{"id":2501,"date":"2023-03-17T11:05:21","date_gmt":"2023-03-17T10:05:21","guid":{"rendered":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=2501"},"modified":"2023-03-20T18:18:02","modified_gmt":"2023-03-20T17:18:02","slug":"bankencrash-drohende-wirtschaftskrise-und-arbeitskaempfe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=2501","title":{"rendered":"Der Crash von Credit Suisse, die lange Geschichte von Krisen und Krach und die drohende Wirtschaftskrise und Arbeitsk\u00e4mpfe"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Am vergangenen Wochenende gab es eine ungew\u00f6hnliche Zwangsehe zwischen zwei Gro\u00dfbanken. Die gr\u00f6\u00dfte Bank der Schweiz, die UBS, wurde seitens der Schweizer Regierung und der Schweizer Zentralbank (SNB) massiv unter Druck gesetzt, die Nr.2, Credit Suisse (CS), zu \u00fcbernehmen \u2013 ohne dass dabei den CS-Gro\u00dfaktion\u00e4ren eine angemessene Zeit einger\u00e4umt worden w\u00e4re f\u00fcr eine eigenst\u00e4ndige Entscheidung. Die UBS zahlt f\u00fcr die \u00dcbernahme 3 Milliarden Schweizer Franken, was weniger als der H\u00e4lfte des Marktwertes zum gegebenen Zeitpunkt entspricht. Erg\u00e4nzend erh\u00e4lt die UBS vom Schweizer Staat eine Garantie in H\u00f6he von neun Milliarden Schweizer Franken und \u201eLiquidit\u00e4tshilfen\u201c in einer H\u00f6he von \u201ebis zu 200 Milliarden Franken. Die Schweizer Nationalbank wiederum gew\u00e4hrt erg\u00e4nzend ein Darlehen in H\u00f6he von 100 Milliarden Franken.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Die erhebliche H\u00f6he dieser parallel ausgereichten Darlehen und sonstigen finanziellen Hilfszusagen unterstreichen die Brisanz der Angelegenheit. Die in den Grossdeal involvierten Personen aus Regierung und Nationalbank der Schweiz argumentieren offen, es sei darum gegangen, einen Fl\u00e4chenbrand zu verhindern. Die Regierung in Bern stand unter erheblichem Druck, die Credit Suisse zu st\u00fctzen. Denn Credit Suisse ist einer der weltweit gr\u00f6\u00dften Verm\u00f6gensverwalter und geh\u00f6rt zu den 30 global systemrelevanten Banken, deren Ausfall das internationale Finanzsystem ersch\u00fcttern w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Credit Suisse \u2013 zwei Jahre Weg in den Crash<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es handelt sich um die bedeutendste Bankenfusion in Europa seit der Finanzkrise vor 15 Jahren. Sie bedeutet das Ende f\u00fcr die 167 Jahre alte Credit Suisse, deren Hauptsitz gegen\u00fcber der erbitterten Rivalin UBS am Z\u00fcrcher Paradeplatz liegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Bereits im Jahr 2021 machte diese systemrelevante Gro\u00dfbank einen Verlust von 1,5 Milliarden Franken. Im Herbst 2022 rutschte sie in eine gef\u00e4hrliche Schieflage. Anleger zogen jetzt massenhaft ihre Einlagen ab. Die Verluste im Jahr 2022 kletterten auf rekordverd\u00e4chtige (umgerechnet) 7,5 Milliarden Euro. Anfang M\u00e4rz verlor das Bankhaus einen seiner Gro\u00dfaktion\u00e4r, Harris Associates. Dieser hielt vor einem Jahr noch 10 Prozent der CS-Anteile. Die <em>Neue Z\u00fcricher Zeitung<\/em> kommentierte am 6. M\u00e4rz diesen f\u00fcr die CS gef\u00e4hrlichen Ausstieg: \u201eHarris Associates, [\u2026] gilt als Value Investor, der auf unterbewertete Unternehmen setzt. \u00b4Patience is key\u00b4 oder \u00b4Geduld ist entscheidend\u00b4 schreibt Harris Associates marketingwirksam auf seiner Homepage. Jetzt ist die Geduld des US-Investors am Ende, er wollte offenbar um fast jeden Preis raus.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nur zwei Wochen sp\u00e4ter weigerte sich ein anderer Gro\u00dfaktion\u00e4r, die Saudi National Bank (CS-Anteil bis zu diesem Zeitpunkt 9,8%), ihre Beteiligung an der Bank zu erh\u00f6hen. Faktisch verabschiedeten sich die Saudis damit ebenfalls von der CS. Das hatte zweifellos Auswirkungen auf den dritten wichtigen Gro\u00dfaktion\u00e4r, auf die Qatar Holding (CS-Anteil bisher: 5 %). Einiges spricht daf\u00fcr, dass am vergangenen Donnerstag auch die Kataris gedachten, bei der CS auszusteigen. Womit die letzte Stufe der Krisen-Eskalation erreicht wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Allerdings schien zu diesem Zeitpunkt eine Bankenrettung durch massive Staatshilfe vorstellbar. Die Schweizerische Nationalbank erkl\u00e4rte am vergangenen Mittwoch zun\u00e4chst allgemein, \u201eim Bedarfsfall der CS Liquidit\u00e4t zur Verf\u00fcgung stellen\u201c zu wollen. Tags daras, auf 16.3. wurde bekannt, dass sich die Credit Suisse bei dieser staatlichen Institution, also bei der Zentralbank der Schweiz, 50 Milliarden Franken leihen wolle. Worauf es zun\u00e4chst sogar zu einem Anstieg des CS-Aktienkurses kam.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Credit Suisse verwaltete Mitte 2022 noch ein Verm\u00f6gen von umgerechnet mehr als 1,5 Billionen Euro. Ende 2022 waren es bereits ein paar hundert Milliarden weniger. Die nun entstandene neue Gro\u00dfbank UBS mit \u00fcbernommener Credit Suisse und zun\u00e4chst 120.000 Besch\u00e4ftigten, ist gewisserma\u00dfen eine Bank, die mehr ist als \u201etoo big to fail\u201c. Sollte auch die UBS ins Wanken kommen \u2013 und auch das ist inzwischen nicht mehr auszuschlie\u00dfen \u2013 dann w\u00e4ren staatliche Hilfsma\u00dfnahmen erforderlich, die die M\u00f6glichkeiten des Schweizer Nationalstaats \u00fcbersteigen k\u00f6nnten. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die EZB bei den Debatten zur Rettung der Credit Suisse keine gr\u00f6\u00dfere Rolle spielte. Wohl aber gan es einen engen Austausch mit US-amerikanischen Investoren und offensichtlich auch mit der Notenbank der USA, der Fed. Die Credit Suisse war \u2013 und die neue UBS ist \u2013 eng mit dem Finanzmarkt der USA vernetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wer, bitte, ist die UBS? Kam hier wirklich ein wei\u00dfer, unschuldiger Ritter, der die unr\u00fchmlich gefalllene Credit Suisse gro\u00dfz\u00fcgig unter die Fittiche nahm?&nbsp; Tats\u00e4chlich gibt es 2023 ein Spiel mit im Vergleich zur 2008er Bankenkrise verteilten Rollen. Damals schien die Credit Suisse dem Krisen-Sturm stand halten zu k\u00f6nnen. Die UBS jedoch stand vor dem Kollaps. Der Schweizer Staat musste damals die UBS auffangen und ihr faule Kredite in H\u00f6he von 68 Milliarden Schweizer Franken abnehmen. Es wurde eine in Staatsbesitz befindliche Bad Bank gegr\u00fcndet mit Sitz \u2026 auf den Cayman Islands. Auch damals mussten die Zeche letzten Endes die Steuerzahlenden begleichen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bankenkrise in den USA<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ausgangspunkt der j\u00fcngsten Bankenkrise waren \u2013 wie 2007\/2008 \u2013 die USA. Bereits am 10. M\u00e4rz musste in Kalifornien die Silicon Valley Bank (SVB) von der Aufsichtsbeh\u00f6rde geschlossen werden. Verluste in H\u00f6he von zwei Milliarden Dollar hatten sich angeh\u00e4uft, einen \u201eBank-Run\u201c ausgel\u00f6st und die Aktien des Instituts um 80 Prozent schrumpfen lassen. Das Institut geh\u00f6rte zu den 20 gr\u00f6\u00dften US-Banken; seit 2018 ist die SVB auch in Deutschland vertreten. Nur wenige Stunden nach der SVP-Insolvenz ging eine zweites Finanzinstitut, die Signature Bank, &nbsp;in die Insolvenz. Seit dem vergangenen Wochenende und bis Anfang dieser Woche, Montag dem 20. M\u00e4rz, ist mit der First Republic ein weiteres Institut ins Krisen-Kreuzfeuer ger\u00fcckt. Dies geschah, obgleich zuvor elf Gro\u00dfbanken 30 Milliarden Dollar aufgeh\u00e4ufelt hatten, um die st\u00fctzend bei der First Republic anzulegen. Inzwischen bildete sich eine \u201eKoalition\u201c \u2013 oder sollte man sagen: ein Erpresser-Clan? \u2013 von mehr als hundert mittelgro\u00dfen Banken. Diese sehen sich einer gef\u00e4hrlichen Kundenflucht, bei der Anleger ihre Gelder dort abheben und zu Gro\u00dfbanken transferieren, gegen\u00fcber. Sie fordern vom Staat f\u00fcr die n\u00e4chsten zwei Jahre eine Komplettgarantie f\u00fcr s\u00e4mtliche Einlagen. Wie dramatisch und zugleich entlarvend die Lage ist, zeigt der Umstand, dass sich das Wei\u00dfe Haus in engen Gespr\u00e4chen mit dem Vielfach-Milliard\u00e4r Warren Buffet begeben hat. Buffet hatte 2008 die Gro\u00dfbank Goldman Sachs mit einer Kapitalinjektion von 5 Milliarden Dollar aus einer Schieflage gerettet. 2011 st\u00fctzte er die kriselnde Bank of America. Wobei sich beide Interventionen f\u00fcr sein Fonds Berkley Hathaway als \u00e4u\u00dferst lukrativ erwiesen hatte. Jetzt also stecken der 79j\u00e4hrigen Joe Biden und der 93j\u00e4hrige Warren Buffet die K\u00f6pfe zusammen, um ein bisschen die Welt und vor allem die eigene Klasse zu retten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Die Dynamik der aktuellen Bankenkrise<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Anders als 2008, als es einige Wochen dauerte, bis die Lehman Brothers-Pleite nach Europa schwappte, dauert es 2023 nur wenige Stunden, bis die Bankenkrise in Kalifornien die europ\u00e4ische Finanzwelt ersch\u00fctterte \u2013 zun\u00e4chst in Form eines Einschlags in der eidgen\u00f6ssischen Bergwelt. Tats\u00e4chlich sind im Verlauf der letzten sieben B\u00f6rsentage die Aktien aller gro\u00dfen europ\u00e4ischen Banken massiv unter Druck geraten. Und es d\u00fcrfte nur wenige Tage dauern, bis auf diese Weise die n\u00e4chste Schwachstelle im Finanzsystem identifiziert wird. Warum nicht in Italien die Unicredit oder dort der chronische Bankenkrach-Kandidat, die Banca Monte dei Paschi di Siena? Warum nicht die seit Jahren angeschlagene Deutsche Bank? Warum nicht eine der Gro\u00dfbanken in Spanien, die dort weiterhin im hochspekulativen Immobiliensektor engagiert ist? Warum nicht eine der britischen Gro\u00dfbanken? Gab es nicht bereits im November 2022 im Vereinigten K\u00f6nigreich eine Situation, wo die Bank of England intervenieren musste, um gro\u00dfe Pensionsfonds vor dem Absturz zu retten. Diese sahen sich \u2013 \u00e4hnlich wie in den letzten Wochen die Silicon Valley Bank! \u2013 zu einem Notverkauf von niedrig verzinsten Staatsanleihen gezwungen und gerieten durch die damit erlittenen Kursverluste in Schieflage.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Blatt <em>Wirtschaftswoche<\/em> kommentierte bereits den Zusammenbruch der Silicon Valley Bank wie folgt: \u201eGenau vor einer solchen Situation f\u00fcrchten sich Finanzaufseher seit Jahren, weil Notverk\u00e4ufe Bankkunden in Panik versetzen und ein Institut blitzartig in Schieflage bringen k\u00f6nnen. Aus einer solchen Situation kann eine Gefahr f\u00fcr das gesamte Finanzsystem erwachsen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Allgemeine Krisentendenzen, durch Bankenkrise verst\u00e4rkt<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich ist der Ausgangspunkt, der Zusammenbruch der Silicon Valley Bank, ein Lehrst\u00fcck. Nicht wegen der Art des Kollapses: Die Manager dieser Bank haben vieles richtig und eher wenig falsch gemacht. Nicht wegen der Pleiten von Silicon Valles und Credit Suisse. &nbsp;Ob sich diese aktuelle Bankenkrise zu einem weltweiten Finanzkrach ausweitet oder ob die Eind\u00e4mmung gelingt, kann nicht vorhergesagt werden. Die anarchischen Kr\u00e4fte, die in der kapitalistischen \u00d6konomie und im \u00dcberbau \u2013 Massenpsychologie eingeschlossen \u2013 eine Rolle spielen, erm\u00f6glichen keine exakte Aussagen zum Zeitpunkt des Eintretens von Krisen. Bereits Bertolt Brecht wusste: \u201eDie Herren von den&nbsp; Konjunkturforschungsinstituten, die doch \u00fcber genaue Notierungen auf dem Gebiet der wirtschaftlichen Erscheinungen verf\u00fcgten, zeigten ihren Kopf nur dadurch, dass sie ihn sch\u00fcttelten.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Lehrst\u00fcck sind die aktuellen Krisentendenzen jedoch hinsichtlich des Rahmens, in dem sich all dies abspielt und hinsichtlich des geschichtlichen Hintergrunds.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Weltwirtschaftskrise von 1929 bis 1933 schien nach dem Zweiten Weltkrieg eine Angelegenheit zu sein, die sich nie mehr wiederholen w\u00fcrde. Drei Jahrzehnte lang, bis zu einer ersten internationalen Krise 1974\/75, schien die kapitalistische Weltwirtschaft stabil. Und auch diese Krise und die folgende Rezession 1980-82 wurden als Ausnahmen vom der Regel interpretiert, weil ihnen jeweils ein massiver Anstieg des \u00d6lpreises voranging, weswegen man auch von der \u201e\u00d6lkrise 1973\u201c und der \u201eRohstoffpreiskrise 1980\u201c sprach. Was selbst noch bis Mitte der 1980er Jahre als absolut ausgeschlossen alt, war, ein neuer B\u00f6rsenkrach. Bis es selbst einen solchen am 19. Oktober 1987 gab.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun befindet sich das kapitalistische Weltsystem seit den 1980er Jahren in einem Krisenmodus, der an den Kapitalismus des 19. Jahrhunderts und den der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts erinnert. Es gibt r\u00fcckl\u00e4ufige Profitraten \u2013 als Ergebnis des immer h\u00f6heren Kapitaleinsatzes. Das wird erg\u00e4nzt um eine zur\u00fcckbleibende kaufkr\u00e4ftige Nachfrage \u2013 als Ergebnis des Drucks auf die Arbeitseinkommen und der Existenz riesiger Heere von Erwerbslosen und Verarmten. Es kommt zu einer relativen Deindustrialisierung in Nordamerika und Westeuropa und zu einer Jagd des Kapitals nach neu Verwertbarem: im Binnenmarkt in Form von Privatisierungen im Gesundheitssektor, bei Bahn, Post, Energie, in der Pflege. Auf den \u00e4u\u00dferen M\u00e4rkten mit der Jagd um den Globus, mit Enteignung von Kleinbauern, Landgrabbing und Anbau von agrarischen Kraftstoffen. \u00dcbersch\u00fcssiges Kapital wird zunehmend in spekulativen Bereichen angelegt: im Immobiliensektor, in Kryptow\u00e4hrungen, in Luxusg\u00fctern und Kunst \u2013 und nat\u00fcrlich an den B\u00f6rsen. Besonders pervers: Aktiengesellschaften investieren in den Kauf eigener Aktien. Allein die 500 gr\u00f6\u00dften US-Unternehmen gaben 2022 mehr als ein Billion Dollar f\u00fcr den Kauf eigener Aktien aus. Damit werden die Aktienkurse zus\u00e4tzlich und k\u00fcnstlich angeheizt. Die Boni der Manager, die meist an den Aktienkurs gekoppelt sind, werden deutlich gesteigert.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine gro\u00dfe Rolle spielt auch das Wagnis-Kapital: Man investiert \u2013 meist geb\u00fcndelt \u00fcber Kapitalsammelplattformen \u2013 in Start-up-Unternehmen, die oft ein Jahrzehnt lang Verluste machen, deren B\u00f6rsenwert jedoch im allgemeinen Boom hochgezogen wird, sodass sich das Investment lohnt \u2013 solange die Aktienkurse nicht fallen. Die Silicon Valley Bank hatte vor allem Kredite an Start-up-Firmen ausgereicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun bilden sich in all diesen spekulativen Bereichen Blasen; die Marktwerte liegen weit \u00fcber den realen Werten. Dies trifft zu auf den weltweiten Immobilienmarkt. In fast allen L\u00e4ndern sinken seit Herbst 2022 die Immobilienpreise. Dabei stecken in Immobilien in der Regel auch Werte, geschaffen durch menschliche Arbeit. Doch oft \u2013 so bei den zitierten jungen Unternehmen oder gar bei den Kryptow\u00e4hrungen \u2013 gibt es kaum oder keine realen Werte. Es herrscht das Prinzip Hoffnung. Wann dann eine solche Blase angepiekst wird und diese in sich zusammenf\u00e4llt und welche Wirkungen dies auf die gesamte Blasen-Welt haben wird, kann nicht vorhergesagt werden. Sicher ist jedoch, dass es zum Platzen dieser Blasen kommt und dass dies mit gef\u00e4hrlichen R\u00fcckwirkungen auf die Weltwirtschaft verbunden sein wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Zumal die Politik der Zentralbanken zu beidem \u2013 Blasenbildung und Blasen-Pieks \u2013 beitr\u00e4gt. Ein Jahrzehnt lang und bis zum Fr\u00fchjahr 2022 wurde die spekulative Gesamtentwicklung von den Zentralbanken mit der Politik billiger Kredite (Nullzins-Politik) gef\u00f6rdert. Als ab M\u00e4rz 2022 die US-Notenbank den Leitzins in schneller Folge um mehr als vier Prozentpunkte anhob \u2013 unter anderem begr\u00fcndet mit der Bek\u00e4mpfung der Inflation und zur D\u00e4mpfung einer \u00fcberhitzten Wirtschaft \u2013 und als alle anderen westlichen Notenbanken sich dieser Politik anschlossen, gerieten Unternehmen und private H\u00e4uslebauer wegen des steigenden Schuldendienstes in Bedr\u00e4ngnis. Viele Banken hatten sich, so die Silicon Valley Bank im gro\u00dfen Stil mit niedrig verzinsten Staatsanleihen eingedeckt. Das war eher eine konservative, risikoarme Anlagestrategie. Doch diese Papiere b\u00fc\u00dften jetzt als Ergebnis der Zinserh\u00f6hungen an Wert ein. Wer sie nun verkaufen musste, um Liquidit\u00e4t zu sichern, machte gro\u00dfe Verluste.<\/p>\n\n\n\n<p>In der aktuellen Situation werden die beschriebenen Krisentendenzen versch\u00e4rft durch Verluste aus den Pandemie-Zeiten, durch unterbrochene Lieferketten und als Folge der Sanktionspolitik, bei der der russische Markt f\u00fcr westeurop\u00e4ische Firmen pl\u00f6tzlich weitgehend entf\u00e4llt. Hinzu kommen die \u2013 vor allem in Europa \u2013 massiv gestiegenen Energiepreise, die sich erst im weiteren Verlauf des Jahres 2023 in G\u00e4nze und dann massiv negativ auf die Nachfrage auswirken werden. Aktuell wird dies noch durch staatliche Interventionen&nbsp; abgemildert. Zumal L\u00e4nder wie Italien oder \u00d6sterreich durchaus noch russisches Gas und \u00d6l beziehen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Die neuen Zeichen an der Wand<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Weltwirtschaftskrise 2008, ausgel\u00f6st durch den Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers am 15. September 2008, kam f\u00fcr die meisten &nbsp;Beobachter \u00fcberraschend. 2023 ist die Lage eine andere. Es gibt kaum \u00fcbersehbare Zeichen an der Wand, die die Gefahren f\u00fcr eine neue weltweite Krise deutlich machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Dezember ver\u00f6ffentlichte die Bank f\u00fcr Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) eine Warnung vor weltweit \u201ehohen Finanzrisiken\u201c mit \u201eversteckten Schulden in H\u00f6he von 80 Billionen Dollar\u201c. Im Februar verwiesen Aktienstrategen auf den \u201eFear &amp; Greed-Index\u201c von CNN, wonach die Stimmung in \u201eGreed\u201c (Gier) umgeschlagen sei, weswegen \u2013 so die FAZ vom 11.2. \u2013 sich \u201edie Signale f\u00fcr eine \u00dcberhitzung mehren\u201c w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<p>Diverse Kryptow\u00e4hrungen befinden sich seit mehr als einem Jahr im freien Fall; 2022 ist der Markt f\u00fcr diese Kunstw\u00e4hrungen um 1,6 Billionen Dollar geschrumpft. Einzelne Handelsplattformen f\u00fcr diese Kunstw\u00e4hrungen mussten geschlossen werden (FTX, Celsius, TerraUSD, Luna). Der Fall des Vielfach-Milliard\u00e4rs Sam Bankman-Fried, zugleich Gr\u00fcnder der erw\u00e4hnten Handelsplattform FTX,&nbsp; ist insofern interessant, weil der junge Mann, der sich gerne mit Wuschelkopf und kurzen Hosen pr\u00e4sentierte, bis Mitte 2022 in vielen seri\u00f6sen Medien als Finanzgenie gefeiert wurde. Inzwischen gilt er der FAZ (24.11.22) als \u201eKrypto-Kanaille\u201c. Obgleich wegen Finanzbetrug im Gef\u00e4ngnis, richtet er weiter liebevolle Worte an seine Umwelt: \u201eYou were my familiy. I\u00b4ve lost that, and our old home is an empty warehouse of monitors\u201c \u2013 \u201eIhr seid meine Familie. Die habe ich verloren. Und unser altes Heim ist eine leere Lagerhalle voller Bildschirme.\u201c Bereits damals, vor vier Monaten, kommentierte dies die <em>Financial Times<\/em> (24.11.) weniger lyrisch mit: \u201eDas ist eine Situation, die an Lehman Brothers 2008 erinnert.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Und es gab noch weitere solcher Zeichen an der Wand. Im vergangenen Jahr verloren Superreiche wie Elon Musk (Tesla, USA) und Gautam Adani (Adani Group; Indien) jeder f\u00fcr sich mehr als 100 Milliarden Dollar. Dann gibt es inzwischen eine ganze Gruppe von L\u00e4ndern, die von der Staatspleite bedroht sind. Das trifft zu auf San Salvador, Sri Lanka, Libanon, Argentinien, Laos, Pakistan und m\u00f6glicherweise auch auf die T\u00fcrkei. Die Risiken, die von diesen drohenden Staatspleiten f\u00fcr die internationalen Banken ausgehen, liegen addiert bei vielen hunderten Milliarden Dollar.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor allem ist China im Wortsinn keine sichere Bank mehr: Das Wirtschaftswachstum liegt auf Rekord-Tief \u2013 offiziell im Jahr 2023 gut 5 Prozent, real m\u00f6glicherweise deutlich niedriger. Das ist zwar wesentlich mehr als das Wirtschaftswachstum in jedem vergleichbaren westlichen Land. Doch in den vorausgegangenen Jahren lag das Wachstum des chinesischen Bruttoinlandsprodukts (BIP) meist bei 7 und 8 Prozent; die Exporte wuchsen nochmals schneller. 2022 exportierte China sogar erstmals mehr Autos als Deutschland. China wirkte damit als Lokomotive der Weltwirtschaft. Vor diesem Hintergrund wirkt der deutliche R\u00fcckgang des chinesischen Wirtschaftswachstums f\u00fcr die internationale \u00d6konomie als weiterer Krisenfaktor.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinzu kommt der gegen China gerichtete Handelskrieg, den die US-Regierung anf\u00fchrt und dem sich europ\u00e4ische Regierungen in wachsender Zahl anschlie\u00dfen. Zumal die USA mit dem im August 2022 beschlossenen Inflation Reduction Act (IRA) \u2013 einem gigantischen Subventionsprojekt im Stil von Donald Trumps Losung \u201eMake America great again!\u201c \u2013 europ\u00e4isches Kapital nach Nordamerika umlenken wollen. Auch das wird in China Bremsspuren hinterlassen. Hinzu kommt, dass die Bauindustrie und der H\u00e4usermarkt in China von einer Vertrauenskrise erfasst wurden. Der gr\u00f6\u00dfte chinesische Immobilienkonzern, Evergrande, geriet in den letzten zwei Jahren ins Wanken.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt auch eine Verbindung zwischen der Bankenpleite in Kalifornien und China. Man ist verbl\u00fcfft, in der <em>Financial Times<\/em> vom 13. M\u00e4rz das Folgende zu lesen: \u201eDie Silicon Valley Bank war insbesondere unter jungen chinesischen Biotech-Firmen, deren Operationsbasis zwischen den USA und China lag, popul\u00e4r.\u201c Die Silicon Valley Bank war auch ein Joint Venture mit der chinesischen Shanghai Pudong Development Bank eingegangen. Auch dieses Joint Venture ist nun von Abwicklung bedroht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Krise und Arbeitsk\u00e4mpfe<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Beobachtung des weiteren Verlaufs der Bankenkrise und der B\u00f6rsen-Fieberkurven ist zweifellos interessant. Auch ist die Wahrscheinlichkeit gro\u00df, dass es zu einer neuen Wirtschaftskrise kommt \u2013 verst\u00e4rkt aufgrund der Bankenkrise, aber durchaus vor allem ein Resultat des business as usual: Seit Herbst 2022 befinden sich die Frachtraten im freien Fall \u2013 das war schon immer ein wichtiger Indikator f\u00fcr einen R\u00fcckgang der Weltwirtschaft und oft ein solcher f\u00fcr eine baldige weltweite Rezession. In Deutschland sank im vierten Quartal 2022 das BIP; bei dem zu erwartenden zweiten Minus im ersten Quartal 2023 existiert \u2013 jedenfalls rein technisch gesehen \u2013 eine Rezession. Eine solche Rezession gibt es l\u00e4ngst in einigen anderen L\u00e4ndern der Eurozone, so in Finnland, in Estland, in Litauen, in Griechenland&nbsp; und vor allem in Italien. Die Gefahr einer allgemeinen Wirtschaftskrise in der EU ist gegeben. Die Bankenkrise ist da \u201enur\u201c ein zus\u00e4tzliches Element.<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser insgesamt labilen Situation sind die Arbeitsk\u00e4mpfe entscheidend. Diese stehen durchaus in einem Zusammenhang mit dem Geschehen an den Finanzm\u00e4rkten. Die Ersch\u00fctterungen an den Finanzm\u00e4rkten und die absehbar neuen staatlichen Mittel, die eingesetzt werden d\u00fcrften, um Banken und Unternehmen zu retten und gleichzeitig die Hochr\u00fcstung fortzusetzen, werden \u2013 zusammen mit den Kosten des Ukrainekriegs, der Inflation und des aufgrund des Zinsanstiegs steigenden Schuldendienstes (Italien!) \u2013 den Abbau der Realeinkommen beschleunigen. Massenentlassungen waren bereits vor der aktuellen Bankenkrise an der Tagesordnung (IT-Sektor, Galeria Karstadt, Ford). Allein die \u00dcbernahme der Credit Suisse durch die UBS ist mit der Zerst\u00f6rung von einigen Zehntausend Arbeitspl\u00e4tzen verbunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Erfolg der Besch\u00e4ftigten und ihrer Gewerkschaften in ihren aktuellen K\u00e4mpfen in Gro\u00dfbritannien (gegen Einschr\u00e4nkungen des Streikrechts), in Frankreich (gegen das h\u00f6here Renteneintrittsalter) und in Deutschland (gegen Lohnabbau durch Inflation) sind die einzige M\u00f6glichkeit, den Generalangriff von Unternehmen, Banken und Regierungen auf die arbeitenden und erwerbslosen Klassen auszubremsen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bringt man die aktuellen Krisentendenzen in Verbindung mit der drohenden \u2013 und bereits eingesetzt habenden &#8211;&nbsp; Klimakatastrophe, dann wird die fatale Lage der Menschheit erst recht verdeutlicht: In dieser neuen Krise werden die herrschenden Klasse und ein gro\u00dfer Teil der Beherrschten, zumal ihrer Vertretungen in Form von Gewerkschaften, vor allem auf neues Wachstum hoffen (und oftmals \u201eKonjunkturhilfen\u201c zur Herbeif\u00fchrung von neuem Wachstum fordern).&nbsp; Genau dies jedoch ist die falsche Arznei \u2013 damit werden, wenn so pauschal erhofft und gefordert, noch mehr klimasch\u00e4digende Emissionen produziert. Dabei ist Wirtschaftswachstum eine dem Kapital inh\u00e4rente Tendenz. Nur eine Bewegung, die die Fesseln dieser Wirtschaftsweise abstreift und auf ein solidarisches Zusammenleben in Nord und S\u00fcd abzielt und eine immense Kraftanstrengung unternimmt, um den materiellen Ressourcenverbrauch radikal zu senken, ist in der Lage, einen Ausweg aus diesem Dilemma zu finden.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Winfried Wolf ist Chefredakteur von Lunapar21 \u2013 Zeitschrift zur Kritik der globalen \u00d6konomie (www.lunapark21.net). Er verfasste B\u00fccher zu den Wirtschaftskrisen 1974\/75 (\u201eEnde der Krise oder Krise ohne Ende\u201c; zusammen mit Ernest Mandel; Wagenbach 1979), zum B\u00f6rsenkrach 1987 (\u201eCash, Crash &amp; Crisis\u201c; zusammen mit Ernest Mandel; Rasch und R\u00f6hring; 1988) und zur Krise 2008 (\u201eSieben Krisen \u2013 ein Crash\u201c; Promedia 2009).<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am vergangenen Wochenende gab es eine ungew\u00f6hnliche Zwangsehe zwischen zwei Gro\u00dfbanken. Die gr\u00f6\u00dfte Bank der Schweiz, die UBS, wurde seitens der Schweizer Regierung und der Schweizer Zentralbank (SNB) massiv unter Druck gesetzt, die Nr.2, Credit Suisse (CS), zu \u00fcbernehmen \u2013 ohne dass dabei den CS-Gro\u00dfaktion\u00e4ren eine angemessene Zeit einger\u00e4umt worden &hellip; <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[7],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2501"}],"collection":[{"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2501"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2501\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2514,"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2501\/revisions\/2514"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2501"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2501"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2501"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}