{"id":2653,"date":"2023-08-04T22:43:51","date_gmt":"2023-08-04T20:43:51","guid":{"rendered":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=2653"},"modified":"2023-08-04T23:18:23","modified_gmt":"2023-08-04T21:18:23","slug":"was-fehlte-herrn-w-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=2653","title":{"rendered":"Was fehlte Herrn W.? Zeit."},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Er mochte die Beatles. Und er konnte tanzen; 1986 auf dem Gr\u00fcndungsparteitag der Vereinigten Sozialistischen Partei sogar solo auf ger\u00e4umtem Parkett.<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Lieblingssong war \u201eBaby You Can Drive My Car\u201c, was \u00fcberrascht angesichts seines Engagements gegen die Autogesellschaft. Die Zeile lie\u00dfe sich aber auch dahin interpretieren, dass er den Wagen, den er nicht mehr braucht, anderen \u00fcberl\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Er h\u00e4tte durchaus auch die zweite Zeile unterschreiben d\u00fcrfen \u201eYes, I\u2018m gonna be a star\u201c. Denn das war er, vor allem als Redner auf zahllosen Podien \u00fcberall in der Republik und auch im Ausland. Eingedenk seiner erkl\u00e4rten \u201eZugeh\u00f6rigkeit zum Stamm der Schwaben, einschlie\u00dflich der Verteidigung des schw\u00e4bischen Komperativs \u203agr\u00f6\u00dfer wie\u2039\u201c, d\u00fcrfen wir ihn vielleicht auch als schw\u00e4bischen Superlativ ansehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Winfried war Inhaber einer Bahncard 100 und legte im Jahr Zehntausende Kilometer auf der Schiene zur\u00fcck, besuchte Initiativen, nahm an Konferenzen teil, hielt Vortr\u00e4ge und unterst\u00fctzte Protestaktionen. Im Lauf eines Vierteljahrhunderts sprach er auf rund 120 Veranstaltungen pro Jahr, allein vierzig Mal auf den Montagsdemos von Stuttgart 21. Um die hunderttausend Menschen wird er erreicht haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf den Zugfahrten schrieb er, Artikel f\u00fcr B\u00fcrgerbahn, f\u00fcr die Zeitung gegen den Krieg, f\u00fcr eine andere Pandemie-Politik , f\u00fcr Lunapark21. Er war unglaublich produktiv. Mancher eilig getippte Artikel bedurfte noch der \u00dcberarbeitung, sofern denn die Zeit daf\u00fcr war.<\/p>\n\n\n\n<p>Die schien knapp. Immer ereignete sich etwas, was nach einer politischen Antwort verlangte, was sein Eingreifen n\u00f6tig machte.<\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch fand er Zeit zu lesen, viel zu lesen, Fachliteratur, Romane. Nach der Lekt\u00fcre von Wolfgang Schorlaus Krimi \u201eAm zw\u00f6lften Tag\u201c um&nbsp; industrielle Tiermast wurde er Vegetarier.<\/p>\n\n\n\n<p>Im geselligen Kreis von Freund:innen war er entspannt. F\u00fcr seine G\u00e4ste, kochte er gern, kredenzte eine gute Flasche und vermittelte keineswegs den Eindruck, gehetzt zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Und er war ein talentierter Hobby-Tischler, fertigte M\u00f6bel und Regale in seiner Wohnung und konnte es selbst in gemieteten Ferienh\u00e4usern nicht lassen, die Fensterl\u00e4den zu reparieren, wie seine Tochter Paola berichtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr baute er auch ein stabiles Baumhaus, war stolz darauf und sp\u00e4ter ein wenig zerknirscht, als ein Zimmermann kritisierte, die Stube in den Wipfeln sei viel zu stabil und mit \u00fcbertrieben dicken Bohlen gefertigt worden.<\/p>\n\n\n\n<p>1968 \u2013 Internationaler Vietnamkongress, Attentat auf Rudi Dutschke, Pariser Mai, Niederschlagung des Prager Fr\u00fchlings \u2013 in Berlin tritt der 19-j\u00e4hrige Winfried Wolf der frisch gegr\u00fcndeten GIM \u2013 Gruppe Internationale Marxisten bei, 1973 wird er Mitglied der Redaktion der GIM-Zeitung Was tun und schon bald deren Chefredakteur. 1986 fusionieren die trotzkistische GIM und die maoistische KPD\/ML zur Vereinigten Sozialistischen Partei VSP und Winnie wird Chefredakteur der SoZ\u2013Sozialistische Zeitung. Von 1997 bis 2002&nbsp; sitzt er f\u00fcr die PDS im Deutschen Bundestag. Seit 2006 erkl\u00e4rt er sich als \u201eparteilos gl\u00fccklich\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Nebenbei, nebenbei?, hat er noch ein paar B\u00fccher geschrieben, drei oder vier Dutzend, \u201eDer Atomverein nach Harrisburg\u201c, \u201eSp\u00e4tkapitalismus in den achtziger Jahren\u201c, 1981 erschien \u201ePolen, der lange Sommer der Solidarit\u00e4t\u201c in zwei B\u00e4nden. Nach Verh\u00e4ngung des Kriegsrechts und dem Verbot der Gewerkschaft Solidarno \u00b4 s \u00b4 c folgte \u201ePolen, der Winter geh\u00f6rt den Kr\u00e4hen\u201c. Dann B\u00fccher \u00fcber Stahl- und R\u00fcstungsindustrie, \u00fcber kapitalistische Krisen. Mit \u201eSieben Krisen \u2013 ein Crash\u201c war er 2009 unter den ersten, die das globale Zusammenwirken verschiedener Entwicklungen in den Blick nahmen. Immer wieder schrieb er in Kooperation mit anderen, so 2016 mit Nikos Chilas \u00fcber \u201eDie griechische Trag\u00f6die\u201c. Auch mit Ernest Mandel und Eduardo Galeano hat er zusammengearbeitet.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte Wirkung aber erzielten seine Publikationen zum Verkehr. Was den Politologen und marxistischen Wirtschaftsanalytiker auf dieses Gleis setzte, erz\u00e4hlt J\u00fcrgen B\u00f6nig:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eManchmal hat die Menschheit einfach Gl\u00fcck, wenn sich ein einzelner entscheidet. Das war mindestens der Fall, als Winfried Wolf sich auf Rat seines Doktorvaters entschied, statt \u00fcber die langen Wellen der Konjunktur \u00fcber Eisenbahn und Autoverkehr zu schreiben. Als Technikhistoriker freute ich mich besonders \u00fcber die Darlegung der historischen Entwicklung des Eisenbahnwesens und der Autoindustrie, die so unterschiedlich verlief in Europa und in Nordamerika. Seine Analyse beruhte auf den Kategorien der Kritik der politischen \u00d6konomie, aber er trieb diese von Marx entwickelte Methode weiter zur genauen Darlegung der Rolle, die die Eisenbahn und schlie\u00dflich das individuell besessene Automobil in einer bestimmten Phase der Kapitalakkumulation spielte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Standardwerk von 1986, \u00abEisenbahn und Autowahn\u00bb, auf das jahrelang Journalistinnen, unter anderem beim Spiegel, zur\u00fcckgriffen, erschien gerade zum rechten Zeitpunkt \u2013 nach dem Kampf um die 35-Stundenwoche und bevor noch an der Deutschen Bahn das ausprobiert wurde, was Margaret Thatcher mit katastrophalen Folgen vorexerziert hatte \u2013 die Privatisierung der Eisenbahn. Seine genauen Kenntnisse der Unterschiede zwischen den Eisenbahnsystemen, zum Beispiel in der Schweiz oder in England, seine zahlreichen Artikel und Vortr\u00e4ge und seine politische Organisationsf\u00e4higkeit haben die Privatisierung der Bundesbahn und die \u00dcberf\u00fchrung in eine Aktiengesellschaft nach der Finanzkrise 2008 scheitern lassen \u2013 vorerst. Ohne die Hinwendung zu den Verkehrssystemen, ihrer genauen technischen und \u00f6konomischen Analyse, w\u00e4ren viele Initiativen, allen voran die Gegner von Stuttgart 21, nicht in der Lage gewesen, so wirkungsvoll zu argumentieren.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Auch in seinem letzten Buch geht es um Transport und Verkehr, aber zugleich um mehr. Mit \u201eTempowahn\u201c, so der Titel, hat Winfried Wolf eine wunderbar gelungene Geschichte der Beschleunigung vorgelegt, philosophisch und faktenreich.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu sagen, \u201eer wurde als Chefredakteur geboren\u201c, w\u00e4re wohl nicht korrekt. Aber mit Anfang zwanzig nahm er diesen Posten ein: Was tun, dann SoZ, und seit ihrer Gr\u00fcndung 2008 Lunapark21.<\/p>\n\n\n\n<p>J\u00fcrgen B\u00f6nig erinnert sich, dass in der Was tun manchmal ein Bild von einer aus dem Fenster blickenden Katze zu sehen gewesen sei, deren Bedeutung sich ihm nicht erschlossen habe. Was J\u00fcrgen nicht wusste, was wir nicht wussten, Winfried W. war ein Katzennarr, der an keinem dieser Tiere vorbeigehen konnte, ohne stehen zu bleiben und Kontakt zu suchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Katze, ein elegantes Tier, ohne Rudel, ohne Herde. Selbst\u00e4ndig. Entspannt in der Ruhe, dennoch beobachtend und stets zu blitzschneller Reaktion f\u00e4hig.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.lunapark21.net\/inhalt-abschlussheft-62\/\">Ver\u00f6ffentlicht in Lunapark21, A<em>bschlussheft 54<\/em><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er mochte die Beatles. 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