{"id":2143,"date":"2022-08-22T19:32:12","date_gmt":"2022-08-22T17:32:12","guid":{"rendered":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=2143"},"modified":"2023-04-08T01:00:08","modified_gmt":"2023-04-07T23:00:08","slug":"zbigniew-brzezinski-die-einzige-weltmacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=2143","title":{"rendered":"Zbigniew Brzezi\u0144ski \u2013 Die einzige Weltmacht"},"content":{"rendered":"\n<h1><\/h1>\n\n\n\n<h2>25 Jahre alte, hochaktuelle Skizze f\u00fcr die Politik zum Erhalt der US-Hegemonie<\/h2>\n\n\n\n<p>Der ehemalige Sicherheitsberater des US-Pr\u00e4sidenten Jimmy Carter verfasste 1997 ein Buch, das in der Original-Fassung noch den aufschlussreichen Titel \u201eThe Grand Chessboard \u2013 Das gro\u00dfe Schachbrett\u201c trug. Darin skizziert er, wie mit einer Nato-Osterweiterung und einer Westanbindung der Ukraine Russland zu einer nicht mehr europ\u00e4ischen Macht, sondern prim\u00e4r asiatischen Regionalmacht gemacht, besser: degradiert, werden soll und wie auf diese Weise die Weltherrschaft der USA zu stabilisieren sei. Die seither gef\u00fchrten US-Kriege (in Jugoslawien, Afghanistan, Irak) und die seither praktizierte Politik der US-Regierungen und nicht zuletzt diejenige der Nato unterstreichen, dass Brzezi \u00b4 nskis Analyse in vielen Teilen Blaupause f\u00fcr die US-Politik ist. Im Folgenden Ausz\u00fcge.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>\u201eAmerika steht in den vier entscheidenden Dom\u00e4nen globaler Macht unangefochten da: Seine weltweite Milit\u00e4rpr\u00e4senz hat nichts ihresgleichen. Wirtschaftlich gesehen bleibt es die Lokomotive weltweiten Wachstums [\u2026] Es h\u00e4lt seinen technologischen Vorsprung in den bahnbrechenden Innovationsbereichen. Und seine Kultur findet nach wie vor weltweit, vor allem bei der Jugend, un\u00fcbertroffen Anklang.\u201c [S.44]<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie globale Vorherrschaft Amerikas wird solcherma\u00dfen durch ein ausget\u00fcfteltes System von B\u00fcndnissen und Koalitionen untermauert, das buchst\u00e4blich die ganze Welt umspannt. Die [\u2026] Nato bindet die produktivsten und einflussreichsten Staaten Europas an Amerika und verleiht den Vereinigten Staaten selbst in innereurop\u00e4ischen Angelegenheiten eine wichtige Stimme. [\u2026] Besondere Sicherheitsvorkehrungen, vor allem nach der kurzen Strafexpedition gegen den Irak 1991 haben die wirtschaftlich vitale (\u00d6l-) Region in ein amerikanisches Milit\u00e4rgebiet verwandelt. Gegenw\u00e4rtig gibt es niemanden, der diese beispiellose Vormachtstellung der USA angreifen k\u00f6nnte.\u201c [49]<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAmerikas geopolitischer Hauptgewinn ist Eurasien. [\u2026] Eurasien stellt 60 Prozent des globalen Bruttosozialprodukts und ungef\u00e4hr drei Viertel der weltweit bekannten Energievorkommen. Die nach den USA sechs gr\u00f6\u00dften Wirtschaftsnationen mit den h\u00f6chsten R\u00fcstungsausgaben liegen in Europa und Asien.\u201c [54] \u201eEurasien ist somit das Schachbrett, auf dem der Kampf um die globale Vorherrschaft auch in Zukunft ausgetragen wird. [\u2026] W\u00fcrden die europ\u00e4ischen Partner Amerika von seinen St\u00fctzpunkten an der westlichen Peripherie vertreiben, w\u00e4re das gleichzeitig das Ende seiner Beteiligung am Spiel auf dem eurasischen Schachbrett. [\u2026] (Doch] dieser Megakontinent ist einfach zu gro\u00df, zu bev\u00f6lkerungsreich, kulturell zu vielf\u00e4ltig und besteht aus zu vielen, von jeher ehrgeizigen und politisch aktiven Staaten, um einer globalen Macht [\u2026] zu willfahren. Eine solche Sachlage verlangt geostrategisches Geschick, den vorsichtigen [\u2026] Einsatz amerikani scher Ressourcen auf dem riesigen eurasischen Schachbrett.\u201c[59]<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnter den gegenw\u00e4rtigen globalen Begebenheiten lassen sich mindestens f\u00fcnf geostrategische Hauptakteure und f\u00fcnf geopolitische Dreh- und Angelpunkte auf der neuen politischen Landkarte Eurasiens ermitteln. Frankreich, Deutschland, Russland, China und Indien sind Hauptakteure, w\u00e4hrend Gro\u00dfbritannien, Japan, Indonesien \u2026 die Bedingungen daf\u00fcr nicht (mehr) erf\u00fcllen. Die Ukraine, Aserbeidschan S\u00fcdkorea, die T\u00fcrkei und der Iran stellen geostrategische Dreh- und Angelpunkte dar.\u201c [67]<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie Ukraine, ein neuer und wichtiger Raum auf dem eurasischen Schachbrett, ist ein geopolitischer Dreh- und Angelpunkt, weil ihre blo\u00dfe Existenz als unabh\u00e4ngiger Staat zur Umwandlung Russlands beitr\u00e4gt. Ohne die Ukraine ist Russland kein eurasisches Reich mehr. Es kann trotzdem nach einem imperialen Status streben, w\u00fcrde aber dann ein vorwiegend asiatisches Reich werden. [\u2026] Wenn Moskau allerdings die Herrschaft \u00fcber die Ukraine mit ihren 52 Millionen Menschen, bedeutenden Bodensch\u00e4tzen und dem Zugang zum Schwarzen Meer wiedergewinnen sollte, erlangte Russland automatisch die Mittel, ein m\u00e4chtiges Europa und Asien umspannendes Reich zu werden. Verl\u00f6re die Ukraine ihre Unabh\u00e4ngigkeit, so h\u00e4tte das unmittelbare Folgen f\u00fcr Mitteleuropa und w\u00fcrde Polen zu einem geopolitischen Angelpunkt an der Ostgrenze eines vereinigten Europas werden lassen.\u201c (75]<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEin neues Europa nimmt bereits Gestalt an, und wenn dieses neue Europa geopolitisch Teil des euro-atlantischen Raums bleiben soll, ist die Erweiterung der Nato von entscheidender Bedeutung. Sollte die von den USA in die Wege geleitete Nato-Erweiterung ins Stocken geraten, w\u00e4re das das Ende einer umfassenden amerikanischen Politik f\u00fcr ganz Eurasien.\u201c [121] \u201eUnter den gegenw\u00e4rtigen Bedingungen wird die Nato-Osterweiterung vermutlich bis 1999 aller Wahrscheinlichkeit nach Polen, die tschechische Republik und Ungarn einbegreifen. [\u2026] Mit ersten Aufnahmen mitteleurop\u00e4ischer L\u00e4nder in die EU ist nicht vor dem Jahr 2002 zu rechnen. Dennoch werden sich sowohl die NATO als auch die EU [\u2026] mit der Frage besch\u00e4ftigen m\u00fcssen, wie und wann die Mitgliedschaft der baltischen Republiken, Slowenien, Rum\u00e4nien, Bulgarien und Slowakei und zuletzt vielleicht sogar auf die Ukraine ausgedehnt werden kann.\u201c [125] \u201eDer Beitritt der baltischen Staaten k\u00f6nnte vielleicht auch Schweden und Finnland dazu bewegen, eine Mitgliedschaft in der Nato in Erw\u00e4gung zu ziehen. Irgendwann zwischen 2005 und 2010 sollte die Ukraine f\u00fcr ernsthafte Verhandlungen sowohl mit der EU wie mit der Nato bereit sein.\u201c [127] \u201eSelbst die Sprecher des linksgerichteten B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen haben eine Erweiterung der NATO bef\u00fcrwortet.\u201c [112]<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eKeine Vereinbarung mit Russland darf daher darauf hinauslaufen, dass Russland de facto am Entscheidungsfindungsprozess des B\u00fcndnisses [Nato] beteiligt wird und dadurch den spezifisch euroatlantischen Charakter der Nato aufweicht, w\u00e4hrend neu aufgenommene Mitglieder zu Staaten zweiter Klasse degradiert werden.\u201c [286]<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas Beunruhigendste war [f\u00fcr Russland] der Verlust der Ukraine. Das Auftreten eines unabh\u00e4ngigen ukrainischen Staates [\u2026] stellte f\u00fcr den russischen Staat ein schwerwiegendes geopolitisches Hindernis dar. Da mehr als 300 Jahre russischer Reichsgeschichte pl\u00f6tzlich gegenstandslos wurden, bedeutete das den Verlust einer potentiell reichen industriellen und agrarischen Wirtschaft sowie von 52 Millionen Einwohnern, die den Russen ethnisch und religi\u00f6s nahe genug standen, um Russland zu einem wirklich gro\u00dfen und selbstsicheren imperialen Staat zu machen.\u201c [136]<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDa die EU und die Nato sich nach Osten ausdehnen, wird die Ukraine schlie\u00dflich vor der Wahl stehen, ob sie Teil einer dieser Organisationen werden m\u00f6chte. Es ist davon auszugehen, dass sie, um ihre Eigenst\u00e4ndigkeit zu st\u00e4rken, beiden beitreten m\u00f6chte. Obwohl dies Zeit brauchen wird, kann der Westen \u2013 w\u00e4hrend er seine Sicherheits- und Wirtschaftskontakte mit Kiew weiter ausbaut \u2013 schon jetzt das Jahrzehnt zwischen 2005 und 2015 als Zeitrahmen f\u00fcr eine sukzessive Eingliederung der Ukraine ins Auge fassen. [\u2026] Der springende Punkt ist: Ohne die Ukraine kann Russland nicht zu Europa geh\u00f6ren, wohingegen die Ukraine ohne Russland durchaus zu Europa geh\u00f6ren kann.\u201c [178]<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas gef\u00e4hrlichste Szenario w\u00e4re eine gro\u00dfe Koalition zwischen China, Russland und vielleicht dem Iran, ein [\u2026] geeintes antihegemoniales B\u00fcndnis. Ein solches B\u00fcndnis w\u00fcrde in Gr\u00f6\u00dfenordnung und Reichweite an die Herausforderung erinnern, die einst von dem chinesisch-sowjetischen Block ausging, obgleich dieses Mal wahrscheinlich China die F\u00fchrung \u00fcbern\u00e4hme.\u201c [87]<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBemerkenswert ist, dass es bei internationalen Konflikten [\u2026] bisher nicht zum Einsatz von Massenvernichtungswaffen gekommen ist. Wie lange diese Selbstbeschr\u00e4nkung noch anh\u00e4lt, l\u00e4sst sich nat\u00fcrlich nicht vorhersagen, aber da Kriegsger\u00e4t mit enormer Zerst\u00f6rungskraft [\u2026] immer leichter zug\u00e4nglich ist, nimmt die Wahrscheinlichkeit, dass solche Waffen eingesetzt werden, unweigerlich zu. Kurzum, Amerika als die f\u00fchrende Weltmacht hat nur eine kurze historische Chance. Der relative Frieden, der derzeit auf der Welt herrscht, k\u00f6nnte kurzlebig sein.\u201c [303]<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eKurz, die Politik der USA muss unverdrossen und ohne Wenn und Aber ein doppeltes Ziel verfolgen: die beherrschende Stellung Amerikas f\u00fcr noch mindestens eine Generation und vorzugsweise l\u00e4nger zu bewahren und einen geopolitischen Rahmen zu schaffen, der die mit sozialen und politischen Ver\u00e4nderungen unvermeidlich einhergehenden Ersch\u00fctterungen und Belastungen d\u00e4mpfen und sich zum geopolitischen Zentrum gemeinsamer Verantwortung f\u00fcr eine friedliche Weltherrschaft entwickeln kann.\u201c [306]<\/p>\n\n\n\n<p><em>Aus: Zbigniew Brzezinski, Die einzige Weltmacht \u2013 Amerikas Strategie der Vorherrschaft, deutsch Frankfurt\/M. 1999, USA New York 1997.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>25 Jahre alte, hochaktuelle Skizze f\u00fcr die Politik zum Erhalt der US-Hegemonie Der ehemalige Sicherheitsberater des US-Pr\u00e4sidenten Jimmy Carter verfasste 1997 ein Buch, das in der Original-Fassung noch den aufschlussreichen Titel \u201eThe Grand Chessboard \u2013 Das gro\u00dfe Schachbrett\u201c trug. 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