{"id":2128,"date":"2022-08-14T21:45:04","date_gmt":"2022-08-14T19:45:04","guid":{"rendered":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=2128"},"modified":"2022-08-14T21:45:05","modified_gmt":"2022-08-14T19:45:05","slug":"kulturkampf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=2128","title":{"rendered":"Kulturkampf"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<h2>Der Ukraine-Krieg und die Ausgrenzung von Literatur und Musik<\/h2>\n\n\n\n<p>Direkt nach dem Sturz der vorsichtig russland-freundlichen Regierung Viktor Janukowytsch im Februar 2014 begann in der Ukraine eine antirussische Kampagne. Diese kulminierte zun\u00e4chst darin, dass Russisch nicht mehr als zweite Amtssprache fungierte. Die Folge waren der Krieg im Osten und die Annexion der Krim durch Russland. Ab diesem Zeitpunkt wurden in der Ukraine hunderte Lenin-Denkm\u00e4ler demontiert. Diese Welle bekam im Ukrainischen die Bezeichnung \u201eLeninopad\u201c \u2013 \u201eLenin-Sturz\u201c. Die Zahl der Denkm\u00e4ler zur Huldigung des NS-Kollaborateurs Stepan Bandera nahm parallel zu. Offensichtlich sollte vergessen gemacht werden, dass es 1922 die Bolschewiki und Lenin waren, die erstmals die ukrainische Sprache als Amtssprache einf\u00fchrten und die Eigenst\u00e4ndigkeit einer ukrainischen Kultur hervorhoben. Es war dann Wladimir Putin, der im Februar 2022 Lenin aus diesem Grund heftig kritisierte. Putin kn\u00fcpft mit seinem russischen Chauvinismus direkt an das Zaren-Regime an, in dem jede ukrainische Kultur verneint wurde; indirekt kn\u00fcpft der russische Pr\u00e4sident an Stalin an, der eine ukrainische Autonomie in kulturellen Fragen wieder strangulierte.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Nach der russischen Invasion vom 24. Februar 2022 ging die Regierung in Kiew einen Schritt weiter. Seither werden Denkm\u00e4ler des russischen Dichters Alexander Sergejewitsch Puschkin demontiert; hundertfach kommt es zum \u201ePuschkinopad\u201c. Dabei, so bilanzierte die <em>Frankfurter Allgemeine Zeitung<\/em> (11.7.2022), war \u201edie Verehrung Puschkins (in der Ukraine; W.W.) lange mit dem Kult um den ersten ukrainischen Nationaldichter Taras Schewtschenko eng verflochten [\u2026] Puschkin war auch f\u00fcr viele Ukrainer ein Ged\u00e4chtnisort.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Seither versucht die ukrainische Regierung <em>alle<\/em> russische Kultur auszugrenzen. Am 16. Juni entschied eine Arbeitsgruppe des ukrainischen Ministeriums f\u00fcr Bildung und Wissenschaft, vierzig Werke russischer Autoren, darunter auch solche Puschkins, aus dem Schulbuchprogramm zu entfernen. In Deutschland erkl\u00e4rten die ukrainische Botschaft und die Konsulate dieses Landes, es sei \u201eunerw\u00fcnscht, dass [auf dem Gebiet von Kultur] Russen und Ukrainer gemeinsam auftreten\u201c. Das gelte auch dann und dort, wo \u201ediese K\u00fcnstler dies bei Solidarit\u00e4tskonzerten selbst w\u00fcnschten\u201c (FAZ vom 4.7.2022).<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Nationalismus findet in Westeuropa teilweise eine Entsprechung; teilweise st\u00f6\u00dft er jedoch auch auf Widerstand. Die <em>Neue Z\u00fcricher Zeitung<\/em> brachte am 7. Mai einen zweiseitigen Artikel, verfasst von der ukrainischen Schriftstellerin Oksana Sabuschko unter der \u00dcberschrift \u201ePutin hat den Westen l\u00e4ngst besiegt. Die Unterzeilen lauteten: \u201eMit ihrer blinden Begeisterung f\u00fcr russische Literatur haben sich westliche Intellektuelle zu Komplizen des Despotismus gemacht.\u201c In diesem Text werden in absurder Weise russische humanistische Literaten f\u00fcr den Putinschen Krieg verantwortlich gemacht. Dort hei\u00dft es: \u201eEs ist an der Zeit, die russische Literatur unter einem anderen Blickwinkel zu lesen, denn sie hat flei\u00dfig an dem Tarnnetz f\u00fcr die russischen Panzer mitgekn\u00fcpft.\u201c In diesem Sinn gibt es auch praktische Konsequenzen. Die ukrainische Pianistin Valentina Lisitsa aus Kiew sollte im Mai bei den Europ\u00e4ischen Wochen Passau einen Klavierabend mit Chopin gestalten. Nachdem sie am 9. Mai \u2013 also am Tag der Befreiung vom NS-Regime \u2013 im (inzwischen russisch besetzten) Mariupol auftrat, wurde sie ausgeladen. Ihre Erkl\u00e4rung, \u201eden Krieg abzulehnen\u201c, reichte den Veranstaltern nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Juli befragte die FAZ f\u00fcnf Intendanten aus Deutschland und der Schweiz zu dem \u201eGrenzwertproblem von Solidarit\u00e4t und Kunstfreiheit\u201c. Das erstaunlich differenzierte Bild gibt Anlass f\u00fcr ged\u00e4mpften Optimismus. Keiner der Befragten unterst\u00fctzte einen Ausschluss russischer Kultur. Louwrens Langefoort, der Intendant der Philharmonie K\u00f6ln, erkl\u00e4rte: \u201eBei Solidarit\u00e4tskonzerten finde ich wichtig, dass ukrainische und russische Musik im selben Programm spielt.\u201c Viktor Schoner, Intendant der Staatsoper Stuttgart: \u201eWenn es ums Br\u00fcckenbauen geht, liegen f\u00fcr mich die Kriegsopfer in der Ukraine und die Opposition in Russland, die auch ein Opfer des Kreml-Regimes ist, fast auf der gleichen Ebene.\u201c Malte Boecker, der Direktor des Beethoven-Hauses Bonn: \u201eWir m\u00fcssen nach ukrainischen K\u00fcnstlern suchen, die bereit sind, den Dialog mit den russischen Kollegen nicht abbrechen zu lassen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Dieser Beitrag erscheint ab 18.8. in der Printausgabe der \u201eZeitung gegen den Krieg\u201c Nr. 52.<br>Diese kann\u00a0<a href=\"https:\/\/docs.google.com\/forms\/d\/14K9XMO2h8KTVNJjws4PiK9XNSKoQiTIpS9e64mlSsE4\">HIER<\/a>\u00a0bestellt werden.<\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Ukraine-Krieg und die Ausgrenzung von Literatur und Musik Direkt nach dem Sturz der vorsichtig russland-freundlichen Regierung Viktor Janukowytsch im Februar 2014 begann in der Ukraine eine antirussische Kampagne. 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