{"id":2064,"date":"2022-07-01T16:39:00","date_gmt":"2022-07-01T14:39:00","guid":{"rendered":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=2064"},"modified":"2023-04-08T01:02:12","modified_gmt":"2023-04-07T23:02:12","slug":"quartalsluege-ii-mmxxii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=2064","title":{"rendered":"quartalsl\u00fcge II\/MMXXII"},"content":{"rendered":"\n<h1><\/h1>\n\n\n\n<h2>\u201eTempolimit bringt nichts\u201c<\/h2>\n\n\n\n<p>Wenige Tage nach der Bundestagswahl vom September 2021 stand fest: Bei den Koalitionsverhandlungen f\u00fcr eine Ampel-Regierung w\u00fcrde das Thema Tempolimit kein Streitpunkt sein. Der damalige Ko-Fraktionsvorsitzende der Gr\u00fcnen, Anton Hofreiter, verk\u00fcndete bereits im Vorfeld der Verhandlungen die Kapitulation seiner Partei auf diesem Gebiet mit den Worten: \u201eIch halte nichts davon, einzelne Ma\u00dfnahmen zur Bedingung zu machen.\u201c Entsprechend hei\u00dft es im Koalitionsvertrag klipp und klar: \u201eEin generelles Tempolimit wird es nicht geben.\u201c Seither flammt die Debatte \u00fcber eine Geschwindigkeitsbegrenzung des Pkw-Verkehrs auf Autobahnen immer wieder auf \u2013 nicht zuletzt im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg. Dennoch bleiben die Ampel-Parteien, wenn auch mit unterschiedlichen Akzenten, dabei: Es soll kein Tempolimit geben. Der FDP-Chef Christian Lindner argumentiert dabei auf zwei Ebenen. Erstens, dass im Fall eines Tempolimits \u201eder Einfluss auf das Klima marginal \u201993 sei. Und zweitens: \u201eEs handelt sich um ein Symbolthema f\u00fcr die Verkehrssicherheit.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist eine doppelte Quartalsl\u00fcge. Ein Tempolimit kann zu einer deutlichen Reduktion der CO2-Emissionen f\u00fchren. Siehe dazu den Beitrag von J\u00fcrgen B\u00f6nig ab Seite 70. Vor allem f\u00fchrt ein Tempolimit zu einer deutlichen Reduktion der Verkehrsopfer. Siehe dazu den Beitrag von Klaus Gietinger ab Seite 65.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Und siehe die Grafik in dieser Quartalsl\u00fcge. F\u00fcr diese haben wir die Entwicklung der Stra\u00dfenverkehrstoten auf deutschem Boden im Zeitraum 1906 bis 2020 zusammengestellt. Mit \u201edeutschem Boden\u201c sind gemeint: 1906 bis 1945 das \u201eDeutsche Reich\u201c; 1946 bis 1990 die addierten Stra\u00dfenverkehrstoten von DDR und BRD, wobei die DDR-Stra\u00dfenverkehrstoten ab 1949 als Teil der Gesamtgrafik im unteren Bereich dieser Grafik abgebildet sind. Ab 1991 geht es um die Stra\u00dfenverkehrstoten im vereinigten Deutschland. Dabei wurden im Zeitraum 1990 bis 2003 erneut die Stra\u00dfenverkehrstoten auf dem Gebiet der Ex-DDR (ohne Ost-Berlin) am Boden der Gesamtgrafik abgebildet.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"568\" src=\"http:\/\/winfriedwolf.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/58.3c-tempolimit-qualue-1024x568.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2069\" srcset=\"https:\/\/winfriedwolf.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/58.3c-tempolimit-qualue-1024x568.jpg 1024w, https:\/\/winfriedwolf.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/58.3c-tempolimit-qualue-300x166.jpg 300w, https:\/\/winfriedwolf.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/58.3c-tempolimit-qualue-768x426.jpg 768w, https:\/\/winfriedwolf.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/58.3c-tempolimit-qualue-1536x852.jpg 1536w, https:\/\/winfriedwolf.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/58.3c-tempolimit-qualue-2048x1137.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Aus dieser Grafik lassen sich f\u00fcnf Tendenzen ablesen:<\/p>\n\n\n\n<p>Erstens. Es gibt in den ersten sieben Jahrzehnten, seit es in Deutschland eine gr\u00f6\u00dfere Zahl von Kraftfahrzeugen gibt, einen weitgehend kontinuierlichen Anstieg der Zahl der Stra\u00dfenverkehrstoten. 1972 wurde hier das h\u00f6chste Niveau erreicht, als es in Westdeutschland 19.193 und in der DDR 2460 Stra\u00dfenverkehrstote gab. Addiert waren es 21.653.<\/p>\n\n\n\n<p>Zweitens. Seit 1971 und bis 2020 gibt es einen deutlichen R\u00fcckgang dieser Opferzahlen. Dieser hat im Wesentlichen mit der wachsenden Verkehrsdichte, mit einem R\u00fcckgang der allgemeinen Durchschnittsgeschwindigkeit, mit verbesserten Sicherheitstechniken im Auto (Airbag; Knautschzone) und mit einer schnelleren Unfallhilfe und mit der verbesserten Gesundheitsversorgung in den Kliniken zu tun. Anzumerken ist: Ein Stra\u00dfenverkehrstoter taucht in der Statistik nur dann als solcher auf, wenn der Betreffende binnen 30 Tagen nach einem Unfall an den Folgen desselben stirbt. Menschen, die sp\u00e4ter zu Tode kommen, werden nicht als Stra\u00dfenverkehrstote erfasst.<\/p>\n\n\n\n<p>Drittens. Alle Ma\u00dfnahmen zur Aufhebung von Geschwindigkeitsbeschr\u00e4nkungen bzw. zur Einf\u00fchrung von Tempolimits haben erkennbare Auswirkungen auf die Zahl der Get\u00f6teten (und selbstverst\u00e4ndlich auch auf die Zahl der Verletzten). Die Zahl der Stra\u00dfenverkehrstoten stieg immer deutlich an, wenn Limits aufgehoben wurden. Und sie sank, wenn Geschwindigkeitsbeschr\u00e4nkungen angek\u00fcndigt oder eingef\u00fchrt wurden. Ma\u00dfnahmen wie die finanzielle Ahndung bei Versto\u00df gegen die Gurtanlegepflicht und die Senkung der Grenzen f\u00fcr Alkohol im Blut (\u201ePromille-Grenze\u201c) wirkten ebenfalls in Richtung Rettung von Menschenleben beziehungsweise Reduktion der Zahl der im Autoverkehr Verletzten.<\/p>\n\n\n\n<p>Viertens. In der DDR galt generell ein Tempolimit von 100 auf Autobahnen (und von 80 km\/h auf den \u00fcbrigen Fernstra\u00dfen bzw. von 50 km\/h innerorts). Die Folge war, dass es dort trotz ebenfalls deutlich steigender Pkw-Dichte zu keinem gr\u00f6\u00dferen Anstieg der Verkehrstoten kam bzw. dass es ab 1977 (mit 2782 Stra\u00dfenverkehrstoten) und bis 1988 (mit 1649 im Stra\u00dfenverkehr Get\u00f6teten) zu einen deutlichen R\u00fcckgang dieser Zahlen kam.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcnftens. In Folge der deutschen Einheit wurde mit Datum 1.1.1992 das Tempolimit auf den Autobahnen in den neuen Bundesl\u00e4ndern aufgehoben. Dies erfolgte gegen den Willen von mehr als 70 Prozent der dortigen Bev\u00f6lkerung. In der Folge stieg die Zahl der Stra\u00dfenverkehrstoten sprunghaft an; kurzzeitig gab es eine Verdopplung. Klaus Gietinger errechnete, dass es auf diese Weise zu \u201e14.000 zus\u00e4tzlichen Stra\u00dfenverkehrstoten\u201c kam.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) schrieb in ihrem Pl\u00e4doyer f\u00fcr ein sofortiges Tempolimit von 100 Stundenkilometern auf den deutschen Autobahnen: \u201eMehr als 400 Menschen sterben j\u00e4hrlich allein auf deutschen Autobahnen, viele davon durch ein zu hohes Tempo. Mit j\u00e4hrlich drei Verkehrstoten pro 100 Kilometer Autobahn liegen wir \u00fcber den Werten unserer Nachbarl\u00e4nder. 3.270 Menschen kamen 2018 im Stra\u00dfenverkehr ums Leben. Ein Tempolimit rettet Leben \u2013 und wirkt gleichzeitig auch gegen Staus, denn durch eine Beschr\u00e4nkung der H\u00f6chstgeschwindigkeit k\u00f6nnen die Bundesautobahnen mehr Verkehr bew\u00e4ltigen. Die Unfallh\u00e4ufigkeit reduziert sich durch geringere Tempounterschiede zwischen den Fahrzeugen.\u201c Die DUH betont dabei, dass ein Tempolimit eine Ma\u00dfnahme sei, die \u2013 anders als fast alle debattierten Ma\u00dfnahmen f\u00fcr Klimaschutz und Verkehrssicherheit \u2013 sofort wirke: \u201eDer Bau eines Windrades dauert im Schnitt sieben Jahre, das Tempolimit kann innerhalb weniger Wochen umgesetzt werden, ist so gut wie kostenfrei, spart \u00fcber 9 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr und rettet ab Tag 1 Leben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zahlen f\u00fcr die LP21-Statistik lieferte uns Klaus Gietinger. Die DUH-Studie siehe:<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.duh.de\/tempolimit-jetzt\/\">https:\/\/www.duh.de\/tempolimit-jetzt\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><em>Dieser Beitrag ist in der aktuellen Printausgabe Nr. 58 von Lunapark21 erschienen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eTempolimit bringt nichts\u201c Wenige Tage nach der Bundestagswahl vom September 2021 stand fest: Bei den Koalitionsverhandlungen f\u00fcr eine Ampel-Regierung w\u00fcrde das Thema Tempolimit kein Streitpunkt sein. Der damalige Ko-Fraktionsvorsitzende der Gr\u00fcnen, Anton Hofreiter, verk\u00fcndete bereits im Vorfeld der Verhandlungen die Kapitulation seiner Partei auf diesem Gebiet mit den Worten: \u201eIch &hellip; <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[23,6],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2064"}],"collection":[{"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2064"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2064\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2072,"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2064\/revisions\/2072"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2064"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2064"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2064"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}