{"id":1705,"date":"2022-01-17T19:51:34","date_gmt":"2022-01-17T18:51:34","guid":{"rendered":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=1705"},"modified":"2022-01-19T20:32:43","modified_gmt":"2022-01-19T19:32:43","slug":"muhammad-ali-verdienste-und-tragoedien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=1705","title":{"rendered":"Muhammad Ali: Verdienste und Trag\u00f6dien"},"content":{"rendered":"\n<h1>Teile 1 und 2<\/h1>\n\n\n\n<p>Mit seiner Kriegsdienstverweigerung schrieb er Geschichte. Aber k\u00e4mpfte der Boxchampion, der heute 80 Jahre alt geworden w\u00e4re, f\u00fcr die Emanzipation aller Schwarzen? (Teil 1)<\/p>\n\n\n\n<p>Zum 80. Geburtstag von Muhammad Ali an diesem 17. Januar 2022 erschien bereits eine Vielzahl von Publikationen, Artikeln und Dokus \u2013 oft Wiederholungen \u2013 \u00fcber das Leben dieses Berufsboxers. Meist wird dabei Ali weiterhin als &#8222;der Gr\u00f6\u00dfte&#8220; pr\u00e4sentiert, mitunter garniert mit ein paar kritischen Seitenhieben auf seine Prahlerei, auf seine Zugeh\u00f6rigkeit zu einer Islam-Sekte und auf Widerspr\u00fcche bei seinen politischen Auftritten.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei all diesen kritischen Zwischent\u00f6nen \u00fcberwiegt das Positive. Mehr noch: Muhammad Ali wird zur Ikone stilisiert. In der deutschen Ausgabe von Wikipedia wird er als &#8222;herausragender Sportathlet des 20. Jahrhunderts&#8220; pr\u00e4sentiert. Das Internationale Olympische Komitee ernannte ihn 1999 zum &#8222;Sportler des Jahrhunderts&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Der Schriftsteller Wolf Wondratschek hob Mohammad Ali bereits anl\u00e4sslich seines Todes im Juni 2016 in einen Heroen-Himmel und bezeichnete ihn \u2013&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.bild.de\/sport\/mehr-sport\/muhammad-ali\/der-himmel-bekommt-einen-rechten-haken-46134550.bild.html\" rel=\"noreferrer noopener\" target=\"_blank\">interessanterweise in der&nbsp;<em>Bild am Sonntag<\/em><\/a>&nbsp;\u2013 als &#8222;klugen Allesk\u00f6nner&#8220;, als &#8222;Boxer, der tanzte&#8220;, als &#8222;Faustt\u00e4nzer&#8220; und &#8222;Mann, der ein Poet war&#8220;. Das 20. Jahrhundert habe &#8222;vier Genies hervorgebracht&#8220;, Igor Strawinski, Vladimir Nabokov, George Balanchine und Muhammad Ali. Ein Komponist, ein Schriftsteller, ein Choreograph und \u2013 ein Schwergewichtsboxer, eben vier M\u00e4nner und diese sind dann, klar doch, &#8222;die Genies des 20. Jahrhunderts&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer sich die M\u00fche machte, die neue,&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.arte.tv\/de\/videos\/100957-001-A\/muhammad-ali\/\" rel=\"noreferrer noopener\" target=\"_blank\">wahrhaft epische vierteilige Dokumentation<\/a>&nbsp;von Ken Burns, Sarah Burns und David McMahon, die Arte am 11. und 12. Januar 2022 ausstrahlte und in der Charly H\u00fcbner in der deutschen Fassung die Erz\u00e4hlstimme \u00fcbernimmt, volle acht Stunden lang anzusehen, konnte Anderes erahnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle vier Teile sind in der&nbsp;<em>ARD<\/em>-Mediathek noch bis zum 11. M\u00e4rz abrufbar. In Kombination mit der Lekt\u00fcre einiger fr\u00fcherer Publikationen und erg\u00e4nzender Recherchen lassen sich dann einige Verdienste, vor allem aber die Trag\u00f6dien und \u2013 aus emanzipatorischer Sicht \u2013 die krassen Fehltritte des Cassius Marcellus Clay beziehungsweise Muhammad Ali erkennen.<\/p>\n\n\n\n<h3>&#8222;I ain&#8217;t got no quarrel with them Vietcong&#8220;<\/h3>\n\n\n\n<p>Was Muhammad Ali zu einer begeisternden politischen Pers\u00f6nlichkeit machte, war eine konkrete Tat: Seine Ablehnung, im Krieg der USA in Vietnam als Soldat zu dienen und die politische Begr\u00fcndung, die er f\u00fcr seine Entscheidung vortrug. Ali Muhammad verk\u00fcndete seine Kriegsdienstverweigerung am 28. April 1967.<\/p>\n\n\n\n<p>Er berief sich dabei einerseits auf seine Religion und seine Zugeh\u00f6rigkeit zur &#8222;Nation of Islam&#8220;, deren Oberhaupt Elijah Mohamad bereits den Kriegsdienst im Zweiten Weltkrieg mit Bezug auf seine Religion abgelehnt hatte. Ali fand daf\u00fcr aber auch offene politische Worte, die die Herrschenden \u2013 so die US-Milit\u00e4rs, die Kriegsprofiteure des milit\u00e4risch-industriellen Komplexes und die damalige Regierung unter US-Pr\u00e4sident Lyndon B. Johnson \u2013 zur Wei\u00dfglut bringen mussten.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Worte sa\u00dfen: &#8222;Warum verlangt man von mir, einem sogenannten Neger, eine Uniform anzuziehen und 10.000 Meilen von der Heimat entfernt mit Bomben und Kugeln auf braune Menschen zu zielen, w\u00e4hrend andere sogenannte Neger in Louisville wie Hunde behandelt und ihnen die elementarsten Menschenrechte verwehrt werden?&#8220; Und: &#8222;Ich habe keinen Streit mit dem Vietcong. Kein Vietcong hat mich jemals Nigger genannt.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/geschichte\/vietnam-krieg-wie-muhammad-ali-sich-der-einberufung-widersetzte-a-1151020.html\" target=\"_blank\">I ain&#8217;t got no quarrel with them Vietcong<\/a>. No Vietcong ever called me a nigger.&#8220; Muhammad Ali<\/p>\n\n\n\n<p>Muhammad Ali h\u00e4tte bei einem Gang nach Vietnam wenig riskiert. Er w\u00e4re kaum an die Front geschickt worden; sein Einsatz w\u00e4re als Werbung f\u00fcr das US-Modell von &#8222;freedom and democracy&#8220; genutzt worden. Er h\u00e4tte mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit Auftritte vor US-Soldaten zu deren Erbauung absolvieren d\u00fcrfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit seiner Kriegsdienstverweigerung jedoch riskierte er viel; sie kam ihn teuer zu stehen. Sie f\u00fchrte zur Verurteilung zu einer f\u00fcnfj\u00e4hrigen Gef\u00e4ngnisstrafe (die er nach Zahlung einer Kaution nicht absitzen musste), zur Aberkennung seines Weltmeistertitels, zum Verlust seiner Boxerlizenz und zu einer dreij\u00e4hrige Sperre. Letzteres bedeutete, dass er \u2013 wie zuvor andere Boxer \u2013 in eine existenzielle Krise gelangen und in Armut h\u00e4tte absinken k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war unter anderem der Schwergewichtsweltmeister Joe Frazier, der ihn in dieser Zeit finanziell unterst\u00fctzte \u2013 was Alis sp\u00e4tere hasserf\u00fcllte Auftritte gegen Joe Frazier und sein erbarmungsloses Einpr\u00fcgeln auf ihn beim 1975er-Fight in Manila als einigerma\u00dfen fragw\u00fcrdig erscheinen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Mohammad Ali den Kriegsdienst verweigerte, gab es in der US-Bev\u00f6lkerung noch eine mehrheitliche Unterst\u00fctzung f\u00fcr den US-Krieg in Vietnam. Allerdings g\u00e4rte der Protest gegen den Krieg bereits an Universit\u00e4ten, in liberalen, intellektuellen Kreisen \u2013 und in der afroamerikanischen Bev\u00f6lkerung. In der Doku von Ken Burns, Sarah Burns und David McMahon gibt es mehrere Kurzinterviews mit afroamerikanischen GIs, die in Vietnam im Einsatz waren. Sie \u00e4u\u00dfern sich erstaunlich differenziert und \u00fcberwiegend positiv zu Alis Entscheidung.<\/p>\n\n\n\n<p>Der&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/vor-50-jahren-muhammad-ali-verweigerung-als-buergerrecht-100.html\" rel=\"noreferrer noopener\" target=\"_blank\">afroamerikanische Literaturprofessor Gerald Early erinnerte sich in seinem Essay &#8222;Tales of the Wonderboy&#8220;<\/a>&nbsp;anl\u00e4sslich Alis \u00f6ffentlich begr\u00fcndeter Kriegsdienstverweigerung wie folgt:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Mir war, als sei meine Ehre als schwarzer Junge, meine Ehre als Mensch verteidigt worden. Er war doch der gro\u00dfe Ritter, der Drachent\u00f6ter. An dem Tag, als Ali den Kriegsdienst verweigerte, weinte ich in meinem Zimmer. Ich weinte um ihn und auch um mich, um meine Zukunft und auch seine, um alle unsere schwarzen M\u00f6glichkeiten.&#8220; Gerald Early<\/p>\n\n\n\n<h3>Zwei Arten von Rassentrennung<\/h3>\n\n\n\n<p>Meist wird Muhammad Ali als ein Mensch bezeichnet, der dazu beigetragen habe, das Selbstbewusstsein der schwarzen Bev\u00f6lkerung in den USA zu st\u00e4rken. In einer betont allgemeinen Form mag dies der Fall gewesen sein. Eine gro\u00dfe Rolle spielten dabei offensichtlich die Erfahrungen des jungen Cassius Clay, der in der S\u00fcdstaaten-Stadt Louisville in einer Zeit aufgewachsen war, in der das \u00f6ffentliche Leben von Rassentrennung gepr\u00e4gt war.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch auch hier sind Differenzierungen angebracht. Die Eltern von Clay z\u00e4hlten zur schwarzen Mittelschicht. Und die vielfach kolportierte Standardgeschichte, wonach Clay zu boxen begann, weil ihm als Junge sein &#8222;neues Fahrrad geklaut&#8220; wurde, konterte Joe Frazier mit dem Hinweis, er habe in seiner Jugend nie ein Fahrrad besessen.<\/p>\n\n\n\n<p>In den Jahren 1961 bis 1966 war es eine Gruppe wei\u00dfer, christlicher Gesch\u00e4ftsleute aus Louisville, die Clays Boxk\u00e4mpfe organisierten, die damit gut verdienten und mit denen Clay beziehungsweise Ali durchaus freundschaftlich zusammenarbeitete.<\/p>\n\n\n\n<p>Die pauschale Behauptung, Ali sei &#8222;ein K\u00e4mpfer gegen Fremdbestimmung und Rassismus&#8220; gewesen, die vor wenigen Tagen&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/sport\/mehr-sport\/facing-ali-in-der-ard-doku-ueber-box-ikone-muhammad-ali-17729752\/der-groesste-hauptdarsteller-17729754.html\" rel=\"noreferrer noopener\" target=\"_blank\">wieder in der<em>&nbsp;FAZ<\/em>&nbsp;zu lesen war<\/a>, ist verk\u00fcrzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gab in den USA in den 1960er-Jahren drei Formen afroamerikanischer Bewegungen: eine pazifistische B\u00fcrgerrechtsbewegung, wie sie von Martin Luther King prominent vertreten wurde, eine militante antirassistische Bewegung, wie sie von Malcolm X und sp\u00e4ter von den Black Panthers repr\u00e4sentiert wurde und eine separatistische, auf schwarze Rassentrennung orientierende Bewegung wie von Elijah Mohammad, dem F\u00fchrer der Sekte &#8222;Nation of Islam&#8220; gepredigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die ersten beiden Formen m\u00fcssen als fortschrittlich, die letztgenannte kann als reaktion\u00e4r und frauenverachtend bezeichnet werden. Muhammad Ali f\u00fchlte sich eine kurze Zeit zu Malcolm X hingezogen \u2013 allerdings nur in der Zeit, als Malcolm X noch Teil des &#8222;Nation of Islam&#8220; war. Als Elijah Mohammad im M\u00e4rz 1964 Malcolm X verstie\u00df und dieser sich einerseits radikalisierte und andererseits der B\u00fcrgerrechtsbewegung von Martin Luther King n\u00e4herte, entschied sich Ali f\u00fcr die &#8222;Nation of Islam&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war Elijah Mohammad, der Cassius Clay auf den Namen &#8222;Mohammad Ali&#8220; taufte. Es ist ersch\u00fctternd, in der Burns-McMahon-Doku im O-Ton festgehalten zu sehen und zu h\u00f6ren, wie Muhammad Ali die Ermordung von Malcolm X am 21. Februar 1965 mit den Worten begr\u00fc\u00dft: &#8222;Jeder, der Elijah angreift, wird sterben&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Die langj\u00e4hrige Mitgliedschaft Alis in der Nation of Islam wird gemeinhin als Ausdruck seines Kampfs gegen Rassismus gewertet. Das ist definitiv falsch. Diese Organisation mag als Kind ihrer Zeit gesehen werden \u2013 doch sie blieb weit hinter den Aufgaben dieser Zeit zur\u00fcck. Sie war vor allem spalterisch und r\u00fcckschrittlich. Sie propagierte einen schwarzen Rassismus und die Lehre von einer &#8222;\u00dcberlegenheit der schwarzen Rasse&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Ali war nicht nur Mitl\u00e4ufer, er argumentierte auf derselben Linie: &#8222;Kein intelligenter schwarzer Mensch mit rechtschaffener schwarzer Gesinnung w\u00fcnscht sich wei\u00dfe Jungs oder wei\u00dfe M\u00e4dchen zu sich nach Hause, die dann ihre schwarzen S\u00f6hne und T\u00f6chter ehelichen&#8220;, zitierte ihn der Observer am 13. Mai 2008.<\/p>\n\n\n\n<p>Folgerichtig bezeichnete Martin Luther King den Berufsboxer Muhammad Ali als &#8222;Champion der Rassentrennung&#8220;. Erst kurz vor dem Tod von King kam es zu einer Ann\u00e4herung der beiden. Als er 1968 ermordet wurde, sagte Ali: &#8222;Ich trauere um meinen schwarzen Bruder.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die &#8222;Nation of Islam&#8220; kontrollierte im Zeitraum 1964 bis in die 1990er-Jahre hinein einen gro\u00dfen Teil des privaten Lebens von Ali, ab 1966 auch sein Box-Business. Die Sekte finanzierte sich auf diese Weise. Das hatte erhebliche negative Auswirkungen auf das, was Muhammad Ali dachte und vor allem auf das, was er sagte. In der Burns-McMahon-Doku ist ein Interview aus dem Jahr 1969 wiedergegeben, in dem Ali den rechtsextremen US-Gouverneur George Corley Wallace lobt \u2013 weil dieser seinerseits f\u00fcr Rassentrennung in den S\u00fcdstaaten \u2013 und dabei nat\u00fcrlich f\u00fcr die wei\u00dfe &#8222;Rasse&#8220; \u2013 eintrat. Diese Haltung von Ali f\u00fchrte zu massiven Protesten;&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.arkansasonline.com\/news\/2016\/jun\/09\/ali-s-69-ua-speech-raised-a-stir-201606\/\" rel=\"noreferrer noopener\" target=\"_blank\">doch Ali verteidigte seine Position<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<h3>Friede mit den Herrschenden<\/h3>\n\n\n\n<p>Der bereits zitierte Wondratschek sieht in Muhammad Ali einen, der &#8222;nicht nur die Politiker \u00e4rgerte, sondern auch die Drahtzieher hinter den Kulissen, die Gesch\u00e4ftemacher, die M\u00e4nner mit den dicken Zigarren, den Blondinen und den goldenen Scheckb\u00fcchern, die ganze korrupte Bande, die Boxer verschacherten wie Vieh.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Das traf f\u00fcr ein gutes Jahrzehnt zu. Doch bereits in den 1970er-Jahren hatte Ali seinen Frieden mit dem vielfach reaktion\u00e4ren politischen Establishment und mit dem korrupten Establishment des Weltsports geschlossen. Der Promoter der beiden gr\u00f6\u00dften Boxk\u00e4mpfe Alis, dem in Kinshasa 1974 und dem in Manila 1975, war Donald &#8222;Don&#8220; King. Er verk\u00f6rperte genau den Typ von Box-Business-Manager, den Wondraschek als &#8222;Drahtzieher hinter den Kulissen&#8220; und als &#8222;Mann mit dicker Zigarre&#8220; beschrieben hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Don King ermordete 1967 aus niedrigen Beweggr\u00fcnden einen Mann; er wurde wegen dieser Tat zu 15 Jahren Haft verurteilt, kam jedoch nach drei Jahren Haft auf Basis eines Deals frei. Die einzige Basis f\u00fcr das zeitweilige B\u00fcndnis zwischen Ali und Don war Geld \u2013 die riesigen Dollar-Summen, die Don vor allem f\u00fcr die zwei K\u00e4mpfe in Kinshasa und Manila ausloben konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ali hat sich gegen die Umarmungen derer, die er in den 1960er-Jahren und Anfang der 1970er-Jahre bek\u00e4mpft hatte, nicht gewehrt. Dies erkl\u00e4rt, warum 2016 am Grab des Champions der fr\u00fchere US-Pr\u00e4sident Bill Clinton sprach. Warum der ehemalige britische Premier David Cameron, eine Personifizierung von Neoliberalismus und sozialer Ausgrenzung, \u00e4u\u00dfern konnte: &#8222;Muhammad Ali war ein Meister im Kampf f\u00fcr Menschenrechte.&#8220; Warum ihn Thomas Bach, der Pr\u00e4sident des Olympischen Komitees, als&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.bz-berlin.de\/panorama\/so-reagiert-die-welt-auf-den-tod-von-muhammad-ali\" rel=\"noreferrer noopener\" target=\"_blank\">einen &#8222;echten Olympioniken&#8220;<\/a>&nbsp;bezeichnen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Mohammad Ali hatte 1996 bei der Sommerolympiade in Atlanta die Olympische Flamme entz\u00fcndet. Der damalige IOC-Pr\u00e4sident Juan Antonio Samaranch h\u00e4ngte ihm eine eigens f\u00fcr ihn angefertigte Goldmedaille um den Hals \u2013 als Ersatz f\u00fcr das Gold des Jahres 1960 des Olympia-Siegers im Halbschwergewicht Cassius Clay, von dem es nun hie\u00df, er habe diese Medaille &#8222;verloren&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich hatte Ali in seiner &#8222;guten politischen Zeit&#8220; diese Gold-Medaille in den Ohio-River geworfen \u2013 aus Protest gegen Rassismus, nachdem er in der US-amerikanischen Heimat in &#8222;Nur-f\u00fcr-Wei\u00dfe&#8220;-Restaurants nicht bedient worden war.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit nicht genug. 2005 verlieh ihm der damalige US-Pr\u00e4sident George W. Bush die Freiheitsmedaille, die h\u00f6chste zivile Auszeichnung der Vereinigten Staaten. Dieser politisch weit rechts stehende US-Pr\u00e4sident, verantwortlich f\u00fcr die US-Kriege in Afghanistan und im Irak, bezeichnete Ali anl\u00e4sslich dieser Zeremonie als &#8222;Mann des Friedens&#8220;. Der Promoter der genannten Ali-Boxk\u00e4mpfe Don King wiederum hatte f\u00fcr den Kriegspr\u00e4sidenten George W. Bush ebenso geworben, wie er nach Alis Tod f\u00fcr Donald Trump warb.&nbsp;(<em>Winfried Wolf<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<h2>&#8222;Rumble in the Jungle&#8220; und &#8222;Thrilla in Manila&#8220;: <br>Gewaltorgien vor dem Hintergrund politischer Diktaturen \u2013 und was den Boxsport vom Kapitalismus unterscheidet. (<strong>Teil 2 und Schluss)<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Die Begleitumst\u00e4nde der zwei gr\u00f6\u00dften K\u00e4mpfe, die Muhammad Ali ausfocht, am 30. Oktober 1974 in der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa und am 1. Oktober 1975 in Manila auf den Philippinen, sind in vielerlei Hinsicht bizarr. Aus politisch-emanzipatorischer Sicht waren Alis Auftritte in diesen L\u00e4ndern mehr als das \u2013 sie waren katastrophal.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Ali und seine Entourage ging es bei den beiden Fights fernab von den USA darum, US-Steuern zu vermeiden und den eigenen Gewinn zu mehren. Das ist legitim. Doch aus politischer Sicht standen beim &#8222;Rumble in the Jungle&#8220; im Kongo und beim &#8222;Thrilla in Manila&#8220; auf den Philippinen die Sicherung der Langzeit-Diktatur von Mobutu beziehungsweise die Stabilisierung der damals noch jungen Diktatur von Ferdinand Marcos im Zentrum.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Regime von Mobuto Sese Seko ist hinsichtlich des Themas Emanzipation der schwarzen Bev\u00f6lkerung besonders absto\u00dfend. Mobutu war 1960 als Oberst an der Ermordung von Patrice Lumumba beteiligt; Lumumba wiederum steht in Afrika wie kaum ein zweiter f\u00fcr den antikolonialen Kampf \u2013 f\u00fcr die Selbsterm\u00e4chtigung der afrikanischen Bev\u00f6lkerung und f\u00fcr deren Befreiung von den belgischen wei\u00dfen Ausbeutern.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war der damalige US-Pr\u00e4sident Dwight D. Eisenhower, der 1960 den Befehl zur Liquidierung Lumumbas gegeben hatte. Dieser wichtige Hintergrund des Mobuto-Regimes wird in der ansonsten hervorragenden Burns-McMahon-Doku ausgelassen. (Eine umfassende Darstellung der Zusammenh\u00e4nge ist in David Van Reybrouck Werk &#8222;Kongo \u2013 Eine Geschichte&#8220; nachzulesen \u2013 auf Deutsch erschienen im Suhrkamp-Verlag 2013.)<\/p>\n\n\n\n<p>Ausf\u00fchrlich wird dagegen in der Doku dagestellt, wie Ali im Privatjet Mobutus nach Kinshasa eingeflogen wurde, wie er dort in einer Luxusvilla des Diktators lebte und wie die ehemalige Kolonialmacht Belgien die Ausr\u00fcstung f\u00fcr den Kampf und die Luxusg\u00fcter f\u00fcr das Weltspektakel bereitstellte.<\/p>\n\n\n\n<h3>Gegner zu Monstern gemacht<\/h3>\n\n\n\n<p>Dass Ali seinen Gegner George Foreman als Mann der Wei\u00dfen hinstellte, dass er ihn als jemanden denunzierte, der \u2013 so wegen eines mitgebrachten &#8222;deutschen&#8220; Sch\u00e4ferhunds \u2013 der alten belgischen Kolonialmacht nahe stehen w\u00fcrde, war fragw\u00fcrdig. Foreman war wie Ali schwarz. Er stammte aus einem Schwarzen-Ghetto. Dass Ali dann dutzendfach, auch im Stadion, den Schlachtruf &#8222;Ali, Bomaye \u2013 Ali, t\u00f6te ihn!&#8220; unterst\u00fctzte und dabei die Massen dirigierte, war schlicht absto\u00dfend.<\/p>\n\n\n\n<p>Das gilt auch f\u00fcr das Ende dieses Kampfs. Wenn der Kommentator der S\u00fcddeutschen Zeitung schreibt, dieses Niederpr\u00fcgeln habe&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/sport\/when-we-were-kings-rezension-sz-sportfilme-muhammad-ali-george-foreman-1.5440462\" rel=\"noreferrer noopener\" target=\"_blank\">&#8222;W\u00e4rme und W\u00fcrde&#8220; ausgestrahlt<\/a>, so ist das eine irritierende Feststellung. Nach dem Reglement h\u00e4tte Ali auf den niedergehenden Gegner gar nicht weiter eindreschen d\u00fcrfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Jahr sp\u00e4ter gab es in Manila ein Setting mit vielen Parallelen. Drei Jahre zuvor, am 21. September 1972, hatte Ferdinand Marcos das Kriegsrecht verh\u00e4ngen, 30.000 Oppositionelle \u2013 Studierende, Journalisten, Gewerkschaftsmitglieder \u2013 in Milit\u00e4rlager inhaftieren lassen und sich als Alleinherrscher, der mit Pr\u00e4sidialdekreten regierte, etabliert.<\/p>\n\n\n\n<p>Er war dabei eng mit der US-Regierung verbunden. In der zweiten H\u00e4lfte der 1960er-Jahre, als er noch gew\u00e4hlter Pr\u00e4sident war, hatte er 2000 philippinische Soldaten zur US-Unterst\u00fctzung in den Vietnamkrieg entsandt. In den 1970er-Jahren wiederum gab es auf den Philippinen die Nationale Befreiungsfront der Moros (Moro National Liberation Front, MNLF), deren rund 30.000 Mitglieder sich \u2013 wie Ali \u2013 zum Islam bekannten und die gegen das korrupte Regime der Familie Marcos k\u00e4mpften.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim eigentlichen &#8222;Thrilla in Manila&#8220; 1975 dann erneut das verst\u00f6rende Bild: Ali trat zusammen mit Marcos auf Pressekonferenzen auf. Er wohnte in der Zeit seines Aufenthalts in Manila in einer Luxusvilla der Familie Marcos. Er beleidigte seinen Herausforderer Joe Frazier aufs \u00dcbelste, ja rassistisch \u2013 indem er ihn als &#8222;Gorilla, h\u00e4sslich und dumm&#8220; bezeichnet und eine Lyrik von sich gab, die einerseits gute PR und andererseits pervers war:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;It&#8217;s gonna be a thrilla \/ and a chilla \/ and a killa \/ when I got the gorilla \/ in Manila&#8220;&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Er erkl\u00e4rte \u00f6ffentlich, dass er &#8222;dieses Tier&#8220; \u2013 seinen schwarzen Bruder Joe Frazier, der ihm in Notzeiten viel Geld geliehen hatte \u2013 t\u00f6ten werde. Und er konstatierte, die Leute in Manila seien &#8222;wild nach Blut, wie ich es in keinem Stadion der Welt je erlebt habe&#8220;. Der Kommentar in der Burn-McMahon-Doku \u00fcber Ali und Frazier ist zutreffend: &#8222;Sie haben sich gegenseitig zu Monstern gemacht&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<h3>Lob des Boxens<\/h3>\n\n\n\n<p>Der Boxsport hat zweifellos auch eine emanzipatorische Tradition. Boxen war \u2013 insbesondere in den USA \u2013 eine Sportart zur Selbstverteidigung. Sie bot auch Schwarzen lange Zeit die M\u00f6glichkeit, zu Ruhm und Reichtum zu kommen. W\u00e4hrend im Alltag Rassentrennung herrschte, verschaffte sich der junge Amateurboxer Cassius Clay seinen Eintritt in die Boxwelt. Mit 18 Jahren war er Olympiasieger in Rom. Danach startete er seine Karriere als Berufsboxer. Mit 22 war er erstmals Profi-Weltmeister.<\/p>\n\n\n\n<p>In den aktuellen Berichten \u00fcber Ali gibt es kaum Unterschiede zwischen der Sportwelt der Amateure und der Welt der Berufsboxer. Die wesentlich h\u00e4rtere Gangart der Berufsboxer ahnt man zwar, doch dies ist nirgendwo ein Thema. Dabei sind die Unterschiede weitreichend; beim Amateurboxen sind alle Regeln darauf ausgelegt, dass sich die Sportler so wenig wie m\u00f6glich verletzen; das Tragen eines Kopfschutzes sowie eines Oberteils ist Pflicht. Die Krankheit Parkinson als Folge von Schl\u00e4gen gegen den Kopf, die Alis Leben in den letzten drei Jahrzehnten bestimmt hat, tritt bei Amateurboxern eher selten auf. Bei Berufsboxer muss sie wohl als Berufskrankheit bezeichnet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle Lobpreisungen von Alis Boxkunst betreffen Profi-Boxk\u00e4mpfe, also solche, bei denen gesundheits- und oft auch lebensbedrohend aufeinander eingedroschen wird. Warum gibt es keine Artikel mit hohen Einschaltquoten beim Amateur-Boxsport? Weil Geld die Sportwelt regiert? Weil offene Brutalit\u00e4t als sexy gilt? Weil 99,9 Prozent aller Artikel \u00fcber Muhammad Ali von M\u00e4nnern verfasst wurden?<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/sport\/muhammad-ali-a-bdee7418-0002-0001-0000-000145210876\" rel=\"noreferrer noopener\" target=\"_blank\">Thomas H\u00fcetlin schrieb 2016 im Spiegel<\/a>: &#8222;Ali ging es immer um mehr. Ausgerechnet Boxen, die brutalste Sportart, verwandelte er in ein Schauspiel von Sch\u00f6nheit und Hoffnung. In Kunst.&#8220; Jan Philipp Reemtsma, der&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.hamburger-edition.de\/buecher-e-books\/artikel-detail\/d\/1884\/Mehr_als_ein_Champion\/4\/?ai%5Bsite%5D=default&amp;ai%5Blocale%5D=dej%27ij%22bvvrq\" rel=\"noreferrer noopener\" target=\"_blank\">2013 ein Buch \u00fcber Muhammad Ali schrieb<\/a>, erkennt dabei durchaus eine Widerspr\u00fcchlichkeit, so wenn er anl\u00e4sslich des Todes von Mohammad Ali \u00e4u\u00dferte:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Mein Herz schl\u00e4gt, wenn ich das so sagen darf, f\u00fcr den Virtuosen im Boxring, dem es gelungen ist, einem an sich nicht sehr diffizilen Sport eine so eigene Note zu geben, dass auch so gewaltt\u00e4tige Auseinandersetzungen auf einmal Sch\u00f6nheit gewinnen. Alis K\u00e4mpfe haben eine eigene Choreographie, und das habe ich immer mit gro\u00dfem Genuss gesehen.&#8220;Anzeige<\/p>\n\n\n\n<p>Raphael Hillebrand, T\u00e4nzer und Choreograph, schrieb in einem Nachruf in der S\u00fcddeutschen Zeitung vom 6. Juni 2016: &#8222;Ali besa\u00df absolute K\u00f6rperkontrolle und einen hocheffizienten Umgang mit Energie.&#8220; Wie ein T\u00e4nzer habe er Begeisterung f\u00fcr seinen K\u00f6rper ausgestrahlt. &#8222;Bewundernswert war aber auch die Haltung, mit der Ali seine Krankheit in die \u00d6ffentlichkeit trug. Wie dieses einst so irrsinnig eitle, testosterongesteuerte Kraftpaket den Schicksalsschlag akzeptierte, auch das war eine Lebenslektion f\u00fcr mich.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Wobei man auch \u00fcber Ali Muhamads letztem gro\u00dfen Auftritt, dem in Atlanta, unterschiedlicher Auffassung sein kann. Bei der in der Burn-McMahon-Doku wiedergegebenen Szene, in der Ali im vollen Scheinwerferlicht da steht und, am ganzen K\u00f6rper zitternd, die Fackel kaum halten kann \u2013 da hatte ich eher den Eindruck, dass die Millionen Zuschauer sich in Voyeure verwandelt sahen.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch zur\u00fcck zum Thema &#8222;Sch\u00f6nheit des Berufsboxertums&#8220;: In den meisten aktuellen Beitr\u00e4gen zur W\u00fcrdigung von Ali Muhammad \u2013 ansatzweise auch im Schlussteil der Burns-McMahon-Doku \u2013 springt die Verherrlichung des Profi-Boxkampfs ins Auge. Es finden sich so gut wie keine kritischen Worte zu dieser Art &#8222;Sport&#8220; als solchem. Und immer wieder wird Ali als K\u00e4mpfer gegen Rassismus und \u00fcberzeugender Vertreter von schwarzer W\u00fcrde pr\u00e4sentiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Ali sei &#8222;zur wichtigsten Identifikationsfigur der Schwarzen weltweit&#8220; geworden, hei\u00dft es in einem&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.planet-wissen.de\/gesellschaft\/sport\/boxen\/pwiemuhammadalivomgrossmaulzumhelden100.html\" rel=\"noreferrer noopener\" target=\"_blank\">Artikel des \u00f6ffentlich-rechtlichen Portals &#8222;Planet Wissen&#8220;<\/a>. Der Frankfurter Journalist&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.rnd.de\/sport\/muhammad-ali-der-freiheitskampfer-JZWYEEZJQVHR7LYFVPX7GFWMJA.html\" rel=\"noreferrer noopener\" target=\"_blank\">Hartmut Scherzer vergleicht Ali gar mit dem s\u00fcdafrikanischen Freiheitsk\u00e4mpfer Nelson Mandela<\/a>: &#8222;Der eine hat sein Leben und seine Freiheit hingegeben, der andere seine Titel und seine Karriere.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<h3>Wenn Wei\u00dfe zuschauen, wie Schwarze sich verpr\u00fcgeln<\/h3>\n\n\n\n<p>Aber waren nicht insbesondere Alis Boxk\u00e4mpfe in Kinshasa und Manila nicht just so, wie die Wei\u00dfen jahrhundertelang die Schwarzen sahen \u2013 und wie sie sie auch behandelten? Wiederum: So wie Muhammad Ali seine Kontrahenten vielfach behandelte?<\/p>\n\n\n\n<p>Wer sich die millionenfach angeklickten Youtube-Videos dieser beiden gro\u00dfen K\u00e4mpfe \u2013 die zum Zeitpunkt ihrer &#8222;Urauff\u00fchrung&#8220; von Dutzenden Millionen Menschen vor den Schwarz-Wei\u00df-Bildschirmen live verfolgt wurden \u2013 heute ansieht, der kann darin eigentlich nur eines erkennen: eine pure Gewaltorgie, das Einpr\u00fcgeln auf den Gegner und das Hinnehmen drohender schwerer Verletzungen und heftigster gesundheitlicher Sp\u00e4tfolgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir leben in einer Zeit, in der Stierk\u00e4mpfe zu Recht als Tierqu\u00e4lerei gelten und weitgehend verboten werden. Warum sollte der Profi-Boxsport nicht ebenso behandelt, ja verboten werden? Muhammad Ali hatte bei dem Thema durchaus seine hellen Momente \u2013 und dann \u00fcberzeugende Einsichten: &#8222;Boxen ist, wenn viele Wei\u00dfe dabei zuschauen, wie zwei Schwarze sich verpr\u00fcgeln.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem &#8222;Thrilla in Manila&#8220; \u00e4u\u00dferte er: &#8222;Wir kamen als Champions und wir gingen als alte M\u00e4nner.&#8220; 1969 sagte er offen, er k\u00e4mpfe mit dem alleinigen Ziel, um seine Schulden los zu werden. Worauf ihn Elijah Mohamed Ali aus dem &#8222;Nation of Islam&#8220; verstie\u00df. Was dann revidiert wurde; die Sekte ben\u00f6tigte schlie\u00dflich das Geld der Kampfmaschine Ali.<\/p>\n\n\n\n<p>Sieht man einmal von der Formel 1 ab, so gibt es keinen Massensport, der derart direkt die Grundprinzipien des Kapitalismus verk\u00f6rpert: Das Jeder gegen Jeden, das Faustrecht, das Recht des St\u00e4rkeren, die Verherrlichung des m\u00e4nnlichen &#8222;gesunden&#8220; K\u00f6rpers, die Weckung primitivster Instinkte bei den Zuschauern, der Einsatz von Dutzenden Millionen US-Dollar, womit elementare menschliche Grunds\u00e4tze wie Schutz der k\u00f6rperlichen Unversehrtheit, Respektierung der Gesundheit des Mitmenschen im Wortsinn k.o. geschlagen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;K.o.&#8220; meint: Knock-out, meint, den Gegner durch Schl\u00e4ge \u2013 bevorzugt gegen den Kopf \u2013 zu Boden zu schlagen und auf diese im Reglement bevorzugte Weise einen Boxkampf zu gewinnen. Ali hat 37 seiner 61 Profik\u00e4mpfe durch K.o. beendet.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war Adolf Hitler, der \u2013 neben dem Rennsport \u2013 Boxen als die angemessenste Sportform des Faschismus bezeichnet hat. In &#8222;Mein Kampf&#8220; hob er hervor:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Es gibt keinen Sport, der wie dieser den Angriffsgeist in gleichem Ma\u00df f\u00f6rdert, blitzschnelle Entschlusskraft verlangt, den K\u00f6rper zur st\u00e4hlernen Geschmeidigkeit erzieht.&#8220; Adolf Hitler Mein Kampf, zwei B\u00e4nde, Berlin 1933, S. 454f.<\/p>\n\n\n\n<p>In &#8222;Erziehungsgrunds\u00e4tze des v\u00f6lkischen Staates&#8220; argumentierte Hitler auch, dass eine Bourgeoisie, die den Boxsport zu ihrer Tugend gemacht h\u00e4tte, die Novemberrevolution verhindert und von vornherein die Konterrevolution erm\u00f6glicht h\u00e4tte. Inmitten des Zweiten Weltkriegs benutzte dann Joseph Goebbels Bilder aus dem Boxring, um den Durchhaltewillen der Bev\u00f6lkerung zu festigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Sieg der Roten Armee in Stalingrad formulierte der deutsche Propagandaminister:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wir wischen uns das Blut aus den Augen, damit wir klar sehen k\u00f6nnen, und geht es in die n\u00e4chste Runde, dann stehen wir wieder auf den Beinen. (\u2026) Ein Volk, das bisher mit der Linken geboxt hat und eben dabei ist, die Rechte zu bandagieren, um sie in der n\u00e4chsten Runde r\u00fccksichtslos in Gebrauch zu nehmen, hat jetzt keine Veranlassung mehr, nachgiebig zu sein.&#8220; Joseph Goebbels, zitiert bei Victor Klemperer \/ LTI, S. 247<\/p>\n\n\n\n<p>Sagte ich, die Grundprinzipien des Boxsports seien zugleich die Grundlagen des Kapitalismus? Das stimmt. Und es stimmt auch wieder nicht. Selbst beim Profi-Boxsport gibt es eine Reihe Regeln, die gemeinhin eingehalten werden. Es gibt Gewichtsklassen; ein Schwergewicht darf nicht gegen ein Leichtgewicht in den Ring gehen. Es gibt Ringrichter, die zwischen die K\u00e4mpfenden gehen und sie trennen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und es gibt auch ein paar feste Regeln \u2013 Schl\u00e4ge unter der G\u00fcrtellinie sind nicht gestattet. Man kann den Kampf aufgeben und das Handtuch werfen. Und man darf nicht auf einen niedergehenden und am Boden liegenden Kontrahenten einpr\u00fcgeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Im entgrenzten, deregulierten Kapitalismus gibt es vergleichbare Einschr\u00e4nkungen nicht oder nicht mehr. Man schickt l\u00e4ngst Leichtgewichte in einen Boxring, den Schwergewichte beherrschen. Siehe die Freihandelsabkommen der EU mit afrikanischen Staaten. Schl\u00e4ge unter die G\u00fcrtellinie sind erlaubt, ja, sie sind die Regel. Siehe die medialen Kampagnen, wie wir sie in den Jahren 2010 bis 2016 im Fall Griechenland erlebt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ein Land ausgepowert zu Boden geht, darf man mit Spardiktaten, die lebenswichtige Infrastruktur bedrohen, weiter auf dieses Land eindreschen. Siehe das Vorgehen der EU-Troika in dieser Zeit gegen\u00fcber den Eurozonen-Peripheriestaaten.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wenn der Weltkapitalismus nach der Corona-Krise 2020\/21 f\u00fcr neues Wachstum und f\u00fcr ein &#8222;weiter so&#8220; trommelt, dann gehen die Entscheider stillschweigend davon aus, dass die Leichtgewichte im globalen S\u00fcden die Folgen des Klimanotstands im Wortsinne ausbaden m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuerst am 17.1.21 <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Muhammad-Ali-Verdienste-und-Tragoedien-6329777.html\">hier auf telepoli<\/a>s ver\u00f6ffentlicht<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Teile 1 und 2 Mit seiner Kriegsdienstverweigerung schrieb er Geschichte. Aber k\u00e4mpfte der Boxchampion, der heute 80 Jahre alt geworden w\u00e4re, f\u00fcr die Emanzipation aller Schwarzen? (Teil 1) Zum 80. Geburtstag von Muhammad Ali an diesem 17. Januar 2022 erschien bereits eine Vielzahl von Publikationen, Artikeln und Dokus \u2013 oft &hellip; <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1705"}],"collection":[{"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1705"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1705\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1717,"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1705\/revisions\/1717"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1705"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1705"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1705"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}