{"id":2268,"date":"2022-11-19T11:53:31","date_gmt":"2022-11-19T10:53:31","guid":{"rendered":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=2268"},"modified":"2022-11-19T11:53:33","modified_gmt":"2022-11-19T10:53:33","slug":"ist-wachstum-zukunftsfaehig-wie-viel-ist-genug","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=2268","title":{"rendered":"Ist Wachstum zukunftsf\u00e4hig \u2013 wie viel ist genug?"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<h2><strong>Marxismus war urspr\u00fcnglich nicht zuletzt Wachstumskritik<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p><strong><em>Referat im Rahmen der Ringvorlesung: \u201eIst Wachstum zukunftsf\u00e4hig? Wie viel ist genug\u201c, organisiert vom Arbeitskreis \u201ePlurale \u00d6konomik Hamburg\u201c. An der Hamburger Universit\u00e4t gehalten am Donnerstag, dem 17. November 2022.<a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\"><strong>[1]<\/strong><\/a><\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Zwei Vorbemerkungen:<\/p>\n\n\n\n<ul><li>Ich habe denjenigen, die diese Ringvorlesung organisieren, im Vorfeld&nbsp; gesagt, dass ich auf dem von ihnen gew\u00e4hlten Themenbereich \u2013 \u201eIst Wachstum zukunftsf\u00e4hig\u201c, also den Theorien zu \u201edegrowth\u201c oder zu einem \u201ePostwachstum\u201c \u2013 die aktuelle wissenschaftliche Literatur nicht oder nur unzureichend kenne. Und aktuell, wegen anderer Engagements, so bei den Themen Krieg\/Frieden und Verkehr\/Bahn auch keine Zeit finden werde, mich hier ausreichend einzuarbeiten. Das wollten diejenigen, die f\u00fcr die heutige Vorlesung die logistische Verantwortung tragen, nicht als Entschuldigung akzeptieren. Also sage ich: selbst schuld!<\/li><li>Der urspr\u00fcnglich gew\u00e4hlte Titel f\u00fcr diesen Teil der Ringvorlesung ist verk\u00fcrzt \u2013 wurde von mir verk\u00fcrzt Euch nach Hamburg \u00fcberstellt. Zu behaupten, \u201eMarxismus <em>war schon immer<\/em> Wachstumskritik\u201c klingt zum einen arrogant; rechthaberisch. Zum anderen ignoriert es die F\u00fclle von marxistischer \u00f6konomischer Literatur, in der Wachstumskritik keine Rolle spielt. Das gilt teilweise auch f\u00fcr mich, der ich eine Reihe B\u00fccher zum Thema Krise, Weltwirtschaft und Globalisierung schrieb, in denen Wachstumskritik keine gr\u00f6\u00dfere Rolle spielt. Erg\u00e4nzt werden muss hier jedoch: Auf einem Gebiet trage ich seit mehr als drei\u00dfig Jahren eine inhaltlich abgesicherte marxistische Wachstumskritik \u201evor. Und das ist das Gebiet der Mobilit\u00e4t oder die Kritik der Autogesellschaft. Was unter anderem zu meinen Engagement f\u00fcr eine B\u00fcrgerbahn und eine Fl\u00e4chenbahn beitrug beziehungsweise zur Kritik an den zerst\u00f6rerischen Bahnprojekten, wie wir es im Fall des Monsterprojekts Stuttgart 21 erleben, wie wir es hier in Hamburg mit der geplanten Aufl\u00f6sung des Bahnhofs Hamburg-Altona als Fernbahnhof und dessen Verlegung an den Rand dieses Stadtteils, nach Diebsteich vor uns haben. Insofern freue ich mich, dass heute Abend Vertreter der bewundernswert engagierten Initiative \u201ePrellbock Altona\u201c anwesend sind.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Der <em>bessere<\/em> Titel dieser heutigen Lesung lautet demnach: \u201eMarxismus war urspr\u00fcnglich nicht zuletzt Wachstumskritik\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Quod erat demonstrandum \u2013 Was in meinem Referat zu beweisen w\u00e4re. Was ich jedoch als Bonbon f\u00fcr den Schluss beiseitelege.<\/p>\n\n\n\n<ol type=\"1\"><li><strong><em>Einleitung &#8211; Literatur<\/em><\/strong><\/li><\/ol>\n\n\n\n<p>Es ist auffallend, dass vor einigen Jahrzehnten gro\u00dfe b\u00fcrgerliche \u00d6konomen davon ausgingen, dass der Kapitalismus endlich sein w\u00fcrde. Und dass sie diese Einsicht durchaus damit in Verbindung brachten, dass die dem Kapital innewohnende Logik \u2013 unter anderem die Logik des Wachstumszwangs, der in \u00dcberakkumulation und in gro\u00dfen Krisen m\u00fcndet \u2013 dieses Ende nahelegen w\u00fcrde. So schrieb Josef A.&nbsp; Schumpeter:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs kann durchaus eine Situation eintreten, in der den meisten Menschen eine umfassende Planung als das kleinste aller m\u00f6glichen \u00dcbel erscheinen wird. Sie werden daf\u00fcr sicherlich nicht die Bezeichnung Sozialismus oder Kommunismus gebrauchen, und sie werden vermutlich einige Ausnahmen f\u00fcr den Farmer, den Einzelh\u00e4ndler und den kleinen Produzenten machen. Unter diesen Umst\u00e4nden kann es dazu kommen, dass der Kapitalismus als eine Wertordnung, ein Lebensstil und eine Kulturform keinen Einsatz mehr verlohnt. [\u2026] Marx irrte in seiner Diagnose der Art und Weise, in welcher die kapitalistische Gesellschaft zusammenbrechen w\u00fcrde; er irrte nicht in der Vorhersage, dass sie schlie\u00dflich zusammenbrechen werde.\u201c<a href=\"#_ftn2\" id=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich spielten bei dieser Aussage des gro\u00dfen Theoretikers des privaten Unternehmergeistes und der \u201esch\u00f6pferischen Zerst\u00f6rung\u201c durch Unternehmert\u00e4tigkeit, die er im Kapitalismus als durchaus kreativ-wirkend einsch\u00e4tzte<a href=\"#_ftn3\" id=\"_ftnref3\">[3]<\/a>, die Weltwirtschaftskrise 1929-1933 und der Zweite Weltkrieg eine wichtige Rolle. Wobei Schumpeter Vergleichbares auch bereits vor dem Krieg kundtat.<a href=\"#_ftn4\" id=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Letzten Endes war es aber die weitreichende wissenschaftliche Durchdringung der Kapitalverh\u00e4ltnisse, dokumentiert in den zwei B\u00e4nden \u201eKonjunkturzyklen\u201c, die diesen gro\u00dfen B\u00fcrgerlichen zu diesen Erkenntnissen brachte.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei war die Einsicht in die Endlichkeit des Kapitals nicht auf Schumpeter beschr\u00e4nkt. Der gr\u00f6\u00dfte deutsche National\u00f6konom des vorletzten und fr\u00fchen letzten Jahrhunderts, Werner Sombart, berichtete \u00fcber ein Gespr\u00e4ch, das er mit dem Soziologen und \u00d6konom Max Weber f\u00fchrte wie folgt:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAls ich einmal mit Max Weber \u00fcber die Zukunftsaussichten sprach und wir die Frage aufwarfen: wann wohl der Hexensabbat ein Ende nehmen w\u00fcrde, den die Menschheit in den kapitalistischen L\u00e4ndern seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts auff\u00fchrt, antwortete er: \u00b4Wenn die letzte Tonne Erz mit der letzten Tonne Kohle verh\u00fcttet sein wird.\u00b4\u201c<a href=\"#_ftn5\" id=\"_ftnref5\">[5]<\/a>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das Interessante an diesem letzten Zitat \u2013 genauer: am Zitat im Zitat \u2013 ist der Umstand, dass Weber hier das Ende des Hexensabbat-Kapitalismus in einen direkten Zusammenhang mit dem Ressourcenverbrauch brachte.<\/p>\n\n\n\n<p>Womit er, wenn das nicht nur so dahingesagt war, ein fr\u00fcher Kapitalismuskritiker auf Basis der Einsicht in dessen Tendenz zur Zerst\u00f6rung der nat\u00fcrlichen Grundlagen war.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute ist eine solche Kapitalismuskritik im b\u00fcrgerlichen Lager so gut wie nicht mehr vertreten. Der Kapitalismus wird als gegeben, als \u201eEnde der Geschichte\u201c (Francis Fukuyama), als einzig m\u00f6gliches Wirtschaftsmodell vorgestellt. Dies ist eigentlich verbl\u00fcffend, weil das Zerst\u00f6rerische dieses Wirtschaftsmodells noch nie so deutlich hervortrat wie in unserer Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch im linken \u2013 und marxistischen \u2013 Lager gibt es erst seit j\u00fcngerer Zeit eine verbreitete Kapitalismuskritik, die die Zerst\u00f6rung von Umwelt, der menschlichen und nat\u00fcrlichen Lebensgrundlagen und die Klimaerw\u00e4rmung in das Zentrum stellt. Und damit zugleich einen R\u00fcckgriff auf die erw\u00e4hnte urspr\u00fcngliche marxistische Wachstumskritik vornimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein pers\u00f6nlicher Mentor, Freund und in vieler Beziehung auch Vorbild als Mensch und Wissenschaftler, der belgisch-j\u00fcdische \u00d6konom Ernst Mandel, greift in seinen beiden Standardwerken \u201eMarxistische Wirtschaftstheorie\u201c und \u201eDer Sp\u00e4tkapitalismus\u201c das Thema Wachstumskritik nicht auf.<a href=\"#_ftn6\" id=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Vergleichbares gilt f\u00fcr das breite Spektrum der Vertreterinnen und Vertreter der Theorie eines \u201eStaatsmonopolistischen Kapitalismus\u201c \u2013 Stamokap \u2013, die in den sp\u00e4ten 1960er bis in die fr\u00fchen 1980er Jahre hinein einen gr\u00f6\u00dferen Teil der linken und der marxistischen Wirtschaftstheorie pr\u00e4gten. Erst recht gilt dies f\u00fcr den orthodoxen Marxismus, wie er in der Sowjetunion ab den 1930er Jahren und in der DDR ab den 1950er Jahren vertreten wurde. Der Begriff \u201eTonnenideologie\u201c, der in diesem Zusammenhang oft erw\u00e4hnt wird, ist bezeichnend: Wohlstand und Fortschritt wurde in erster Linie quantitativ, in Wachstum von Produktion und Konsum, gemessen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine bewundernswerte Ausnahme macht Rosa Luxemburg, die hierzulande meist \u201enur\u201c als Revolution\u00e4rin und M\u00e4rtyrerin der Novemberrevolution gesehen wird. Die Frau war vor allem auch eine gro\u00dfartige \u00d6konomin und ihr Satz \u201eSozialismus oder Barbarei\u201c resultiert aus einer Kritik an der Entwicklungsdynamik des Kapitalismus, darunter einer Wachstumskritik und einer Analyse des Militarismus, den sie als Resultat des Akkumulationstriebs erkennt. Darauf wird zur\u00fcckzukommen sein.<\/p>\n\n\n\n<p>1997 machte das Buch von Viviane Forrester \u201eDer Terror der \u00d6konomie\u201c weltweit Furore.<a href=\"#_ftn7\" id=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Diese Schrift beschreibt in aufr\u00fcttelnder Weise Ergebnisse der kapitalistischen Produktionsweise wie Armut, Ausbeutung, Abbau von Sozialstaat usw. Doch auch hier findet sich kein Wort zur Kritik des Wachstumszwangs \u2013 und auch keine Analyse der inneren Triebkr\u00e4fte der kapitalistischen Gesellschaft, die diese emp\u00f6renden Zust\u00e4nde hervorrufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe mal davon aus, dass ihr in dieser Ringvorlesung systematischer dazu geforscht habt, bei welchem Autor oder bei welcher Autorin es eine fundierte, marxistisch oder zumindest \u201eallgemein links\u201c begr\u00fcndete Wachstumskritik gab. In meinem sicher diesbez\u00fcglich willk\u00fcrlich best\u00fcckten B\u00fccherregal stie\u00df ich gestern, v\u00f6llig \u00fcberraschend, auf eine Schrift, bei der ich Vergleichbares nicht erwartet h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Christian von Ditfurth ver\u00f6ffentlichte 1995 ein Buch mit dem programmatischen Titel \u201eWachstumswahn\u201c.<a href=\"#_ftn8\" id=\"_ftnref8\">[8]<\/a> In diesem Buch schreibt er unter der Kapitel\u00fcberschrift \u201eEin zerst\u00f6rerisches Prinzip\u201c:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie Erde ist ein geschlossenes System, sieht man einmal von der Sonneneinstrahlung ab. Gem\u00e4\u00df dem ersten Gesetz der Thermodynamik gehen im Produktionsprozess, in dem Materie und Energie umgewandelt werden, Materie und Energie nicht verloren. Das zweite Gesetz der Thermodynamik erkl\u00e4rt jedoch, dass bei dieser Umwandlung der Anteil nicht mehr nutzbarer Energie und Materie fortlaufend zunimmt, oder auf fachchinesisch, die Entropie&nbsp; w\u00e4chst, und im gleichen Ma\u00df schrumpft der Vorrat an niedriger Entropie. Entropie nennen die Physiker das Ma\u00df der nicht verf\u00fcgbaren Energie in einem geschlossenen System. Der Bau eines Autos oder einer Waschmaschine verringert demnach die M\u00f6glichkeit k\u00fcnftiger Bed\u00fcrfnisbefriedigung.. Wird die Produktion ausgeweitet, w\u00e4chst die Entropie also, ger\u00e4t die Natur \u00fcber kurz oder lang an die Grenze ihrer Belastbarkeit. Entropie steht demnach nicht einfach f\u00fcr Abfallproduktion, sondern sie ist in den Worten des Schweizer Publizisten Jean Robert der \u00b4zwangsl\u00e4ufige Ausdruck eines zerst\u00f6rerischen Prinzips, von dem die Produktion lebt und das zugleich ihr Ende bedeutet.\u00b4 Naturwissenschaftlich betrachtet ist Produktion nichts anderes als Steigerung der Entropie und damit Raubbau an der Natur.\u201c<a href=\"#_ftn9\" id=\"_ftnref9\">[9]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Ich wiederhole: Gut m\u00f6glich, dass das ein Zufallsfund ist \u2013 und dass ihr fr\u00fchere, bessere Belege f\u00fcr fundierte, linke Wachstumskritik parat habt. Ich jedenfalls finde diese vor einem Vierteljahrhundert formulierte linke Wachstumskritik erstaunlich pr\u00e4zise. Wobei mich mit dem Mann etwas verbindet: Christian war 1986 und 1992 im Verlag Rasch und R\u00f6hring Lektor \u2013 und er korrigierte und lektorierte mein dort 1986 und 1992 erschienenes Buch \u201eEisenbahn und Autowahn\u201c streng und daher auch gut.<a href=\"#_ftn10\" id=\"_ftnref10\">[10]<\/a><\/p>\n\n\n\n<ol type=\"1\" start=\"2\"><li><strong><em>Wachstumszwang und Wachstumsfetischismus<\/em><\/strong><\/li><\/ol>\n\n\n\n<p>In den meisten j\u00fcngeren \u2013 auch von linker Seite verfassten \u2013 Beschreibungen der Wachstumskritik verbleibt diese an der Oberfl\u00e4che. Oder sie wird einer spezifischen Form des Kapitalismus, so dem \u201eTurbokapitalismus\u201c oder dem \u201eFinanzkapitalismus\u201c zugeschrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>So finden sich in dem Buch von Naomi Klein \u201eDie Entscheidung Kapitalismus versus Klima\u201c Hunderte \u00fcberzeugende Fakten zur Zerst\u00f6rungskraft, die im Kapitalismus gegen\u00fcber Mensch, Umwelt und Natur zur Anwendung kommt. Letzten Endes sieht die Autorin jedoch eine <em>spezifische<\/em> Ausformung des Kapitalismus, wenn nicht eine Deformierung der Marktwirtschaft, als urs\u00e4chlich. Sie bezeichnet den \u201eMarktfundamentalismus\u201c als Ursache daf\u00fcr, \u201edass der Planet aufgeheizt wird.\u201c<a href=\"#_ftn11\" id=\"_ftnref11\">[11]<\/a> Auch in der popul\u00e4ren Globalisierungskritik, wie sie beispielsweise von Harald Schumann und Christiane Grefe \u00fcberzeugend vorgetragen wird, sind Wachstumszwang bzw. Kritik der immanenten Wachstumsdynamik kein Thema. Auch hier wird die im Detail hervorragende Kritik an den \u00dcbeln der Globalisierung als Resultat&nbsp; eines ungez\u00fcgelten, vor allem von den USA gepr\u00e4gten und \u201eFinanzmarkt getriebenen\u201c Kapitalismus gesehen, dem dann die Vision eines \u201evereinten Europas\u201c entgegengesetzt wird, dem \u201eimmer mehr die Aufgabe (zuw\u00e4chst), die globale Kooperation gegen die heraufziehenden Weltkrisen voranzutreiben.\u201c<a href=\"#_ftn12\" id=\"_ftnref12\">[12]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich muss man tiefer \u2013 radikal \u2013 graben, also an die Wurzeln gehen. Karl Marx sah diesen zerst\u00f6rerischen Wachstumszwang als Grundtendenz <em>im Kapital selbst<\/em> verankert. Er schrieb in den \u201eGrundrissen\u201c:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEine Bedingung der auf dem Kapital basierten Produktion ist [\u2026] die Produktion eines stets erweiterten Zirkels der Zirkulation. [\u2026] Die Tendenz den Weltmarkt zu schaffen ist unmittelbar im Begriff des Kapitals selbst gegeben. Jede Grenze erscheint als zu \u00fcberwindende Schranke. Zun\u00e4chst jedes Moment der Produktion selbst dem Austausch zu unterwerfen und das Produzieren von unmittelbaren, nicht in den Austausch eingehenden Gebrauchswerten aufzuheben, das hei\u00dft eben auf dem Kapital basierte Produktion an die Stelle fr\u00fcherer, von seinem Standpunkt aus naturw\u00fcchsiger Produktionsweisen zu setzen.\u201c<a href=\"#_ftn13\" id=\"_ftnref13\">[13]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Wachstumszwang, der dem Kapital inh\u00e4rent ist, findet bei meiner, vielleicht eigenwilligen Z\u00e4hlweise auf <em>f\u00fcnf Ebenen <\/em>statt.<\/p>\n\n\n\n<p>Da gibt es zun\u00e4chst \u2013 als <em>erstes<\/em> \u2013 den Wachstumszwang, wie er dem <em>einzelnen <\/em>Kapital \u2013 einem kleinen oder gr\u00f6\u00dferen Unternehmen \u2013 inne wohnt. W\u00e4chst das Unternehmen nicht, stagniert es oder sind seine Produktion oder der Umfang seiner Dienstleistungen gar r\u00fcckl\u00e4ufig, so wird es untergehen. Es muss Pleite, Konkurs, anmelden. Teilweise wird aus dieser In-Konkurs-Gehen-Tendenz dann noch ein eigenes Gesch\u00e4ft gemacht. So wenn in den USA und zunehmend auch in Westeuropa sich der entsprechende Pleite-Betrieb unter einen Schutz-Paragrafen fl\u00fcchten, seine vertraglich eingegangenen Bedingungen, beispielsweise den Gewerkschaften und der Belegschaft gegen\u00fcber, sprengen \u2013 also beispielsweise L\u00f6hne und Geh\u00e4lter \u201evertragswidrig\u201c senken kann \u2013 um dann auf dieser Basis einen neuen Versuch mit neu eingegangenem Wachstumszwang zu unternehmen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Zweitens<\/em> gibt es einen Wachstumszwang <em>in geographischer Hinsicht<\/em>. Im Kapitalismus versuchen die Unternehmen einen m\u00f6glichst gro\u00dfen Markt zu beherrschen, sei es als einzelne Kapitalien und Konzerne, sei es in Gruppen und Kartellen. Ist der Binnenmarkt allzu klein oder bereits von anderen Kapitaleinheiten erobert, so schreitet das geographische Wachstum \u00fcber die nationalen Schranken hinweg, wird zum regionalen, kontinentalen Wachstumszwang &#8211;&nbsp; was seinen vorl\u00e4ufigen Endpunkt in Kolonien und im Weltmarkt findet. Seit drei Jahrzehnten ist dann von Globalisierung die Rede.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine <em>dritte <\/em>Ebene des Wachstumszwangs sehe ich darin, dass das private Kapital <em>in Sektoren eindringt, die bis dahin zum allgemein-\u00f6ffentlichen Bereich <\/em>z\u00e4hlten: Sektoren wie Gesundheit, Altersversorgung, Renten, Ausbildung, Universit\u00e4ten, Kultur, Gef\u00e4ngnisse usw. werden der Kontrolle des Kapitals unterworfen. Dieser Prozess wird dann mit der Zielsetzung \u201eschlanker Staat\u201c idealisiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine <em>vierte<\/em> Ebene ist die \u201eInwertsetzung von Natur\u201c: G\u00fcter, die bis dahin als nat\u00fcrliche, als frei verf\u00fcgbare, galten, werden unter privatkapitalistische Kontrolle gebracht: Wasser ist nicht mehr gratis, sondern wird verknappt und teuer. Str\u00e4nde sind nicht mehr frei zug\u00e4nglich, sondern werden zum Teil der \u201eFreizeitindustrie\u201c oder eines kapitalistischen Tourismus-Sektor. Auch gute Luft kostet \u2013 indem zun\u00e4chst die Luft in st\u00e4dtischen Ballungsgebieten vergiftet wird und dann die Bodenpreise im Umland, wo die Luftqualit\u00e4t eine deutlich bessere ist, entsprechend ansteigen und das Dort-Wohnen \u2013 sei es im Eigenheim, sei es zur Miete \u2013 entsprechend h\u00f6her verzinst wird. Hierzu z\u00e4hlen auch die b\u00e4uerlichen Kleinwirtschaften, die f\u00fcr den Eigenbedarf arbeiteten. Eine besonders absto\u00dfende Form dieser Inwertsetzung von Natur ist der seit rund 15 Jahren existierende kapitalistische Gesch\u00e4ftszweig der Leihmutterschaft: Inzwischen \u201earbeiten\u201c weltweit gesch\u00e4tzt mehr als 100.000 Frauen, bevorzugt in Regionen des globalen S\u00fcdens oder in anderen Niedriglohnl\u00e4ndern in der Form, dass sie ihren K\u00f6rper als Leihmutter f\u00fcr jeweils neun Monate zur Verf\u00fcgung stellen (und dabei je erfolgreiche Schwangerschaft mit wenigen Tausend US-Dollar in Indien bzw. mit bis zu 25.000 US-Dollar in der Ukraine entlohnt werden). Same und Ei kommen in der Regel von einem Mann und einer Frau mit h\u00f6heren Einkommen, \u00fcberwiegend sind die Menschen aus Nordamerika, China und Westeuropa. Der Staat, in dem die Leihmutter lebt, gew\u00e4hrleistet, dass in der Geburtsurkunde der Name der Frau, die das Kind austrug, nicht auftaucht und nur die Eisspenderin aufgef\u00fchrt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine gro\u00dfe Rolle bei dieser Form des Wachstumszwangs, der Inwertsetzung von Natur, spielen die hunderte Millionen b\u00e4uerliche Subsistenzwirtschaften \u2013 das, was im obigen Marz-Zitat als \u201enaturw\u00fcchsige Produktionsweise\u201c bezeichnet wurde. Diese werden insbesondere im Rahmen der Globalisierung \u2013 beispielsweise durch Landgrabbing oder durch die \u201eMikrokredit-Wirtschaft\u201c \u2013 unter kapitalistische Kontrolle gebracht. Sie werden damit ebenfalls \u201einwertgesetzt\u201c, dem kapitalistischen Wertgesetz und der Verwertung von Kaptal unterworfen. Dabei spielt in j\u00fcngerer Zeit die Gentechnik eine entscheidende Rolle. Die \u201egentechnisch ver\u00e4nderte Pflanze ist f\u00fcr die Kosmokraten eine Quelle astronomischer Gewinne\u201c, schreibt Jean Ziegler, wobei f\u00fcr ihn Kosmokraten die Vertreter der global agierenden Konzerne sind: \u201eDie Entdeckung und Verbreitung gentechnisch ver\u00e4nderter Organismen ist dann die Verwirklichung eines alten Traums der Kapitalisten: des Traums, die unlautere Konkurrenz des Lebendigen zu eliminieren. Die Natur, das Leben produziert und reproduziert kostenlos Pflanzen, Menschen, Nahrung, Luft, Wasser und Licht. F\u00fcr den Kapitalisten ist dies ein unertr\u00e4glicher Sachverhalt. F\u00fcr ihn kann es keine \u00f6ffentlichen G\u00fcter im strengen Sinn des Wortes geben. Die Kostenlosigkeit ist ihm ein Gr\u00e4uel.\u201c<a id=\"_ftnref14\" href=\"#_ftn14\">[14]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><em>F\u00fcnftens<\/em> gibt es den Zwang zum <em>direkt zerst\u00f6rerischen Wachstum<\/em>, zum Wachstum von <em>R\u00fcstungsproduktion, zur verst\u00e4rkten Kriegstreiberei und zum Kampf um die Hegemonie auf dem Weltmarkt<\/em>. Die Anlage von Kapital im R\u00fcstungssektor ist zun\u00e4chst eines von vielen Feldern der Kapitalanlage. Die Bedeutung dieses Sektors und seine Entwicklung zu einem \u201emilit\u00e4risch-industriellen Komplex w\u00e4chst allerdings im Rahmen der Entwicklung des Kapitalismus zu Imperialismus und zur kapitalistischer Globalisierung. Der R\u00fcstungsbranche kommt heute einerseits in Zeiten erschwerter M\u00f6glichkeiten einer gewinnbringenden Kapitalanlage in den produktiven Bereichen eine Ventilfunktion zu; \u00e4hnlich der Spekulation dient dieser Sektor auch dazu, die st\u00e4ndig wiederkehrende \u00dcberakkumulation teilweise aufzufangen. Gleichzeitig dient die Hochr\u00fcstung dazu, die Fortsetzung der Weltmarktkonkurrenz mit anderen Mitteln zu untersetzen: Wirtschaftskonkurrenz wird zum Krieg. Dazu schrieb Rosa Luxemburg: \u201eDie geschichtlichen Notwendigkeiten der versch\u00e4rften Weltkonkurrenz des Kapitals und seine Akkumulationsbedingungen verwandeln sich so f\u00fcr das Kapital selbst in ein erstklassiges Akkumulationsfeld.[\u2026] Je gewaltt\u00e4tiger das Kapital vermittelst des Militarismus drau\u00dfen in der Welt wie bei sich daheim [\u2026] die Existenzbedingungen aller arbeitenden Schichten herabdr\u00fcckt, umso mehr verwandelt sich die Tagesgeschichte der Kapitalakkumulation auf der Weltb\u00fchne in eine fortlaufende Kette politischer und sozialer Katastrophen und Konvulsionen, die zusammen mit den wirtschaftlichen Katastrophen in Gestalt der Krisen die Fortsetzung der Akkumulation zur Unm\u00f6glichkeit, die Rebellion gegen die Kapitalherrschaft zur Notwendigkeit machen werden.\u201c<a href=\"#_ftn15\" id=\"_ftnref15\">[15]<\/a>&nbsp; &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auf das Thema Hegemonie, R\u00fcstung und Krieg wird in einem kleinen Rekurs zum Ukraine-Krieg zur\u00fcckzukommen sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese f\u00fcnf Ebenen des Wachstumszwang sind aber alle, das sei nochmals betont, <em>letzten Endes aus dem Kapital selbst abgeleitet<\/em> \u2013 sind Resultat der Tatsache, dass im Kapitalismus ausschlie\u00dflich der Wert, der Tauschwert und der Profit z\u00e4hlen, und dass die Gebrauchswerte, das, was die Produktion f\u00fcr die Menschen und ihre Lebensqualit\u00e4t bedeuten, sekund\u00e4r sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Das brachte kein Geringerer als die Nazi-Gr\u00f6\u00dfe Hermann G\u00f6ring auf den Punkt. Dieser veranstaltete am 8. Juli 1938 eine Veranstaltung mit Autobossen, in denen er diesen den kommenden Krieg erkl\u00e4rte und sie aufforderte, umgehend die gesamte Produktion auf R\u00fcstung \u2013 unter anderem Flugzeugbau \u2013 umzustellen. Er f\u00fcgte dann hinzu:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas meine Herren, bedeutet das alles, wenn sie dann eines Tages anstelle von Flugzeugen Nachtt\u00f6pfe machen. Das ist doch einerlei.\u201c<a href=\"#_ftn16\" id=\"_ftnref16\">[16]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Das war etwas platt formuliert und damit leicht nachzuvollziehen f\u00fcr die dort im Geheimen versammelten Herren von Daimler, BMW, MAN und andere. Jedenfalls waren sie danach in der Lage, binnen weniger Monate die Produktion zu mehr als 90 Prozent auf R\u00fcstung umzustellen \u2013 in diese Richtung wird die M\u00f6glichkeit der \u201eKonversion\u201c auch seitens der Kapitaleigner immer wieder dokumentiert. Schlie\u00dflich, so Rosa Luxemburg, ist es \u201ef\u00fcr den Einzelkapitalisten v\u00f6llig gleichg\u00fcltig, ob er Lebensmittel oder Todesmittel, Fleischkonserven oder Panzerplatten produziert.\u201c<a href=\"#_ftn17\" id=\"_ftnref17\">[17]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Der Wachstumsfetischismus und die ausschlie\u00dfliche Betrachtung der Wirtschaft und der Gesellschaft unter dem Aspekt der Verwertung f\u00fchren zu einer inhumanen Sicht auf Mensch und Natur. Elmar Altvater beschrieb dies wie folgt:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie Entbettung der \u00d6konomie aus der Gesellschaft [\u2026] und deren theoretischer Reflex einer mathematisierten und formalisierten leblosen \u00d6konomie ohne gesellschaftstheoretische Fundierung haben zur Folge, dass die reale kapitalistische \u00d6konomie als eine gesellschaftliche Veranstaltung nicht mehr begriffen werden kann.\u201c<a href=\"#_ftn18\" id=\"_ftnref18\">[18]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Wie absurd und direkt zerst\u00f6rerisch dieser Wachstumszwang ist, wird bereits mit der <em>Definition<\/em> von Wachstum deutlich. In der \u00d6ffentlichkeit ist der Begriff \u201eWachstum\u201c ja ausschlie\u00dflich positiv besetzt. Die Tatsache, dass Wachstum von Abfall, Wachstum der Zahl der im Stra\u00dfenverkehr Schwerverletzten oder das Wachstum von Krankheiten ein wichtiger Bestandteil des statistischen Wachstumsbegriffs ist, wird dabei ausgeblendet. Doch eben diese Werte gehen in den statistischen Begriff des Bruttosozialprodukts oder des Bruttoinlandsprodukts ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein banales und praktisches Beispiel ist die Verpackungswirtschaft. Als ich ein Kindergartenkind und dann ein Schuljunge war, musste ich mehrmals in der Woche mit einer aluminium-blechernen Milchkanne zur \u201eMilchfrau\u201c zum Milch-Einkaufen gehen. Dort gab es einen gro\u00dfen Milchtank, von dem aus Milch in \u201eunsere\u201c einigerma\u00dfen zerbeulte Milchkanne gepumpt wurde. Als ich in Freiburg und sp\u00e4ter in Westberlin studierte, wurde die Milch \u00fcberwiegend in gl\u00e4sernen Milchflachen gekauft; auf diesen lag ein ausreichend hohes Pfand, sodass diese Flaschen zu mehr als 95 Prozent zur\u00fcckgebracht und mindestens ein dutzend Mal in der Molkerei neu bef\u00fcllt wurden. Inzwischen gibt es Milch fast nur noch in Tetrapackt\u00fcten oder anderen Einwegbeh\u00e4ltnissen. Vergleichbares gilt f\u00fcr Bier und Mineralwasser. Besonders fatal sind dabei Aluminium-Dosen, in denen man beispielsweise Red Bull kaufen und sogar trinken kann. Danach gilt: ex und hopp. Eine ganze Reihe von L\u00e4ndern, so Italien, kennen \u00fcberhaupt keine Pfandflaschen mehr \u2013 alle Getr\u00e4nke werden in Einweggebinden, die fast immer aus Plastik bestehen, vertrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Allein dieser Prozess der Umwandlung von wiederverwertbaren Beh\u00e4ltnissen in Einmalverpackungen&nbsp; hat der kapitalistischen Wirtschaft ein enormes Wachstum und die Schaffung einer gewaltigen neuen Branche, der Verpackungsindustrie, beschert. Dem damaligen gr\u00fcnen Politiker J\u00fcrgen Trittin ist dieser junge Industriezweig beispielsweise zu tiefem Dank verpflichtet, das er als Umweltminister in den Nuller Jahren das Ja-Wort f\u00fcr die Pet-Flasche erteilte. Damit wurde die Pfandflasche definitiv ins Abseits gedr\u00e4ngt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass diese Art des Wachstums von Verpackungen die Menschen bereichert und deren Lebensqualit\u00e4t erh\u00f6ht h\u00e4tte, ist nicht zu erkennen. Und ganz ohne Zweifel tr\u00e4gt sie dazu bei, die Umwelt zu belasten, den fossilen Komplex zu st\u00e4rken \u2013 ein gro\u00dfer Teil der Verpackungsindustrie ist Teil des \u00d6l-Gas-Komplexes \u2013 und die Klimaerhitzung zu beschleunigen.<\/p>\n\n\n\n<ol type=\"1\" start=\"3\"><li><strong><em>Greenwashing<\/em><\/strong><\/li><\/ol>\n\n\n\n<p>Nun hat sich die Kritik an dieser Form des Wachstumszwangs ja herumgesprochen. Mit dem Entstehen einer \u00f6kologischen Bewegung und mit dem Aufstieg der Gr\u00fcnen als Partei wurde die Kritik an diesem spezifischen Wachstum modisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch das Kapital w\u00e4re nicht das Kapital, w\u00fcrde nicht versucht werden, dieser Kritik den Stachel zu nehmen und Antworten zu pr\u00e4sentieren, die selbst wiederum zum neuen Gesch\u00e4ftszweig mit Wachstumszwang w\u00fcrden. M\u00f6glich wird dies, indem als Wachstumszwang etwas \u00c4u\u00dferliches definiert und nicht davon ausgegangen wird, dass dieser Zwang dem Kapital selbst innewohnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu zwei Beispiele.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn in diesen Tagen die Fu\u00dfball-Weltmeisterschaft in Katar er\u00f6ffnet wird, dann gibt es zwar die berechtigte Kritik an dem Tod Tausender nepalesischer und pakistanischer Vertragsarbeiter, die die Stadien geschaffen haben. Und es gibt die Kritik an den \u201eviel zu hohen Kosten\u201c dieser WM; 200 Milliarden Euro oder das Zehnfache einer \u201enormalen\u201c Fu\u00dfballweltmeisterschaft.&nbsp; Und \u2013 nat\u00fcrlich und absolut berechtigt \u2013 gibt es die Kritik an der Frauenfeindlichkeit und dem Schwulenhass, von denen das katarische Gesellschaftssystem charakterisiert ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig gelingt es den Herrschern in Katar in diesen Tagen jedoch, ihre Vision von \u201eGreen Cities\u201c zu pr\u00e4sentieren: von einem St\u00e4dtebau, der energetisch und klimapolitisch akzeptabel, wenn nicht vorbildlich sei. Wobei dieses Modell der \u201eGreen City\u201c auch in vielen anderen Schwellenl\u00e4ndern umgesetzt wird \u2013 beispielsweise mit der neuen Verwaltungshauptstadt in \u00c4gypten. Tats\u00e4chlich sind diese neuen \u201egr\u00fcnen Mega-St\u00e4dte\u201c bereits im reinen \u201eBetrieb\u201c extrem klimabelastend. Wird dabei dann noch der Bau mit den gigantischen Massen an Beton und Stahlverbrauch ber\u00fccksichtigt und wird der Lebenszeit von diesen Bauten \u2013 die bei maximal 40 Jahren liegt \u2013 Rechnung getragen, werden also diese Kosten inkorporiert in die volkswirtschaftliche Rechnung und in das Klima-Budget, so handelt es sich hier um extrem klimabelastende Monster-St\u00e4dte. Wof\u00fcr die Kataris allerdings nicht allein verantwortlich sind: Es sind in erster Linie westliche Konzerne wie Hochtief, Vinci oder Deutsche Bahn, die sich an diesen Projekten tausende goldene Nasen verdient haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein <em>zweites<\/em> Beispiel ist das <em>Elektroauto<\/em>. Offiziell hat sich diese Form des Greenwashings der Weltautobranche durchgesetzt: Man tauscht in der Theorie den Antriebsstrang, der mit fossiler Energie \u2013 mit Benzin oder Diesel oder Gas \u2013 gef\u00fcttert werden muss \u2013 aus. Und f\u00e4hrt zuk\u00fcnftig mit Batterie-Pkw und mit \u201egr\u00fcnem Strom\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Art des Greenwashings finde ich, der ich seit sp\u00e4testens 1985 eine umfassende Kritik an der Autogesellschaft vortrage, dreifach pervers. Zun\u00e4chst einmal ist f\u00fcr jeden ersichtlich, dass fr\u00fchestens 2030 und allein m\u00f6glicherweise in Westeuropa, Nordamerika und China keine Pkw mit Verbrennermotoren mehr <em>neu zugelassen<\/em> werden. Da die Lebensdauer eines Pkw bei mindestens 12 Jahren liegt, hei\u00dft das, dass selbst in diesen drei Regionen noch Mitte der 2040er Jahren hunderte Millionen Verbrenner-Pkw herumkurven. In dem gr\u00f6\u00dferen Rest der Welt wird dies noch bis in die 2060er Jahre hinein der Fall sein. Aktuell gibt es eine Welt-Pkw-Flotte von 1,2 Milliarden Einheiten, die zu 96 Prozent aus Verbrenner-Pkw besteht. Selbst in diesem Jahr 2022 liegt in Deutschland der Anteil von Batterie-Autos bei den Zulassungen bei weniger als 5 Prozent.<a href=\"#_ftn19\" id=\"_ftnref19\">[19]<\/a> Ich habe mehrfach vorgerechnet, dass wir beim absehbaren Trend der Weltmotorisierung 2030 eine Pkw-Weltflotte von mindestens 1,7 Milliarden Einheiten haben werden, von denen dann rund 1,4 Milliarden Verbrenner-Pkw und zus\u00e4tzlich obendrauf 300 Millionen Elektro-Pkw sein werden. Das hei\u00dft: Selbst die Verbrenner-Pkw-Flotte ist 2030 deutlich gr\u00f6\u00dfer als heute.<a href=\"#_ftn20\" id=\"_ftnref20\">[20]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><em>Zweitens<\/em> ist diese Art Elektromobilit\u00e4t pervers, weil die konkrete Modellpolitik bei den E-Pkw eine <em>Verl\u00e4ngerung<\/em> der Pkw-Modell-Entwicklung seit den letzten 75 Jahren darstellt: die Autos werden immer gr\u00f6\u00dfer und schwerer. Der VW-K\u00e4fer aus den 1950er und fr\u00fchen 1960er Jahren hatte ein Gewicht von 700 \u2013 750 Kilogramm. Der Golf der ersten Generation erreichte eine Tonne. Der j\u00fcngste Golf VIII bringt bereits 1,4 Tonnen auf die Waage. Und ein moderner E-Pkw von Audi, Porsche, Daimler oder Tesla hat in der Regel ein Gewicht nicht unter zwei Tonnen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Drittens<\/em> werden bei einem E-Pkw im Vergleich zu einem Verbrenner-Auto vor allem die Abh\u00e4ngigkeit von der knappen &nbsp;Ressource \u00d6l ausgetauscht gegen die Abh\u00e4ngigkeit von anderen knappen Rohstoffen \u2013 so von Kupfer, Lithium, Kobalt, seltenen Erden. Eine ehrliche Ber\u00fccksichtigung der klimasch\u00e4digenden Emissionen, die mit der F\u00f6rderung dieser Ressourcen und vor allem mit dem Bau der Batterie dieser Pkw verbunden sind, ergibt: Das durchschnittliche Elektroauto wird bis zum Jahr 2050 in der Summe mindestens so viele klimasch\u00e4dliche Emissionen haben wie ein Verbrenner Pkw. Und das, was es irgendwann an Einsparung je E-Pkw im Abgleich mit einem Verbrenner-Pkw geben k\u00f6nnte \u2013 dann wenn tats\u00e4chlich jeder Strom als weitgehend \u201egr\u00fcn\u201c bezeichnet werden kann, wird dann wettgemacht durch die Quantit\u00e4t: durch die nochmals gr\u00f6\u00dfere Summe aller Pkw weltweit.<\/p>\n\n\n\n<ol type=\"1\" start=\"4\"><li><strong><em>Aktuelle Situation<\/em><\/strong><\/li><\/ol>\n\n\n\n<p>Wir erleben derzeit eine Vielfachkrise, die auf allen Ebenen \u00fcberwiegend vom beschriebenen Wachstumswahn \u201eproduziert\u201c wird. In der Geschichte der Menschheit gab es noch nie das Zusammentreffen so vieler Krisen und noch nie eine solche Dimension des zerst\u00f6rerischen Potentials des Wachstumszwangs.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Macht- und Reichtumsproduktion. <\/em>Es gibt heute eine noch nie in der Menschheitsgeschichte dagewesene Zusammenballung von individuellem Reichtum, der zugleich mit Kapitalmacht kombiniert ist. Die NGO Oxfam schreibt:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eW\u00e4hrend der Pandemie konnten die zehn reichsten Milliard\u00e4re ihr Verm\u00f6gen auf insgesamt 1,5 Billionen Dollar verdoppeln. Gleichzeitig leben 163 Millionen Menschen wegen der Pandemie in Armut. [\u2026] Auch in Deutschland hat die Corona-Pandemie die Ungleichheit versch\u00e4rft: Das Verm\u00f6gen der 10 reichsten Personen ist seit Beginn der Pandemie von rund 144 Milliarden auf etwa 256 Milliarden US-Dollar gewachsen. Allein dieser Gewinn entspricht ann\u00e4hernd dem Gesamtverm\u00f6gen der \u00e4rmsten 40 Prozent, also von 33 Millionen Deutschen. W\u00e4hrenddessen erreicht die Armutsquote in Deutschland mit 16,1 Prozent einen H\u00f6chststand.\u201c<a href=\"#_ftn21\" id=\"_ftnref21\">[21]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Diese Reichen der Reichen, es sind zu 98 Prozent M\u00e4nner, gebieten \u00fcber Unternehmen, von denen Millionen Existenzen abh\u00e4ngig sind. Sie dirigieren einen Wachstumszwang, der mit enormen Zerst\u00f6rungen (Jeff Bezos mit Amazon) und mit dem beschriebenen Greenwashing (Elon Musk mit Tesla) verbunden ist.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Energiewende als Rolle r\u00fcckw\u00e4rts. <\/em>Noch vor zwei Jahren gab es zumindest auf EU-Ebene den Konsens, dass eine Energiewende hin zu erneuerbaren Energien allein eine Perspektive weisen w\u00fcrde. Dass diese auch keine rein-gr\u00fcnen Energien sind, sei hier dahin gestellt. Klar war jedoch, dass wir aus den fossilen Energien aussteigen m\u00fcssten und dass Atomenergie eine mit viel zu vielen Gefahren verbundene Energieproduktion sei, deren Abfallprodukte dar\u00fcber hinaus unkontrollierbar und f\u00fcr die menschliche Gesundheit fatal sind. Aktuell erleben wir das Gegenteil: Das problematische fossile Naturgas aus Russland wird ersetzt durch das wesentlich mehr das Klima sch\u00e4digende Fl\u00fcssiggas und dann noch durch das krass zerst\u00f6rerische Fracking-Gas. Steinkohle, Braunkohle und Atomstrom erleben einen neuen Boom. Die Gewinne der fossilistischen Konzerne waren noch nie so hoch wie 2022.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu sagen: Das sei aber alles ein Resultat des Ukraine-Kriegs, ist falsch. Es handelt sich hier um bewusste politische Entscheidungen f\u00fcr eine solche Rolle r\u00fcckw\u00e4rts hin zur St\u00e4rkung des fossilistischen&nbsp; Sektors. Mit dem Verweis auf diesen Krieg soll diese politische und \u00f6konomische Absicht nur verdeckt werden. Beweis: Gas und \u00d6l aus Russland flie\u00dfen nach Westdeutschland und nach Westeuropa seit Anfang der 1970er Jahre. Seitdem gab es ein gutes Dutzend Kriege und krasse F\u00e4lle von Menschenrechtsverletzungen, f\u00fcr die die Sowjetunion oder Russland wesentliche Verantwortung trugen. Ich erinnere an den Einmarsch der sowjetischen Armee in Afghanistan im Dezember 1979 und an den zehnj\u00e4hrigen Krieg dort, der mehr als einer Million Menschen das Leben kostete. Trotz hunderter Verurteilungen der Moskau zugeschriebenen Verantwortung u.a. f\u00fcr den Afghanistankrieg oder die Tschetschenien-Kriege kam kein deutscher Kanzler und keine deutsche Kanzlerin \u2013 nicht Helmut Schmidt, nicht Helmut Kohl, nicht Gerhard Schr\u00f6der, nicht Angela Merkel, und keine EU-Institution damals \u2013 also niemand der Oberen im gesamten Zeitraum 1975 bis 2021 \u2013 auf die Idee, man m\u00fcsse als Vergeltung f\u00fcr diese Taten die energiepolitische Zusammenarbeit mit der Sowjetunion respektive mit Russland einstellen. Jetzt ist das anders. Das erfolgt jetzt \u2013 aus Gr\u00fcnden, die etwas mit Geopolitik, was wiederum ein Teil des Wachstumszwang ist, zu tun haben. Und das hei\u00dft jetzt: \u201ewertebasierte Au\u00dfenpolitik.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><em>Neue soziale und wirtschaftliche Krise \/\/ <\/em>Teilweise als Folge der steigenden Energiepreise, teilweise im Zusammenhang mit der vom Trab in den Galopp befindlichen Inflation, vor allem aber als Resultat der zyklischen Bewegung des Kapitalismus stehen wir vor einer neuen wirtschaftlichen und sozialen schweren Krise. Diese wird das Jahr 2023 und m\u00f6glicherweise 2024 bestimmen. Absehbar sind Verluste bei den realen Einkommen, die es in dieser Gr\u00f6\u00dfenordnung seit Ende des Zweiten Weltkriegs nicht gab \u2013 sie d\u00fcrften 2022 und 2023 addiert bei mehr als 10 Prozent liegen. V\u00f6llig offen ist, ob diese Krise \u2013 als Folge der gewaltigen spekulativen Blasen in den Bereichen Immobilien, Aktienm\u00e4rkte und Kredite auch in einen Finanzcrash m\u00fcnden wird, wie wir einen solchen ansatzseise2007\/2008 erlebt haben. Der Zusammenbruch der M\u00e4rkte f\u00fcr k\u00fcnstliche W\u00e4hrungen, von Bitcoin &amp; Co., k\u00f6nnte ein Wetterleuchten sein, das den Weg in eine solche erg\u00e4nzende Finanzkrise aufzeigt.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Drohende Klimakatastrophe \/\/ <\/em>Das Jahr 2022 war gekennzeichnet von Hitzerekorden, Wassernotstand, gro\u00dfen Fl\u00e4chenbr\u00e4nden und \u00dcberschwemmungen. Mehr als die H\u00e4lfte des Vielv\u00f6lkerstaats Pakistan stand monatelang unter Wasser. Es gibt \u2013 anders als noch vor zwei Jahrzehnten \u2013 kaum mehr jemanden im Bereich Politik, der abstreiten w\u00fcrde, dass all dies Indikatoren f\u00fcr eine drohende Klimakatastrophe sind. Und dass die Klimaerhitzung menschengemacht ist. Dennoch gibt es dies beschriebene Energiewende als Rolle r\u00fcckw\u00e4rts, womit sich die Klimaerhitzung beschleunigen muss. Die Weltgemeinschaft reagiert auf die sich abzeichnende Katastrophe zunehmend mit Fatalismus.<\/p>\n\n\n\n<p><em>R\u00fcstungswachstum, Ukraine-Krieg und drohender neuer Krieg um die Welt-Hegemonie \/\/ <\/em>Nach der Implosion der nichtkapitalistischen Gesellschaften im Osten, von DDR, Sowjetunion und \u00fcbrigen Warschauer-Pakt-Staaten \u2013 hie\u00df es, nunmehr g\u00e4be es eine \u201eFriedensdividende\u201c. Die Wachstumskr\u00e4fte des Kapitalismus k\u00f6nnten voll auf sinnvolle Ziele wie Bek\u00e4mpfung von Armut und Klimanotstand konzentriert werden. Doch seit gut 15 Jahren wachsen wieder die weltweiten R\u00fcstungsausgaben. Seit f\u00fcnf Jahren fordern die westlichen Staaten, so die in der Nato zusammengeschlossenen L\u00e4nder und die EU, die R\u00fcstungsausgaben m\u00fcssten auf 2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts angehoben werden, was in der Regel einen Anstieg um satte 50 Prozent bedeutet. Der aktuelle Krieg in der Ukraine dient dann als Vorwand f\u00fcr eine diesbez\u00fcgliche \u201eZeitenwende\u201c und f\u00fcr eine neue, prim\u00e4r westliche Hochr\u00fcstungsphase.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter diesem Vorgang verbirgt sich der zuk\u00fcnftige, im Ansatz bereits beginnende Krieg um die Welthegemonie. Der dem Kapitalismus innewohnende Wachstumszwang und die innerkapitalistische Konkurrenz f\u00fchrten zum Aufstieg des chinesischen Kapitalismus, der sich aktuell als der dynamischste erweist. Damit wird die seit dem Zweiten Weltkrieg existierende Hegemonie des US-Kapitalismus in Frage gestellt. Dies m\u00fcndet darin, dass die Eliten in den USA kaum verh\u00fcllt, in Pentagon-Papieren offen so argumentierend, beschlossen haben, dem Aufstieg Chinas milit\u00e4risch&nbsp; ein Ende zu setzen und sich auf einen entsprechenden Showdown vorzubereiten. Das, was wir aktuell in der Ukraine erleben, ist vor allem auch ein Stellvertreterkrieg&nbsp; West-Ost, wobei die USA-Regierung Russland an der Seite Chinas sieht. Dass Russland die direkte Verantwortung f\u00fcr diesen Krieg tr\u00e4gt, ist unbestritten. Ich w\u00fcrde sogar nahelegen, dass der Kreml mit der Invasion vom 24. Februar 2022 in eine Falle gelaufen ist \u2013 \u00e4hnlich wie die Sowjetunion im Dezember 1979 mit dem Einmarsch in Kabul in eine Falle lief.<\/p>\n\n\n\n<p>Jede der f\u00fcnf hier skizzierten Krisen allein hat zerst\u00f6rerische Folgen f\u00fcr hunderte Millionen Menschen. Deren B\u00fcndelung und vor allem die absehbare Klimakatastrophe rechtfertigen die Aussage: Rosa Luxemburgs Losung \u201eSozialismus oder Barbarei\u201c ist so aktuell wie nie zuvor.<\/p>\n\n\n\n<ol type=\"1\" start=\"5\"><li><strong><em>Welche Alternativen?<\/em><\/strong><\/li><\/ol>\n\n\n\n<p>In dem zitierten Buch von Christian von Dithfurth ist das Folgende zu lesen:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201ePierre Trudeau, einst Ministerpr\u00e4sident Kanadas, hat zu seiner Amtszeit einmal Beratern ein Regierungsprogramm zur Diskussion vorgelegt, das sich an den Empfehlungen des Club of Rome orientierte. Seine Mitarbeiter erkl\u00e4rten mit besten Gr\u00fcnden, dass dies der sicherste Weg sei, abgew\u00e4hlt zu werden und die eigene Partei zu vernichten.\u201c<a href=\"#_ftn22\" id=\"_ftnref22\">[22]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin betont skeptisch, dass dies in der Regierungszeit dieses Herrn \u2013 er war mit einer kurzen Unterbrechung zwischen 1968 und 1983 kanadischer Premierminister \u2013 zutraf. Es k\u00f6nnte sich hier auch um einen typischen Politikertrick handeln, um das ewige Tun solcher Herren, die blo\u00dfe Verwaltung des Kapitalismus mit seinem Wachstums- und Zerst\u00f6rungswahn \u2013 zu rechtfertigen. Von Ditfurth allerdings h\u00e4lt diese Aussage des Herrn Trudeau f\u00fcr zutreffend und erkl\u00e4rt explizit:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWer glaubt, Wahlen gewinnen zu k\u00f6nnen mit der Forderung, das \u00dcberleben der Menschheit zu sichern, hat nichts begriffen. [\u2026] Eine Partei, die ihre Politik an globalen Bed\u00fcrfnissen ausrichtete, w\u00fcrde das Schicksal erleiden, das Trudeaus Berater ihrem Chef prophezeiten f\u00fcr den Fall, dass er Empfehlungen des Club of Rome folgte. [\u2026] Die Demokratie ist untauglich, Herausforderungen zu bew\u00e4ltigen, die scheinbar oder tats\u00e4chlich au\u00dferhalb der Interessen liegen, die sie vermittelt\u201c<a href=\"#_ftn23\" id=\"_ftnref23\">[23]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Ich teile diese Auffassung nicht. Sie traf auch in den 1970er Jahren nicht zu. Willy Brandt gewann 1969 und 1972 die Bundestagswahl mit prim\u00e4r moralischen und demokratischen Appellen und sprach die direkten Interessen der Menschen kaum an. Lula da Silva gewann vor wenigen Wochen die Wahl in Brasilien unter anderem mit dem Versprechen, den Schutz des Regenwaldes wiederherzustellen. In der steirischen Landeshauptstadt wurde die bekennende Kommunistin Elke Kahr auf einem Programm zur B\u00fcrgermeisterin gew\u00e4hlt, in dem demokratische und Umweltforderungen eine entscheidende Rolle spielen. Die Medien laufen seither Sturm und bezeichnen diese Stadt als LeninGraz.<\/p>\n\n\n\n<p>Was wir erleben ist <em>in erster Linie eine Krise des subjektiven Faktors<\/em> \u2013 und nicht so sehr einen Siegeslauf derjenigen Menschen, die dumpfe direkte und egozentrische Interessen ins Zentrum r\u00fccken w\u00fcrden. Die vorherrschende Stimmung in gro\u00dfen Teilen der Bev\u00f6lkerung ist doch so, dass eine Mehrheit die kommenden Krisen erkennt, dass diese Menschen vor allem die Gefahr der Klimakatastrophe sehen \u2013 dass sie jedoch sagen, ja schreien: \u201eWas sollen wir blo\u00df tun? Was <em>k\u00f6nnen<\/em> wir machen?\u201c Und auf diese ihre Fragen gibt es keine \u00f6ffentlich wirksamen und \u00fcberzeugenden Antworten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei gibt es, anders als vor drei oder auch vor zwei Jahrzehnten, heute f\u00fcr so gut wie alle Bereiche des menschlichen Lebens Teilprogramme, die verdeutlichen, was getan werden k\u00f6nnte und was getan werden m\u00fcsste, um einigerma\u00dfen klimagerecht und nachhaltig zu arbeiten und zu leben. Das trifft zu auf den Energiebereich, auf Wohnen, auf den Sektor Gesundheit, auf die Landwirtschaft, auf (\u201esanften\u201c) Tourismus und auf akzeptable Freizeitgestaltung. Ich m\u00f6chte drei Bereiche herausgreifen, zwei aus meinen Schwerpunkten.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Mobilit\u00e4t.<\/em> Die vorherrschende Politik geht davon aus, dass es \u201eein Recht auf Mobilit\u00e4t\u201c geben w\u00fcrde und dass die Umsetzung dieses Rechts vor allem darin best\u00fcnde, dass die Menschen m\u00f6glichst viele Kilometer zur\u00fccklegen \u2013 nach M\u00f6glichkeit dann auf Basis eines Neun-Euro-Tickets f\u00fcr Rund-um-die-Welt. Tats\u00e4chlich ist Mobilit\u00e4t nicht mit Kilometerfra\u00df gleichzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Tatsache, dass ein westdeutscher B\u00fcrger und eine westdeutsche B\u00fcrgerin Anfang der 1960er Jahre rund 7000 Kilometer im Jahr motorisiert \u2013 per Pkw, Tram, Zug, Flieger \u2013 zur\u00fcckgelegt haben und dass ein gesamtdeutscher Mensch heute doppelt so viele Kilometer motorisiert zur\u00fccklegt, hei\u00dft nicht, dass der Neumensch doppelt so mobil sei wie derjenige von sagen wir 1965. Die Zahl der Berufsfahrten, der in der Freizeit verbrachten Stunden oder der Einkaufswege hat sich in den vergangenen sechs Jahrzehnten nicht wesentlich ver\u00e4ndert. Ver\u00e4ndert hat sich \u201enur\u201c, dass jeder Berufsweg, jeder Einkaufsweg, jeder Weg in die Freizeit usw. sich in der L\u00e4nge, um von A, dem Ausgangspunkt, nach Z, dem Zielpunkt, zu gelangen, sich verdoppelt und oft verdreifacht hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Die wesentliche Zielsetzung auf diesem Gebiet hei\u00dft: <em>Weniger ist mehr<\/em>. Anstelle von Wachstum Degrowth. Kurze Wege. F\u00f6rderung von Dezentralit\u00e4t. Was hei\u00dft: Millionen Wege entfallen schlicht. R\u00fcckeroberung der St\u00e4dte f\u00fcr die Menschen. Aussperrung der individuellen Autos aus denselben. F\u00f6rderung von nichtmotorisierten Verkehren \u2013 dem Zufu\u00dfggehen, dem Radeln. Und dann erst auch Verlagerung von Verkehren auf \u00f6ffentliche Verkehrsmittel \u2013 Tram und Bahn.<\/p>\n\n\n\n<p><em>G\u00fcterverkehr. <\/em>In der Regel hei\u00dft es bei Linken, auch im Degrowth-Bereich: G\u00fcter m\u00fcssen von der Stra\u00dfe auf die Schiene verlagert werden. Falsch, sage ich. Selbst wenn dies machbar w\u00e4re, ist das der falsche Weg. Aktuell wird auf den Stra\u00dfen in Deutschland eine Transportleistung von rund 500 Milliarden Tonnenkilometer erbracht. Das sind die Gewichte multipliziert mit den Entfernungen der Transporte. Im Schieneng\u00fcterverkehr liegt die Leistung bei rund 130 Milliarden Tonnenkilometern.<a href=\"#_ftn24\" id=\"_ftnref24\">[24]<\/a> W\u00fcrde man die Lkw-Transporte auf die Schienen verlagern, m\u00fcsste man die L\u00e4nge und die Zahl der Schienenstr\u00e4nge deutlich mehr als verdoppeln. Das w\u00fcrde \u2013 zu Recht \u2013 zu massiven Protesten, unter anderem wegen Schienenl\u00e4rm, f\u00fchren. Rein zeitlich gesehen w\u00e4re dies eine Aufgabe, die deutlich mehr als ein Jahrzehnt in Anspruch nehmen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier gilt: <em>Weniger ist mehr<\/em>. Degrowth ist angesagt. Der gr\u00f6\u00dfte Teil der G\u00fctertransporte, ich gehe von zwei Dritteln aus, ist unn\u00f6tiger Transport, ist inflation\u00e4rer, strukturell erzwungener Transport, der entfallen kann, ohne dass dies auf mittlere Frist negative Auswirkungen auf die Lebensqualit\u00e4t der Menschen hat. Wir exportieren beispielsweise ann\u00e4hernd so viel Zucker, wie wir Zucker importieren. Die Exporte von Tierfutter entsprechend weitgehend den Importen von Tierfutter. Der S\u00fcdtiroler Schinken besteht zu 90 Prozent aus Schweinefleisch auf den Niederlanden, das \u00fcber den Brenner nach Italien transportiert und danach als \u201egeselcht in S\u00fcdtirol\u201c ausgegeben wird. Vor ziemlich genau drei Jahrzehnten machte Stephanie B\u00f6ge vom Wuppertal Institut Furore, als sie vorrechnete, dass \u201e9115 Kilometer ein Fruchtjoghurt auf dem Buckel (hat), oder sollte man sagen im Glas, bevor er gel\u00f6ffelt wird. Das entspricht pro Glas 0,06 Liter (= 6 cl) Dieselkraftstoff.\u201c<a href=\"#_ftn25\" id=\"_ftnref25\">[25]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen wird der Joghurt eher selten im Glas ausgeliefert \u2013 und die Zahl der Kilometer, die ein solcher Becher \u201eauf dem Buckel hat\u201c, k\u00f6nnte sich nochmals gesteigert haben. Und in den bereits erw\u00e4hnten Green Cities d\u00fcrfte ein gro\u00dfer Teil der Lebensmittel, vor ihrem Konsum, eine Weltreise hinter sich haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wird also der G\u00fcterverkehr nach entsprechender Analyse dessen, was da so an Unn\u00f6tigem transportiert wird, deutlich \u2013 auf rund ein Drittel des aktuellen Niveaus \u2013 geschrumpft, dann kann dieser \u201eRest\u201c auf Binnenschiff und die Schiene verlagert werden.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Energieverbrauch.<\/em> Wenn wir hier von der fatalen Rolle r\u00fcckw\u00e4rts absehen, die es in diesem Sektor gibt, so bleibt die Grundtendenz der offiziellen Energiepolitik: Man will das bisherige Niveau an Energieverbrauch erhalten, ja sogar \u2013 Stichwort: E-Mobility \u2013 um rund 30 Prozent bis 2040 steigern, nat\u00fcrlich dann alles in Form von \u201egr\u00fcner Energie\u201c, von \u00d6kostrom usw.<\/p>\n\n\n\n<p>Einmal abgesehen davon, dass das technisch nicht machbar sein wird, dass auch dieser gr\u00fcne Strom mit einem erheblichen Ressourcenverbrauch verbunden ist, gilt f\u00fcr eine fortschrittliche linke Energiepolitik vor allem: Weniger wird mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Wobei hier auch \u2013 wie in anderen Bereichen, was hier nicht ausgef\u00fchrt wird \u2013 der Gerechtigkeitsaspekt eine gro\u00dfe Rolle spielt. Tatsache ist: Die reichsten 10 Prozent der gesamten Bev\u00f6lkerung haben einen Energieverbrauch, der demjenigen der unteren H\u00e4lfte der Gesamtbev\u00f6lkerung entspricht. Ganz offensichtlich muss hier prim\u00e4r angesetzt \u2013 und der immense Energieverbrauch dieser oberen acht Millionen Menschen drastisch gedrosselt \u2013 werden.<\/p>\n\n\n\n<p>***<\/p>\n\n\n\n<p>Wobei das Prinzip Degrowth nicht zuletzt auf die menschliche Arbeitszeit&nbsp; anzuwenden sein w\u00fcrde. Auch dies ist ein Bereich, der in dieser Debatte oft ausgeklammert oder der nur am Rande erw\u00e4hnt wird. Wir haben in Europa, in Nordamerika, in gro\u00dfen Teilen von S\u00fcdamerika und in einigen asiatischen L\u00e4ndern l\u00e4ngst ein Niveau der Produktivit\u00e4t erreicht, das dazu dienen m\u00fcsste, die Arbeitszeiten radikal zu senken. Auch hier gilt: Degrowth \u2013 die Arbeitszeiten m\u00fcssen massiv geschrumpft werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Genau dies war auch die Perspektive, die b\u00fcrgerliche \u00d6konomen vor knapp 100 Jahren sahen. John Maynard Keynes, der \u00d6konom und Philosoph, sagte voraus, dass die durchschnittliche Arbeitswoche bis zum Jahr 2030 auf 15 Wochenstunden gesunken sein werde. Drei Stunden Arbeit pro Tag seien genug, schrieb der \u00d6konom in seinem Aufsatz \u201eEconomic Possibilities for our Grandchildren\u201c. Die Technologie w\u00fcrde eine ganz neue Freizeitklasse (im Gegensatz zur Arbeiterklasse) schaffen. Und die Herausforderung darin liegen, wie wir die freie Zeit f\u00fcr uns sinnvoll gestalten w\u00fcrden.<a href=\"#_ftn26\" id=\"_ftnref26\">[26]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Unter den Bedingungen des Kapitals findet jedoch das Gegenteil statt. Die h\u00f6here Produktivit\u00e4t wird kombiniert mit verl\u00e4ngerten Arbeitszeiten und einem dichteren Arbeitstag \u2013 bei gleichzeitig st\u00e4ndiger Bereithaltung eines Erwerbslosenheeres von weltweit hunderten Millionen Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Womit wir erneut bei dem Kernthema sind: Ist denn Degrowth unter kapitalistischen Bedingungen machbar? Ist nicht der Wachstumszwang dem Kapital so inh\u00e4rent, dass das Nein zu Wachstum, dass eine Entschleunigung von Produktion und Konsum und Lebenswelten das System dieser Wirtschafts- und Gesellschaftsweise sprengt?<\/p>\n\n\n\n<p>So ist es. Degrowth und wirksamer Klimaschutz, noch h\u00e4rter: die Abwendung der Klimakatastrophe wird im Rahmen der bestehenden Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung nicht erreichbar sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies war auch die Auffassung von Karl Marx und Friedrich Engels. Und sie beschrieben durchaus bereits am Beispiel des Verh\u00e4ltnisses zwischen Mensch und Natur, dass Kapital zur nicht enden wollenden Naturzerst\u00f6rung f\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Friedrich Engels schrieb:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie spanischen Pflanzer in Kuba, die die W\u00e4lder an den Abh\u00e4ngen niederbrannten und in der Asche D\u00fcnger genug f\u00fcr eine Generation h\u00f6chst rentabler Kaffeeb\u00e4ume vorfanden \u2013 was lag ihnen daran, dass nachher die tropischen Regeng\u00fcsse die nun schutzlose Dammerde herabschwemmten und nur nackten Fels hinterlie\u00dfen. Gegen\u00fcber der Natur wie der Gesellschaft kommt bei der heutigen Produktionsweise&nbsp; vorwiegend nur der erste, handgreifliche Erfolg in Betracht; und dann wundert man sich noch, dass die entfernten Nachwirkungen der hierauf gerichteten Handlungen andere, meist ganz entgegengesetzte sind [\u2026] So werden wir bei jedem Schritt daran erinnert, dass wir keineswegs die Natur beherrschen wie ein Eroberer ein fremdes Volk beherrscht, wie jemand, der au\u00dfer der Natur steht \u2013 sondern, dass wir mit Fleisch und Blut und Hirn ihr angeh\u00f6ren und mitten in ihr stehen, und dass unsere ganze Herrschaft \u00fcber sie darin besteht, im Vorzug zu allen anderen Gesch\u00f6pfen ihre Gesetze erkennen und richtig anwenden zu k\u00f6nnen.\u201c<a href=\"#_ftn27\" id=\"_ftnref27\">[27]<\/a><\/p>\n\n\n\n<ol type=\"1\" start=\"6\"><li><strong><em>Wer, wie und wann?<\/em><\/strong><\/li><\/ol>\n\n\n\n<p>Es gab f\u00fcr diejenigen, die die zerst\u00f6rerische Grundtendenz des Kapitals erkannten und sich f\u00fcr eine andere \u2013 sozialistische, solidarische, \u00f6kologisch vertretbare und klimagerechte \u2013 Gesellschaft engagierten, so gut wie immer Fixpunkte der Hoffnung: solidarische&nbsp; Zusammenschl\u00fcsse und Bewegungen, historische Vorbilder und Pers\u00f6nlichkeiten, bewegende Ereignisse. Das traf zu auf die Pariser Commune 1871, die 1848er Bewegung, die Oktoberrevolution und die junge Sowjetunion, auf die Befreiungsbewegungen in Vietnam, Algerien, Mozambique, Angola-Bissau, auf Kuba, Nicaragua, Grenada, auf die 1968er Revolte, auf den Prager Fr\u00fchling, auf die K\u00e4mpfe der Frauen gegen den \u00a7218 und auf die allgemeinen K\u00e4mpfe f\u00fcr die Emanzipation der Frauen, auf die K\u00e4mpfe der arbeitenden Klassen in Italien und Frankreich, auf Solidarnosc in Polen.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesen heutigen Tagen und angesichts der Vielfachkrise, mit der wir konfrontiert sind, ist es schwierig, einen solchen Fixstern der Hoffnung zu erblicken. Andererseits war es in den vergangenen zweihundert Jahren immer so, dass tiefgreifende und revolution\u00e4re Ver\u00e4nderungen im Vorfeld ihres Stattfindens so gut wie nie vorhergesagt werden konnten \u2013 was, um nur die j\u00fcngere Entwicklung zu nehmen, auf 1968 ebenso zutrifft wie auf Fridays for Future.<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00e4tte jemand einen Roman geschrieben, in dem eine 15j\u00e4hrige als Hauptperson sich jeweils an den Freitagen vor das nationale Parlamentsgeb\u00e4ude setzt, um f\u00fcr Klimagerechtigkeit zu demonstrieren, in dem diese junge Frau dann auf diese Weise eine weltweite Bewegung ausl\u00f6st, die nach vielen Hunderttausenden z\u00e4hlt und \u2013 v\u00f6llig neu in der Weltgeschichte \u2013 die deutlich \u00fcberwiegend weiblich zusammengesetzt ist \u2013 ein Roman, in dem diese junge Frau dann in New York vor dem damaligen US-Pr\u00e4sidenten spricht und diesen anmacht mit \u201eHow dare you!\u201c \u2013 ein jeder von Vernunft geleitete Lektor beziehungsweise jeder Verlag, der sein Ansehen verteidigt sehen will, h\u00e4tte einen solchen Roman als Kitsch und mit dem Kommentar \u201ev\u00f6llig unglaubw\u00fcrdige Handlung\u201c abgelehnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Just dies ist passiert. Und das Geschehen liegt gerade einmal drei Jahre zur\u00fcck. Es wurde allerdings durch das Pandemie-Geschehen und durch die j\u00fcngeren Ereignisse, nicht zuletzt durch den Ukraine-Krieg, \u00fcberdeckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir wissen nicht, wer oder was sich in dem hier skizzierten Sinn massenhaft engagieren wird. Wir wissen nur, dass dies notwendig ist und dass wir alles daf\u00fcr tun m\u00fcssen, dass es dazu kommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn es stimmt ja schon: Die jungen Menschen von heute sind tats\u00e4chlich so etwas wie die LETZTE GENERATION.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer aktuellen Ausgabe der <em>Berliner Zeitung<\/em> gab es ein ganzseitiges, Aufsehen erregendes Interview mit einer 20-j\u00e4hrigen Lina und ihrer 42-j\u00e4hrigen Mutter Solvig. Beide Frauen sind aktiv bei \u201eDie Letzte Generation\u201c. Beide beteiligten sich bisher bereits an vielen \u201eKlebe-Aktionen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Ausz\u00fcge aus diesem Interview:<\/p>\n\n\n\n<p>Solvig: Ich h\u00e4tte mir im Leben nicht vorstellen k\u00f6nnen, dass ich mal mit meinem Kind eine Nacht im Gef\u00e4ngnis verbringe. In Berlin [im Gef\u00e4ngnis] gibt es \u2026 keine Matratze, nur so eine Bank mit Latten und L\u00fccken zwischen den Latten\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Lina: Seit 30 Jahren warnen uns die Wissenschaftler. Und wir schaffen es nicht, die L\u00f6sungen umzusetzen. Nicht einmal die einfachsten wie ein Tempolimit. [\u2026] In der Geschichte war es immer friedlicher, ziviler widerstand, der \u00f6konomische oder soziale Gegebenheiten ver\u00e4ndert hat, wie die B\u00fcrgerrechtsbewegung in den USA. [\u2026] Keine Widerstandsbewegung war anfangs beliebt, die Leute wurden ausgelacht, verp\u00f6nt, von der Stra\u00dfe weggepr\u00fcgelt.\u201c Und mit Blick auf die Kritik an den Aktionen in Museen, als Kartoffelbrei auf Gem\u00e4lde, die sich hinter Glas befinden, geworfen wurde, sagt Lina: \u201eEs ist doch verr\u00fcckt: Bei der Flut im Ahrtal wurden Museen und Bibliotheken besch\u00e4digt und es kamen Menschen ums Leben. Aber das nimmt man hin.\u201c<a href=\"#_ftn28\" id=\"_ftnref28\">[28]<\/a><br><br><\/p>\n\n\n\n<p>Ich finde: Die beiden Frauen haben unser aller Beifall verdient!<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a> Mein besonderer Dank geht an diejenigen, die die Vorlesung erm\u00f6glichten, so an Justin Turpel. Im \u00dcbrigen wurde das Referat nach der Hamburger Veranstaltung vom 17.11.2022 nochmals (vor allem bei den Literaturquellen) erg\u00e4nzt und leicht \u00fcberarbeitet. Einige wenige Passagen, so die zur Elektromobilit\u00e4t, wurden in der Hamburger Vorlesung aus Zeitgr\u00fcnden nicht vorgetragen.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\" id=\"_ftn2\">[2]<\/a> Joseph A. Schumpeter, Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, Erstauflage 1950, hier: T\u00fcbingen und Basel 1993, S. 525.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\" id=\"_ftn3\">[3]<\/a> In J. A. Schumpeter, Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, Berlin 1912, S. 157. Dort vor allem Band II.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\" id=\"_ftn4\">[4]<\/a> In J. A. Schumpeter, Konjunkturzyklen \u2013 Eine theoretische, historische und statistische Analyse des kapitalistischen Prozesses, G\u00f6ttingen 1961, Band II, hei\u00dft es auf Seite 937: \u201eDer Kapitalismus und seine Zivilisation m\u00f6gen langsam verfallen, unmerklich in etwas anderes \u00fcbergehen oder einem gewaltsamen Tod entgegengehen. Der Verfasserpers\u00f6nlich glaubt, dass sie dies tun.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref5\" id=\"_ftn5\">[5]<\/a> Werner Sombart 1927, hier zitiert bei Elmar Altvater, Das Ende des Kapitalismus wie wir ihn kennen \u2013 Eine radikale Kapitalismuskritik, M\u00fcnster 2005, S. 39.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref6\" id=\"_ftn6\">[6]<\/a> Ernest Mandel, Marxistische Wirtschaftstheorie, Frankfurt\/M. 1968; Ernest Mandel, Der Sp\u00e4tkapitalismus, Frankfurt\/M. 1972.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref7\" id=\"_ftn7\">[7]<\/a> Viviane Forrester, Der Terror der \u00d6konomie, Paris 1996, deutsch: Wien 1997.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref8\" id=\"_ftn8\">[8]<\/a> Christian voin Ditfurth, Wachstumswahn \u2013 Wie wir uns selbst vernichten, G\u00f6ttingen 1995.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref9\" id=\"_ftn9\">[9]<\/a> Dort Seite 58.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref10\" id=\"_ftn10\">[10]<\/a> Winfried Wolf, Eisenbahn und Autowahn, Hamburg 1986.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref11\" id=\"_ftn11\">[11]<\/a> Naomi Klein, Die Entscheidung Kapitalismus versus Klima, New York 2014, deutsch Frankfurt\/M. 2015, dort vor allem Seite 85ff.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref12\" id=\"_ftn12\">[12]<\/a> Siehe Harald Schuman und Christiane Grefe, Der globale Countdown. Finanzcrash, Wirtschaftskollaps, Klimawandel, K\u00f6ln 2008, S. 416.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref13\" id=\"_ftn13\">[13]<\/a> Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen \u00d6konomie, verfasst 1857, erstmals ver\u00f6ffentlicht Moskau 1939, hier deutsch nach: Frankfurt\/M. und Wien 1974, Seite 311.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref14\" id=\"_ftn14\">[14]<\/a> Jean Ziegler, Das Imperium der Schande. Der Kampf gegen Armut und Unterdr\u00fcckung, M\u00fcnchen 2005, Seiten 30 und 237.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref15\" id=\"_ftn15\">[15]<\/a> Rosa Luxemburg, Die Akkumulation des Kapitals, Original Berlin 1913, hier nach: Verlag Neue Kritik, Frankfurt\/M. 1969, S.445.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref16\" id=\"_ftn16\">[16]<\/a> Zitiert in: OMGUS, Ermittlungen [der Milit\u00e4rregierung der Vereinigten Staaten f\u00fcr Deutschland] gegen die Deutsche Bahn, N\u00f6rdlingen 1985, S.150.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref17\" id=\"_ftn17\">[17]<\/a> Rosa Luxemburg, Die Akkumulation des Kapitals, a.a.O., S. 437f.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref18\" id=\"_ftn18\">[18]<\/a> Elmar Altvater, Das Ende des Kapitalismus wie wir ihn kennen \u2013 Eine radikale Kapitalismuskritik, M\u00fcnster 2005, S. 48.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref19\" id=\"_ftn19\">[19]<\/a> Hybrid-Pkw k\u00f6nnen nicht als Elektro-Pkw eingerechnet werden. Deren Verbrauch an Diesel- oder Benzin ist in 90 Prozent der F\u00e4lle h\u00f6her als im Fall einer vergleichbaren Nur-Verbrenner-Pkw. Die CO2-Belstung ist damit auch gr\u00f6\u00dfer als ein vergleichbarer Benzin- oder Diesel-Pkw.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref20\" id=\"_ftn20\">[20]<\/a> Winfried Wolf, Mit dem Elektroauto in die Sackgasse, Wien 2018, dritte erweiterte Auflage 2020.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref21\" id=\"_ftn21\">[21]<\/a> Presseerkl\u00e4rung vom 17. Januar 2022. https:\/\/www.oxfam.de\/ueber-uns\/aktuelles\/corona-pandemie-ungleichheit-10-reichste-maenner-verdoppeln-vermoegen<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref22\" id=\"_ftn22\">[22]<\/a> A.a.O., S. 293.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref23\" id=\"_ftn23\">[23]<\/a> Dort Seiten 294 und 297.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref24\" id=\"_ftn24\">[24]<\/a> Zumal laut offizieller Zielsetzung der alten Bundesregierung (letztes Kabinett Angela Merkel) und der neuen Bundesregierung der Schienenpersonenverkehr sich 2030 verdoppeln soll. Interessanterweise lag die gesamtdeutsche G\u00fctertransportleistung der Eisenbahnen (Reichsbahn und Bundesbahn) auf den Gebieten DDR und BRD im Jahr 1988 auf einem \u00e4hnlich hohen Niveau wie heute. Der Stra\u00dfenverkehr hat sich jedoch seit der Wende fast verdoppelt. Zahlen nach: Verkehr in Zahlen 2020\/2021, S. 244f.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref25\" id=\"_ftn25\">[25]<\/a> Hier zitiert nach: https:\/\/beschaffung-aktuell.industrie.de\/allgemein\/die-weite-reise-des-joghurts\/<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref26\" id=\"_ftn26\">[26]<\/a> John Maynard Keynes, Essays in Persuasion, New York, 1963.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref27\" id=\"_ftn27\">[27]<\/a> Friedrich Engels, Dialektik der Natur, MWE 20, S. 455 und 453.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref28\" id=\"_ftn28\">[28]<\/a> \u201eWir zerst\u00f6ren doch nichts\u201c \u2013 Interview in: Berliner Zeitung vom 15. November 2022.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marxismus war urspr\u00fcnglich nicht zuletzt Wachstumskritik Referat im Rahmen der Ringvorlesung: \u201eIst Wachstum zukunftsf\u00e4hig? Wie viel ist genug\u201c, organisiert vom Arbeitskreis \u201ePlurale \u00d6konomik Hamburg\u201c. An der Hamburger Universit\u00e4t gehalten am Donnerstag, dem 17. 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