{"id":1822,"date":"2022-03-20T19:36:00","date_gmt":"2022-03-20T18:36:00","guid":{"rendered":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=1822"},"modified":"2023-04-08T01:06:25","modified_gmt":"2023-04-07T23:06:25","slug":"ukraine-krieg-und-inflation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=1822","title":{"rendered":"Ukraine-Krieg und Inflation"},"content":{"rendered":"\n<h2>Kenneth Rogoff: \u201eKrieg bringt Crash-Gefahr\u201c<\/h2>\n\n\n\n<p>Mit dem Kreml-Krieg gegen die Ukraine kommt es zu einem weltweiten Schub zur Steigerung der R\u00fcstungsausgaben. Dies muss den l\u00e4ngst in Gang gekommenen inflation\u00e4ren Prozess weltweit steigern. Nur wenn R\u00fcstung zu 100 Prozent \u00fcber Steuern, also \u00fcber einen Abzug bei den Lohn- und Kapital-Einkommen finanziert wird, l\u00f6sen diese vermehrten Ausgaben keinen inflation\u00e4ren Prozess aus. Dieser Zusammenhang wurde von Ernest Mandel wie folgt beschrieben: \u201eDie R\u00fcstungsproduktion hat, monet\u00e4r betrachtet, ein besonderes Merkmal; sie vermehrt die zirkulierende Kaufkraft, ohne einen zus\u00e4tzlichen Zustrom an Waren als Gegenwert hervorzubringen. Selbst wenn diese gestiegene Kaufkraft zur Anschaffung von Maschinen und zur Einstellung von Leuten f\u00fchrt, die vorher arbeitslos waren, entsteht eine zeitweilige Inflation. Die Einkommen der Arbeiter und die Gewinne der Gesellschaften erscheinen auf dem Markt als Nachfrage nach Konsumg\u00fctern und Produktionsg\u00fctern, ohne d ass die Produktion dieser G\u00fcter gesteigert worden ist. Es gibt nur einen Fall, bei dem die Produktion von R\u00fcstungsg\u00fctern keine Inflation verursacht: wenn alle R\u00fcstungsausgaben restlos mit Steuern finanziert werden, das hei\u00dft, wenn die Kaufkraft der Konsumenten wie der Unternehmen entsprechend vermindert wird.\u201c1<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich erfolgen nicht nur die neuen R\u00fcstungsausgaben \u00fcberwiegend auf Kreditbasis. Wir leben nun seit mehr als einem Jahrzehnt in Zeiten hoher und steigender Verschuldung jeglicher Art (steigender privater Verschuldung, steigender Verschuldung von Unternehmen und vor allem steigender \u00f6ffentlicher Schulden). Die staatliche Verschuldung als Anteil am Bruttoinlandsprodukt (Schuldenquote) hat zun\u00e4chst in der Weltwirtschaftskrise 2008\/2009 durch die massiven staatlichen Programme zur Verhinderung eines weltweiten Finanz- und Wirtschaftskollapses erheblich zugenommen. Sie konnte danach nur in wenigen Staaten, so in Deutschland, wieder abgebaut werden. Mit den gewaltigen staatlichen, fast ausschlie\u00dflich kreditbasierten Ausgaben zur Bew\u00e4ltigung der Pandemie kam es zu einer neuen massiven Ausdehnung der Schuldenquoten. L\u00e4nder wie Italien, Spanien, Frankreich, Griechenland, Portugal und Belgien wiesen bereits Anfang 2022 Schuldenquoten von deutlich mehr als 100 Proz ent aus und galten nach herk\u00f6mmlichen Kriterien als \u00fcberschuldet.2 Die nun neu massiv steigenden R\u00fcstungsausgaben stellen ein zus\u00e4tzliches Element in diesem inflation\u00e4ren Prozess dar.<\/p>\n\n\n\n<p>Bereits vor Kriegsbeginn gab es in Nordamerika und in Europa den Umschlag von niedrigen Preissteigerungen hin zu einer trabenden Inflation. In den USA lag die Inflationsrate im Januar 2022 bei 7,5 Prozent, in Westeuropa bei rund 5 Prozent. Der neue R\u00fcstungsboom k\u00f6nnte dazu f\u00fchren, dass wir bald wieder eine galoppierende Inflation erhalten. Da die Zentralbanken in Nordamerika und in Europa sich ohnehin seit Anfang 2022 gen\u00f6tigt sehen, die Zinss\u00e4tze erstmals seit einem guten Jahrzehnt anzuheben, kann die Kombination von allgemeinen Krisentendenzen plus hohen Schuldenquoten plus steigenden Zinss\u00e4tzen plus \u201etrabender Inflation\u201c weltweit zu schweren Verwerfungen, wenn nicht zu einer neuen weltweiten Wirtschaftskrise f\u00fchren. Ein deutlicher Reallohnabbau f\u00fcr Dutzende Millionen Menschen ist im laufenden Jahr heute bereits gesichert.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine knappe Woche vor dem Beginn der russischen Invasion in die Ukraine \u00e4u\u00dferte sich der wohl bekannteste Harvard-\u00d6konom Kenneth Rogoff in einem Interview wie folgt: \u201eKurzfristig w\u00fcrde eine Invasion der Ukraine die Inflation nach oben treiben, weil ein Krieg immer zu Angebotsengp\u00e4ssen f\u00fchrt, was wiederum die Preise treibt. Das w\u00fcrde die Europ\u00e4ische Zentralbank vor eine knallharte Frage stellen: Geht sie gegen die Inflation vor und erh\u00f6ht die Zinsen? Oder l\u00e4sst sie das lieber, weil sie damit eine Rezession versch\u00e4rfen k\u00f6nnte, die im Kriegsfall schnell entstehen kann. [\u2026] Wir werden an einen Punkt kommen, an dem die Leitzinsen [der Notenbanken; W.W.] h\u00f6her liegen m\u00fcssen als die Inflationsrate, um sie noch zu bek\u00e4mpfen. Darauf wird dann ein gr\u00f6\u00dferer Crash folgen.\u201c3<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Anmerkungen:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>1 Ernest Mandel, Marxistische Wirtschaftstheorie, Frankfurt\/M. 1970, S. 555.<\/p>\n\n\n\n<p>2 Offiziell gilt in der EU als Obergrenze eine Schuldenquote von 60 Prozent \u2013 die \u00f6ffentlichen Schulden eines Landes d\u00fcrfen nicht h\u00f6her als 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts liegen. 100 Prozent gilt allgemein und kaum bestritten als Schuldenniveau, das ein Land nahe an den Staatsbankrott bringen kann. Anfang 2022 betrug in der EU die durchschnittliche Schuldenquote bereits 98 Prozent. Schwergewichte wie Italien (155%), Frankreich (116%) und Spanien (122%) liegen massiv \u00fcber dieser Schranke. Mit der neuen Hochr\u00fcstung, die ja von fast allen EU-L\u00e4ndern begr\u00fc\u00dft wird, kommt es zu einer nochmaligen Steigerung.<\/p>\n\n\n\n<p>3 Kommt jetzt der Crash?, Interview mit Kenneth Rogoff, in: Die Zeit vom 17. Februar 2022.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Dieser Beitrag erscheint in der Printausgabe von Lunapark21, die ab 17.3.22 vertrieben wird . <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kenneth Rogoff: \u201eKrieg bringt Crash-Gefahr\u201c Mit dem Kreml-Krieg gegen die Ukraine kommt es zu einem weltweiten Schub zur Steigerung der R\u00fcstungsausgaben. Dies muss den l\u00e4ngst in Gang gekommenen inflation\u00e4ren Prozess weltweit steigern. 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