{"id":2078,"date":"2022-07-05T10:10:00","date_gmt":"2022-07-05T08:10:00","guid":{"rendered":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=2078"},"modified":"2022-07-06T18:43:37","modified_gmt":"2022-07-06T16:43:37","slug":"ein-botschafter-der-einen-faschisten-als-vorbild-hat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=2078","title":{"rendered":"Ein Botschafter, der einen Faschisten als Vorbild hat"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<h2><strong>Andrij Melnyk, Stepan Bandera und deutsche Kriegstreiber<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Dass sich Andrij Melnyk sp\u00e4testens seit Beginn des Ukraine-Kriegs mit Provokationen hervortat, ist allseits bekannt. Als Gast in Dutzenden TV-Talkshows konnte man immer wieder den Eindruck gewinnen, dass der Mann es einerseits darauf anlegt, als Russlandhasser, Bef\u00fcrworter immer massiverer Waffenlieferungen an die Ukraine und als jemand, der die Gefahr eines gro\u00dfen europ\u00e4ischen Krieges kleinredet, sich vor jede Kamera und jedes offene Mikrophon zu stellen. Und dass andererseits die Mainstream-Medien und die deutsche Regierung vor dem Botschafter kuschen, ihm nach dem Mund reden und seine Forderungen Punkt f\u00fcr Punkt \u00fcbernehmen. Nun war es das in weiten Kreisen eher unbekannte Internetmagazin \u201ejung und naiv\u201c, in dem Melnyk Ende Juni mehr als drei Stunden lang hartn\u00e4ckig und kompetent mit Fakten zu Stepan Bandera, dem Kopf der ultranationalistischen und antisemitischen Terrororganisation OUN-B, der Organisation Ukrainischer Nationalisten, konfrontiert wurde. Je l\u00e4nger das Gespr\u00e4ch dauerte, desto defensiver und unglaubw\u00fcrdiger wirkte der Herr Botschafter. Er sagte dann S\u00e4tze wie \u201eF\u00fcr einen Freiheitsk\u00e4mpfer gibt es keine Gesetze\u201c; \u201eEs gibt keine Belege, dass die Bandera-Gruppen Hunderttausende Juden get\u00f6tet h\u00e4tten\u201c; \u201eNein \u2013 Bandera und die OUN sind nicht Teil des Holocaust\u201c \u201ePutin ist eine Symbiose aus Stalin und Hitler\u201c, \u201eDie russische Kultur ist Kriegsinstrument\u201c. Immer wieder erwiderte Melnyk, wenn ihm von dem Interviewer Tilo Jung Fakten vorgehalten und Zitate vorgelegt wurden, dass die pr\u00e4sentierten Quellen nicht vertrauensw\u00fcrdig seien, dass er nicht w\u00fcsste \u201ewie Israel darauf kommt\u201c, solche \u00c4u\u00dferungen zu t\u00e4tigen. Und als Jung einmal als Quelle die \u201eJ\u00fcdische Gemeinde Berlin\u201c nennt, reagiert Melnyk mit einem s\u00fcffisanten \u201eAh, okay \u2026\u201c. Gleichzeitig sagte er: \u201eIch bin bereit, mit den J\u00fcdischen Gemeinden \u00fcber Bandera zu reden\u201c \u2013 unter der Voraussetzung, dass diese Diskussion dann \u201esachlich\u201c stattf\u00e4nde und dass dabei Bandera nicht pauschal als M\u00f6rder und Faschisten bezeichnet w\u00fcrde.[1]<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Obgleich bereits nach drei Tagen 150.000 Menschen sich das Interview auf der \u201ejung und naiv\u201c-Website angesehen haben, obgleich der Interviewer ausgesprochen pr\u00e4zise und ruhig argumentierte und auf diese Weise Melnyk seine Maske fallen lassen musste und immer mehr ins Stottern geriet beziehungsweise absurde Gegenangriffe startete (\u201eWarst du schon mal in Sachsenhausen?\u201c), sind nach Bekanntwerden des Gespr\u00e4chs die Proteste eher verhalten. W\u00e4hrend in Kassel bei der Documenta ein \u2013 tats\u00e4chlich antisemitisches! \u2013 Bild einer indonesischen K\u00fcnstlergruppe gen\u00fcgend Basis daf\u00fcr ist, dass es einen bundesweiten Skandal mit R\u00fccktrittsforderungen f\u00fcr die Verantwortlichen gibt, kann der Botschafter der Ukraine sich offen dazu bekennen, einen Faschisten und Antisemiten als sein Vorbild zu sehen und dutzendfach zu leugnen, dass es sich dabei um einen Massenm\u00f6rder und Kriegsverbrecher handelt, den die Regierungen in Moskau, in Warschau und in Tel Aviv auch als solchen begreifen und genau so bezeichnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Einige Medien versuchen, den Vorfall herunterzuspielen. In der <em>Neuen Z\u00fcricher Zeitung<\/em> beispielsweise hei\u00dft es, Melnyk sei in dem Interview \u201emit den Massakern konfrontiert\u201c worden, \u201edie Banderas Leute an Polen ver\u00fcbt haben\u201c, worauf der ukrainische Botschafter darauf verwiesen h\u00e4tte, dass es \u201eauch Massenmorde von Polen an Ukrainern\u201c gab. Tilo Jung sagte dazu im Interview, dass das die Sache \u201edoch nicht besser\u201c machen w\u00fcrde. Vor allem aber hatte er Melnyk vorgehalten, dass Banderas Leute einige Hunderttausend <em>J\u00fcdinnen und Juden<\/em> ermordeten. Jung verwies darauf, dass Stepan Bandera pers\u00f6nlich die Losung ausgegeben hatte, die Ukraine m\u00fcsse \u201efrei von Polen, Juden und Russen\u201c sein. Auch hier bezweifelt Melnyk die Authentizit\u00e4t der Quelle. In der <em>S\u00fcddeutschen Zeitung<\/em> wird Bandera als \u201eideologischer F\u00fchrer\u201c der OUN bezeichnet.[2] Damit wird unterstellt, dass er keine direkte Verantwortung f\u00fcr die OUN-Massaker getragen h\u00e4tte. Mit derselben Sto\u00dfrichtung argumentierte Melnyk, dass Bandera doch im KZ Sachsenhausen gewesen sei, als die Verbrechen, die ihm vorgehalten werden, ver\u00fcbt wurden: \u201eIch bin dagegen, dass man all die Verbrechen Bandera in die Schuhe schiebt\u201c. Tats\u00e4chlich war Bandera der uneingeschr\u00e4nkte Chef der OUN. Das \u201eB\u201c in der Organisationsbezeichnung stand f\u00fcr seinen Namen. In Sachsenhasen befand er sich nur drei Jahre lang \u2013 von Ende Juni 1941 bis September 1944; er lebte dort unter vergleichsweise komfortablen Bedingungen als \u201eEhrenh\u00e4ftling\u201c. Und es war die NS-Regime, das ihn am 25. September 1944 aus diesem Hausarrest entlie\u00df. Sp\u00e4testens ab diesem Zeitpunkt agierte er als freier Mann \u2013 als OUN-F\u00fchrer, als faschistischer, antisemitischer und antipolnischer Terrorist, durchaus mitverantwortlich f\u00fcr das Operative, also f\u00fcr das unten n\u00e4her beschriebene massenhafte Morden.<\/p>\n\n\n\n<p>Sieht man sich die Geschichte der OUN und diejenige ihres F\u00fchrers Stepan Bandera an, dann fanden die Verbrechen der ukrainischen Nationalisten in vier Perioden statt.<\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst gab es die Vorkriegsperiode \u2013 die Zeit zwischen der OUN-Gr\u00fcndung 1929 und dem deutsch-sowjetischen \u00dcberfall auf Polen im September 1939. Die OUN verbreitete in dieser Zeit ihr ultranationalistisches Programm, in dem es u.a. hei\u00dft \u201eDu wirst den ukrainischen Staat erk\u00e4mpfen oder im Kampf f\u00fcr ihn sterben [\u2026] Du sollst nicht z\u00f6gern, die allergef\u00e4hrlichste Tat zu begehen, wenn die Sache dies verlangt. [.. ] Begegne den Feinden Deiner Nation mit Hass und r\u00fccksichtslosem Kampf.\u201c In dieser Zeit begann die OUN den bewaffneten Kampf gegen den polnischen Staat. Die OUN-Aktivsten t\u00f6teten Polizisten und polnische Zivilisten. Die Organisation wurde damals bereits von der deutschen Reichswehr und dem deutschen Abwehrchef Canaris heimlich politisch unterst\u00fctzt und mit Waffen versorgt. Bandera wurde 1934 von polnischen Sicherheitskr\u00e4ften inhaftiert und von einem Gericht zum Tode verurteilt, weil man ihm die Beteiligung an der Ermordung des polnischen Innenministers Bronislaw Pieracki zur Last legte. Zu der Tat hatte sich die OUN bekannt. Die Strafe wurde in lebenslange Haft umgewandelt. Im September 1939 kam Bandera im Zusammenhang mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs frei.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem deutsch-sowjetischen \u00dcberfall auf Polen am 1. beziehungsweise am 17. September 1939 begann eine <em>zweite<\/em>, rund zweij\u00e4hrige Periode der OUN-T\u00e4tigkeiten. Die ukrainischen Nationalisten der Bandera-Organisation agierten auf dem von Deutschland besetztem polnischem Gebiet als eine Hilfstruppe des NS-Regimes. Die in polnischen Gef\u00e4ngnissen einsitzenden OUN-Leute wurden freigelassen. Die Wehrmacht formierte 1940 in den besetzten polnischen Gebieten aus OUN-Angeh\u00f6rigen die Bataillone \u201eNachtigall\u201c und \u201eRoland\u201c. Die OUN vertrat damals bereits das Ziel \u201eUkraine f\u00fcr die Ukrainer\u201c, was erkl\u00e4rterma\u00dfen auf die Vertreibung und oft auf die Liquidierung der j\u00fcdischen und polnischen Bev\u00f6lkerung hinauslief. Die OUN war in diesem Zeitraum ma\u00dfgeblich an der Vernichtung von 200.000 Juden beteiligt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>dritte Periode<\/em> begann am 22. Juni 1941 mit dem deutschen \u00dcberfall auf die Sowjetunion, was mit dem Einmarsch der NS-Armeen in das seit dem 17. September 1939 von der Sowjetunion besetzte ehemals polnische Gebiet begann. Die OUN-F\u00fchrung hoffte nun darauf, dass das NS-Regime eine von der OUN kontrollierte Ukraine dulden w\u00fcrde und proklamierte am 30. Juni 1941 in Lwiw (Lemberg) die Unabh\u00e4ngigkeit. Das passte jedoch nicht in das Konzept der Nazis, weswegen einige f\u00fchrende ukrainische Nationalisten, darunter Bandera, zeitweilig inhaftiert und, wie bereits geschildert, als \u201eEhrenh\u00e4ftlinge\u201c in Sachsenhausen einsa\u00dfen. Die Masse der OUN-Kader agierte jedoch weiter als Hilfskr\u00e4fte der Nazis. Sie waren aktiv beteiligt bei der Vernichtung der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung und nunmehr auch im Kampf gegen die Rote Armee.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine <em>vierte Phase<\/em> begann Ende 1942, als sich die Niederlage der Wehrmacht abzeichnete. Die OUN-B f\u00fchrte nun zunehmend einen eigenen Krieg f\u00fcr eine ukrainische Unabh\u00e4ngigkeit \u2013 und beging dabei vor allem Massaker an der polnischen Bev\u00f6lkerung. Diese Aktivit\u00e4ten werden in einer gr\u00fcndlichen Untersuchung des britischen Historikers Keith Lowe aus dem Jahr 2012 wie folgt beschrieben: \u201eEnde des Jahres 1942, als offenkundig wurde, dass die Macht Hitler-Deutschlands in Osteuropa an ihre Grenzen gesto\u00dfen war, desertierten die ukrainischen Polizisten in Scharen [\u2026] und schlossen sich der neuen Partisanengruppe der OUN an, der Ukrainischen Aufst\u00e4ndischen Armee (Ukrajinska Powstanska Armija , UPA). Und nun setzten sie die Kenntnisse, die sie im Dienst der SS erworben hatten, im Kampf gegen die feindlichen Volksgruppen ein. Neben den wenigen \u00fcberlebenden Juden richtete sich ihr Vernichtungsfeldzug nun gegen die gro\u00dfe polnische Minderheit. [\u2026] In dem Blutrausch der folgenden Jahre wurden ganze polnische Gemeinden ausradiert. Alte M\u00e4nner wurden ebenso ermordet wie Frauen und Neugeborene.\u201c Der Autor beschreibt in der Folge einzelne Massaker \u2013 so im Dorf Oleksieta an Ostern 1943 oder am 12. M\u00e4rz 1944 im Dorf und Kloster Podkamien. Keith Lowe bilanziert dann wie folgt: \u201eAus polnischen, aber auch aus deutschen und sowjetischen Quellen geht hervor, dass die ukrainischen Partisanen ihre Opfer k\u00f6pften, kreuzigten, verst\u00fcmmelten und ausweideten und die Leichen oft zur Schau stellten, um unter den verbliebenen Polen Angst und Schrecken zu verbreiten. Sie brannten H\u00e4user und Kirchen nieder, schleiften D\u00f6rfer und raubten alles, was sie tragen konnten. Dieser Vernichtungsfeldzug wurde auf ganz Ostpolen und die westliche Ukraine ausgeweitet. Ukrainer, die ihren polnischen Nachbarn Schutz gew\u00e4hrten, wurden ebenfalls ermordet. Aus den UPA-Berichten geht hervor, dass die Partisanenbewegung vorhatte, die ethnischen Polen genauso umfassend auszurotten wie die Juden. Und vielerorts gelang das tats\u00e4chlich. [\u2026] Nach sehr konservativen Sch\u00e4tzungen t\u00f6teten ukrainische Partisanen in Wollhynien rund 50.000 polnische Zivilisten. In Galizien fielen ihnen zwischen 20.000 und 30.000 Menschen zum Opfer. Insgesamt d\u00fcrften im Verlauf des B\u00fcrgerkriegs in der Grenzregion bis zu 90.000 Polen das Leben verloren haben. Auch auf der ukrainischen Seite waren tausende Tote zu beklagen, aber da der Genozid kein erkl\u00e4rtes Ziel der Polen war, verloren die Ukrainer sehr viel weniger Menschen als sie ihrerseits t\u00f6teten \u2013 insgesamt etwas 20.000.\u201c[3] Bandera sa\u00df zwar bis September 1944, wie erw\u00e4hnt, als Ehrenh\u00e4ftling in Sachsenhausen fest. Doch erstens konnte er auch von dort aus Einfluss auf seine Leute nehmen. Zweitens gibt es keinerlei Distanzierung Banderas von diesen Verbrechen. Und drittens agierte er nach seiner Freilassung im Herbst 1944 sofort wieder als F\u00fchrer der OUN-B beziehungsweise der UPA \u2013 und dies in einer Zeit, als es viele der beschriebenen furchtbaren Massaker gab.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Bandera war beim N\u00fcrnberger Kriegsverbrecherprozess durchaus Thema<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In seinem Gestammel zur Leugnung all dieser Verbrechen behauptete der Herr Botschafter, die OUN und Bandera k\u00f6nnten gar nicht solche Verbrechen begangen haben, \u201edenn dann w\u00e4re er doch in N\u00fcrnberg verurteilt\u201c worden. \u201eWenn Stalin Beweise\u201c f\u00fcr Banderas Verbrechen gehabt h\u00e4tte, dann w\u00e4re Bandera dort auf der Anklagebank gelandet \u2013 \u201eaber\u201c, so Melnyk, es gibt keine Beweise\u201c. Schlie\u00dflich habe Bandera ja nach Ende des Zweiten Weltkriegs noch viele Jahre lang \u201ein Deutschland\u201c, gemeint Westdeutschland, gelebt. Dieses Argument entbehrt offensichtlich jeder Grundlage, da im N\u00fcrnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher nur vierundzwanzig Personen der <em>deutschen<\/em> NS-F\u00fchrung vor Gericht standen. Die Tatsache, dass Tausende verantwortliche Nazis in Deutschland \u2013 und die meisten prominenten Kollaborateure des NS-Regimes in den von Deutschland besetzten L\u00e4ndern \u2013 in Deutschland \u00fcberhaupt nicht zur Verantwortung gezogen wurden und dass Polen, Israel und die Sowjetunion durchaus gefordert hatten, Bandera als Kriegsverbrecher vor ein Gericht zu stellen, sollte auch Melnyk bekannt sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht bekannt d\u00fcrfte ihm sein, dass im N\u00fcrnberger Hauptkriegsverbrecherprozess die OUN und Bandera durchaus Thema waren. Am 11. Februar 1946 wurde dem N\u00fcrnberger Gerichtshof die Aussage des \u201eObersten Erwin Stolze des fr\u00fcheren deutschen Heeres\u201c, einem f\u00fchrenden Mitarbeiter \u201eim Amt II Ausland\/Abwehr beim Oberkommando der Wehrmacht\u201c als \u201eBeweisst\u00fcck USSR-231\u201c vorgelegt und daraus wie folgt zitiert: \u201eIch [also besagter Oberst Erwin Stolze; W.W.] erhielt [\u2026] die Weisung, eine Sondergruppe unter meiner Leitung aufzustellen. Diese Gruppe erhielt die Deckbezeichnung \u203aA\u2039 und war ausschlie\u00dflich f\u00fcr die Vorbereitung der Sabotage- und Zersetzungsarbeit im sowjetischen Hinterland bestimmt. Um die gleiche Zeit hatte mich Lahousen [Vorgesetzter von Stolze; W.W.] mit einem Befehl des Wehrmachtf\u00fchrungsstabes bekannt gemacht, der Richtlinien f\u00fcr die Unterw\u00fchlungst\u00e4tigkeit auf dem Sowjetgebiet nach dem \u00dcberfall Deutschlands auf Ru\u00dfland enthielt. Der Befehl war vom Feldmarschall Keitel nach Abzeichnung durch General Jodl [\u2026] unterzeichnet. [\u2026] In diesem Befehl wurde darauf hingewiesen, da\u00df zur Unterst\u00fctzung eines blitzartigen Schlages gegen die Sowjetunion Abw. II ihre Unterw\u00fchlarbeit gegen Ru\u00dfland mit Hilfe eines V-Mann-Netzes auf die Entfachung des Nationalhasses zwischen den V\u00f6lkern der S.U. zu steuern habe. [\u2026] Um die obengenannten Weisungen Keitels und Jodls auszuf\u00fchren, hatte ich mit den im Dienste der deutschen Abwehr stehenden ukrainischen Nationalisten F\u00fchlung [\u2026] aufgenommen. Ich hatte unter anderem pers\u00f6nlich den Anf\u00fchrern der ukrainischen Nationalisten \u2013 Melnyk (Deckname, \u203aKonsul I\u2039) und Bandera [4] \u2013 die Weisung gegeben, sogleich nach dem \u00dcberfall Deutschlands auf Ru\u00dfland provokatorische Putsche in der Ukraine zu organisieren mit dem Ziele, die Sowjettruppen in ihrem unmittelbaren Hinterlande zu schw\u00e4chen, sowie auch die internationale \u00f6ffentliche Meinung im Sinne einer sich angeblich vollziehenden Zersetzung des sowjetischen Hinterlandes zu beeinflussen.\u201c[5]<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Es geht nicht um einen faschistoiden Botschafter, es geht um die Regierungen in Kiew und Berlin<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem skandal\u00f6sen Interview mit Melnyk bei \u201ejung und naiv\u201c gab es zwar Proteste in Warschau und Tel Aviv und auch eine Distanzierung seitens des ukrainischen Au\u00dfenministeriums. Das deutsche Ausw\u00e4rtige Amt \u2013 das sich bekanntlich einer \u201ewertebasierte Au\u00dfenpolitik\u201c verpflichtet sieht \u2013 lie\u00df jedoch verlautbaren, man wolle sich \u201ean der Kontroverse um den ukrainischen Botschafter in Deutschland nicht beteiligen.\u201c Im \u00dcbrigen verweise man auf die Stellungnahme des ukrainischen Au\u00dfenministeriums. Personelle Konsequenzen werden \u2013 bislang zumindest \u2013 von keiner prominenten Stelle gefordert.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei geht es letzten Endes nicht um die Person Melnyk und dessen Bewunderung f\u00fcr einen Antisemiten und Faschisten. Der Skandal ist ein deutlich gr\u00f6\u00dferer. Er betrifft erstens die Regierung in Kiew und das politische System in der Ukraine und zweitens die Verantwortlichen und die Medien in Deutschland selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>Verschwiegen wird in der aktuellen Debatte, dass das Loblied auf den faschistischen F\u00fchrer Bandera keine individuelle Marotte eines \u201estreitbaren Botschafters\u201c (NZZ) ist. Bandera gilt im Staat Ukraine den Eliten und den Verantwortlichen in der Regierung und in den Medien als Vorbild und als Held. Es gibt inzwischen in der Ukraine \u2013 vor allem im Westen des Landes, aber auch in der Hauptstadt Kiew \u2013 hunderte Bandera-Statuen. In der ukrainischen Hauptstadt wurde am 7. Juli 2016 der zentrale ehemalige \u201eMoskowski Prospekt\u201c in \u201eStepan Bandera Prospekt\u201c umbenannt. Bereits 2009 erschien \u2013 anl\u00e4sslich des hundertsten Geburtstags von Bandera \u2013 eine Briefmarke der staatlichen ukrainischen Post, auf der Stepan Bandera \u2013 erg\u00e4nzt um seine Unterschrift und die Jahreszahlen \u201e1999-2009\u201c \u2013 abgebildet ist. Und als Ende Mai in Mariupol hunderte ukrainische Soldaten, die sich in den unterirdischen G\u00e4ngen des Asow-Stahlwerks verbarrikadiert hatten, kapitulierten, und die russischen Soldaten diese zwangen, ihre Uniformen abzulegen und ihre nackten Oberk\u00f6rper zu pr\u00e4sentieren, konnte man dutzendfach t\u00e4towierte K\u00f6rper mit Bandera-Konterfeis, SS-Runen, der Wolfsangel, dem Hakenkreuz und auch solche mit dem Konterfei von Adolf Hitler bestaunen. Beziehungsweise man konnte das in Deutschland eher <em>nicht<\/em> sehen. Zwar sendeten auch ARD und ZDF Aufnahmen des Russischen Staatsfernsehens, die diese ukrainischen Soldaten nach der Kapitulation zeigten. Doch die entsprechenden Sentenzen mit den nackten und derart t\u00e4towierten Oberk\u00f6rpern waren herausgeschnitten worden. Man wollte einen solchen Anblick der deutschen \u00d6ffentlichkeit ersparen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die andere Ebene des Skandals Melnyk-Bandera betrifft die Verantwortlichen in Deutschland \u2013 in der Regierung in Berlin und die Verantwortlichen in den Medien. Melnyk ist seit dem 24. Februar buchst\u00e4blich in jeder Woche mehrmals auf allen Kan\u00e4len pr\u00e4sent. Er gab seit Kriegsbeginn Dutzende Interviews in Print- und elektronischen Medien; so gut wie immer wurden an ihn keine kritischen Fragen gestellt. Vielmehr wurde er immer kaum verh\u00fcllt als Waffe daf\u00fcr eingesetzt, dass die Regierung zu noch mehr Waffenlieferungen aufgefordert, wenn nicht erpresst wird. Das Verh\u00e4ltnis des Herrn Botschafters zur R\u00fcstungsindustrie wird \u00fcbrigens im Interview (Minute 45 bzw. 2.12) wunderbar auf den Punkt gebracht: Melnyk erkl\u00e4rt dort mehrmals, dass die Chefs der R\u00fcstungskonzerne (\u201eIch kenne fast alle\u201c) zu den \u201ewenigen Menschen (geh\u00f6ren), die uns verstanden\u201c, die \u201euns mit dem Herzen empfangen\u201c haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz offensichtlich steht der Mann unter einem besonderen Schutz. Mehrmals betont Melnyk im Interview, er sei \u201eBevollm\u00e4chtigter\u201c, er habe \u201ekein Abmahnung oder \u00c4hnliches\u201c erhalten, als er den Bundeskanzler direkt anging; er habe es auch nicht notwendig, mit Selensky \u201e\u00fcber Bandera zu sprechen\u201c. Wobei er in dem Interview den interessanten Einblick bietet, dass er seit mehr als 25 Jahren im diplomatischen Dienst der Ukraine steht, dass er damit \u201eauch unter Russland-freundlichen\u201c Pr\u00e4sidenten seinen Job machte \u2013 und dass er 2013\/2014, in den Wochen des Maidan, &#8211; so Tilo Jung \u2013 \u201etags\u00fcber f\u00fcrs (Janukowytsch-) Regime und abends\u201c, als Privatperson, \u201ef\u00fcr den Maidan\u201c aktiv gewesen sei (Minute 1.21).<\/p>\n\n\n\n<p>Im \u201ejung und naiv\u201c-Interview auf einen l\u00e4ngeren Aufenthalt in den USA \u2013 eine Gesch\u00e4ftsreise \u2013 angesprochen, reagiert Melnyk ausgesprochen zur\u00fcckhalten. Es ist der Interviewer Tilo Jung, der ihn darauf direkt anspricht und dann noch konkretisiert: \u201eDu hast da sogar Brzezinski getroffen!\u201c, was Melnyk best\u00e4tigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun war der ehemalige Sicherheitsberater des US-Pr\u00e4sidenten Jimmy Carter, Zbigniew Brzezinski, ein Mann, der in seinem Buch \u201eThe Grand Chessboard\u201c (\u201eDas gro\u00dfe Schachbrett\u201c) geradezu vision\u00e4r eine US-Strategie entwickelt, mit der Russland, bis dahin eine \u201eeurasische Macht\u201c, zu einer \u201erein asiatischen Macht\u201c degradiert werden sollte. Dabei w\u00fcrde \u201edie Ukraine als neuer und wichtiger Raum auf dem eurasischen Schachbrett\u201c, einen \u201egeopolitischen Dreh- und Angelpunkt\u201c darstellen: \u201eOhne die Ukraine ist Russland kein eurasisches Reich mehr.\u201c[6]<\/p>\n\n\n\n<p>Die Strategie, die bereits bei Brzezinski aufschien, die die heutige Regierung Biden praktiziert und f\u00fcr die Melnyk trommelt, ist aber eine Politik, die die Ausweitung des Ukrainekriegs zu einem europaweiten Krieg, der auch atomar gef\u00fchrt werden kann, ins Kalk\u00fcl einbezieht. Es ist, wie ich vor einer Woche im Telepolis-Artikel ausf\u00fchrte,[7] eine Politik, die vor allem die Interessen der US-Eliten und der R\u00fcstungsindustrie zum Ausdruck bringt \u2013 mit einer Administration in Br\u00fcssel und mit einer Regierung in Berlin, die zunehmend Vasallenstatus hat. Was im \u00dcbrigen deutlich damit dokumentiert wurde, dass der US-Verteidigungsminister Lloyd Austin Ende April die Verteidigungsminister und -ministerinnen von mehr als vierzig L\u00e4ndern nach Ramstein auf den US-Luftwaffenst\u00fctzpunkt eingeladen hatte, um dort eine Koalition zu schmieden und zum ersten Mal darauf zu orientieren, dass \u201eder Krieg noch sehr lange dauern\u201c wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Es muss alles getan werden, dieser Kriegstreiberei ein Ende zu bereiten, einen sofortigen Waffenstillstand und ein Zur\u00fcck an den Verhandlungstisch zu fordern. Auch wenn der Herr Botschafter im \u201ejung und naiv\u201c-Interview sagt, das Minsker Abkommen sei \u201eein totes Pferd\u201c, so kann eine L\u00f6sung, mit der der Frieden wieder hergestellt wird, nur in einem Abkommen Minsk III bestehen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Anmerkungen:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>[1] Das komplette Interview findet man hier: <a href=\"https:\/\/www.jungundnaiv.de\/2022\/06\/29\/andrij-melnyk-botschafter-der-ukraine-folge-580\/\">https:\/\/www.jungundnaiv.de\/2022\/06\/29\/andrij-melnyk-botschafter-der-ukraine-folge-580\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Ein siebenmin\u00fctiger Auszug bei YouTube hier: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=HOcW7uLJVZU\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=HOcW7uLJVZU<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>[2] NZZ und SZ jeweils Ausgabe vom 2. Juli 2022.<\/p>\n\n\n\n<p>[3] Keith Lowe, Der Wilde Kontinent. Europa in den Jahren der Anarchie 1943 \u2013 1950, englische Ausgabe von 2012, deutsch Stuttgart 2014, Seiten 270-274.<\/p>\n\n\n\n<p>[4] Im Jahr 1940 kam es zur Spaltung innerhalb der OUN. Es wurde die OUN-B (unter der Leitung von Stepan Bandera) und die OUN-M unter der F\u00fchrung von Andrij Melnyks gegr\u00fcndet. Andrij Melnyk (1890-1964) war in der Fr\u00fchphase der OUN deren F\u00fchrer. Er wurde dann von Stepan Bandera, der als radikaler galt, abgel\u00f6st. Die beiden OUN-Gruppen f\u00fchren auch einen erbitterten Bruderkrieg und ermordeten jeweils von der Gegenseite die f\u00fchrenden Leute. In der Endphase des Weltkriegs wurde von der Wehrmacht die 14. Waffen-Grenadier-Division der SS aufgestellt, die vorwiegend aus Aktiven des Melnyk-Fl\u00fcgels der OUN bestand. Die OUN-B agierte in dieser Zeit, wie oben beschrieben, \u00fcberwiegend autonom. Die Namensgleichheit mit dem Botschafter ist Zufall; \u201eMelnyk\u201c hei\u00dft M\u00fcller. Im Interview sagt A.M., der Botschafter, sein Vater \u201ewollte mich so nennen\u201c \u2013 im Gedenken an diesen OUN-F\u00fchrer.<\/p>\n\n\n\n<p>[5] Der Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Gerichtshof N\u00fcrnberg. N\u00fcrnberg 1947, Bd. 7, S. 283-310. Permalink:<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Geschichte\/M\/Der+N\u00fcrnberger+Proze\u00df\/Hauptverhandlungen\/Sechsundf\u00fcnfzigster+Tag.+Montag,+11.+Februar+1946\/Nachmittagssitzung\">http:\/\/www.zeno.org\/Geschichte\/M\/Der+N%C3%BCrnberger+Proze%C3%9F\/Hauptverhandlungen\/Sechsundf%C3%BCnfzigster+Tag.+Montag,+11.+Februar+1946\/Nachmittagssitzung<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>[6] Zbigniew Brzezinski, Die einzige Weltmacht \u2013 Amerikas Strategie der Vorherrschaft\u201c, hier zitiert nach der deutschen Ausgabe von Frankfurt\/M. 1999, S. 75. Erstausgabe in den USA 1997. Eine Zusammenfassung dieser Brzezinski-Schrift findet sich in Lunapark21, Heft 58S. 54ff, Juli 2022. Dort gibt es auch 30 Seiten mit aktuellen Texten zum Ukraine-Krieg.<\/p>\n\n\n\n<p>[7] Winfried Wolf, Teilblockade von Kaliningrad \u2013 Der Krieg r\u00fcckt auf Berlin zu, auf: Telepolis vom 22. Juni 2022. <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Teilblockade-von-Kaliningrad-Der-Krieg-rueckt-auf-Berlin-zu-7148645.html\">https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Teilblockade-von-Kaliningrad-Der-Krieg-rueckt-auf-Berlin-zu-7148645.html<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Winfried Wolf ist verantwortlicher Redakteur von Lunapark21.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Andrij Melnyk, Stepan Bandera und deutsche Kriegstreiber Dass sich Andrij Melnyk sp\u00e4testens seit Beginn des Ukraine-Kriegs mit Provokationen hervortat, ist allseits bekannt. 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