{"id":2202,"date":"2022-10-05T10:03:36","date_gmt":"2022-10-05T08:03:36","guid":{"rendered":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=2202"},"modified":"2023-04-08T00:59:12","modified_gmt":"2023-04-07T22:59:12","slug":"was-uns-alles-um-die-ohren-fliegt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=2202","title":{"rendered":"Was uns alles um die Ohren fliegt"},"content":{"rendered":"\n<h2>Zwei Drittel w\u00fcnschen sich die Vier-Tage-Woche. Und alle: Frieden<\/h2>\n\n\n\n<p><p>Die vorherrschende Wirtschaftsweise ist dabei, die Grundlagen f\u00fcr menschliches Leben auf der Erde unwiderruflich zu zerst\u00f6ren. Und nein: Es geht nicht darum, dass das Leben der sp\u00e4teren Generationen perspektivisch zerst\u00f6rt wird. Es geht um das Hier und Heute, um die Zerst\u00f6rung der menschlichen Lebensgrundlagen in absehbarer Zeit.<\/p>   <p>Schon richtig: In einer allgemeinen Form schreiben wir Vergleichbares seit Jahrzehnten. Zuletzt schrieb ich vor einem Jahr an dieser Stelle, Niko Paech zitierend, dass es einen \u201e\u00f6kosuizidale \u00dcberflu\u00df\u201c geben w\u00fcrde, bei dem gilt: \u201eEntweder wir \u00e4ndern uns oder wir werden ge\u00e4ndert.\u201c Nun hat sich in den letzten zw\u00f6lf Monaten diese Perspektive nochmals zugespitzt \u2013 so auf den Ebenen Wirtschaftskrise, Krieg und Klimanotstand.<\/p><\/p>\n\n\n\n<p>      <p>Wir stehen vor einer neuen schweren Wirtschaftskrise. Sie wird Ende dieses Jahres in voller H\u00e4rte einsetzen und das Jahr 2023 bestimmen. Es wird erneut eine weltweite Krise sein. Sie k\u00f6nnte die Dimension derjenigen von 2008\/2009 \u00fcbertreffen. Unter anderem, weil es einen langen Schwelbrand in der Welt\u00f6konomie mit Spekulationsblasen gab, weil China nicht mehr ein stabiler Anker sein wird, weil es weiterhin die Pandemie-bedingten Verwerfung gibt (Stichworte: Lieferketten und m\u00f6gliche neue Covid-19-Welle im Winter) und weil diese Krise durch die exorbitanten Energiepreissteigerungen und die hohen Inflationsraten versch\u00e4rft wird.<\/p>   <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><p>Wie reagieren die Politik, die Institutionen, die Wirtschaftsverb\u00e4nde darauf? Die Notenbanken begannen einen Wettlauf zur Anhebung der Leitzinsen mit dem abstrakten Ziel, die Inflation auf einen willk\u00fcrlich bestimmten \u201ePfad\u201c zur\u00fcckzubringen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie damit die Krise versch\u00e4rfen und einen Finanzcrash ausl\u00f6sen, ist betr\u00e4chtlich. In der Politik und bei den Gewerkschaften erschallt der Ruf nach \u201eKonjunkturpaketen\u201c. Damit sind, solange es keine eindeutig definierten Ma\u00dfnahmen zu Energiereduktion und zur F\u00f6rderung erneuerbarer Energien sind, neue massive CO2-Emissionen und noch mehr Klimabelastungen verbunden. Beispiel: Im Saarland freut sich nach dem Teilr\u00fcckzug von Ford die Landesregierung dar\u00fcber, dass die Bundeswehr dem Spezialstahl, der bei der Dillinger H\u00fctte hergestellt wird, das G\u00fctesiegel \u201eTL 2350-0000\u201c verliehen hat, was meint: Panzerstahl. Schlie\u00dflich \u201esoll die deutsche R\u00fcstungsindustrie jetzt stark wachsen.\u201c1 Wobei diese Stahlproduktion ausgesprochen energieintensiv ist.<\/p>   <p>Im Ukraine-Krieg erh\u00f6ht sich in diesen Wochen die Gefahr eines nuklear gef\u00fchrten Kriegs. Russland hat auf die Erfolge der ukrainischen Armee mit einer Teilmobilisierung und mit Pseudoreferenden in den von der russischen Armee besetzten Gebieten reagiert. Vieles spricht daf\u00fcr, dass die Kreml-F\u00fchrung ostukrainische Gebiete annektieren und dann Angriffe auf diese als Angriffe auf Russland bezeichnen wird. Putin, Medwedew und andere russische Offizielle haben unmissverst\u00e4ndlich erkl\u00e4rt, dass sie in einem solchen Fall den Einsatz von Atomwaffen in Erw\u00e4gung ziehen.<\/p>   <p>Wie reagieren die Politiker in Europa, in Washington und in der Ukraine darauf? Einige, eher leiser werdende Stimmen \u2013 argumentieren, das sei bekannt und ein Bluff. Ein wachsender Teil der westlichen Politiker und Milit\u00e4rs erkl\u00e4rt jedoch, die Drohung sei ernst zu nehmen. Man werde in einem solchen Fall \u201ehart antworten\u201c. Was hei\u00dft, dass man nach einem Einsatz russischer Atomwaffen nukleare Gegenschl\u00e4ge in Erw\u00e4gung zieht. Die Regierung in Kiew fordert \u201edie westlichen Atomm\u00e4chte\u201c dazu auf, \u201egeschlossen zu reagieren\u201c, also atomare Gegenschl\u00e4ge der US-amerikanischen, britischen und franz\u00f6sischen Streitkr\u00e4fte ins Auge zu fassen. Ganz allgemein hei\u00dft es, man m\u00fcsse die Waffenlieferungen verst\u00e4rken, wobei Deutschland schwere Panzer liefern m\u00fcsse. Vergleichbare Debatten wurden nur im k\u00e4ltesten Kalten Krieg, als \u201elieber tot als rot\u201c galt, gef\u00fchrt. Vorschl\u00e4ge, massiv auf Deeskalation und auf eine Verhandlungsl\u00f6sung zu dringen, gibt es inzwischen im Westen fast nirgendwo. Und wenn ein s\u00e4chsischer CDU-Ministerpr\u00e4sident Vergleichbares anspricht, wird er mundtot gemacht. Das hei\u00dft im Klartext: Man nimmt ernsthaft hin, dass es in Europa zu einem nuklearen Inferno mit dem Tod von Millionen Menschen kommen k\u00f6nnte. Wobei man in Washington, aufgrund der 7000 Kilometer Distanz, und in London, aufgrund der 1000 Kilometer Distanz, dazu neigt, besonders mutig den millionenfachen Tod in Mittel- und Osteuropa ins Auge zu fassen.2<\/p>   <p>Wir erleben eine Beschleunigung der Klimakrise. Es gab weltweit in den letzten 30 Jahren 27 Klimakonferenzen. Auf jeder wurde beschlossen, dass die CO2-Emissionen gesenkt werden m\u00fcssen. Nach jeder Konferenz sind sie gestiegen. Das setzt sich derzeit verst\u00e4rkt fort. Die CO2-Emissionen wachsen 2022 beschleunigt. In diesem Jahr wurde der fossile Sektor (\u00d6l- und Gaskonzerne, Bergbau- und Rohstoffunternehmen und Autoindustrie) enorm gest\u00e4rkt; die Profite in diesem Bereich explodieren. Die 1,5-Grad-Latte wurde offensichtlich bereits gerissen. Die Gefahr, dass Kipppunkte bereits erreicht sind, ist erheblich. Die Indikatoren f\u00fcr den Klimanotstand \u2013 Hitzesommer, Wasserknappheit, Orkane und Taifune \u2013\u2013 h\u00e4ufen sich. Ein Drittel Pakistans stand wochenlang unter Wasser.<\/p>   <p>Wie reagieren die Institutionen und die Politik darauf? Nachdem sich der Pr\u00e4sident der Weltbank, David Malpass, im September erneut als Klimaleugner outete, wurde er gefragt, ob auch nur ein Anteilseigner der Weltbank seinen R\u00fccktritt gefordert h\u00e4tte. Seine Antwort: \u201eNein, das tat keiner.\u201cDie Ampel-Regierung handelt so, als best\u00fcnde sie ihrerseits aus Klimaleugnern: Steinkohle, Braunkohle, Fl\u00fcssiggas, Frackinggas \u2013 all diese fossilen, das Klima besonders sch\u00e4digenden Ressourcen werden seit Fr\u00fchjahr in verst\u00e4rktem Ma\u00df eingesetzt. Die Abh\u00e4ngigkeit von russischen Natur-gasimporten wird ausgetauscht gegen eine langfristige Abh\u00e4ngigkeit von Fl\u00fcssiggas aus Nahost und vor allem von Fracking-Gas aus den USA.3 Und w\u00e4hrend die regierenden Marktwirtschaftler einerseits zu Ma\u00dfnahmen wie Enteignung (Rosneft) oder Verstaatlichung (Uniper) greifen, die an einen Kriegskapitalismus erinnern, werden banale Ma\u00dfnahmen zur Senkung der Emissionen wie ein Tempolimit erst gar nicht mehr debattiert. Beim Kauf von Millionen elektrischen Heizl\u00fcftern gilt dann wieder der \u201efreie Markt\u201c, obgleich deren Einsatz im kommenden Winter die Stromnetze an ihre Belastungsgrenze bringen kann.<\/p>   <p>Ist dieses Mit-offenen-Augen-ins-Verderben-Rennen Teil unserer DNA? Das mag zu einem gewissen Ma\u00df so sein. Es handelt sich jedoch in erster Linie um ein Versagen \u201eder Politik\u201c im Allgemeinen und der Linken \u2013 nicht zuletzt auch der Partei DIE LINKE \u2013 im Besonderen. Das letztere betreffend: Am 27. September gab es l\u00e4ngliche Medien-Auftritte des th\u00fcringischen Ministerpr\u00e4sidenten Bodo Ramelow, Mitglied der Partei DIE LINKE, einerseits und des Ko-Fraktionsvorsitzenden der LINKEn im Bundestag, Dietmar Bartsch, andererseits. Bei beiden: Kein Wort zum Tempolimit. Keine Worte zu notwendigen Energieeinsparungen. Kein Wort zur Forderung von Fridays for Future f\u00fcr ein 100 Milliarden-Sonderfonds zur Bek\u00e4mpfung des Klimanotstands. Und bei beiden ein grummelndes Ja f\u00fcr den Weiterbetrieb der Atomkraftwerke.<\/p>   <p>Ich bin fest davon \u00fcberzeugt, dass die gro\u00dfe Mehrheit der Bev\u00f6lkerung deutlich weiter ist. Diese w\u00fcrde ein \u00fcberzeugendes Programm zur Bek\u00e4mpfung der Klimaaufheizung, was ja zugleich ein Programm gegen die drohenden sozialen Verwerfungen der kommenden Wirtschaftskrise sein w\u00fcrde, unterst\u00fctzen. Laut einer aktuellen Umfrage treten inzwischen 63 Prozent der Bev\u00f6lkerung f\u00fcr die Einf\u00fchrung der 4-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich ein. Weitere 14 Prozent unterst\u00fctzen dies sogar dann, wenn es Einkommensverluste gibt. Und es sind vor allem die j\u00fcngeren, die f\u00fcr deutlich k\u00fcrzere Arbeitszeiten eintreten. Diese Grundhaltung \u2013 weniger Arbeiten \u2013 hei\u00dft auch, Absage an das Wachstumsdiktat und Zustimmung zur Verteilung vorhandener Arbeit auf andere, was einen Abbau der Sockelarbeitslosigkeit m\u00f6glich machen w\u00fcrde.4<\/p>   <p>Vor allem wollen die Menschen drei Dinge: Frieden. Frieden. Frieden.<\/p><strong> Anmerkungen:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>1 FAZ vom 27. September 2022.<\/p>\n\n\n\n<p>2 Distanz Washington \u2013 Berlin = 6711km; Washington \u2013 Kiew = 7833km; London \u2013 Berlin = 934 km; London \u2013 Kiew = 2136 km.<\/p>\n\n\n\n<p>3 2021 wurden aus Russland 147 Mrd. Kubikmeter Gas bezogen (und 82 Mrd. aus Norwegen und 22 Mrd. aus den USA). F\u00fcr 2026 wird damit gerechnet, dass Deutschland 0 Kubikmeter aus Russland, 111 Mrd. Kubikmeter aus Norwegen, 23 Mrd. Kubikmeter aus Katar und 130 Mrd. Kubikmeter aus den USA bezieht. Nach: FAZ vom 22.9.2022. Die \u00dcberschrift lautete: \u201eGro\u00dfe Westverschiebung beim Gas\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>4 Die Umfrage wurde durchgef\u00fchrt vom Meinungsforschungsunternehmen Yougov im Auftrag des Versicherers HDI. Hier wiedergegeben nach: FAZ vom 27.9.2022. Bei den Arbeitnehmern, die j\u00fcnger als 40 Jahre sind, wollen 83 Prozent eine Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich, wobei zus\u00e4tzliche 17 Prozent diese auch dann sich w\u00fcnschen, wenn dies mit Einkommensverlusten verbunden ist.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Aus: Lunapark21, Heft 59<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei Drittel w\u00fcnschen sich die Vier-Tage-Woche. 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