{"id":2452,"date":"2023-02-27T11:00:00","date_gmt":"2023-02-27T10:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=2452"},"modified":"2023-03-04T12:44:05","modified_gmt":"2023-03-04T11:44:05","slug":"blog-35-martin-wagner-revisited","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=2452","title":{"rendered":"Blog 35: Martin Wagner revisited"},"content":{"rendered":"\n<h2><strong>Vermeiden! Vermeiden! Vermeiden!<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Als ich am 27. Januar in Weikersheim, Baden-W\u00fcrttemberg, eine \u2013 gut besuchte, spannende, von wunderbar aktiven Menschen organisierte \u2013 Veranstaltung zum Thema Verkehrswende hatte, f\u00fchrte ich zum ersten Mal seit L\u00e4ngerem wieder ein Zitat von Martin Wagner an.&nbsp; Dieser Mann \u2013 er war Jude, plante den Verkehr in Berlin in den 1920er Jahren, fl\u00fcchtete nach New York und verglich in den 1950er Jahren die Verkehrssituation in der Autostadt New York mit derjenigen der Fu\u00dfg\u00e4nger- und Fahrrad- und Tram-Stadt Berlin \u2013 und dieses Zitat, das ich erstmals 1986 in meinem Buch \u201eEisenbahn und Autowahn\u201c anf\u00fchrte, hat mein gesamtes Verst\u00e4ndnis von Verkehrspolitik revolutioniert. Es lautet:<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>\u201eDas Verkehrsbed\u00fcrfnis eines Menschen westlicher Zivilisation bel\u00e4uft sich pro Jahr und Nase auf etwa tausend Zielbewegungen, von denen 650 fu\u00dfl\u00e4ufigen Charakter h\u00e4tten, wenn sie vom St\u00e4dtebauer richtig geplant w\u00e4ren, von denen die restlichen 350 Bewegungen nur mit Hilfe von privaten und \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar sind.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Mit \u201eZielbewegungen\u201c sind gemeint: die Berufs- und Ausbildungswege (5 bis6 Mal die Woche), die Einkaufswege (2-3 Mal die Woche), die Wege im Rahmen der Freizeit (2 Mal die Woche) und die Urlaubswege (1-2 Mal im Jahr). Was sich \u00e4ndert, so Wagner, sind nicht die absolute Zahl dieser Wege, sind nicht unsere \u201eVerkehrsbed\u00fcrfnisse\u201c, sondern in erster Linie die Entfernungen von A nach B bei den einzelnen Verkehrswegen. Der zitierte Wagnersche Aufsatz hat den programmatischen Titel \u201eVerkehrter Verkehr\u201c. Der Mann argumentiert in dem Beitrag, dass es in erster Linie aufgrund falscher Strukturen zu einer Verkehrsinflation kommt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNach Weikersheim\u201c dachte ich immer wieder daran, dass ich endlich mal die <em>aktuellen <\/em>Zahlen zur Verkehrsinflation heraussuchen sollte. Vor zwei Tagen tat ich dies. Hier sind sie:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table is-style-regular\"><table><tbody><tr><td>&nbsp;<\/td><td><strong>Art des motorisierten<\/strong> <strong>Verkehrs<\/strong><\/td><td><strong>1967*<\/strong><\/td><td><strong>1990*<\/strong><\/td><td><strong>2019**<\/strong><\/td><td><strong>Wachstum<\/strong><\/td><\/tr><tr><td><strong>1990\/<\/strong> <strong>1967<\/strong><\/td><td><strong>2019\/<\/strong> <strong>1990<\/strong><\/td><td><strong>2019\/<\/strong> <strong>1967<\/strong><\/td><\/tr><tr><td>&nbsp;<\/td><td>&nbsp;<\/td><td><strong>Mrd. Personen-km [Pkm]<\/strong><\/td><td><strong>in Prozent<\/strong><\/td><\/tr><tr><td>A1<\/td><td>Eisenbahn<\/td><td>34,8<\/td><td>44,6<\/td><td>100,4<\/td><td>&nbsp;<\/td><td>&#8211;<\/td><td>&#8211;<\/td><\/tr><tr><td>A2<\/td><td>\u00d6PNV<\/td><td>52,1<\/td><td>65,1<\/td><td>79,5<\/td><td>&nbsp;<\/td><td>&nbsp;<\/td><td>&nbsp;<\/td><\/tr><tr><td>A3<\/td><td>Luft (Inland)<\/td><td>4,0<\/td><td>18,4<\/td><td>71,8<\/td><td>&nbsp;<\/td><td>&nbsp;<\/td><td>&nbsp;<\/td><\/tr><tr><td>A4<\/td><td>Pkw<\/td><td>297<\/td><td>594<\/td><td>917<\/td><td>&nbsp;<\/td><td>&nbsp;<\/td><td>&nbsp;<\/td><\/tr><tr><td><em>A5<\/em><\/td><td><em>Summe<\/em><\/td><td><em>388,0<\/em><\/td><td><em>726,9<\/em><\/td><td><em>1.168,7<\/em><\/td><td>&nbsp;<\/td><td>&nbsp;<\/td><td>&nbsp;<\/td><\/tr><tr><td><strong><em>B<\/em><\/strong><\/td><td><strong><em>Bev\u00f6lkerung in Millionen<\/em><\/strong><\/td><td><strong><em>59,3*<\/em><\/strong><\/td><td><strong><em>63,7*<\/em><\/strong><\/td><td><strong><em>83,0**<\/em><\/strong><\/td><td><\/td><td><\/td><td><\/td><\/tr><tr><td><strong><em>C<\/em><\/strong><\/td><td><strong><em>km je Einw. (A5 : B)<\/em><\/strong><\/td><td><strong><em>6543<\/em><\/strong><\/td><td><strong><em>11.411<\/em><\/strong><\/td><td><strong><em>14.081<\/em><\/strong><\/td><td><strong><em>74,4%<\/em><\/strong><\/td><td><strong><em>23,4%<\/em><\/strong><\/td><td><strong><em>115,2%<\/em><\/strong><\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p>* BRD (Westdeutschland) ** Gesamtdeutschland &nbsp;\/\/ Quellen: Verkehr in Zahlen ab 1970<\/p>\n\n\n\n<p>Zwischen 1967 und 1990 hat sich die Zahl der je Person zur\u00fcckgelegten Kilometer fast verdoppelt \u2013 sie stieg von 6543 auf 11.411 km (Zeile C). Seither und bis zum letzten Jahr vor der Pandemie, 2019, stieg sie nochmals um ein Viertel \u2013 auf 14.081 km. Wir wurden nicht mobiler. Aber unsere Mobilit\u00e4t wird immer mehr vom Kilometerfra\u00df bestimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im \u00dcbrigen war 1967 ein Jahr des allgemeinen Wohlstands \u2013 ohne (aus aktueller Sicht) relevanter Arbeitslosigkeit. Heute haben wir gut f\u00fcnf Millionen Menschen, die in ihrer Mobilit\u00e4t als Resultat von Armut stark eingeengt sind.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Diskussion \u00fcber eine \u201eVerkehrswende\u201c wird immer ein zweiter Schritt vor dem notwendigen ersten Schritt vorgeschlagen. Das f\u00fchrt in die Irre \u2013 und zu absurden Programmen mit unn\u00f6tigem,&nbsp; das Klima belastendem Ausbau von Infrastrukturen. Es geht in erster Linie darum, den motorisierten Verkehr \u2013 und hier nat\u00fcrlich vor allem den Pkw-Verkehr \u2013 zu reduzieren. Hat man das im Auge, dann m\u00fcssen f\u00fcr eine Verlagerung auch nicht gewaltige neue Strukturen aufgebaut werden \u2013 zumal die gro\u00dfen Potentiale des Verkehrs zu Fu\u00df und per Rad hier \u2013 vor allem aus Platzgr\u00fcnden &#8211; noch nicht einmal in Betracht gezogen wurden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vermeiden! Vermeiden! Vermeiden! Als ich am 27. 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