{"id":2456,"date":"2023-02-28T09:20:11","date_gmt":"2023-02-28T08:20:11","guid":{"rendered":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=2456"},"modified":"2023-02-28T09:20:12","modified_gmt":"2023-02-28T08:20:12","slug":"stuttgart-21-kultur-und-widerstand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=2456","title":{"rendered":"Stuttgart 21 \u2013 Kultur und Widerstand"},"content":{"rendered":"\n<h2><em>Rede Winfried Wolf \/\/ 650. Montagsdemonstration in Stuttgart am 28. Februar 2023<\/em><\/h2>\n\n\n\n<p><em>[Anrede]<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Zahl \u201e650\u201c verpflichtet. Es soll hier demnach nicht um Profanes gehen: Nicht um das Gleisgef\u00e4lle im Pfaffensteig auf der Magistrale Imhoven-Bratislava. Nicht um schimmlig-gr\u00fcnen Gorgonzola, der noch lang nicht gegessen ist. Und nicht um Gipskeuper mit ausstehender Planfeststellung.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese 650. Kundgebung bringt den langen Atem der Obenbleiber zum Ausdruck. Dieser lange Atem war nur m\u00f6glich durch die st\u00e4ndige Begleitung von Kultur \u2013 wie heute mit Gerd Schinkel aus K\u00f6ln.<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser 650er Rede soll es um Stuttgart 21 und um Kultur gehen. Dies in vier Kapiteln.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><strong><em>Kapitel 1: Stuttgart 21 \u2013 Kultur und Bahnhof<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Oft wird uns entgegengehalten: Es geht doch blo\u00df um einen Bahnhof. Wir antworten darauf: Was hei\u00dft da blo\u00df \u201eblo\u00df\u201c? Ja, es geht um einen Bahnhof. Und diejenigen, die die Gr\u00f6\u00dfe dieser Sache nicht verstehen, verstehen nichts von Geschichte, nichts von Stadtgeschichte, nichts von Architektur und nichts von Bahnhofsarchitektur.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sich in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts europaweit die Bahnnetze verdichteten, als es nicht mehr um bilaterale Verbindungen von Stadt zu Stadt ging, bei denen wenige Gleise ausreichend waren, als also hier in Stuttgart der Bahnhof in der Schlossstra\u00dfe, der heutigen Bolzstra\u00dfe, sich als zu beengt erwies, da entstand der neue Bautyp des modernen Kopfbahnhofs.<\/p>\n\n\n\n<p>Er liegt nah am Stadtzentrum, aber nicht mehr im Zentrum. Er empf\u00e4ngt den Eisenbahnreisenden aus jeweils einer Himmelsrichtung und leitet ihn weiter in die Stadt. Und umgekehrt. Der Kopfbahnhof wirkt damit als Schleuse. Die Architektur orientiert sich an dieser Funktion.<\/p>\n\n\n\n<p>Wolfgang Schivelbusch schreibt dazu in dem wunderbaren Buch \u201eGeschichte der Eisenbahnreise\u201c:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eDer gro\u00dfst\u00e4dtische Personenbahnhof [\u2026] ist charakterisiert durch eine Zweiteilung seiner Gesamtanlage: die in Eisen und Glas ausgef\u00fchrte eigentliche Bahnhalle, sowie das in Stein ausgef\u00fchrte Empfangsgeb\u00e4ude, jene dem offenen Land, dieses der Stadt zugekehrt.\u201c<a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\"><strong>[1]<\/strong><\/a><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>An diese Grundidee haben sich Paul Bonatz und Friedrich Eugen Scholer gehalten, als ihr Entwurf am 20. Juni 1911 den Architekturwettbewerb f\u00fcr das Empfangsgeb\u00e4ude des neuen Stuttgarter Hauptbahnhofs den ersten Preis erzielte.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Konzeption wurde bis Mitte der 1920er Jahre verwirklicht. Wobei aufgrund der Knappheit an Finanzen und Material auf die urspr\u00fcnglich vorgesehenen gro\u00dfen eisernen Gleishallen verzichtet werden musste. Mit der Konzeption unserer Alternative K21 und Umstieg 21 \u2013 bei der es bei den Bahnhofshallen wieder mehr Glas und mehr Licht geben soll \u2013 kommt auch diesem Element wieder die notwendige Geltung zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Grundidee des Stuttgarter Kopfbahnhofs wurde ein erstes Mal in Frage gestellt, als der gro\u00dfe Platz vor dem Bahnhof mit dem damals ebenerdigen Weg zur K\u00f6nigsstra\u00dfe durch eine &nbsp;vielspurige Autostra\u00dfe ersetzt und das Ensemble damit zerst\u00f6rt wurde. Damals bereits forderten die Autofetischisten, die Bahnreisenden m\u00fcssten in den <em>Untergrund<\/em>, in die Arnulf-Klett-Passage abtauchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Grundidee soll mit Stuttgart 21 endg\u00fcltig zerst\u00f6rt werden. Der gesamte Bahnhof wird damit buchst\u00e4blich begraben.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu dichtete Timo Brunke auf einer Montagsdemo:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Raub an der Stadt, am allgemeinen Wohl,<\/em><em><br>doch im Gleisbett zu Stuttgart, da trotzen die Steine,<br>es liegt die Vernunft in einem Grab auf der Prag;<br>das Gro\u00dfe bleibt gro\u00df nicht und klein nicht das Kleine,<br>die Nacht w\u00e4hrt [viele] Jahre, und dann kommt der Tag!<a id=\"_ftnref2\" href=\"#_ftn2\"><strong>[2]<\/strong><\/a><br><\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kapitel 2: Stuttgart 21 und die Kultur des Widerstands<br><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Kultur und Widerstand gegen Stuttgart 21 lassen sich nicht trennen. Ja, \u00fcber die letzten knapp 15 Jahre hat sich eine Kultur <em>des Widerstands<\/em> herausgebildet. Diese ist so breit entwickelt, so vielf\u00e4ltig und so originell, sie wird von so vielen Personen getragen, dass ich ihr unm\u00f6glich in einer Kundgebungsrede gerecht werden kann: Es waren mehr als 1500 Reden auf den Demos und Kundgebungen. Hunderte K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler haben mit Gesang, mit Musikinstrumenten, mit Trommeln, mit Bildern und Grafiken, mit handgemalten Transparenten, mit Lyrik, mit Krimis und Romanen, mit Theaterst\u00fccken und einer gro\u00dfen Skulptur diesen Widerstand mitgestaltet und oft ma\u00dfgeblich bestimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Darbietungen erfolgten oft mit einfachen Mitteln \u2013 legend\u00e4r der Bauzaun mit den vielen Hundert originellen Losungen und Bildern. Mal hatten die K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler unter ihren F\u00fc\u00dfen nur eine Europalette, auf der sie ihre Kunst pr\u00e4sentierten.&nbsp; Ab und an war es dann aber auch eine echte Theaterb\u00fchne. Und fast immer ist das bei der Montagsdemo die Ladepritsche eines Lastkraftwagens \u2013 seit vielen Jahren mit professionellem Equipment ausgestattet.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Kultur des S21-Widerstands f\u00fchrte zu Kreationen mit bundesweitem Bekanntheitsgrad. Das Ortschild als \u201eStuttgart21\u201c, mit dem diagonal durchgezogenen Balken: Schwarze Schrift. Gelber Grund. Roter Strich \u2013 heute bei Dutzenden Protesten bundesweit genutzt. Das Copyright liegt in der Schwabenmetropole, aber als Allmende. Einfach genial, lieber Ulrich St\u00fcbler.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Get\u00f6se, mit dem wir auch heute wieder den Demozug beenden werden, schreibt Volker L\u00f6sch:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eDer von Walter Sittler, seiner Frau Sigrid und mir erfundene \u00b4Schwabenstreich\u00b4 ritualisiert l\u00e4rmend das Bed\u00fcrfnis nach t\u00e4glichem und ortsunabh\u00e4ngigen&nbsp; Protest und kreiert Szenen einpr\u00e4gsamer Theatralit\u00e4t: Da stehen Punkt 19 Uhr zwei Fahrzeuge Nase an Nase voreinander im dichten Berufsverkehr und hupen 60 Sekunden lang am St\u00fcck, um dann mit einem herzlichen \u00b4Oben bleiben!\u00b4 aneinander vorbei und weiterzufahren. [\u2026] \u00c4ltere Menschen halten etwas versch\u00e4mt Kocht\u00f6pfe und Schlagutensilien unter Rolll\u00e4den auf die Stra\u00dfe, um beim kollektiven L\u00e4rmen nicht erkannt, den L\u00e4rm aber mitgemacht zu haben. [\u2026] Da verabreden sich Stuttgarter zum Schwabenstreich am Times Square in Manhattan und in Berlin am Hauptbahnhof\u2026\u201c<a href=\"#_ftn3\" id=\"_ftnref3\"><strong>[3]<\/strong><\/a><\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Zitat Ende.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Zugegeben. Das war so zu anderen \u2013 zu den Hoch-Zeiten. Doch den Schwabenstreich vor dem Bahntower in Berlin gibt es noch \u2013 und wir sollten ihn am 30. M\u00e4rz dieses Jahres, zur n\u00e4chsten Aufsichtsratssitzung der Deutschen Bahn AG, erneut zelebrieren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kapitel 3: Stuttgart 21 &#8211; Kultur und Stadt<br><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es geht um mehr als um einen Bahnhof. Um mehr als einen Kopfbahnhof. Es geht um Stadt. Um Stadtqualit\u00e4t. Um die Beziehungen von Mensch und Stadt \u2013 oder auch: um den Protest gegen die Zerst\u00f6rung von Stadt und von menschlichem Leben in der Stadt.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Zerst\u00f6rung von Stadt, von Urbanit\u00e4t und von Lebensqualit\u00e4t ist ein seit langem stattfindender Prozess. Stuttgart 21 ist in dieser Entwicklung ein Element \u2013 wenn auch ein entscheidendes, gewisserma\u00dfen die monstr\u00f6se Kr\u00f6nung.<\/p>\n\n\n\n<p>Matthias Roser beschreibt in dem Buch \u201eDer Stuttgarter Hauptbahnhof \u2013 vom Denkmal zum Mahnmal\u201c den schleichenden Prozess am Beispiel wichtiger Pl\u00e4tze und Stra\u00dfen in Stuttgarts Zentrum. Ich zitiere:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eGemeinsam mit Schillerplatz, Marktplatz und Schlossplatz bildet der Bahnhofsplatz in der urspr\u00fcnglichen Konzeption den vierten bedeutenden Platz in der Innenstadt. Verk\u00f6rpern jene in ihrer Anlage das Mittelalter, die Renaissance und den Barock [\u2026] so steht er f\u00fcr das \u00b4neue\u00b4 Stuttgart, den Aufbruch ins 20. Jahrhundert. Der Bahnhof bildet gemeinsam mit Hindenburgbau, Bahndirektion, K\u00f6nigstra\u00dfe, Lautenschlagerstra\u00dfe, Schillerstra\u00dfe und dem Schlossgarten ein harmonisch und funktional gekonnt in den Stadtorganismus eingebundenes gro\u00dfst\u00e4dtisches und lebendiges Ensemble. Dieses ehemals funktionierende System gibt es heute nicht mehr. St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck sind seine Bestandteile [\u2026] durch h\u00e4ssliche Abg\u00e4nge in den Untergrund und durch r\u00fccksichtlose Stra\u00dfenf\u00fchrungen aus dem Gesamtzusammenhang herausgel\u00f6st worden.\u201c<a href=\"#_ftn4\" id=\"_ftnref4\"><strong>[4]<\/strong><\/a><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das entscheidende Element bei diesem stadtzerst\u00f6rerischen Prozess ist <em>das Auto<\/em> \u2013 die Eroberung der Stadt durch das Auto bei gleichzeitiger Zur\u00fcckdr\u00e4ngung von st\u00e4dtischem Raum f\u00fcr die Menschen. Was gleichzusetzen ist mit der Zur\u00fcckdr\u00e4ngung von Stadtkultur.<\/p>\n\n\n\n<p>Anfang der 1970er Jahre, als der Bahnhofsplatz dem Auto weichen musste, waren in Stuttgart gut 100.000 Pkw registriert. Im Jahr 2000 waren es dann 250.000. Heute sind es 300.000. Wobei der Auto<em>verkehr<\/em> selbst durch die intensiven Pendlerverbindungen noch drastischer als der Pkw-Bestand in der Stadt selbst zunimmt. Pro Tag wurden 1980 an der Gemarkungsgrenze 474.000 Pkw registriert \u2013 heute sind es 800.000.<a href=\"#_ftn5\" id=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Die Ideen, wie dem beizukommen und ein St\u00fcck Stadtqualit\u00e4t zur\u00fcckzugewinnen ist, existieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Nehmen wir hier beispielhaft nur den Radverkehr und den Radentscheid aus dem Jahr 2019. F\u00fcr den Letzteren wurden damals 35.249 Unterschriften gesammelt und dem Gemeinderat \u00fcbergeben. Im Februar 2019 wurden im Gemeinderat mit knapper Mehrheit die zentralen Forderungen des Radentscheids angenommen \u2013 unter anderem mit der Forderung, dass an allen Stra\u00dfen mit zul\u00e4ssigen Geschwindigkeiten von mehr als 30 km\/h \u201ebaulich getrennte Radverkehrsanlagen\u201c angeboten werden \u2013 und zwar pro Jahr an 30 Kilometer Stra\u00dfen. Dass pro Jahr \u201e5000 neu Radstellpl\u00e4tze sowohl in Wohnn\u00e4he, an Schnittstellen des Umweltverbunds, \u00d6PNV-Haltestellen als auch an den Zielorten des Radverkehrs installiert\u201c werden.<a href=\"#_ftn6\" id=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Das \u2013 ebenfalls beschlossene \u2013 Ziel sollte sein: Ein Radwege-Anteil am gesamten innerst\u00e4dtischen Verkehr von 25 Prozent im Jahr 2030. Das w\u00e4re mehr als eine Verdreifachung.<\/p>\n\n\n\n<p>Bereits OB Fritz Kuhn zeigte wenig Bereitschaft, diese Ziele zu verwirklichen. Und mit OB Frank Nopper kam die Rolle r\u00fcckw\u00e4rts mit der verst\u00e4rkten F\u00f6rderung des Autoverkehrs im Allgemeinen und der \u201ee-mobility\u201c im Besonderen. Allein das aktuelle Ziel, im Stadtgebiet 2000 Lades\u00e4ulen mit entsprechenden Stellpl\u00e4tzen f\u00fcr Elektro-Pkw zu einzurichten, bedeuten: 5 Hektar Fl\u00e4che werden dann f\u00fcr diese elit\u00e4re Form des motorisierten Verkehrs bereitgestellt. Was auch hei\u00dft:&nbsp; Diese Fl\u00e4che fehlt anderswo: bei Spielpl\u00e4tzen, f\u00fcr Stra\u00dfencafes, f\u00fcr Parks. Es gilt: Greenwashing anstatt Gr\u00fcnanlagen.<a href=\"#_ftn7\" id=\"_ftnref7\">[7]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Unser Widerstand gegen Stuttgart 21 ist deutlich mehr als der Widerstand gegen die Zerst\u00f6rung eines Bahnhofs. Es ist der Widerstand gegen die Stadtzerst\u00f6rung als Ganzes.<\/p>\n\n\n\n<p>Und der lange Atem unseres Widerstands, die Freude an diesem Engagement, der Mut, es an jedem Montag neu zum Ausdruck zu bringen \u2013 all das wird gut in einem Lied zum Ausdruck gebracht, das Bernd K\u00f6hler immer wieder hier auf dem Platz anstimmt:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Ins Geheul der Kriegssirene<\/em><br><em>Singen atemlose Ch\u00f6re<\/em><br><em>Ihre trotzig sch\u00f6nen Lieder<\/em><br><em>\u00dcber dem Schutt der gro\u00dfen St\u00e4dte<\/em><br><em>Flattern stille bunte Fahnen<\/em><br><em>F\u00fcr das Prinzip<\/em><br><em>des \u00dcberlebens \u2013 die Vernunft<\/em><br><em>Komm Marie lass uns grad heut<\/em><br><em>Den roten Stern zum Tanzen bringen<\/em><br><em>Lass uns \u00fcber Maulwurfh\u00fcgel<\/em><br><em>Purzelb\u00e4ume schlagen, springen<\/em><br><em>Wir brechen das Eis der Computergehirne<\/em><br><em>Wir bieten die Stirne \u2013 Wir bieten die Stirn.<a id=\"_ftnref8\" href=\"#_ftn8\"><strong>[8]<\/strong><\/a><\/em><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kapitel 4: Stuttgart 21 &#8211; Kultur und Klima<br><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder wird Stuttgart 21 mit dem Berliner Airport BER oder mit der Hamburger Elbphilharmonie verglichen. Dem haben wir immer erneut widersprochen und auf die \u2013 im negativen Sinn \u2013 Einmaligkeit dieses Monsterprojekts verwiesen: W\u00e4hrend in Berlin und Hamburg mit viel Steuergeld die jeweiligen Kapazit\u00e4ten f\u00fcr Kultur und Fl\u00fcge erweitert wurden, soll in Stuttgart die Kapazit\u00e4t des Bahnhofs um mehr als 30 Prozent reduziert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Bereits dies ist ein Versto\u00df gegen alle Klimaschutzvorgaben \u2013 und, wie j\u00fcngst hier auf dem Platz J\u00fcrgen Resch ausf\u00fchrte, ein Versto\u00df gegen Recht und Gesetz in diesem Land, ein Versto\u00df unter anderem gegen das Landesklimaschutzgesetz.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Aktionsb\u00fcndnis gegen Stuttgart 21 und viele Rednerinnen und Redner auf den Montagsdemos haben wiederholt darauf hingewiesen, dass mit S21 nicht nur das Klima massiv belastet wird, wenn dieser unterirdische Bahnhof in den Betrieb gehen sollte \u2013 eben weil die Kapazit\u00e4t schrumpft und weil damit Verkehr auf die Stra\u00dfe verlagert wird. Wir verdeutlichten auch, dass beim blo\u00dfen Bau der bis zu 100 Kilometer langen Tunnelstrecken immense Mengen an CO2 freigesetzt werden \u2013 und dass f\u00fcr den Betrieb von Eisenbahnen in den Tunnelstrecken wesentlich mehr Energie einzusetzen ist als im Fall der Fahrt auf freier Strecke. Erneut hei\u00dft das: zus\u00e4tzliche Emissionen, die das Klima belasten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das mutet einem wie Willk\u00fcr an \u2013 wie wenn k\u00fcnstlich alles getan w\u00fcrde, um mit viel Geld viele Tunnel-Kilometer zu buddeln \u2013 auch gerade dort, wo dies nicht erforderlich ist. Und es war der Schriftsteller Johann Nestroy, der bereits vor 180 Jahren eben dies behauptete \u2013 der Bau von Tunneln um der Tunnel willen. Nestroy hat dazu ein Theaterst\u00fcck \u2013 eine \u201ePosse\u201c verfasst, in dem es das folgende Gespr\u00e4ch zwischen drei Personen in der Eisenbahn gibt:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Frau Zatschelhuberin: Fahren Sie mit nach Neustadt? \/ Peter: Bitt\u00b4 untert\u00e4nig, nur nach Br\u00fcnn. \/\/ Frau Zatschelhuberin: O, das is nix. Da is kein Tunnel auf\u00b4n ganzen Weg! \/\/ Ignaz: Tunnel ist eine unterirdische Bahn, die man durch ganze Berge grabt. \/\/ Frau Zatschelhuberin (zu Peter): Wenn Sie einmal den schauderlichen Tunnel bei Gumpoltskirchen&nbsp; werden passiert haben \u2026 \/\/ Ignaz: Das is was Au\u00dfergew\u00f6hnliches! Ein Tunnel, wo einer notwendig is, das is nix, was sein muss, muss halt sein. Aber da hab\u00b4n sie m\u00fchsam vier Schuh Weingartengrund auf einen Schwippbogen aufg\u00b4schottert, um nur unterirdisch fahren zu k\u00f6nnen. Das is a Riesenwerk!\u201c<a href=\"#_ftn9\" id=\"_ftnref9\"><strong>[9]<\/strong><\/a><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Doch Ironie beiseite. Die Realit\u00e4t ist eine deutlich d\u00fcstere. Stuttgart 21 ist ein Beispiel daf\u00fcr, dass in dem bestehenden Wirtschaftsmodell das Prinzip der Profitmaximierung zugleich das Prinzip \u201eNach uns die Sintflut\u201c ist. Die Verantwortlichen in diesem System sind ab und zu tumbe Ignoranten \u2013 ein Ronald Pofalla oder ein Frank Nopper m\u00f6gen daf\u00fcr typisch sein. Die Verantwortlichen sind aber meist mehr als das \u2013 es sind Zyniker. Denn sie wissen, was sie tun. Sie kennen ihr Zerst\u00f6rungswerk nur zu gut. Sie gehen davon aus, dass sie das Desaster der Klimakatastrophe nicht mehr pers\u00f6nlich erleben. Oder dass sie in irgendwelchen Bunkern, auf einer einsamen Insel \u00fcberleben k\u00f6nnten \u2013 oder eben auf dem Mars.<\/p>\n\n\n\n<p>Genau davon geht der aktuell zweitreichste Mann auf dieser Welt aus. Elon Musk erkl\u00e4rte in einem Interview:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eWir sollten uns daran gew\u00f6hnen, dass Leute in ein paar Jahren hochfliegen.&nbsp; Jeder sollte eine Reise zum Mars machen k\u00f6nnen. [\u2026] Die Kosten m\u00fcssen langfristig unter 500.000 Dollar liegen, damit das geht [\u2026] Falls jemand auf den Mars umziehen m\u00f6chte, muss das auch m\u00f6glich sein. Die Vereinigten Staaten [von Amerika] wurden ja auch irgendwann einmal gegr\u00fcndet.\u201c \u201eWir m\u00fcssen jetzt die Entscheidung treffen, ob wir eine multiplanetarische Spezies werden wollen.\u201c<a href=\"#_ftn10\" id=\"_ftnref10\"><strong>[10]<\/strong><\/a><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das sagte Musk vor acht Jahren. Und man fragt sich: Woher hatte der Mann diese Idee? Diejenigen unter Euch, die seit Jahren dabei sind und die immer aufmerksam die Montags-Demo-Reden verfolgt haben, erinnern sich an unsere Freundin Christine Prayon. Denn von der hat Elon Musk ganz offensichtlich die Idee mit der Flucht auf den Mars. Wobei es nicht das Musk-Unternehmen \u201eSpace X\u201c in Florida ist, mit dem diese Flucht organisiert werden soll. Vielmehr geht um die eine Geheim-Mission oben auf dem Killesberg. Bereits 2011 hat Christine Prayon hier auf der Montagsdemo dieses Geheimnis geoffenbart \u2013 wie folgt:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eW\u00e4hrend die Welt auf den Stuttgarter Bahnhof hinunterschaut, wird oben auf dem Killesberg das eigentliche Projekt verwirklicht. Der eigentliche Skandal. Mit den 20 Milliarden Euro, die f\u00fcr Stuttgart geplant sind, wird seit Jahren auf dem Killesberg ein Raumschiff gebaut, welches in zehn Jahren die deutsche Elite auf den Mars bef\u00f6rdern wird. Denn was wir vielleicht ahnen, ist diesem erlesenen Kreis aus Wirtschaft, Politik und Medien l\u00e4ngst bekannt: Es gibt kein Wachstum mehr \u2013 unser Planet ist kaputt und in zehn Jahren hei\u00dft es nur noch: rette sich, wer kann! Und dann wird diese kleine feine Gruppe der wichtigsten Deutschen [\u2026] die Erde vom Killesberg aus verlassen und auf dem Mars neu beginnen. Wissen Sie, wie die Betreiber dieses Projekt nennen? Mission OBEN BLEIBEN!\u201c<a href=\"#_ftn11\" id=\"_ftnref11\"><strong>[11]<\/strong><\/a><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Soweit die investigative Rechercheurin Christine Prayon.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir werden alles tun, die Flucht dieser Herren \u2013 mit ein paar Damen wie G\u00f6nner, Baerbock, Strack-Zimmermann \u2013 mit Start Killesberg zu verhindern. Wir werden Montag f\u00fcr Montag auf den Kundgebungen und Tag f\u00fcr Tag an der Mahnwache \u00fcber dieses verschw\u00f6rerische Handeln aufkl\u00e4ren. Wir werden von Stadt zu Stadt und von Kino zu Kino den wunderbaren Gietinger Film \u201eDas Trojanische Pferd\u201c auff\u00fchren. Wir werden ab dem 24. M\u00e4rz Busse von Stuttgart nach \u00dcberlingen organisieren, um die Peter-Lenk-Ausstellung \u201eDas Trojanische Pferd\u201c in der dortigen Kunstgalerie zu besuchen, wo im \u00dcbrigen in Dauerschleife der S21-Film gezeigt wird. Wir werden daf\u00fcr werben, dass die Skulptur \u201eDas Trojanische Pferd\u201c zur\u00fcck nach Stuttgart kommt, um Zeugnis abzulegen \u00fcber die Zerst\u00f6rungswut der Herrschenden \u2013 und \u00fcber den langen Atem des Stuttgart21-Widerstands.<\/p>\n\n\n\n<p>Und damit nochmals in den Worten von Timo Brunke:<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;<br><em>Freunde, dieser Stadt zu Ehren<br>Holt den Kehrwisch aus dem Schrank!<br>\u201eUnumkehrbar\u201c umzukehren<br>Und die Zukunft sagt uns Dank!<br>Keine Angst vor Zwang und Zahlen,<br>Wir sind das Volk, wir sind das Geld.<br>Seht, wie unsre Augen strahlen:<br>So ver\u00e4ndern wir die Welt!<a href=\"#_ftn12\" id=\"_ftnref12\"><strong>[12]<\/strong><\/a><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Sinn \u2013 und bitte alle:<\/p>\n\n\n\n<p>OBEN BLEIBEN!<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a> Wolfgang Schivelbusch, Geschichte der Eisenbahnreise \u2013 Zur Industrialisierung von Raum und Zeit im 19. Jahrhundert, Frankfurt \u2013 Berlin \u2013 Wien 1979, S.153.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\" id=\"_ftn2\">[2]<\/a> Timo Brunke, Zehn Jahre Montagsdemo. Im Original anstelle von \u201eviele Jahre\u201c \u201ezehn Jahre\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\" id=\"_ftn3\">[3]<\/a> Volker L\u00f6sch, Schwaben, h\u00f6rt die Signale! Notizen zur Stuttgarter Kulturrevolte, in: Stuttgart 21 \u2013 Oder: Wem geh\u00f6rt die Stadt, herausgegeben von V. L\u00f6sch, G. Stocker, S. Leidig und Winfried Wolf, K\u00f6ln 2011, S.47.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\" id=\"_ftn4\">[4]<\/a> Matthias Roser, Der Stuttgarter Hauptbahnhof, Stuttgart 2010, S. 85.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref5\" id=\"_ftn5\">[5]<\/a> Genaue Angaben nach: Winfried Wolf, Heiner Monheim, Wolfgang Hesse, Stuttgart 2030 \u2013 Eine Stadt f\u00fcr die Menschen, Stuttgart 2020, S. 28 und 30.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref6\" id=\"_ftn6\">[6]<\/a> Hier zitiert in: Wolf\/Hesse\/Monheim, Stuttgart 2030, a.a.O., S. 57.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref7\" id=\"_ftn7\">[7]<\/a> Ein Stellplatz f\u00fcr ein E-Pkw mit Lades\u00e4ule entspricht 20 Quadratmetern. 2000 Stellpl\u00e4tze sind entsprechend 40.000 Quadratmeter oder 4 Hektar.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref8\" id=\"_ftn8\">[8]<\/a> Text und Musik: Bernd K\u00f6hler; CD: die neue welt, jump-up 2007.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref9\" id=\"_ftn9\">[9]<\/a> Johann Nestroy, Eisenbahnheiraten. Oder Wien, Neustadt, Br\u00fcnn. Posse mit Gesang in drei Acten, Urauff\u00fchrung am 3. J\u00e4nner 1844, Theater an der Wien. https:\/\/nestroy.at\/nestroy-stuecke\/50_eisenbahnheiraten\/eisenbahnheiraten.pdf<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref10\" id=\"_ftn10\">[10]<\/a> Interview in der s\u00fcddeutschen Zeitung vom 11. Februar 2014 (= erstes Zitat) und Gespr\u00e4ch mit Dieter Zetsche in Bilanz, November 2015; beides wiedergegeben in. Winfried Wolf, Mit dem Elektroauto in die Sackgasse, 3. Auflage, Wien 2019, S. 163f.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref11\" id=\"_ftn11\">[11]<\/a> Christine Prayon, Mission OBENBLEIBEN \u2013 Rede auf der Montagsdemo vom 30. September 2011; hier wiedergegeben in: Winfried Wolf, abgrundtief + bodenlos, Stuttgart 21, sein absehbares Scheitern und die Kultur des Widerstands, 2019 (3. erw. Auflage), Seite 122.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref12\" id=\"_ftn12\">[12]<\/a> Timo Brunke; aus: Widerstandshymne.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rede Winfried Wolf \/\/ 650. Montagsdemonstration in Stuttgart am 28. Februar 2023 [Anrede] Die Zahl \u201e650\u201c verpflichtet. Es soll hier demnach nicht um Profanes gehen: Nicht um das Gleisgef\u00e4lle im Pfaffensteig auf der Magistrale Imhoven-Bratislava. Nicht um schimmlig-gr\u00fcnen Gorgonzola, der noch lang nicht gegessen ist. 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