{"id":176,"date":"2018-11-27T13:19:00","date_gmt":"2018-11-27T12:19:00","guid":{"rendered":"http:\/\/winfriedwolf.de\/wordpress\/?p=176"},"modified":"2020-01-28T20:23:30","modified_gmt":"2020-01-28T19:23:30","slug":"serie-zur-novemberrevolution-teil-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=176","title":{"rendered":"Novemberrevolution \u00ad\u2013 Teil 3"},"content":{"rendered":"\n<h2><em>Vorbemerkung:<\/em><\/h2>\n\n\n\n<p>Wir bringen auf den NachDenkSeiten in drei Teilen einen ausf\u00fchrlichen Text von Winfried Wolf zur Novemberrevolution, zur Bayerischen R\u00e4terepublik und zur aktuellen Debatte \u00fcber diese Ereignisse. Der <em><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47551\">erste Teil<\/a><\/em> hatte drei Ereignisse, die zum Verst\u00e4ndnis der Revolution wichtig sind, zum Thema: die Sturzgeburt des Deutschen Reichs 1871, der Erste Weltkrieg und die Bildung einer ersten parlamentarischen Regierung der 3. Oktober 1918. In <em><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47597\">Teil 2<\/a><\/em> wurden drei Phasen der Revolution untersucht: der Zeitraum November\/Dezember 1918, der Januar 1919 (\u201eSpartakus-Aufstand\u201c) und der M\u00e4rz 1920 (\u201eKapp-Putsch\u201c und Generalstreik).  <\/p>\n\n\n\n<p>Der hier wiedergegebene <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=47668\">Teil 3<\/a> geht ein auf die Bayerische R\u00e4terepublik, die hierzulande meist besonders verzerrt dargestellt wird: Im Zeitraum 8.November 1918 bis 2. Mai 1919 standen in dieser noch stark landwirtschaftlich gepr\u00e4gten Region ebenfalls die R\u00e4te \u2013 und zwar Arbeiterr\u00e4te und Bauernr\u00e4te \u2013 und damit die Forderungen nach direkter Demokratie im Zentrum. Im Folgenden werden vier Gr\u00fcnde f\u00fcr das Scheitern der Revolution genannt: (1) die fehlende organische F\u00fchrung bzw. die Zersplitterung der linken Kr\u00e4fte, (2) die fehlende Ausarbeitung eines Gesamtkonzeptes der R\u00e4tedemokratie, (3) das Doppelspiel der SPD-F\u00fchrung und deren enge Zusammenarbeit mit rechten Kr\u00e4fte und (4) schlie\u00dflich die unvorstellbare Brutalit\u00e4t, mit der Freikorps und Reichswehr gegen die R\u00e4te und gegen die Zivilbev\u00f6lkerung vorgingen.  <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich warnt Winfried Wolf vor Projekten einer neuen Militarisierung, wie sie von der deutschen Bundeskanzlerin und von dem franz\u00f6sischen Pr\u00e4sidenten ausgerechnet im Zusammenhang mit dem Gedenken an das Kriegsende vor 100 Jahren propagiert wurden.  <\/p>\n\n\n\n<p><em>Klaus\nGietinger und Winfried Wolf ver\u00f6ffentlichten 2017 das Buch \u201eDer\nSeelentr\u00f6ster. Wie Christopher Clark die Deutschen von der Schuld am\nErsten Weltkrieg erl\u00f6st.\u201c (Schmetterling Stuttgart). Er st\u00fctzt\nsich in seinem hier ver\u00f6ffentlichten Text vor allem auf Klaus\nGietinger, November 1918. Der verpasste Fr\u00fchling (Nautilus, Hamburg\n2018), Sebastian Haffner, Der Verrat \u2013 Deutschland 1918\/19\n(verschiedene Ausgaben verschiedener Verlage) und Richard M\u00fcller,\nDie Geschichte der Revolution (urspr\u00fcnglich drei B\u00e4nde; zuletzt\nBerlin 2011, Buchmacherei).<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>***<\/p>\n\n\n\n<h2><em><strong>Die\nBayerische R\u00e4terepublik \u2013 Bauernr\u00e4te inklusive<\/strong><\/em><\/h2>\n\n\n\n<p>Die deutsche Revolution\n1918-1920 gab es im gesamten deutschen Reich. Reichsweit hatten sich\nim November 1918 (und danach meist immer wieder aufs Neue) \nArbeiterr\u00e4te herausgebildet, die die lokale und oft die regionale\nMacht \u00fcbernahmen. Dies f\u00fchrte zu bemerkenswerten regionalen\nVerdichtungen des revolution\u00e4ren Prozesses mit lokalen\nBesonderheiten und oft mit unglaublich harten Auseinandersetzungen.\nIm Jahr 1919 (ab Februar) und im Jahr 1920 (ab Ende M\u00e4rz) tobte in\nDeutschland ein umfassender B\u00fcrgerkrieg. Als Stichpunkte zu nennen\nsind hier die R\u00e4terepublik Bremen, die K\u00e4mpfe um Braunschweig, im\nRuhrgebiet, in Sachsen, dann erneut im Ruhrgebiet, in Th\u00fcringen,\nMagdeburg, Chemnitz, im Erzgebirge, im Vogtland (im zuletzt genannten\nVogtland  mit der Besonderheit des Kampfs von Max Hoelz, eines neuen\nRobin Hood.<sup><a href=\"#sdfootnote1sym\"><sup>1<\/sup><\/a><\/sup>\n\n<\/p>\n\n\n\n<p>Im M\u00e4rz 1919 kam es in\nBerlin zu einem Generalstreik mit den Forderungen nach\nDemokratisierung des Heeres und Sozialisierung der Wirtschaft, der\nvon <em>allen<\/em>\nArbeiterparteien beschlossen wurde. Er wurde nach einer Woche\nabgebrochen. Es folgte, wie Mark Jones schrieb, \u201eein Crescendo der\nGewalt, das alles \u00fcbertraf, was seit Ausbruch der Moderne in\nirgendeiner deutschen Stadt oder Gro\u00dfstadt an Blutvergie\u00dfen\nstattgefunden hatte.\u201c Nach Gustav Noskes eigenen Angaben wurden von\nden Freikorps-M\u00e4nnern 1200 Menschen, darunter Jugendliche, Frauen \nund Kinder, ermordet.<sup><a href=\"#sdfootnote2sym\"><sup>2<\/sup><\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Darstellung kann\nnicht dieses breite Spektrum der Revolution abgedeckt werden. Das ist\nauch nicht der Anspruch dieser Arbeit. Auf Bayern soll jedoch\ngesondert eingegangen werden. Es handelt sich immerhin um das einzige\nLand im Reichsgebiet, in dem ein Modell direkter Demokratie mit\nArbeiterr\u00e4ten gepaart mit einer parlamentarischen Regierung zun\u00e4chst\nerfolgreich war und in dem es eine Reihe anderer interessanter\nBesonderheiten gab. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Dass in Bayern die Uhren\nanders ticken, gilt in Deutschland als Allgemeingut. Allerdings ist\ndamit heute in der Regel gemeint, dass es dort oft mehr als anderswo\nin Deutschland reaktion\u00e4re Tendenzen gibt und dass zum Beispiel die\nCSU traditionell deutlich rechts von ihrer Schwesterpartei steht. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Was der CSU-\u00dcbervater\nFranz-Joseph Strau\u00df  in den 1970er Jahren programmatisch sah, wenn\ner forderte, dass es rechts neben der CSU keine Partei mit Aussicht\nauf parlamentarische Repr\u00e4sentanz geben d\u00fcrfe. Und so tobte denn in\nder M\u00fcnchner \u00d6ffentlichkeit Ende der 1960er Jahre eine heftige\nDebatte, als eine Stra\u00dfe nach Kurt Eisner, dem ersten roten\nRegierungschefs des Freistaats Bayern, benannt werden sollte. Der\ndamalige bayerische Landwirtschaftsminister, Alois Hundhammer (CSU),\nargumentierte, Eisner sei \u201eeine b\u00f6se und verh\u00e4ngnisvolle\nErscheinung der bayrischen Geschichte&#8220; gewesen. In Leserbriefen\nwurde Eisner mal eher freundlich als \u201eBohemien mit dem\nSauerkrautbart&#8220;, \u00fcberwiegend jedoch unfreundlich und ha\u00dferf\u00fcllt\nals \u201eTyrann\u201c. \u201eBolschewist&#8220;, \u201eGeiselm\u00f6rder&#8220; und\n&#8222;Novemberverbrecher&#8220; bezeichnet.<sup><a href=\"#sdfootnote3sym\"><sup>3<\/sup><\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Die Negativtitulierungen\ntreffen kaum die Gef\u00fchle, die die bayerische Bev\u00f6lkerung in ihrer\nMehrheit Eisner entgegenbrachte. Generell versetzt die Entwicklung in\nBayern in den Jahren 1918\/19 vielfach ins Erstaunen. Hier fand die\nRevolution fr\u00fcher als anderswo im Deutschen Reich statt.<sup><a href=\"#sdfootnote4sym\"><sup>4<\/sup><\/a><\/sup>\nSie war tiefer als im sonstigen Reich in der Bev\u00f6lkerung verankert.\nSie konnte sich so lang wie nirgendwo sonst im Reich an der Macht\nhalten. Sie hatte zutiefst demokratischen Charakter. Und sie war, wie\n\u00fcberall im Reich, gutm\u00fctig und vor dem Eingreifen der\nKonterrevolution gro\u00dfz\u00fcgig. Sie vermied solange viele der Fehler,\ndie in Berlin begangen wurden, wie ihr f\u00fchrender Kopf \u2013 Kurt\nEisner \u2013 lebte.<\/p>\n\n\n\n<p>In M\u00fcnchen hatte die\nRevolution bereits am 3. November begonnen, als dort tausend Matrosen\naus dem \u00f6sterreichischen Hafen Pola (heute Pula) ankamen und mit\nBlick auf den Matrosenaufstand im Norden zur\u00fcckgehalten wurden. Sie\nwaren bald Teil der Revolution in Bayern. Am 7. November \u2013 ein Tag\nvor der Revolution in Berlin! \u2013 wurde der bayerische K\u00f6nig\ndavongejagt, ein Arbeiter- und Bauernrat gebildet, die \u201eRepublik\u201c\nausgerufen und Kurt Eisner zum Ministerpr\u00e4sidenten ernannt. Eisner\ngriff den reichsweit weit verbreiteten Einheitsgedanken auf und\nerkl\u00e4rte: \u201eDer Bruderkrieg der Sozialisten ist f\u00fcr Bayern\nbeendet.\u201c Am 8. November bildete sich in M\u00fcnchen ein\n\u201eProvisorischer Nationalrat\u201c, unter anderem bestehend aus\nArbeiter-, Soldaten- und Bauernr\u00e4ten. Eisner pr\u00e4sentierte diesem\nsein Kabinett bestehend aus USPD und SPD-Personal. Es gelang in\nM\u00fcnchen von Anfang an, die dort stationierten Truppen f\u00fcr die\nRevolution zu gewinnen oder zumindest zu neutralisieren. Sebastian\nHaffner: \n<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie\nM\u00fcnchner Revolution war komplett, durchgef\u00fchrt in einem rasanten\nAlleingang und innerhalb von vierundzwanzig Stunden. Kein Schuss war\ngefallen, kein  Tropfen Blut vergossen. Und der Mann, der dieses\nKunstst\u00fcck fertig gebracht hatte, gestern noch ein Niemand, hatte\nalle F\u00e4den in der Hand.\u201c<sup><a href=\"#sdfootnote5sym\"><sup>5<\/sup><\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Haffner ist \u00fcberzeugt, dass \u201eder wahre Gegenspieler Eberts [\u2026] nicht Liebknecht,  Eisner [war].\u201c Ihn interessierte Eisners  <\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eRevolutionsmanagement in Bayern, das man meisterhaft\nnennen muss \u2013 auch wenn zweifelhaft bleibt, ob eine erfolgreiche\nRevolution in Bayern sich gegen\u00fcber einer siegreichen\nGegenrevolution im \u00fcbrigen Deutschland auf Dauer h\u00e4tte halten\nk\u00f6nnen. Eisner war der einzige Mann in Deutschland, der mit scharfem\nSp\u00fcrsinn erfasste, worauf die deutsche Revolution hinzielte, und ihr\ngeschickte Geburtshilfe gab [&#8230;] Eisner hatte, im Gegensatz zu\nEbert, vom ersten Tag an einen klaren Blick f\u00fcr die internationale\nLage des besiegten Deutschland und eine klare au\u00dfenpolitische\nKonzeption: Er sah die Gefahr eines Diktatfriedens und suchte ihr\nzuvorzukommen durch eindrucksvolle Beweise des Bruchs mit dem Alten\nim Inneren.\u201c<sup><a href=\"#sdfootnote6sym\"><sup>6<\/sup><\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Richtig ist, dass sich\nEisner \u2013 urspr\u00fcnglich ein Berliner Literat, ein Jude und ein\nBilderbuch-Intellektueller \u2013 binnen weniger Tage zum bayerischen\nVolkshelden entwickelte. Unter Eisner konnten sich die Ideen von\nradikaler Demokratie, Volksherrschaft und R\u00e4ten als Kontrollorgane\ngegen\u00fcber einem Parlament landesweit verankern  \u2013 und dies in\neiner Region, die so stark wie kaum eine andere im Deutschen Reich\nweiterhin \u00fcberwiegend landwirtschaftlich gepr\u00e4gt war. Der neue\nStaat in Bayern sollte nach Eisner nicht nur ein Arbeiterstaat, er\nsollte zugleich ein Bauernstaat sein. Nur in Bayern spielten\nBauernr\u00e4te in der Revolution eine gr\u00f6\u00dfere Rolle. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Karl Schweizer legte 2018\neine umfangreiche, 200 Seiten starke, bebilderte Studie \u00fcber die\nNovemberrevolution und die R\u00e4terepublik im (bayerischen) Lindau vor.\nVerfolgt man in dieser Arbeit das Revolutionsgeschehen, so ist man\n\u00fcberrascht, wie viel Zustimmung die Forderungen, die in M\u00fcnchen\nformuliert wurden, auch in dieser Bodenseestadt \u2013 man ist geneigt\nzu sagen: tief in der bayerischen Provinz \u2013 fanden.<sup><a href=\"#sdfootnote7sym\"><sup>7<\/sup><\/a><\/sup>\nKlaus Gietinger f\u00fchrt seinerseits eine lange Liste von \u00fcberwiegend\nl\u00e4ndlichen Orten in Bayern an, die sich dem R\u00e4tegedanken\nanschlossen.<sup><a href=\"#sdfootnote8sym\"><sup>8<\/sup><\/a><\/sup>\nAll das dokumentiert, dass die Revolution keineswegs nur eine Sache\nder Stadtbev\u00f6lkerung und auch nicht nur eine Sache der\nArbeiterklasse war.<\/p>\n\n\n\n<p>Eisner hatte auch ein\ngutes Gef\u00fchl f\u00fcr den Zusammenhang zwischen Revolution und\nAu\u00dfenpolitik. Er warnte vor einem \u201eDiktatfrieden\u201c und\nkritisierte die SPD-gef\u00fchrte Regierung  in Berlin, weil diese sich\nin der Au\u00dfenpolitik in die Tradition des alten Regimes stellte.\n\u201eEiner Regierung, die alle Verantwortung der Vergangenheit mit\n\u00fcbernommen hat\u201c, drohe ein \u201efurchtbarer Friede\u201c.<sup><a href=\"#sdfootnote9sym\"><sup>9<\/sup><\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Die friedliche Revolution\nin Bayern w\u00e4hrte ein gutes Vierteljahr. Am 21. Februar 1919 wurde\nEisner von einem Nazi der fr\u00fchen Stunde ermordet. Wenige Stunden\nsp\u00e4ter wurde der SPD-F\u00fchrer Auer, zugleich der Innenminister und\nder zweitwichtigste Mann im Kabinett, ebenfalls ermordet. Die\nRegierung brach auseinander. Nach einer Zwischenperiode, in der mit\neiner all-sozialistischen Regierung unter dem SPD-Mann Johannes\nHoffmann nochmals ein Kompromiss zwischen R\u00e4ten und Parlamentarismus\ngesucht wurde, kam es am 5. April zur Spaltung. Jetzt \u2013 und erst\njetzt \u2013 wurde eine (reine) R\u00e4terepublik ausgerufen. Die Regierung\nHoffmann suchte sich im katholischen Bamberg einen Standort, der\nnicht von der Revolution umtost war und von wo die Konterrevolution\nangeleitet werden konnte. Die R\u00e4terepublik konnte sich zun\u00e4chst mit\neiner Streitmacht, die improvisiert aufgestellt wurde und die sich\nals \u201eRote Armee\u201c bezeichnete, gegen rechte, bayerische Milit\u00e4rs\ndurchsetzen. Darauf rief Hoffmann Noske und dessen Freikorps zu\nHilfe. 20.000 Mann preu\u00dfischer und w\u00fcrttembergischer Freikorps\nr\u00fcckten von Norden und Westen gegen die R\u00e4terepublik vor. Diese\nkonnte sich noch wenige Tage in heftigen K\u00e4mpfen verteidigen. Als\ndie Sieger am 2. Mai M\u00fcnchen eingenommen hatten, folgte, so\nSebastian Haffner, \n<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eein \u00b4wei\u00dfer Schrecken\u00b4, wie ihn noch keine\ndeutsche Stadt, auch Berlin im M\u00e4rz [1919] nicht, erlebt hatte. Eine\nWoche lang hatten die Eroberer Schie\u00dffreiheit, und alles, was\n\u00b4spartakusverd\u00e4chtig\u00b4 &#8211; war \u2013 im Grunde die gesamte M\u00fcnchner\nArbeiterbev\u00f6lkerung -, war vogelfrei. [\u2026] In diesem wei\u00dfen Terror\nin M\u00fcnchen f\u00e4llt ein unverkennbarer Zug von Sadismus auf. Gustav\nLandauer etwa, der hochgebildete Unterrichtsminister der ersten\nR\u00e4teregierung [\u2026] wurde im Hof des Stadelhofer Gef\u00e4ngnisses\nbuchst\u00e4blich zu Tode getrampelt \u2013 nicht etwa in einer Stimmung der\nWut, sondern in einer Art johlender Siegesfeier.\u201c <sup><a href=\"#sdfootnote10sym\"><sup>10<\/sup><\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<h3><em><strong>Vier Gr\u00fcnde f\u00fcr die Niederlagen. <\/strong><\/em> <em><strong>Oder: Wie die Revolution immer wieder zur\u00fcckgeworfen und schlie\u00dflich abgew\u00fcrgt werden konnte<\/strong><\/em><\/h3>\n\n\n\n<p>Die mehrfachen Niederlagen\nder Revolution in Berlin, M\u00fcnchen und im gesamten Reich werfen die\nFrage nach den Gr\u00fcnden auf. Zumal dieser Sieg der Konterrevolution\nund der alten Kr\u00e4fte, die im Kaiserreich das Sagen hatten,\ntats\u00e4chlich von <em>welthistorischer Bedeutung<\/em>\nist. Die Ereignisse in Deutschland im Zeitraum 1918 bis 1920\nbef\u00f6rderten zun\u00e4chst das Scheitern der Weimarer Republik und\nbereiteten die Macht\u00fcbernahme durch die legitimen Nachfolger der\nFreikorps, die NSDAP, SA und SA, im Januar 1933 vor. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Sodann gab es 1918-1923 in\nvielen L\u00e4ndern \u2013 so in \u00d6sterreich \u2013 R\u00e4te und in einigen\nL\u00e4ndern (so in Ungarn, in der Slowakei und in der iranischen Provinz\nGilan) kurzzeitige R\u00e4terepubliken. Die Entwicklung in Deutschland\nspielte hier \u00fcberall eine wichtige Rolle und beeinflusste die\npolitische Situation andernorts. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Vor allem trug die\nNiederlage der Revolution in Deutschland erheblich dazu bei, dass die\nErrungenschaften der Oktoberrevolution endg\u00fcltig abgew\u00fcrgt, der\nProzess der Entdemokratisierung und der Stalinisierung sich\nbeschleunigte und dass sich dort bis Ende der 1920er Jahre eine\nDiktatur durchsetzte, die eine Perversion der sozialistischen Ideale \ndarstellte. Klaus Gietinger: \u201eH\u00e4tte die Novemberrevolution\nwenigstens in Teilen gesiegt, es h\u00e4tte vermutlich keinen Hitler und\nvermutlich keinen Stalin gegeben. Und hunderte Millionen Menschen\nh\u00e4tten l\u00e4nger und gut gelebt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Es waren im Wesentlichen\n<em>vier Gr\u00fcnde<\/em>, die f\u00fcr\ndiese Niederlage verantwortlich waren: zun\u00e4chst die fehlende\nF\u00fchrung, sodann das am Ende unzureichend konkretisierte Konzept\neiner direkten Demokratie mit R\u00e4testrukturen; des weiteren die\nPolitik der SPD (oder deren Doppelspiel und Verrat) und schlie\u00dflich\ndie unvorstellbare Brutalit\u00e4t der Konterrevolution.<\/p>\n\n\n\n<h3><em><strong>Erstens. <\/strong><\/em><\/h3>\n\n\n\n<p><em><strong>Es gab keine bewusste F\u00fchrung mit ausreichender Verbreitung und Verankerung  im deutschen Reich<\/strong><\/em><strong>.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dass die\nNovemberrevolution prim\u00e4r ein spontaner Prozess gewesen sei, ist\nebenso unwahr, wie die Behauptung, diese sei in starkem Ma\u00df von\nSpartakus beeinflusst gewesen. Die Revolution\u00e4re Obleute waren, wie\nbeschrieben, eine klug handelnde, den Prozess in Berlin im November\nsteuernde und sp\u00e4ter stark beeinflussende Gruppierung. Ihr Vorgehen\nund ihre Strukturen hatten einige \u00c4hnlichkeit mit denen der\nBolschewiki 1917 (was Richard M\u00fcller, Emil Barth, Ernst D\u00e4umig und\nFreunde allerdings wohl von sich gewiesen h\u00e4tten). \n<\/p>\n\n\n\n<p>Es gab bei den Obleuten\nsicher personelle Schw\u00e4chen \u2013 siehe das Missmanagement am 10.\nNovember im Zirkus Busch. Es gab deutliche Fehlentscheidungen:\nLiebknecht als Volksbeauftragter auf dem Obleute-Ticket w\u00e4re sicher\neine ganz andere Sache gewesen als Haase. An wichtigen Scheidepunkten\nder Revolution weigerten sich die Radikalen (Obleute, USPD,\nSpartakus), in Gremien zu gehen, in denen die Mehrheitssozialisten\nma\u00dfgeblich vertreten waren. Das waren offensichtlich fatale\nFehlentscheidungen.<sup><a href=\"#sdfootnote11sym\"><sup>11<\/sup><\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Die KPD beschloss auf\nihrem Gr\u00fcndungsparteitag \u2013 entgegen den Forderungen von Luxemburg\nund Liebknecht \u2013, die Reichstagswahlen im Februar 1919 zu\nboykottieren. Auch dies war wohl ein Fehler. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Doch vergleichbare Fehler,\nSchw\u00e4chen und Schwankungen gab es in den Monaten Februar bis Oktober\n1917 auch bei den Bolschewiki. Lenin war innerhalb \u201eseiner\u201c\nBolschewiki, als er seine \u201eAprilthesen\u201c (im April 1917) schrieb\nund mit diesen auf eine zweite Revolution hinarbeitete, in der\nabsoluten Minderheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Das doppelte Manko \u2013\nauch im Vergleich zu den Bolschewiki \u2013 war: Die Obleute waren auf\ndie Hauptstadt beschr\u00e4nkt. Gleichzeitig war die radikale Linke\nmehrfach gespalten. Auf Reichsebene gab es auf Seiten der\nrevolution\u00e4ren Kr\u00e4fte die heterogene USPD und die radikale, oft\nultralinke Spartakus-Gruppe. Die Obleute waren \u00fcberwiegend mit der\nUSPD verbunden; dies aber meist nur in lockerer Form. Als zum\nJahreswechsel 1918\/19 Spartakus aufgegeben und die KPD gegr\u00fcndet\nwurde, sprach alles f\u00fcr eine Vereinigung von KPD (Spartakus) und den\nObleuten. Das war auch das Ziel von Luxemburg und Liebknecht. Der\nKPD-Parteitag wurde sogar unterbrochen, um eine solche Vereinigung in\nletzter Minute zu erm\u00f6glichen. Doch diese scheiterte \u2013 nicht\nzuletzt aufgrund von ultimativen Positionen Liebknechts: Dieser\nbestand u.a. darauf, dass der Name \u201eSpartakus\u201c weiter im Namen\nund in Verbindung mit \u201eKPD\u201c gef\u00fchrt werden m\u00fcsse.<\/p>\n\n\n\n<p>Die R\u00e4te agitierten oft,\nz. B. im Ruhrgebiet, parteiunabh\u00e4ngig, es gab dort eine starke\nsyndikalistische Str\u00f6mung. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt waren damit die\nradikalen Kr\u00e4fte auch in den gro\u00dfen Auseinandersetzungen im\nNovember und Dezember 1918, im Januar 1919 und im M\u00e4rz 1920\ngespalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ermordung von Rosa\nLuxemburg und Karl Liebknecht (und in den Wochen danach die Ermordung\n anderer prominenter Radikaler, so diejenige von Kurt Eisner (USPD)\nund Eugen Levin\u00e9 (KPD) in M\u00fcnchen und von Leo Jogiches (KPD), Hugo\nHaase (USPD) und Heinrich Dorrenbach (Volksmarinedivision) in Berlin\nberaubte, die radikale Linke ihrer f\u00fchrenden  K\u00f6pfe. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Insbesondere die Morde an\nLuxemburg und Liebknecht waren strategisch geplant. Die beiden\npersonifizierten die Kritik an der SPD-F\u00fchrung seit dem SPD-Ja zu\nden Kriegskrediten. Sie analysierten von Beginn der Revolution an in\nAufs\u00e4tzen und Reden und ab dem 18. November 1918 t\u00e4glich in der\n<em>Roten Fahne<\/em> das\nfalsche Spiel, das die SPD-F\u00fchrer trieben. Vor allem aber\n\u201everk\u00f6rperten Liebknecht und Luxemburg wie niemand sonst in den\nAugen von Freund und Feind die deutsche Revolution. Sie waren ihre\nSymbole, und mit ihnen erschlug man die Revolution.\u201c<sup><a href=\"#sdfootnote12sym\"><sup>12<\/sup><\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<h3><em><strong>Zweitens.<\/strong><\/em><\/h3>\n\n\n\n<p><em><strong>Es gab einerseits in der deutschen Revolution diesen begeisternden Gedanken von R\u00e4ten. Andererseits wurde diese Idee einer direkten Demokratie nicht verallgemeinert, womit es erschwert wurde, dass sie massenwirksam wurde. Es handelte sich immer \u201enur\u201c um eine Idee, die weltweit und spontan aufgegriffen wurde (und dies auch noch in sp\u00e4teren Revolten, so beim Ungarischen Aufstand 1956 und in sp\u00e4teren sozialistischen Modellen, so im Rahmen der Arbeiterselbstverwaltung in Jugoslawien 1945 bis 1989 <\/strong><\/em><sup><em><strong><a href=\"#sdfootnote13sym\"><sup>13<\/sup><\/a><\/strong><\/em><\/sup><em><strong>).<\/strong><\/em> <\/p>\n\n\n\n<p>In der deutschen\nRevolution 1918-1920 spielten die Arbeiterr\u00e4te (anfangs die\nArbeiter- und Soldatenr\u00e4te) eine gro\u00dfe Rolle. Sie wurden vielfach\nspontan gebildet. Dies erfolgte bereits in den Tagen vor dem 9.\nNovember in Norddeutschland und im Westen des Reichs. Sie waren aber\nauch ein zentrales Element in den strategischen Planungen der\nRevolution\u00e4ren Obleute. Siehe deren Coup zur Wahl von Arbeiter- und\nSoldatenr\u00e4ten und dem ersten Treffen dieser R\u00e4te im Zirkus Busch am\n10. November in Berlin. Bei all dem spielten sicher die historischen\nErfahrungen der Pariser Kommune und vor allem diejenigen der\nRussischen Revolution 1905 und der Oktoberrevolution 1917 eine gro\u00dfe\nRolle. Trotz einiger Versuche (z.B. seitens M\u00fcller und D\u00e4umig)\nwurde kein Gesamtkonzept dieses R\u00e4temodells, das von den\nwesentlichen Kr\u00e4ften der Revolution mitgetragen worden w\u00e4re,\nentwickelt. Faktisch gab es zwei grundlegende Modelle: das Modell\neiner reinen R\u00e4teherrschaft (teilweise angelehnt an die\nOktoberrevolution). \n<\/p>\n\n\n\n<p>Und das Modell, in dem die\nR\u00e4te als K\u00f6rperschaft der arbeitenden Klassen <em>ein\nKontrollorgan gegen\u00fcber dem Parlament <\/em>sein\nw\u00fcrden (dies scheint das Modell gewesen zu sein, das Kurt Eisner und\nteilweise Richard M\u00fcller und Ernst D\u00e4umig vorschwebte). In den\n\u201eRichtlinien f\u00fcr die Aufgaben und das T\u00e4tigwerden der\nArbeiterr\u00e4te\u201c, die im Januar 1919 auf der Vollversammlung der\nGro\u00df-Berliner Arbeiterr\u00e4te angenommen wurden, tauchen die Regierung\n(Volksbeauftragte) und eine Nationalversammlung bzw. ein Parlament\nnicht auf. Festgehalten wird: \u201eDie Arbeiterr\u00e4te sind die berufene\nVertretung der werkt\u00e4tigen Bev\u00f6lkerung. Sie haben die Aufgabe, die\nNeuordnung in Deutschland zu sichern und auszubauen. [\u2026] Das Ziel\nihrer T\u00e4tigkeit muss die schleunige Sozialisierung des Wirtschafts-\nund Staatswesens sein.\u201c<sup><a href=\"#sdfootnote14sym\"><sup>14<\/sup><\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Unbestritten scheint, dass\nes urspr\u00fcnglich bei beiden Modellen mehrere Str\u00f6mungen und Parteien\ngeben sollte, die Kandidaten zur Wahl der R\u00e4te aufstellen w\u00fcrden\nund dass sich in den R\u00e4ten die unterschiedlichen politischen\nStr\u00f6mungen der arbeitenden Bev\u00f6lkerung widerspiegeln sollten. Das\nwar auch in den R\u00e4ten in Russland 1917\/18 der Fall. Dass es dort\ndann zum Ausschluss aller Str\u00f6mungen, die in Opposition zu den\nBolschewiki standen, kam, hat auch viel mit dem aufgezwungenen\nB\u00fcrgerkrieg und der Invasion von ausl\u00e4ndischen Heeren zu tun. Es\nwar aber auch ein schwerer S\u00fcndenfall der F\u00fchrung der Bolschewiki\num Lenin und Trotzki, der die sp\u00e4tere Stalinisierung beg\u00fcnstigte.\nRosa Luxemburg hat diese Entscheidungen fr\u00fchzeitig kritisiert und\nvor der Gefahr des Absterbens jeder Demokratie und des Entstehens\neiner Diktatur gewarnt.<sup><a href=\"#sdfootnote15sym\"><sup>15<\/sup><\/a><\/sup>\n \n<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn es auf den\nR\u00e4tegedanken gewiss kein deutschen Patent gibt, so waren die R\u00e4te\nals Teil des revolution\u00e4ren Prozesses wohl in keinem anderen Land\nderart in der arbeitenden Bev\u00f6lkerung verbreitet und verankert \u2013\nund zugleich bei den Milit\u00e4rs und im Gro\u00dfb\u00fcrgertum verhasst \u2013\nwie in Deutschland 1918-1920. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die heutige Linke und die\ndemokratischen Kr\u00e4fte hierzulande sollten angesichts der Erfahrungen\nder deutschen Revolution 1918-20 pr\u00fcfen, inwieweit R\u00e4te als\nStruktur direkter Demokratie Bestandteil einer zuk\u00fcnftigen\nsolidarischen Gesellschaft sein k\u00f6nnten. \n<\/p>\n\n\n\n<h3><em><strong>Drittens. <\/strong><\/em><\/h3>\n\n\n\n<p><em><strong>Der Verrat der SPD-F\u00fchrung und der SPD-nahen Gewerkschaften spielte eine entscheidende Rolle bei der Niederlage der deutschen Revolution.<\/strong><\/em> <\/p>\n\n\n\n<p>Das Doppelspiel der SPD\nwar perfide und umfassend. Der Verrat fand in einer organisierten und\nfast gespenstisch zu nennenden Form statt. Klaus Gietinger findet den\nBegriff \u201eVerrat\u201c unpassend, da die SPD-F\u00fchrung ihre Absichten\nimmer deutlich gemacht h\u00e4tte. Man k\u00f6nne hier \u201enicht von Verrat\nsprechen, sondern einfach davon, dass sich da F\u00fchrungspersonal der\nSPD und der Gewerkschaften bis hinein in die Kader der Provinz\nverb\u00fcrgerlicht hatte.\u201c<sup><a href=\"#sdfootnote16sym\"><sup>16<\/sup><\/a><\/sup>\nIch tendiere dazu, den Begriff \u201eVerrat\u201c weiter als moralische und\npolitische Kategorie zu verwenden. Die Mehrheit der arbeitenden\nMenschen hielt die SPD auch Ende 1918 noch f\u00fcr eine Partei, die\nArbeiterinteressen vertreten w\u00fcrde. Sie sah diese nicht auf Seiten\nder Konterrevolution. Teilweise gewann sie den Eindruck, diese habe\nsich gel\u00e4utert. Anders kann man nicht erkl\u00e4ren, dass die SPD bei\nder Reichstagswahl 1919 gegen\u00fcber den letzten vorausgegangenen\nWahlen von 1912 zugelegt hat \u2013 und die USPD nur auf eher\nbescheidene 7,6 Prozent kam. Die Entwicklung des allgemeinen\nBewusstseins verl\u00e4uft \u2013 nicht zuletzt bedingt durch die\nb\u00fcrgerliche Propagandamaschinerie \u2013 deutlich verlangsamt und oft\nsprunghaft. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Hinzu kommt: Dass es einen\n\u201eVerrat\u201c der SPD-F\u00fchrung im moralischen Sinn gab, war seit\nAugust 1914 eine in Deutschland weit verbreitete Erkenntnis. Doch die\nhier beschriebene <em>organisierte und vielfach\nbis zur Selbstverleugnung und Selbstzerst\u00f6rung betriebene Form des\nDoppelspiels<\/em>, diese intensive Zusammenarbeit\nzwischen SPD-F\u00fchrung und Konterrevolution, \u00fcberstieg wohl alles,\nwas auch aufgekl\u00e4rte Menschen im revolution\u00e4ren Deutschland f\u00fcr\nm\u00f6glich gehalten hatten. W\u00e4re beispielsweise bereits w\u00e4hrend der\nH\u00f6hepunkte der Revolution aufgedeckt worden, dass es die st\u00e4ndigen\nAbsprachen zwischen Ebert und Groener \u00fcber die beschriebene geheime\nTelefonleitung gegeben hatte, h\u00e4tte es also damals eine Art\nWikileaks mit der entsprechenden Dokumentation, der Mitschrift,\ndieser Gespr\u00e4che gegeben, so h\u00e4tte dies zweifelsohne die\nGlaubw\u00fcrdigkeit, die die SPD-F\u00fchrung damals noch in weiten Kreisen\nder arbeitenden Klasse hatte, nachhaltig ersch\u00fcttert.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bourgeoisie jedenfalls\nkannte die weiterhin integrierende Kraft der Sozialdemokratie. Sie\nwusste, dass die F\u00fchrungen von SPD und Gewerkschaften das Vertrauen\nder Massen hatten, dass sie diese verraten w\u00fcrden \u2013 dass es also\ngro\u00dfe Chancen auf ein Funktionieren des <em>Doppelspiels<\/em>\ngab. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Und diese Bourgeoisie\nsetzte noch <em>vor <\/em>Kriegsende\nbewusst auf die SPD und die SPD-nahen Gewerkschaften als ihre Retter\nvor der Revolution. In der Arbeit von Richard M\u00fcller wird ein\neinmaliges Dokument wiedergegeben, das dieses Langzeitdenken des\ndeutschen Gro\u00dfb\u00fcrgertums belegt. Es handelt sich um eine Rede von\nDr. J. Reichert, des Gesch\u00e4ftsf\u00fchrers des Vereins Deutscher Eisen-\nund Stahlindustrieller, die dieser am 30. Dezember 1918 vor einem\ninternen Gremium der Unternehmer hielt, und in der dieser \u00fcber\ninterne Debatte in den Industriellenkreisen <em>vor<\/em>\nKriegsende wie folgt berichtet: \n<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eTats\u00e4chlich war die Lage schon in den ersten\nOktobertagen [des Jahres 1918; W.W.] klar. Es kam darauf an: wie kann\nman die Industrie retten? Wie kann man auch das Unternehmertum vor\nder drohenden [\u2026] nahenden Revolution bewahren? Am 9. Oktober 1918\nsa\u00dfen im Stahlhof zu D\u00fcsseldorf eine Anzahl von Eisenindustriellen,\ndie sich \u00fcber diese Dinge unterhielten. Die Versammelten waren sich\neinig dar\u00fcber, dass   [\u2026] die Regierung des Prinzen Max von Baden\n[\u2026] bald gest\u00fcrzt werden w\u00fcrde. [\u2026] Jedenfalls haben sich die\nIndustriellen von einer schwachen Regierung keine Hilfe versprechen\nk\u00f6nnen. Blickte man weiter und fragte dann: kann vielleicht das\nB\u00fcrgertum k\u00fcnftig eine [\u2026] Hilfe [\u2026] werden, so musste man\nangesichts der [\u2026] h\u00e4ufigen Entt\u00e4uschungen [\u2026] sich sagen: Auf\ndas B\u00fcrgertum ist [\u2026] in wirtschaftspolitischen Dingen leider kein\nVerlass. Einen \u00fcberragenden Einfluss schien nur die organisierte\nArbeiterschaft zu haben. Daraus zog man den Schluss: inmitten der\nallgemeinen Unsicherheit, angesichts der wankenden Macht des Staates\nund der Regierung gibt es f\u00fcr die Industrie <em>nur\nauf Seiten der Arbeiterschaft starke Bundesgenossen<\/em>.\u201c<sup><a href=\"#sdfootnote17sym\"><sup>17<\/sup><\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<h3><em><strong>Viertens. <\/strong><\/em><\/h3>\n\n\n\n<p><em><strong>Die Brutalit\u00e4t, mit der die Konterrevolution gegen die revolution\u00e4ren und demokratischen Kr\u00e4fte vorging, ist in der Geschichte der modernen Gesellschaft und in der j\u00fcngeren deutschen Geschichte einmalig.<\/strong><\/em> <\/p>\n\n\n\n<p>Es gab in Deutschland\neinen von den Rechten betriebenen und von der SPD-F\u00fchrung\norchestrierten langanhaltenden B\u00fcrgerkrieg. In diesem wurden Waffen\neingesetzt, wie sie \u201eeigentlich\u201c nur im Krieg und \u201eeigentlich\u201c\nnur gegen eine vergleichbar ausger\u00fcstete milit\u00e4rische Gruppe bzw.\nArmee, die sich teilweise gegen solche Waffen w\u00fcrde wehren und sich\ngegen diese sch\u00fctzen k\u00f6nnte, zum Einsatz kommen. Die SPD-gef\u00fchrte\nRegierung und ihr Frontmann auf dem Gebiet Konterrevolution und\nMassaker, Gustav Noske, bauten binnen weniger Monate eine gigantische\nB\u00fcrgerkriegsarmee auf, die in erster Linie aus Freikorps-Einheiten\nbestand. Auf dem H\u00f6hepunkt dieses B\u00fcrgerkriegs gab es 68 anerkannte\nFreikorps mit \u2013 laut Noske \u2013 insgesamt vierhunderttausend Mann.\nDie Freikorps glichen eher Landsknechtstrupps; Gietinger spricht von\n\u201eautorit\u00e4r gef\u00fchrten Sto\u00dftrupps mit hoher Zerst\u00f6rungskraft;\nKampfbl\u00f6cke.\u201c<sup><a href=\"#sdfootnote18sym\"><sup>18<\/sup><\/a><\/sup>\nDie Freikorps waren auf ihre F\u00fchrer eingeschworen, die Mentalit\u00e4t\nder Freikorps-M\u00e4nner war durchgehend reaktion\u00e4r, teilweise noch\nmonarchistisch eingestellt, \u00fcberwiegend bereits rechtsextrem und\nfaschistisch. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn sie von der\nSPD-gef\u00fchrten Regierung immer wieder zu Hilfe gerufen wurden,\nhassten die Freikorps-M\u00e4nner nicht nur die Revolution\u00e4re, sondern\nvielfach auch die SPD \u2013 und in jedem Fall die \u201eRepublik\u201c.\nFinanziert wurden die Freikorps teilweise von Gro\u00dfunternehmern wie\nHugo Stinnes, \u00fcberwiegend aber aus der Reichskasse, also bis Mitte\n1920 auf der Grundlage von Entscheidungen der jeweiligen\nSPD-gef\u00fchrten Regierungen. Nach den heutigen Begriffen w\u00fcrde man\nvon einer halb-privaten S\u00f6ldner-Armee nach Art der\nBlackwater-Einheiten im Irak-Krieg 2003ff sprechen. Die\nFreikorps-M\u00e4nner waren Berufssoldaten auf Zeit, Job-Beschreibung\n\u201eB\u00fcrgerkrieg; Stra\u00dfenkampf; zu Liquidationen bef\u00e4higt\u201c. Vor\nallem waren diese Leute gut bezahlt. Dazu hei\u00dft es in einer Studie\n\u00fcber den Gr\u00fcnder des ersten Freikorps, Georg Maerker: \n<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eW\u00e4hrend der Grundlohn im alten Heer 30 Mark im Monat\nbetrug, erhielten die Freikorpsmitglieder zus\u00e4tzlich f\u00fcnf Mark am\nTag; bei Eins\u00e4tzen au\u00dferhalb des Reichsgebiets neun Mark pro Tag.\nVerheiratete und kinderreiche M\u00e4nner bekamen noch zus\u00e4tzlichen\nSold. Das Geld erstattete die Reichsregierung. Bizarr musste manchen\n\u00e4lteren Milit\u00e4rs die Verpflichtungsdauer und K\u00fcndigung erscheinen:\nMan verpflichtete sich f\u00fcr einen Monat mit vierzehnt\u00e4giger\nK\u00fcndigungsfrist.\u201c<sup><a href=\"#sdfootnote19sym\"><sup>19<\/sup><\/a><\/sup>\n \n<\/p>\n\n\n\n<p>Angesichts eines\nkaiserlichen Heeres, das in den vier Weltkriegsjahren 13 Millionen\nMann durchlaufen hatten, das bei Kriegsende mehr als f\u00fcnf Millionen\nSoldaten z\u00e4hlte, das im Zeitraum November 1918 bis Fr\u00fchjahr 1919\nrasant auf bis wenige Hunderttausend Mann geschrumpft war und\nangesichts einer darniederliegenden Wirtschaft mit wenig\nM\u00f6glichkeiten f\u00fcr einen \u201eanst\u00e4ndigen\u201c Broterwerb, boten diese\nFreikorps h\u00f6chst interessante Erwerbsm\u00f6glichkeiten. Das \u201eWerben\nf\u00fcrs Sterben\u201c, das aktuell die Bundeswehr mit eher wenig Erfolg\nbetreibt, stie\u00df unter solchen Bedingungen auf fruchtbaren Boden. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die Soldateska, die auf\ndiese Weise aufgebaut wurde, hatte \u00fcberwiegend ihre \u201eHandwerk\u201c\nim Krieg gelernt. Viele der Freikorps-M\u00e4nner hatten zuvor im Krieg \njede Wertsch\u00e4tzung von Menschenw\u00fcrde und Leben verloren. Dabei\nhandelte es sich bei den Angeh\u00f6rigen der Freikorps fast immer um\nMenschen, deren extrem rechte \u2013 monarchistische und faschistische \u2013\nGesinnung die allgemeinen Verrohungstendenzen, zu denen es im Krieg\nkam, erg\u00e4nzten. Der Freikorps-Offizier Friedrich Wilhelm von Oertzen\nschrieb: \n<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eMan lebt nicht durch Jahre in unmittelbarster\nNachbarschaft mit den tausend grausigen Gesichtern des Todes, ohne\ndass diese Nachbarschaft auf Lebensauffassungen und Lebensformen\nst\u00e4rksten Einfluss aus\u00fcbt. Die Anforderungen, die besonders die\nletzten Jahres des Krieges in jeder Beziehung an Frontoffiziere und\nLandser stellten, hatten f\u00fcr beide naturnotwendig eine neue\nWertordnung im Gefolge, in der b\u00fcrgerliche Tugenden und Lebensformen\nals f\u00fcr die Kriegsbed\u00fcrfnisse unn\u00f6tig oder gar hinderlich weit\nunten auf der Skala rangierten.\u201c<sup><a href=\"#sdfootnote20sym\"><sup>20<\/sup><\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Mit entsprechender\nGeisteshaltung und Mordpraxis agierten die Freikorps in Russland, im\nBaltikum, in Polen\u2026 und in Deutschland. Haffner schreibt in seiner\nBilanz des Terrors in M\u00fcnchen nach Niederschlagung der Bayerischen\nR\u00e4terepublik, dass dem Agieren dieser Truppen \u201eetwas vom Charakter\neiner fremden Invasion und Besetzung anhaftet. Die preu\u00dfischen\nFreikorps f\u00fchlten und benahmen sich wie Sieger in einem eroberten\nLand.\u201c \n<\/p>\n\n\n\n<p>Klaus Gietinger zieht\neinen \u00e4hnlichen Vergleich und verbindet dies mit dem\nVorausgegangenem und dem noch Kommenden: \n<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eDer Vernichtungswille, den die kaiserliche Armee\nschon Chinesen, Hereros und Belgier hatte sp\u00fcren lassen, wurde nun\nauf den inneren Feind konzentriert und durch den Mythos von der\nAbwehr des Bolschewismus zus\u00e4tzlich aufgeladen. Oder, wie sich der\nFreikorps-Offizier, Erzberger-M\u00f6rder und sp\u00e4terer SA-Gruppenf\u00fchrer\nManfred von Killinger ausdr\u00fcckte: \u00b4Krieg ist Gewalt, aber\nB\u00fcrgerkrieg ist Gewalt in h\u00f6chster Potenz. M\u00e4\u00dfigung, Duldsamkeit\nunsererseits, w\u00e4re Dummheit, nein, Verbrechen am eigenen Volk und\nStaat gewesen.\u201c<sup><a href=\"#sdfootnote21sym\"><sup>21<\/sup><\/a><\/sup>\n\n<\/p>\n\n\n\n<h3><em><strong>Macron und Merkel pl\u00e4dieren f\u00fcr Hochr\u00fcstung <\/strong><\/em> \u2026 <em><strong>als Lehre aus dem Ersten Weltkrieg<\/strong><\/em><\/h3>\n\n\n\n<p>Womit wir wieder bei des\nBundespr\u00e4sidenten Aussage vom 9. November 2018 sind, wonach die\n\u201egem\u00e4\u00dfigten Kr\u00e4fte\u201c, die SPD-F\u00fchrung, einen \u201eKompromi\u00df\u201c\nmit den \u201egem\u00e4\u00dfigten Kr\u00e4ften des B\u00fcrgertums\u201c gesucht und\ngefunden h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein! Es gab eine solche\nKompromi\u00dfsuche nicht. Die Revolution scheiterte auch, weil die SPD\nelementare Grundwerte, f\u00fcr die sie damals und heute laut Programm\neintritt, etwa f\u00fcr Frieden, mit F\u00fc\u00dfen trat und mit denjenigen\nKr\u00e4ften zusammenarbeitete, die f\u00fcr den Ersten Weltkrieg\nverantwortlich waren und die dann den Zweiten Weltkrieg\nvorbereiteten. Selbst f\u00fcr die Verhandlungen \u00fcber den Versailler\nVertrag delegierte die SPD Leute, die Kriegsbef\u00fcrworter waren. Dabei\nmachte sich die deutsche Verhandlungsdelegation gegen\u00fcber den\nSiegerm\u00e4chten unglaubw\u00fcrdig; die dann harten Bedingungen des\nVersailler Vertrags wurde bereits durch das Personal, das den\nFriedensvertrag auf deutscher Seite mit aushandeln sollte,\nbeg\u00fcnstigt.<sup><a href=\"#sdfootnote22sym\"><sup>22<\/sup><\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Diejenigen, die, wie\nSteinmeier, die Novemberrevolution  derartig umdeuten, fehl deuten\nund verleugnen, nutzen heute bereits wieder das Gedenken an diese\nRevolution mit deren radikalen Forderungen nach Entmilitarisierung\nund Frieden, um Militarisierung zu f\u00f6rdern und auf neue Kriege\nvorzubereiten. Der franz\u00f6sische Pr\u00e4sident und die deutsche\nKanzlerin warben im November 2018 im Zusammenhang mit den\nErinnerungsveranstaltungen zum Kriegsende f\u00fcr eine \u201eEuropa-Armee\u201c.\n\n<\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>Frankfurter\nAllgemeine Zeitung<\/em> enthielt am 12. November\n2018 einen Leitartikel, in dem ein fataler Bogen von den behaupteten\nSchlafwandlern des Jahres 1914 zur Forderung nach einer\nMilitarisierung der EU 2018 ff gezogen wurde. Dort hei\u00dft es:<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eEmmanuel Macron hat wiederholt den Bestseller des\naustralischen Historikers Christopher Clark, \u00b4Die Schlafwandler\u00b4,\nzitiert, um vor einem ungewollten Zusammenbruch der multilateralen\nNachkriegsordnung zu warnen. [\u2026] Als brauche es noch eines\nBeweises, dass die Pax Americana sich dem Ende zuneigt, blieb der\namerikanische Pr\u00e4sident Donald Trump dem Friedensforum in Paris\nostentativ fern. [\u2026] F\u00fcr Macron gilt mehr denn je die \u00c4u\u00dferung\nder Bundeskanzlerin in einem Bierzelt in M\u00fcnchen, dass die Europ\u00e4er\nihr Schicksal in die eigene Hand nehmen m\u00fcssen. Deshalb wirbt sie so\nunerm\u00fcdlich um Unterst\u00fctzung aus Deutschland f\u00fcr sein europ\u00e4isches\nProjekt. [\u2026] Die deutsch-franz\u00f6sische Beziehung braucht Symbole.\nDas Bild des franz\u00f6sischen Pr\u00e4sidenten Francois Mitterand und des\nBundeskanzlers Helmut Kohl, die sich \u00fcber den Gr\u00e4bern von Verdun\ndie Hand reichen, hat [\u2026] sich im kollektiven Bewusstsein\nfestgesetzt, weil ihr konkrete Taten [\u2026) folgten: die\ndeutsch-franz\u00f6sische Brigade, das Eurokorps, der Schengen-Raum und\nder Euro. [\u2026] Das Foto aus der Lichtung von Compi\u00e8gne [wo es zuvor\neinen gemeinsamen Auftritt von Macron und Merkel gegeben hatte;\nW.W.], wird keine \u00e4hnliche Symbolkraft entfalten k\u00f6nnen, wenn der\nim Koalitionsvertrag vereinbarte \u00b4Aufbruch f\u00fcr Europa\u00b4  weiter wie\ngeduldig Papier in der Schublade bleibt.\u201c<sup><a href=\"#sdfootnote23sym\"><sup>23<\/sup><\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Ein solches deutsches\nPl\u00e4doyer f\u00fcr eine neue Militarisierung und Hochr\u00fcstung, nunmehr\nmit einem Verb\u00fcndeten, der \u00fcber Atomwaffen verf\u00fcgt, ist fatal. Die\nBehauptung, wonach die Menschen bei den beiden Friedensgesten in\nVerdun bzw. in Compi\u00e8gne an Aufr\u00fcstungsprojekte denken bzw. sich\neine neue Hochr\u00fcstung herbeiw\u00fcnschen, ist absurd und infam. Dennoch\nist der <em>FAZ<\/em>-Leitartikel\nbitterer Ernst, der zur neuen blutigen Wirklichkeit werden k\u00f6nnte.\nZumal die j\u00fcngere Entwicklung des Kapitalismus mit einer drohenden\nneuen Finanz- und Wirtschaftskrise und einem bereits stattfindenden\nneuen Handelskrieg deutliche Parallelen zur Periode vor dem Ersten\nWeltkrieg aufweist.<\/p>\n\n\n\n<p>Umso wichtiger ist eine\nWiederinbesitznahme der Grundidee der Novemberrevolution mit den\nForderungen nach Abr\u00fcstung, nach Frieden und nach umfassender und\ndirekter Demokratie.<\/p>\n\n\n\n<p>Die S\u00e4tze, die Sebastian\nHaffner vor einem halben Jahrhundert als Bilanz seiner Arbeit und der\nNovemberrevolution schrieb, haben auch heute G\u00fcltigkeit:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie\nRevolution war eine Ruhmestat. Ein Schandfleck ist der Verrat, der an\nihr ver\u00fcbt wurde. Gewiss ist Revolution nichts, das man zum\nVergn\u00fcgen macht [\u2026] Jede Revolution ist ein schmerzhafter,\nblutiger [\u2026] Vorgang \u2013 wie eine Geburt. Aber wie eine Geburt ist\njede gelungene Revolution zugleich auch ein sch\u00f6pferischer,\nlebensspendender Vorgang. Alle V\u00f6lker, die eine gro\u00dfe Revolution\ndurchgestanden haben, blicken mit Stolz auf sie zur\u00fcck [\u2026] Es sind\nnicht die siegreichen, es sind die erstickten und unterdr\u00fcckten, die\nverratenen und verleugneten Revolutionen, die ein Volk krank machen.\nDeutschland  krankt an der verratenen Revolution von 1918 noch\nheute.\u201c<sup><a href=\"#sdfootnote24sym\"><sup>24<\/sup><\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Entrei\u00dfen wir die verratene und verleugnete deutsche Revolution von 1918\/19 dem Dunkel! R\u00fccken wir die Ideale von Frieden und Demokratie ins Licht!<\/p>\n\n\n\n<h4>Anmerkungen:<\/h4>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote1anc\">1<\/a>\n\tMax Hoelz begann 1919 als Aktivist des Arbeiter- und Soldatenrats in\n\tFalkenstein. Als auf ihn ein Kopfgeld ausgesetzt wurde, f\u00fchrte er\n\tmit einer kleinen Gruppe bewaffnete Aktionen durch, bei denen\n\tLebensmittel beschlagnahmt, f\u00fcr das Requirierte H\u00f6chstpreise\n\tbezahlt und die Lebensmittel dann unter der verarmten Bev\u00f6lkerung\n\tverteilt wurden. Hoelz f\u00fchrte diesen Privatkrieg mit erfolgreichen\n\tUmverteilungsaktionen von oben nach unten mehr als zwei Jahr lang\n\tund entwickelte sich zum Volksheld der Region, wenn nicht im Reich.\n\tAm Ende mussten 20.000 Mann Reichswehr eingesetzt werden, um ihn und\n\tseine bewaffnete Gruppe zu fassen. U.a. nach: Illustrierte\n\tGeschichte der deutschen Revolution, a.a.O., S. 491f, und nach der\n\tAutobiographie von Max Hoelz (Vom \u201eWei\u00dfen Kreuz\u201c zur \u201eRoten\n\tFahne\u201c, Halle 1984).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote2anc\">2<\/a>\n\tMarc Jones hier zitiert nach Gietinger, November 1918, a.a.O.,\n\tS.154; Opferzahlen dort S. 162. Zu Jones siehe Anmerkung 2 in Teil\n\t1.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote3anc\">3<\/a>\n\tSpiegel 6\/1969.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote4anc\">4<\/a>\n\tEine Ausnahme bildet W\u00fcrttemberg. Hier war die Revolution zun\u00e4chst\n\taufgrund eines Missverst\u00e4ndnisses bereits am 4. November 1918\n\tausgerufen worden \u2013 was u.a. in einen gro\u00dfen Streik in den\n\tDaimler-Werken m\u00fcndete. Ein Obleute-Vertreter war zu fr\u00fch von\n\teinem Obleute-Treffen in Berlin abgereist und hatte das falsche\n\tDatum \u00fcbermittelt.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote5anc\">5<\/a>\n\tHaffner, a.a.O. S. 165.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote6anc\">6<\/a>\n\t Haffner, a.a.O., S. 165.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote7anc\">7<\/a>\n\t Karl Schweizer, Novemberrevolution 1918 \u2013 R\u00e4terepublik 1919.\n\tSozialisten und Kommunisten in Lindau und Umgebung, , Lindau 2018.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote8anc\">8<\/a>\n\tKlaus Gietinger, a.a.O., S. 178. Nach der Ermordung Eisners war \u2013\n\tso die Darstellung bei Haffner &#8211; \u201edie Landbev\u00f6lkerung in Massen\n\tin die Stadt gestr\u00f6mt; und die bayerischen Gebirgler mit ihren\n\tGamsb\u00e4rten und Lederhosen marschierten todernst und feierlich\n\thinter dem Sarg dieses ermordeten Berliner Juden, von dem sie sich\n\tso gut verstanden gef\u00fchlt hatten.\u201c Haffner, a.a.O., S. 170.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote9anc\">9<\/a>\n\tZitiert bei Haffner, a.a.O., S. 165.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote10anc\">10<\/a>\n\tHaffner, a.a.O., S. 173.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote11anc\">11<\/a>\n\tSo erlie\u00dfen die Volksbeauftragten \u2013 mit Barth von\n\tden Revolution\u00e4ren Obleuten als Mitglied \u2013  am 12. November 1918\n\teine Verordnung u.a. mit dem folgenden Wortlaut: \u201eZur \u00dcberf\u00fchrung\n\tdes deutschen Wirtschaftslebens in den Frieden ist eine oberste\n\tReichsbeh\u00f6rde unter der Bezeichnung [\u2026] Demobilisierungsamt [\u2026]\n\terrichtet worden. Mit der Leitung dieses Amtes ist der [\u2026]\n\tbisherige Oberstleutnant Koeth, Leiter der Kriegsrohstoffabteilung,\n\tbeauftragt worden. [\u2026] Alle Zivil- und Milit\u00e4rbeh\u00f6rden werden\n\taufgefordert, den Weisungen des Herrn Koeth [\u2026] Folge zu leisten.\u201c\n\tRichard M\u00fcller kommentierte wie folgt: \u201eDurch diese Verordnung\n\twurde Dr. Koeth zum Diktator der Wirtschaft gemacht, seine\n\tVollmachten waren unbeschr\u00e4nkt. Sie h\u00e4tten f\u00fcr jeden gen\u00fcgt, der\n\tdie Sozialisierung sich zum Ziel seiner Arbeit setzte. Aber Dr.\n\tKoeth [\u2026] war der Vertrauensmann der Schwerindustrie. Es waren die\n\tHerren Hugo Stinnes, Generaldirektor V\u00f6gler, Geheimrat Ernst von\n\tBorsig, Geheimrat Deutsch u.a., die die Errichtung des\n\tDemobilisierungsamtes forderten und daf\u00fcr auch gleich den Herrn\n\tKoeth mitbrachten.\u201c M\u00fcller, a.a.O., S. 276.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote12anc\">12<\/a>\n\tSebastian Haffner, a.a.O., S. 149. S.H. f\u00fcgt hier hinzu: \u201eDas\n\tgilt f\u00fcr Karl Liebknecht noch mehr als f\u00fcr Rosa Luxemburg.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote13anc\">13<\/a>\n\tAuch Peter von Oertzen weist positiv auf diese sp\u00e4teren\n\tR\u00e4te-Modelle hin, so auf den Arbeiteraufstand in Ungarn 1956 gegen\n\tdie stalinistische Diktatur und auf die \u201eneben den politischen\n\tVertretungsk\u00f6rperschaften stehenden Produzentenr\u00e4te der\n\tjugoslawischen Verfassung\u201c. A.a.O., S. 11.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote14anc\">14<\/a>\n\tIn: Der Arbeiterrat, Nr. 1\/1919, S. 8f; hier zitiert nach: Dieter\n\tSchneider \/ Rudolf Kuda, Arbeiterr\u00e4te in der Novemberrevolution.\n\tIdeen, Wirkungen, Dokumente, Frankfurt\/M. 1969, S.80. Es gab einen\n\tweitgehend gleichlautenden Vorschlag von R. M\u00fcller zur Funktion der\n\tArbeiterr\u00e4te, wiedergegeben ebenda, S.84ff. Die angenommenen\n\t\u201eRichtlinien\u201c entsprachen demnach weitgehend einem Vorschlag von\n\tR. M\u00fcller. Allerdings haben M\u00fcller und D\u00e4umig ihre\n\tR\u00e4tevorstellungen sp\u00e4ter den Verh\u00e4ltnissen neu angepasst.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote15anc\">15<\/a>\n\tLuxemburg schrieb: \u201eLenin und Trotzki haben anstelle der aus\n\tallgemeinen Volkswahlen  hervorgegangenen Vertretungsk\u00f6rperschaften\n\t<\/p>\n\n\n<p>[der verfassungsgebenden Versammlung, die nach der Oktoberrevolution<br \/>\nvon der bolschewistischen Regierung aufgel\u00f6st wurde; W.W.]<\/p>\n\n\n\n<p> die\n\tSowjets als die einzig wahre Vertretung der arbeitenden Massen\n\thingestellt. Aber mit dem Erdr\u00fccken des politischen Lebens im\n\tganzen Land muss auch das Leben in den Sowjets immer mehr erlahmen.\n\t[\u2026] Sozialistische Demokratie beginnt [\u2026] nicht erst im gelobten\n\tLand, wenn der Unterbau der sozialistischen Wirtschaft geschaffen\n\tist, als fertiges Weihnachtsgeschenk f\u00fcr das brave Volk, das\n\tinzwischen treu die Handvoll sozialistische Diktatoren unterst\u00fctzt\n\that. Sozialistische Demokratie beginnt zugleich mit [\u2026] dem Aufbau\n\tdes Sozialismus.\u201c Diese Zeilen wurden zwar im Herbst 1918\n\tgeschrieben. Doch Luxemburg lie\u00df sie \u2013 sicher auch aus\n\tSolidarit\u00e4t gegen\u00fcber der Russischen Revolution \u2013 nicht\n\tver\u00f6ffentlichen. Er erschien posthum. Interessant ist, dass\n\tLuxemburg hier auch ein R\u00e4temodell zu pr\u00e4ferieren scheint, das ein\n\tKontrollorgan gegen\u00fcber einem \u201eklassischen\u201c Parlament ist.\n\tZitat: Rosa Luxemburg, Zur russischen Revolution, hier nach. R.\n\tLuxemburg, Gesammelte Werke, Band 4, S. 362 und 363.\n\n\n\t<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote16anc\">16<\/a>\n\tKlaus Gietinger, a.a.O., S. 200. K.G. unterstreicht dies mit einer\n\tAnmerkung, in der es hei\u00dft: \u201eDem Verfasser wird immer wieder ohne\n\tBeleg vorgeworfen, er huldige der Verrats-These, wie Luxemburg,\n\tLiebknecht oder Tucholsky.\u201c (A.a.O., S. 243). \n\t<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote17anc\">17<\/a>\n\tRichard M\u00fcller, a.a.O., Dokumententeil, S. 337; hervorgehoben von\n\tW.W. Eine erstaunliche und f\u00fcr diesen Zeitpunkt \u00e4u\u00dferst kluge\n\tEinsicht, die M\u00fcller mit dem Satz kommentiert: \u201eNichts kann den\n\tZustand der deutschen Arbeiterbewegung in der Revolution besser\n\tbeleuchten als die Tatsache, dass ihre gef\u00e4hrlichsten Feinde Schutz\n\tund Hilfe vor der Revolution bei den Gewerkschaftsf\u00fchrer suchten\n\tund fanden.\u201c Ebenda.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote18anc\">18<\/a>\n\t Klaus Gietinger, a.a.O., S. 105.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote19anc\">19<\/a>\n\t Claus Kristen, Ein Leben in Manneszucht. Von Kolonien und\n\tNovemberrevolution. Der \u201eSt\u00e4dtebezinger\u201c Georg Maercker,\n\tStuttgart (Schmetterling) 2018, S. 162. \n\t<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote20anc\">20<\/a>\n\tFriedrich Wilhelm von Oertzen, Die deutschen Freikorps 1918-1923,\n\tM\u00fcnchen 1936, hier zitiert bei: Claus Kristen, a.a.O., S.162f.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote21anc\">21<\/a><sup>\n\t<\/sup>Gietinger, a.a.O., S. 107f.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote22anc\">22<\/a>\n\tDie ma\u00dfgeblichen Vertreter Deutschland bei den\n\tWaffenstillstandsverhandlungen waren Wilhelm Solf und Matthias\n\tErzberger. Solf stand ab 1911 an der Spitze des Reichskolonialamtes\n\tund war der letzte kaiserliche Au\u00dfenminister. Er war bis Ende 1918\n\tim Auftrag der Regierung der Volksbeauftragten Mitglied der\n\tdeutschen Delegation bei den Friedensverhandlungen. Matthias\n\tErzberger war WK-I-Bef\u00fcrworter. Er hatte im Oktober 1916 im\n\tHaushaltsausschuss des Reichstags einen Antrag eingebracht, mit dem\n\t\u201ej\u00fcdischer Dr\u00fcckebergerei\u201c im Heer ausfindig gemacht werden\n\tsollten. Es gab dann, wie beschrieben, die ber\u00fcchtigte\n\t\u201eJudenz\u00e4hlung\u201c. Erzberger war nach dem Krieg Bevollm\u00e4chtigter\n\tder Reichsregierung und Leiter der deutschen\n\tWaffenstillstandsdelegation. Diese personelle Kontinuit\u00e4t in der\n\tdeutschen Au\u00dfenpolitik kritisierte in M\u00fcnchen vor allem Kurt\n\tEisner Ende 1918 und bis zu seinem Tod heftig. \n\t<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote23anc\">23<\/a>\n\tMichaela Wiegel, Das Bild von Compi\u00e8gne, in: Frankfurter Allgemeine\n\tZeitung vom 12. November 2018.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote24anc\">24<\/a>\n\tSebastian Haffner, a.a.O., S. 199f.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorbemerkung: Wir bringen auf den NachDenkSeiten in drei Teilen einen ausf\u00fchrlichen Text von Winfried Wolf zur Novemberrevolution, zur Bayerischen R\u00e4terepublik und zur aktuellen Debatte \u00fcber diese Ereignisse. Der erste Teil hatte drei Ereignisse, die zum Verst\u00e4ndnis der Revolution wichtig sind, zum Thema: die Sturzgeburt des Deutschen Reichs 1871, der Erste &hellip; <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/176"}],"collection":[{"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=176"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/176\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":442,"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/176\/revisions\/442"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=176"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=176"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=176"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}