuch an,\nich sei \u201eein an Rosa Luxemburg orientierter demokratischer\nSozialist und ein an Trotzki orientierter Kritiker der Stalinismus\u201c.\nHeute w\u00fcrde ich das wohl anders formulieren; da sehe ich vieles auch\nbei Trotzki kritisch. Doch als ich j\u00fcngst eine umfangreichere Arbeit\nzur Novemberrevolution schrieb, da fand ich meine damalige, fr\u00fche\nPolitisierung und Hinwendung zu Demokratie und Sozialismus doch recht\nhilfreich.<\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch \u2013 Du hast\nnat\u00fcrlich recht: Vietnam war das Schl\u00fcsselerlebnis. Bei mir in\ndreierlei Hinsicht: Erstens sch\u00e4rfte dieses Ereignis auch meine\nKritik an der SPD. Willy Brandt \u2013 vor dessen Ostpolitik, so dem\nKniefall in Warschau, ich gro\u00dfen Respekt hatte \u2013 war ja nach\nseiner Zeit als BRD-Au\u00dfenminister 1969 bis 1973 deutscher\nBundeskanzler. Das war die Zeit des H\u00f6hepunktes der\nAnti-Vietnam-Demonstrationen. Anders als der \u00f6sterreichische\nBundeskanzler Bruno Kreisky [3] hat Willy Brandt sich \u00f6ffentlich nie\nvon diesem US-Krieg distanziert. Zweitens war ich damals als Mitglied\ndes Vietnam-Komitees West-Berlin erstmals daran beteiligt, eine\nMassendemonstration vorzubereiten und durchzuf\u00fchren, die mit\nFlugbl\u00e4ttern, Plakaten und einer eigens herausgegebenen \u201eVZ\u201c =\n\u201eVietnam-Zeitung\u201c[4] versuchte, in die breite Bev\u00f6lkerung\nhineinzuwirken \u2013 teilweise mit Erfolg. Drittens traf ich damals\nmehrmals mit Rudi Dutschke zusammen, dem ehemals f\u00fchrenden Kopf des\nSDS. Dutschke war 1968 bei einem Attentat schwer verletzt  worden. Er\nlebte seither zun\u00e4chst in England und dann \u00fcberwiegend in D\u00e4nemark.\nEr war mit f\u00fchrenden Leuten meiner internationalen Organisation, der\nIV. Internationale, so mit Ernest Mandel und mit Tariq Ali,\nbefreundet. Man kannte sich seit dem gro\u00dfen Vietnam-Kongress vom\nFebruar 1968, der in Westberlin stattgefunden hatte. Dutschke als\nPerson \u2013 seine Reden und seine Rhetorik \u2013 haben mich sehr\nbeeindruckt; seine politischen \u00dcberzeugungen und Ansichten teilte\nich weitgehend. Damit war gleichzeitig eine interessante Korrektur\nmeiner \u201etrotzkistischen\u201c Grundpositionen verbunden. Das erwies\nsich sp\u00e4ter als hilfreich, als ich auch innerhalb meiner\nOrganisation \u2013 und gegen die dort vertretene Mehrheitsposition \u2013\nden sowjetischen Einmarsch in Afghanistan  kritisierte.<\/p>\n\n\n\n<h3><em>Aufgefallen sind mir\nDeine Antikriegsaktivit\u00e4ten durch die \u201eZeitung gegen den Krieg\n(ZgK)\u201c, an deren Verbreitung in \u00d6sterreich ich mich zeitweilig\nbeteiligen konnte. Wie kam es zu diesem Zeitungsprojekt und hat sich\ndiese Art Friedensarbeit mit einer Zeitung bew\u00e4hrt?<\/em><\/h3>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst einmal ist das\neben das Feld, auf dem ich ein gewisses Talent habe: Ich bin\nleidenschaftlicher Schreiberling: Journalist und Sachbuchautor. Und\nich vertraue darauf, dass man mit dem geschriebenen Wort und dessen\nVerbreitung einen gewissen Einfluss erzielen kann \u2013 durch\nFlugbl\u00e4tter, B\u00fccher und vor allem mit einfachen Zeitungen, die f\u00fcr\neinen spezifischen Zweck  gemacht sind. So habe ich viele Jahre lang\neine spezifische 1.Mai-Zeitung mit dem Namen \u201eBLIND\u201c gemacht (und\ndabei Elemente des Boulevardblattes \u201eBild\u201c kopiert). Mehrere\nJahre lang  machte ich zusammen mit Kollegen im Betrieb eine\nBetriebszeitung f\u00fcr Ford in K\u00f6ln. Als 2014\/15 die Lokf\u00fchrer\nstreikten, gr\u00fcndete ich eine ziemlich erfolgreiche \u201eSTREIKZEITUNG\u201c.\nUnd auf dem H\u00f6hepunkt der Griechenland-Krise 2015 gr\u00fcndete ich mit\n\u201eFaktenCheck:HELLAS\u201c ein Blatt, mit dem wir der\nGriechenlandsolidarit\u00e4t eine ziemlich gut zu vernehmende Stimme\nverschufen.[5] \n<\/p>\n\n\n\n<p>Eine erste\nAntikriegszeitung gr\u00fcndete ich 1990 w\u00e4hrend des Irak-Krieges der\nUSA. Der Titel war \u201edesert! Antikriegszeitung\u201c. Von diesem Blatt\nerschienen f\u00fcnf Ausgaben. Im Kosovokrieg gr\u00fcndete ich dann die von\nDir erw\u00e4hnte \u201eZeitung gegen den Krieg \u2013 ZgK\u201c. Diese hatte bei\nden ersten drei Ausgaben Auflagen von mehr als 200.000 Exemplaren. Es\ngibt sie bis heute. Zum Ostermarsch 2019 wird Ausgabe 44 erscheinen.<\/p>\n\n\n\n<h3><em>Wie kam es zu dieser\n\u201eZeitung gegen den Krieg\u201c und wie ist die erstaunlich hohe\nAuflage zu erkl\u00e4ren?<\/em><\/h3>\n\n\n\n<p>Ich war in den Jahren 1994\nbis 2002 Bundestagsabgeordneter der PDS, damals erstaunlicherweise\ngew\u00e4hlt im Westen, in Baden-W\u00fcrttemberg. Erstaunlich, weil die PDS\ndamals zu 85 Prozent eine Partei war, die auf dem Gebiet der\nehemaligen DDR ihre Basis hatte. Der Nato-Krieg gegen Jugoslawien\nbegann am 24. M\u00e4rz 1999. Ich empfand diesen Krieg als emp\u00f6rend \u2013\neinmal weil zum ersten Mal seit Ende des Zweiten Weltkriegs deutsche\nSoldaten \u2013 mit Tornado-Kampfbombern \u2013 daran teilnahmen. Und dann\nweil er von einer deutschen Regierung mit einem SPD-Kanzler \u2013\nGerhard Schr\u00f6der \u2013 und einem Gr\u00fcnen-Au\u00dfenminister \u2013 Joseph\n(\u201eJoschka\u201c) Fischer mitgetragen wurde. Ich schlug der\nPDS-Bundestagsgruppe vor, eine solche Antikriegszeitung zu machen.\nDas wurde genehmigt. Hilfreich war dabei, dass viele\nBundestagsabgeordnete nicht anwesend waren \u2013 es war die Zeit der\nOsterferien; mit einer mehrw\u00f6chigen Sitzungspause. Die Zeitung wurde\nmit Geldern aus dem Geldtopf der Bundestagsgruppe finanziert. Sie\nkonnte also zun\u00e4chst gratis bezogen werden. Das half nat\u00fcrlich\ndabei, dass diese Zeitung vom Start an einen Massenabsatz fand. Mit\nder Nummer 3, die noch Ende April erschien \u2013 die Zeitung erschien\nalso tats\u00e4chlich im Wochenrhythmus \u2013 , lag die vertriebene Auflage\nbei \u00fcber 250.000 Exemplaren.  Dann gab es \u2013 direkt nach der\nSitzungspause \u2013 zwei denkw\u00fcrdige Bundestagsdebatten \u00fcber den\nKrieg und \u00fcber unsere Antikriegsaktivit\u00e4ten. Am 15. April erkl\u00e4rte\nder Fraktionsvorsitzende Peter Struck in der  Plenardebatte: \u201eIch\nm\u00f6chte darauf hinweisen, dass  hier eine Zeitung vorliegt,\nherausgegeben von der PDS im Deutschen Bundestag, in der der\nBundesminister f\u00fcr Verteidigung, Herr Kollege Rudolf Scharping, als\n\u00b4Kriegsminister\u00b4 diskreditiert wird. Ich weise diese Unerh\u00f6rtheit\ndeutlich zur\u00fcck.\u201c Wenige Tage sp\u00e4ter, am 20. April 1999, sagte\neben dieser Kriegsminister Scharping  im Bundestag: Es sei ihm zwar\n\u201eschei\u00dfegal\u201c, wie die PDS ihn bezeichne, es sei jedoch ein\nSkandal, dass die PDS \u201emit Steuermitteln\u201c diese Zeitung gegen den\nKrieg herausbringen k\u00f6nne. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Wenige Tage sp\u00e4ter\nbeschloss die Mehrheit der PDS-Bundestagsgruppe, unter ihnen Gregor\nGysi, jede Unterst\u00fctzung f\u00fcr die \u201eZeitung gegen den Krieg\u201c\neinzustellen. Begr\u00fcndet wurde dies mit den \u201ezu hohen Kosten\u201c.\nZehn Tage sp\u00e4ter erschien bereits Nr. 4 der \u201eZeitung gegen den\nKrieg\u201c. Im Impressum hie\u00df es nun: \u201eHerausgegeben von Dr.\nWinfried Wolf, MdB, und der Inforationsstelle Militarisierung (IMI)\ne.V., T\u00fcbingen.\u201c Als Mitherausgeber wurden 14\nPDS-Bundestagsabgeordnete genannt. Ich hatte erreicht, dass fast die\nH\u00e4lfte der PDS-Bundestagsgruppe sich als Mitherausgeberinnen und\nMitherausgeber zur Verf\u00fcgung stellte. Nun war der Bezug der ZgK\nallerdings kostenpflichtig \u2013 damals mit 15 Pfennigen je Ex. Die\nAuflagen lagen nun je Ausgabe und bis Kriegsende im Juni bei immer\nnoch bei stolzen 40.000 bis 50.000 Exemplaren. Aber nat\u00fcrlich h\u00e4tten\nwir viele weitere Hunderttausende Exemplare vertreiben k\u00f6nnen, wenn \ndie PDS als Ganzes das mitgetragen h\u00e4tte. Am Jahresende hatte die\nPDS sogar ein Guthaben bei dem, was ihr an Bundestagsgeldern zustand;\nsie konnte 1999 nicht alles ausgeben. An Geld lag es echt nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Von da an und bis zum Ende\nder Legislaturperiode erschien die \u201eZeitung gegen den Krieg\u201c mit\ndieser Herausgeberschaft. Nach meinem Ausscheiden aus dem Bundestag\nkonnte ich die Zeitung weiter herausgeben, immer \u00fcberwiegend auf\nmich allein gestellt, allerdings gleichzeitig in wechselnder\nZusammenarbeit mit Friedensgruppen und \u2013verb\u00e4nden.[6] Das\nAntikriegsblatt hat inzwischen eine recht stabile, vertriebene (also\nbezahlte) Auflage in H\u00f6he von 20.000 bis 25.000 Exemplaren. Da ich\nseit 2005 keiner politischen Organisation mehr angeh\u00f6re und da ich\nin all meinen politischen Aktivit\u00e4ten weitgehend als Privatperson\nagiere, ist es nicht selbstverst\u00e4ndlich, dass die <em>Zeitung\ngegen den Krieg <\/em>bis heute weiter erscheinen\nkonnte.      \n<\/p>\n\n\n\n<h3> <em>Du sagst, Du geh\u00f6rst\nkeiner politischen Partei an \u2013 und damit der LINKEN heute nicht an.\nNun war die PDS und ist die Partei DIE LINKE doch sicher eine\nAntikriegspartei\u2026<\/em><\/h3>\n\n\n\n<p>Ja, das war sie im Gro\u00dfen\nund Ganzen. Und das ist sie auch heute. Weitgehend. Bereits der\nUmgang mit der \u201eZeitung gegen den Krieg\u201c 1999 zeigte da jedoch\ngewisse Grenzen auf. Und 2002 kam es dann zu einem Vorgang, der noch\nmehr blamabel war. Am 23. Mai 2002 sprach der damalige US-Pr\u00e4sident\nGeorge W. Bush im Deutschen Bundestag. Im Vorfeld hatten vor allem\nmeine MdB-Kollegin und Freundin Ulla Jelpke  und ich versucht, die\nPDS-Fraktion f\u00fcr eine gemeinsame Aktion gegen den US-Pr\u00e4sidenten zu\ngewinnen. Das war auch deswegen delikat, weil damals in der\nHauptstadt Berlin die PDS als Juniorpartner mit der SPD regierte. \nGregor Gysi war zuvor aus dem Bundestag ausgeschieden und\nWirtschaftssenator in dieser Landesregierung geworden. Die\nPDS-Fraktion im Bundestag hat damals eine von uns beantragte, solche\nkollektive und sichtbare Aktion gegen Bush abgelehnt. Und es kam noch\nschlimmer: Der Senat in Berlin verbot den drei PDS-Senatorinnen und\nSenatoren, sich an einer Demo gegen den Bush-Besuch in Berlin zu\nbeteiligen. Das wurde akzeptiert. Gysi theoretisierte diesen Verzicht\nauf einen Antikriegsprotest explizit.[7] \n<\/p>\n\n\n\n<p>Daraufhin organisierten\ndie drei Bundestagsabgeordneten Ulla Jelpke, Heidi Lippman und ich\nw\u00e4hrend der Bush-Rede eine Protestaktion in eigener Regie: Als der\nUS-Pr\u00e4sident nach rund zehn Minuten seiner Rede vor dem Bundestag\nvon der Achse des B\u00f6sen und in kaum verh\u00fcllter Weise davon sprach,\ndass die USA einen neuen Krieg gegen den Irak f\u00fchren w\u00fcrden \u2013 das\nwar ja die Zeit, in der es bereits einen Aufmarsch der US-Truppen am\nGolf gab \u2013 erhoben wir uns und hielten ein 10 Meter breites und 50\ncm hohes, von Heidi Lippmann in den Saal eingeschmuggeltes\nTransparent hoch mit der handgeschriebenen Forderung: \u201eMr. Bush,\nMr. Schr\u00f6der \u2013 Stop your wars\u201c.  Bush musste seine Rede\nunterbrechen. Unser Transparent wurde durch als Saalordner\nverkleidete Geheimdienstleute niedergerissen. Wir drei verlie\u00dfen den\nPlenarsaal unter Protest. Diese Szene ging durch alle Medien. \u201eBild\u201c\ntitelte auf Seite 1: \u201ePfui \u2013 PDS-P\u00f6bler\u201c. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Es gab danach viel\nUnterst\u00fctzung f\u00fcr unsere Aktion aus der Bev\u00f6lkerung, von der\nFriedensbewegung und von der Basis der PDS. Doch keine aus der\nF\u00fchrung der PDS. Im Gegenteil: Der damalige Fraktionsvorsitzender\nder PDS im Bundestag, Roland Claus, entschuldigte sich bei dem\nBankett, das der Bundeskanzler, die Vorsitzenden der Fraktionen und\nMitglieder der Bundesregierung direkt im Anschluss an die Bush-Rede\noben in der Kuppel des Reichstag veranstalteten, beim US-Pr\u00e4sidenten\nausdr\u00fccklich f\u00fcr unsere Protest-Aktion. Bush soll ihm\npeinlicherweise geantwortet haben: \u201eThat\u00b4s no problem. That\u00b4s\ndemocracy\u201c.  \n<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe dann im\nBundestagswahlkampf, den es im September des gleichen Jahres gab, ein\nWahlkampfplakat drucken lassen, auf dem die Protestaktion im\nBundestag abgebildet wurde. Doch \u201emeine\u201c Partei weigerte sich,\ndie Kosten f\u00fcr ein solches Plakat zu tragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht da also schon um\nmehr, als um ein paar Ausrei\u00dfer im Rahmen einer ansonsten tadellosen\nAntikriegshaltung. Es geht schlicht darum, dass diese Leute dann,\nwenn es um das eigene berufliche Fortkommen und um  h\u00f6here Weihen\nund um gut dotierte Posten geht, ihre Antikriegshaltung aufweichen,\nin Frage stellen lassen und ab und an auch aufgeben. Ich bezweifle,\ndass das heute anders ist. Der von der Partei DIE LINKE bestellte\nMinisterpr\u00e4sident des Bundeslandes Th\u00fcringen macht beispielsweise\neine Fl\u00fcchtlingspolitik, die sich nicht wesentlich von derjenigen\nvon CDU-gef\u00fchrten Bundesl\u00e4ndern unterscheidet.<\/p>\n\n\n\n<h3><em>Au\u00dfer in Form von\nZeitungen waren Krieg und Frieden auch Thema bei Deinen B\u00fcchern.<\/em><\/h3>\n\n\n\n<p>Ja, das Thema \u201eKrieg und\nFrieden\u201c ist bis heute eines der drei gro\u00dfen Themen bei meinen\nPublikationen. Die anderen beiden sind \u201eWeltwirtschaft und\nGlobalisierung\u201c und \u201eKritik der Autogesellschaft und\nNotwendigkeit einer Verkehrswende\u201c. Grunds\u00e4tzlich finde ich, dass\nman bei einer Analyse der kapitalistischen Produktionsweise gar nicht\ndaran vorbei kommt, R\u00fcstung und Kriege einzubeziehen. Und auch die\nVerkehrspolitik im Allgemeinen und die Autogesellschaft im Besonderen\nhaben viel mit Militarisierung zu tun; nicht umsonst waren die\nF\u00f6rderer der massenhaften Verbreitung von Autos Faschisten (B.\nMussolini, A. Hitler) oder sie hingen de faschistischen Ideologie an\n(Henry Ford). So gut wie alle gro\u00dfen Autokonzerne waren in den\ngro\u00dfen Kriegen R\u00fcstungskonzerne.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich verfasste ein halbes\nDutzend B\u00fccher ausschlie\u00dflich zum Thema Krieg und Frieden. 1989\nerschien \u201eH\u00e4ndler des Todes. Bundesdeutsche R\u00fcstungs- und\nGiftgasexporte im Golfkrieg und nach Libyen\u201c \u2013 da spielte der\nverh\u00e4ngnisvolle Bau einer Giftgasfabrik in Libyen, an dem deutsche\nUnternehmen, darunter der Staatskonzern Salzgitter, und deutsche\nDienste in den 1980er Jahren ma\u00dfgeblich beteiligt waren, eine\nwichtige Rolle. 1987 erschien \u201eAuto-Krieg. Konzerne r\u00fcsten f\u00fcr\ndie Zukunft\u201c: in diesem Buch geht es um den Zusammenhang von\nsogenannter friedlicher Produktion und der R\u00fcstungsproduktion\nderselben Konzerne \u2013 hier der gro\u00dfen Autokonzerne. 1999\nver\u00f6ffentlichte ich \u201eBombengesch\u00e4fte. Zur politischen \u00d6konomie\ndes Kosovo-Krieges\u201c. 2001 und 2003 publizierte ich \u201eAfghanistan.\nDer Krieg und die neue Weltordnung\u201c und zwei Jahre sp\u00e4ter das Buch\n\u201eSturzflug in die Krise.  Die Weltwirtschaft. Das \u00d6l. Der Krieg\u201c.\n2017 war ich schlie\u00dflich Ko-Autor bei dem (im Hauptteil von Klaus\nGietinger verfassten) Buch \u201eDer Seelentr\u00f6ster. Wie Christopher\nClark die Deutschen von der Schuld am Ersten Weltkrieg erl\u00f6st\u201c.[8]<\/p>\n\n\n\n<h3><em>Siehst Du einen\nZusammenhang zwischen Kapitalismus, R\u00fcstung und Kriegen?<\/em><\/h3>\n\n\n\n<p>Diesen Zusammenhang gibt\nes leider. Ich w\u00fcrde noch weiter gehen und sagen: Heute ist der\nwesentliche Motor f\u00fcr das Entstehen von Kriegen die im Kapital\nbereits angelegte Tendenz zu Konkurrenz und Expansion. In Zeiten, in\ndenen die Kapitalverwertung im produktiven Bereich unter anderem\ndurch eine zur\u00fcckbleibende Massennachfrage (die wiederum Resultat\nder \u201eSparpolitik\u201c ist) erschwert ist, wird versucht,\nhochprofitable Kapitalanlage in Sektoren zu finden, in denen der\nStaat den Konzernen gewisserma\u00dfen einen Roten Teppich auslegt. Das\nk\u00f6nnen fragw\u00fcrdige Gro\u00dfprojekte sein \u2013 wie bei uns \u201eStuttgart\n21\u201c, wie in Italien der Tunnel im Val di Susa oder wie in\n\u00d6sterreich der Brennerbasis-Tunnel und der Koralm-Tunnel. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Und das ist immer wieder\nvor allem die R\u00fcstungsproduktion. Rosa Luxemburg machte in einem\nVergleich zwischen \u201enormaler\u201c kapitalistischer Produktion und\nR\u00fcstungsproduktion deutlich, wie vorteilhaft die Kriegswirtschaft\naus Sicht der R\u00fcstungskapitaleigner ist. Sie schrieb: Bei der\nR\u00fcstungsproduktion \u201etritt an die Stelle einer gro\u00dfen Anzahl\nkleiner, zersplitterter und zeitlich auseinanderfallender\nWarennachfrage (\u2026) eine zur gro\u00dfen, einheitlichen, kompakten\nPotenz  zusammengefasste Nachfrage des Staates.\u201c Diese werde\n\u201eau\u00dferdem der Willk\u00fcr, den subjektiven Schwankungen der\nKonsumtion entr\u00fcckt und mit einer fast automatischen Regelm\u00e4\u00dfigkeit,\nmit einem rhythmischen Wachstum begabt.\u201c[8]<\/p>\n\n\n\n<p>Vergleichbares erleben wir\nheute wieder. Anders als im Kalten Krieg und anders als zur Zeit des\nVietnam-Krieges gibt es heute ja keine Konfliktherde, wo der\nKapitalismus ernsthaft oder gar existenziell herausgefordert werden\nw\u00fcrde. Gr\u00f6\u00dfere nichtkapitalistischen Gesellschaften existieren\nseit dem Kollaps der UdSSR nicht mehr. Es gibt aus Sicht der\nm\u00e4chtigen westlichen L\u00e4nder keine relevante kriegerische\nAuseinandersetzung. Dennoch steigen seit einigen Jahren die\nR\u00fcstungsausgaben erneut. Die NATO-Mitgliedstaaten, darunter\nDeutschland, haben sich verpflichtet, ihre R\u00fcstungsausgaben\nschrittweise so anzuheben, bis sie 2 Prozent des\nBruttoinlandsprodukts entsprechen. In der BRD w\u00fcrde dies auf eine\nVerdopplung der R\u00fcstungsausgaben hinauslaufen. Im Dezember 2017\nverpflichteten sich 23 EU-Mitgliedstaaten, darunter Deutschland und\n\u00d6sterreich, sich zu einem spezifischen Milit\u00e4rb\u00fcndnis innerhalb\nder EU mit der Bezeichnung PESCO zusammenzuschlie\u00dfen. Das war nicht\nverpflichtend \u2013 D\u00e4nemark und Malta blieben explizit au\u00dfen vor.\nZiel dieses B\u00fcndnisses ist es, die R\u00fcstungsausgaben dieser L\u00e4nder\nvon Jahr zu Jahr zu steigern und die EU zu einer Milit\u00e4rmacht\nauszubauen. Und der erste, entscheidende Schritt der US-Regierung\nunter Donald Trump war die signifikante Erh\u00f6hung der\nUS-amerikanischen R\u00fcstungsausgaben.<\/p>\n\n\n\n<h3><em>Das hei\u00dft, der\nrelative Optimismus, von dem ich eingangs sprach, ist eher nicht\nberechtigt?<\/em><\/h3>\n\n\n\n<p>Nein, leider nicht. Wir\nm\u00fcssen davon ausgehen, dass die Situation wieder derjenigen \u00e4hnelt,\nwie wir eine solche vor dem Ersten Weltkrieg hatten: Ein weltweit\nherrschender Kapitalismus, aufgespalten in Nationalstaaten und gro\u00dfe\nBl\u00f6cke. Wachsende Krisentendenzen und beginnende Handelskriege.\nBereits vor diesem Hintergrund gibt es viel Flucht in Gro\u00dfprojekte\nund R\u00fcstung. Es gibt einen niedergehenden US-amerikanischen\nKapitalismus, der aber milit\u00e4risch noch absolut dominant ist. Und\ndann existiert da diese aufsteigende Wirtschaftsmacht China, die\nbereits bei den Exporten vorne liegt und deren Binnenmarkt f\u00fcr die\nwestlichen gro\u00dfen Konzerne der wichtigste weltweit \u00fcberhaupt ist.\nBereits die letzten Jahre zeigten, dass das auf ein neues Wettr\u00fcsten\nhinausl\u00e4uft \u2013 und auf einen drohenden Krieg zwischen den USA und\nChina. Wobei eine nicht unwichtige Rolle dabei spielt, auf welcher\nSeite hier die Atommacht Russland  stehen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn in dieser Situation\nviele Gr\u00fcne und einige Linke auf eine erstarkende EU, also\neinschlie\u00dflich auf eine Militarisierung der EU bzw. auf den Aufbau\neiner EU-Milit\u00e4rmacht setzen, dann ist das fatal. Ich sage dazu\nimmer: Wenn es auf der Welt eine Gangsterbande gibt, die den Rest der\nWelt unterdr\u00fcckt, dann ist das  h\u00f6chst unangenehm. Wenn es dann\nzwei solche Gangsterbanden gibt, die um die Welthegemonie streiten,\ndann wird es noch ungem\u00fctlicher. Wenn es am Ende gar drei solche\nkapitale Mafiagruppen geben sollte, die sich einen Bandenkrieg um die\nVorherrschaft auf der Welt leisten, dann ist es erst recht h\u00f6chst\nunwirtlich. Es ist absolut naiv und brandgef\u00e4hrlich, als Linke zu\nglauben, man k\u00f6nne sich da \u201etaktisch\u201c auf eine der Seiten\nstellen. Zumal es ja l\u00e4ngst nicht mehr um die Gefahr gro\u00dfer\nkonventioneller Kriege, sondern um die Gefahr eines Atomkriegs geht.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein \u2013 wir m\u00fcssen ganz\ngrunds\u00e4tzlich jede Art Militarisierung, jeden R\u00fcstungsexport und\nauch jede R\u00fcstungsproduktion strikt ablehnen. Wir m\u00fcssen ohne\nAbstriche f\u00fcr umfassenden Frieden und f\u00fcr gewaltfreie Prozesse der\nKonfliktl\u00f6sung eintreten. Und wir m\u00fcssen erkennen, dass es letzten\nEndes eine friedliche Welt nur geben wird, wenn es keine\nkapitalistische Gesellschaft, wenn es eine solidarische neue\nGesellschaft geben wird. Damit h\u00e4ngen f\u00fcr mich die Antikriegsarbeit\nund das Engagement f\u00fcr diese neue solidarische Gesellschaft\nunaufl\u00f6sbar zusammen.<\/p>\n\n\n\n<h4><em><strong>Anmerkungen:<\/strong><\/em><\/h4>\n\n\n\n<p>[1] Der deutsche\nR\u00fcstungskonzern Rheinmetall verf\u00fcgt \u00fcber eine italienische\nTochterfirma namens RWM Italia S.p.A. mit einem Werk in Domusnovas im\nS\u00fcden Sardiniens. RWM steht f\u00fcr \u201eRheinmetall Waffen Munition\nGmbH\u201c. Rheinmetall nutzt auf Sardinien milit\u00e4risches Sperrgebiet,\nso dasjenige im S\u00fcdwesten der Insel um das Capo Frasca herum, um\nBomben zu testen. Die Gegend um das Capo Frasca gilt als hochgradig\nkontaminiert. Rheinmetall fertigt im sardischen Werk u.a. Bomben vom\nTyp MK82 und MK84, die laut Rheinmetall-Eigenwerbung \u201eperfekt\n(sind) f\u00fcr Situationen, die h\u00f6chste Druck- und Explosivkraft\nerfordern\u201c und die \u201eZerst\u00f6rung, Tod und Verletzungen durch\nDruck- und Streueffekte hervorrufen\u201c. Im Mai 2015 deckte der\ninvestigative irische Journalist Malachy Browne vom Internetportal\n<em>reported.ly<\/em>  auf, wie\ndeutsche Bomben, gefertigt in Sardinien, den Weg in den Jemen finden.\nDie Rheinmetall-Tochter RWM exportiert seit einigen Jahren in gro\u00dfem\nUmfang die entscheidenden Bestandteile der MK82- und MK84-Bomben an\nein Unternehmen namens <em>Burkan Munition Systems<\/em>\n in Abu Dhabi. Die VAR-R\u00fcstungsfirma gilt als \u201etechnology partner\u201c\ndes deutschen R\u00fcstungskonzerns. Bei Burkan Munition Systems werden\ndie Bomben zusammengesetzt und mit Explosivstoff gef\u00fcllt. Die\n\u201egebrauchsfertigen\u201c Bomben werden dann von Burkan an das\nVAR-Milit\u00e4r  \u00fcbergeben, das im Jemen-Krieg Teil der Kriegsallianz\nist. Ausf\u00fchrlich bei: Winfried Wolf, In Kassel konstruiert \u2013 in\nSardinien produziert \u2013 im Jemen explodiert\u201c, in: Lunapark21, Heft\n36, Winter2016\/2017.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[2]\nTh\u00edch Qu\u1ea3ng \u0110\u1ee9c<\/strong>&nbsp;war\nein&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Vietnam\">vietnamesischer<\/a>&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/M\u00f6nch\">M\u00f6nch<\/a>,\nder sich am 11. Juni 1963 in Saigon selbst anz\u00fcndete, um in erster\nLinie gegen die Unterdr\u00fcckung der buddhistischen\nBev\u00f6lkerungsmehrheit in Vietnam zu protestieren. Damals herrschte in\nVietnam der streng katholisch orientierte Diktator Ngo Dinh Diem.\nNach seiner Machtergreifung 1954 siedelten etwa eine Million meist\nr\u00f6misch-katholische Nordvietnamesen&nbsp;nach S\u00fcdvietnam um,\nunterst\u00fctzt durch Schiffe der USA-Marine. 90&nbsp;% der\nS\u00fcdvietnamesen waren Buddhisten.Diem bevorzugte jedoch Katholiken\naus dem Norden bei der Postenvergabe f\u00fcr Staats\u00e4mter und behandelte\nden Buddhismus nicht als Religion, sondern als Verein. Im November\n1963 wurde Diem von Milit\u00e4rs gest\u00fcrzt. Der Putsch wurde von den USA\ngebilligt; er fand in der Zeit der Pr\u00e4sidentschaft von John F.\nKennedy statt.<\/p>\n\n\n\n<p>[3]\nAm\n1. Dezember 1972 erkannte die von Bruno Kreiskys angef\u00fchrte\n\u00f6sterreichische Regierung offiziell die Demokratische Republik\nVietnam (\u201eNordvietnam\u201c) an. Das Land unterst\u00fctzte die\nBefreiungsbewegung FNL (\u201eVietcong\u201c) im S\u00fcden und wurde gerade zu\ndiesem Zeitpunkt durch US-Luftstreitkr\u00e4fte massiv bombardiert. Vor\nWien hatte kein anderer westlicher Staat mit Nordvietnam oder mit der\nBefreiungsfront im S\u00fcden (der FNL [Front National de Lib\u00e9ration]\noder NLF [National Liberation Front], den kommunistischen Vietcong),\ndiplomatische Beziehungen aufgenommen.\n\n<\/p>\n\n\n\n<p>[4] Das \u201eVZ\u201c\norientierte sich im Design an der \u201eBZ\u201c, der damals in Westberlin\nwichtigsten Boulevard-Zeitung, die, wie \u201eBild\u201c, vom \nSpringer-Konzern herausgegeben wurde und den Vietnam-Krieg der\nUS-Regierung vorbehaltlos unterst\u00fctzte.<\/p>\n\n\n\n<p>[5] FaktenCheck:HELLAS\n[FCH] erschien zwischen April und Oktober 2015 mit f\u00fcnf Ausgaben und\nmit einer addierten Auflage von 350.000 Exemplaren. FCH erschien in\nbis zu f\u00fcnf \u00dcbersetzungen. Eine griechische Ausgabe erschien\nzeitweilig als Beilage in der griechischen Tageszeitung \u201eEFSYN\u201c\n(\u201eZeitung der Redakteure\u201c). FCH ging Ende 2015 in das Blatt\nFaktenCheck:EUROPA [FCE] \u00fcber. FCE erscheint bis heute (allerdings\nmit meist nur einer Ausgabe im Jahr).<\/p>\n\n\n\n<p>[6] Fast ein Jahrzehnt\nlang erschien die ZgK in enger und sehr produktiver Kooperation mit\nMonty Sch\u00e4del, dem politischen Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Deutschen\nFriedensgesellschaft \u2013 Verband der Kriegsdienstgegner (DFG\/VK).\nDiese Kooperation musste seitens M. Sch\u00e4del 2015 aus\ngesundheitlichen Gr\u00fcnden aufgegeben  werden.<\/p>\n\n\n\n<p>[7] In\neinem Interview mit der Tageszeitung \u201eNeues Deutschland\u201c sagte im\nMai 2002 der damalige Wirtschaftssenator Gregor Gysi: \u201eWenn man\nLeute in eine bestimmte Verantwortung schickt, wei\u00df man, dass sie\nvon bestimmten Dingen zu bestimmten Zeiten ausgeschlossen sind.\u201c Es\nsei richtig, als Senator nicht an den Protestaktionen w\u00e4hrend des\nBush-Besuchs teilzunehmen, aber deren friedenspolitische Ziele \u201eklar\nund \u00f6ffentlich zu unterst\u00fctzen.\u201c Hier zitiert nach Frankfurter\nAllgemeine Zeitung vom 20. Mai 2002; siehe:\n<a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/bush-besuch-streit-um-protestaktionen-verschaerft-sich-161183.html\">https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/bush-besuch-streit-um-protestaktionen-verschaerft-sich-161183.html<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>[8] Das Buch \u201eDer\nSeelentr\u00f6ster\u201c erschien im November 2018 auch in serbischer\nSprache. Das Buch \u201eSeelentr\u00f6ster\u201c erschien 2017 bei\nSchmetterling, Stuttgart. Das Buch zu den Giftgas-Exporten bei ISP,\nFrankfurt\/K\u00f6ln; alle anderen genannten B\u00fccher erschienen im Verlag\nKonkret Literatur, Hamburg.<\/p>\n\n\n\n<p>[9]\nRosa Luxemburg, Die Akkumulation\ndes Kapitals, Berlin 1913 (Reprint 1969), S. 442.<\/p>\n\n\n\n<p>Winfried Wolf ist\nDiplom-Politologe und Dr.phil. Er ist Chefredakteur von <em>Lunapark21\n\u2013 Zeitschrift zur Kritik der globalen \u00d6konomie<\/em>.\nWolf ist Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat von Attac. J\u00fcngste\nVer\u00f6ffentlichungen: \u201eabgrundtief + bodenlos. Stuttgart 21, sein\nabsehbares Scheitern und die Kultur des Widerstands\u201c (K\u00f6ln 2018)\nund \u201eMit dem Elektroauto in die Sackgasse. Warum E-Mobilit\u00e4t den\nKlimawandel beschleunigt\u201c (Promedia, Wien, M\u00e4rz 2019).<\/p>\n\n\n\n<p><em>Das Interview mit\nWinfried Wolf erschien in: Schulheft 175, Kunst macht Schule \u2013\nKulturelle Bildung in der (Hoch-) Schule, Wien, Fr\u00fchjahr 2019.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jahrzehntelange Antikriegsarbeit \u2013 eine Zwischenbilanz. Interview mit Winfried Wolf Anfang 2019 k\u00f6nnte man in Sachen Kriegsgefahren bzw. Friedenshoffnungen ja etwas Hoffnung sch\u00f6pfen: Die USA ziehen ihre Truppen aus Syrien zur\u00fcck. Der IS scheint weitgehend besiegt. In Jemen gibt es Waffenstillstandsgespr\u00e4che. Eine direkte Konfrontation USA \u2013 Nordkorea scheint vom Tisch. 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