{"id":2655,"date":"2023-08-04T22:46:01","date_gmt":"2023-08-04T20:46:01","guid":{"rendered":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=2655"},"modified":"2023-08-04T23:19:08","modified_gmt":"2023-08-04T21:19:08","slug":"persoenliche-erinnerungen-an-winfried-wolf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=2655","title":{"rendered":"Pers\u00f6nliche Erinnerungen an Winfried Wolf"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<h2>In Buchform lebt er weiter<\/h2>\n\n\n\n<p>Kennengelernt habe ich Winnie Wolf als Verleger. Es war auf der Leipziger Buchmesse 2006, als er sein damals neuestes Werk dem Promedia Verlag anbot. Es sollten 495 Seiten zur \u201eGlobalisierung des Tempowahns\u201c werden, wie das Buch im Untertitel hei\u00dft. Die erste Auflage von \u201eVerkehr.Umwelt.Klima\u201c widmete er seiner Frau Andrea und der gerade geborenen Tochter Paola. Ganz der politische Netzwerker, zog mich Winnie parallel zum Erscheinen des Buches in sein Projekt \u201eLunapark21\u201c hinein und fand in mir sowohl einen inhaltlichen Bewunderer seiner Arbeit als auch einen Geldgeber f\u00fcr die GmbH der Quartalszeitschrift.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>In der Folge sind eine Reihe von B\u00fcchern aus Winnies Feder bei Promedia erschienen, als das vielleicht weitsichtigste von ihnen der Titel \u201eMit dem Elektroauto in die Sackgasse. Warum E-Mobilit\u00e4t den Klimawandel beschleunigt\u201c, ein Aufschrei gegen die Lobbyisten des nun auf elektrisch getrimmten Individualverkehrs. Auf ungez\u00e4hlten Buchpr\u00e4sentationen im gesamten deutschen Sprachraum nutzte Winnie Wolf seine Schriften zur umwelt- und sozialpolitischen Agitation. Er war ein Besessener, besessen von der Idee, eine linke Verkehrspolitik nicht nur zu postulieren, sondern auch zu gestalten. Seine Jahre im Deutschen Bundestag widmete er dieser Aufgabe.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Corona-Zeit hat uns auseinandergetrieben, und das nicht nur \u00f6rtlich wegen allerlei Kontaktsperren, sondern auch inhaltlich. Sein Engagement f\u00fcr \u201eZero Covid\u201c und meines gegen die Ma\u00dfnahmen zur Virusbek\u00e4mpfung konnten wir in einer Lunapark-Ausgabe nebeneinanderstellen, eine Ann\u00e4herung gelang uns nicht. Trotzdem verkehrten wir bis zu seinem Tod respektvoll miteinander und machten uns noch gemeinsam dar\u00fcber Gedanken, ob nach seinem Ableben, mit dem er schon gerechnet hatte, die Zeitschrift weitergef\u00fchrt oder in andere H\u00e4nde gelegt werden k\u00f6nnte. Winnie Wolf hat versucht, \u00fcber seinen Tod hinaus politisch zu netzwerken, auch auf die Gefahr hin, damit zu scheitern. Was in jedem Fall von Winnie bleibt, ist sein verkehrs-, friedens- und sozialpolitisches Verm\u00e4chtnis. Seine B\u00fccher zeugen davon.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hannes Hofbauer<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2>Expertise und Bandbreite<\/h2>\n\n\n\n<p>Wir trauern um Winfried Wolf als einen friedenspolitischen Mitstreiter unserer Initiative Frieden-Links. W\u00e4hrend des Kosovo-Krieges 1999 gr\u00fcndete er die&nbsp;Zeitung gegen den Krieg,&nbsp;die seitdem zweimal j\u00e4hrlich als Aktionsblatt in hoher Auflage erschienen ist \u2013 vor den Osterm\u00e4rschen und zum Antikriegstag am 1. September. Damit leistete er einen wesentlichen Beitrag zur Kontinuit\u00e4t in der Friedensbewegung.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass er diese Arbeit bis zuletzt wie en passant mit Autorenbeitr\u00e4gen aus dem breiten Spektrum der Friedensbewegung leisten konnte, ist nur durch sein anderweitig vorhandenes Arbeitspensum und seine daraus entwickelte Erfahrung und Routine erkl\u00e4rbar. Seit 2008 bis zuletzt war er Chefredakteur von Lunapark21, was er als seine Herzensangelegenheit bezeichnete. Diese Zeitschrift stellt auch den Br\u00fcckenschlag zwischen seiner breit gestreuten wissenschaftlichen Expertise und der Bandbreite seiner politischen Aktivit\u00e4ten dar.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend seit einigen Jahren viel dar\u00fcber diskutiert wird, wie man politische Aktivit\u00e4ten f\u00fcr den Umwelt- und Klimaschutz mit der Friedensbewegung zusammenbringt, war er seit langen Jahren der einzige, der auf allen Gebieten mit wissenschaftlichem Anspruch heimisch war. F\u00fcr den Umwelt- und Klimaschutz spielt in dem Autoland Deutschland der Kampf f\u00fcr eine andere Bahn eine entscheidende Rolle. Viele Menschen kennen ihn \u201enur\u201c als den Bahn-Experten, mit unz\u00e4hligen Publikationen und als gefragter Referent bei \u00f6rtlichen Veranstaltungen. Einen Eindruck davon vermittelt sein (noch) aktueller&nbsp;Bahn-Blog.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.lunapark21.net\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/62.12.-erinnerungen2.png\"><img src=\"https:\/\/www.lunapark21.net\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/62.12.-erinnerungen2.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-10449\"\/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Winfried Wolf hinterl\u00e4sst an vielen Stellen eine L\u00fccke, die nicht geschlossen werden kann. Es bed\u00fcrfte mehrerer Aktivisten seiner Art, um in unserem Land politische Bewegungen mit eigener Erfahrung und Expertise voranzubringen. Diese L\u00fccke f\u00fchrt dazu, dass Einfaches noch schwerer zu machen ist, um es mit den Worten von Bertolt Brechts \u201eLob des Kommunismus\u201c zu formulieren, was er seiner Biografie als Leitbild voran gestellt hat:<\/p>\n\n\n\n<p>Er ist vern\u00fcnftig, jeder versteht ihn. Er ist leicht.<br>Du bist doch kein Ausbeuter, du kannst ihn begreifen.<br>Er ist gut f\u00fcr dich, erkundige dich nach ihm.<br>Die Dummk\u00f6pfe nennen ihn dumm, und die Schmutzigen nennen ihn schmutzig.<br>Er ist gegen den Schmutz und gegen die Dummheit.<br>Die Ausbeuter nennen ihn ein Verbrechen<br>Wir aber wissen:<br>Er ist das Ende der Verbrechen.<br>Er ist keine Tollheit, sondern<br>Das Ende der Tollheit<br>Er ist nicht das R\u00e4tsel<br>Sondern die L\u00f6sung.<br>Er ist das Einfache,<br>das schwer zu machen ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Karl-Heinz Peil<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2>Mit Winnie Schiff fahren auf dem Bodensee<\/h2>\n\n\n\n<p>Jahrelang geh\u00f6rte f\u00fcr mich zum Sommer eine Schifffahrt mit Winfried Wolf auf einem der \u201eBodenseedampfer\u201c von Lindau nach Meersburg oder Konstanz. Die Idee dazu hatten wir im Jahr 2000 nach unseren Reden auf dem Internationalen Bodensee-Ostermarsch in \u00dcberlingen. Wir wollten zur\u00fcck nach Lindau. Das Schiff hatte bereits abgelegt und wir fuhren dann per Zug.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.lunapark21.net\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/62.12.-erinnerungen3.png\"><img src=\"https:\/\/www.lunapark21.net\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/62.12.-erinnerungen3.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-10450\"\/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Winnie hielt an der Idee fest, und bald fuhren wir des Sommers immer mit der \u201eWei\u00dfen Flotte\u201c \u00fcber den See, mitten unter meist vielen Touristinnen und Touristen. Das Wetter hatte da nichts mitzubestimmen. Manchmal verlief sich das regnerische Wetter vom Lindauer Hafen wieder, bis wir Friedrichshafen oder Meersburg erreicht hatten. Trotz intensiver Gespr\u00e4che, und Diskussionen interessierten uns immer die ge\u00fcbten H\u00e4nde der Schiffsbesatzungen und des Hafenpersonals w\u00e4hrend der An- und Ablegeman\u00f6ver.<\/p>\n\n\n\n<p>Kennengelernt hatten wir uns in der ersten H\u00e4lfte der 1980er Jahre auf einem Tagesseminar im Gro\u00dfraum Frankfurt\/Main der westdeutschen Gruppe Internationaler Marxisten-GIM und deren Zeitung Was tun, deren leitender Redakteur Winnie war. Dort erfreute und erstaunte mich, dass ein Marxist erstmals fundierte Kritik am verbreiteten Autowahn im Sp\u00e4tkapitalismus \u201eKein Gas, kein Spa\u00df?\u201c \u00fcbte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u201eAutogesellschaft\u201c und deren einzige Alternative, ein optimal ausgebautes System des gemeinschaftlichen \u201e\u00d6ffentlichen Verkehrs\u201c aus Eisenbahn, Stra\u00dfenbahn, Bussen, Trolleybussen und U-Bahnen sowie der Kampf hierf\u00fcr war auf unseren Schiffsreisen auch immer Gespr\u00e4chsthema.<\/p>\n\n\n\n<p>Winnie, engagiert gegen das Molochprojekt \u201eStuttgart 21\u201c, und ich, seit 1997 gegen das Lindauer Bahnhofszerst\u00f6rungsprojekt \u201eLindau 21\u201c engagiert, hatten da immer ausreichend Gespr\u00e4chsstoff \u201eauf Deck\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht von ungef\u00e4hr lie\u00dfen wir im Oktober 2011 die Teilnehmenden des dritten Lindauer Bahnhofs- und Eisenbahnkongresses nach dem gemeinsamen Mittagessen per Linienschiff nach Bregenz fahren, um von dort nach kurzer Pause per Zug wieder zur\u00fcck nach Lindau zu fahren, zur\u00fcck zum Tagungshotel \u201eBayerischer Hof\u201c. W\u00e4hrend des Ausflugs hatten Winnie, Heiner Monheim und die Lindauerin Manuela Schlichtling einen Vorschlag f\u00fcr eine Abschlussresolution des Kongresses zu den Bahnhofsfragen in Lindau und Stuttgart verfasst. Winnie und die Menschen von \u201eB\u00fcrgerbahn statt Autowahn\u201c hatten die Kongresse ma\u00dfgeblich organisiert und gestaltet.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf unseren sommerlichen Schiffsfahrten in Richtung badischer Bodensee fiel uns die Jahre \u00fcber auf, wie die privaten Bootsliegepl\u00e4tze der wohlhabenden Minderheit weiter auf Kosten der \u00f6ffentlichen Schifffahrt ausgebreitet wurden und wie die ehemals stolze Bodan-Werft in Kressbronn wegen Renditeerwartungen des Kapitalisten geschlossen und die Belegschaft trotz Protest und Widerstand entlassen wurde. Auch die westlich von Immenstaad liegenden ehemaligen Dornierwerke, l\u00e4ngst Bestandteil des Airbus- Konzerns, regte immer wieder zu vertieften Gespr\u00e4chen an. Z\u00e4hlen Luft- und Raumfahrt doch mit zu den gr\u00f6\u00dften Klimakillern. Doch welche politische Partei mobilisiert hiergegen noch konsequent?<\/p>\n\n\n\n<p>Intensiv diskutierten wir auch Winnies Austritt aus der PDS 2004, dem sp\u00e4ter der meinige folgte. Beide waren wir zunehmend angewidert vom parteiintern um sich greifenden Karrierismus und dem resultierenden Quark. Sp\u00e4ter war auch Thema, ob es f\u00fcr ihn nach Gr\u00fcndung der Linkspartei politisch nicht besser gewesen w\u00e4re, \u00e4hnlich wie ich, dort auf dem uneinheitlichen \u201elinken Fl\u00fcgel\u201c wieder Mitglied zu werden. Inzwischen wird seine diesbez\u00fcgliche Zur\u00fcckhaltung von dem dortigen erneuten Machtzuwachs anpassungswilliger Karrieristinnen und Karrieristen eher best\u00e4tigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch mit der immer wieder von ihm seit April 1999 mitherausgegeben Zeitung gegen den Krieg und der ab 2008 erscheinenden und in ihrer Bedeutung zunehmenden Lunapark21 hatte er zwei mediale Plattformen initiiert, welche f\u00fcr die gesellschaftliche Linke von gro\u00dfem Nutzen sind. Gleichzeitig boten deren Inhalte, das immer interessanter werdende Layout der Lunapark21 sowie die teils heftigen Diskussionen innerhalb des Redaktionsteams f\u00fcr uns einen schier unersch\u00f6pflichen Stoff f\u00fcr die sommerliche Debatte an Bord.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu geh\u00f6rten auch jene unerfreulichen Vorg\u00e4nge w\u00e4hrend der vergangenen Jahre innerhalb der von ihm mitgegr\u00fcndeten Expertengruppe \u201eBahn f\u00fcr Alle\u201c, die zu seinem Hinausmobben aus dieser Organisation f\u00fchrten.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor vier Jahren besuchten wir nach der Ankunft in Meersburg die dortige Ausstellung zum rebellischen Aufbruch der APO und Studentenbewegung rund um das Jahr 1968 in der Provinz am Bodensee und in Oberschwaben; quasi ein R\u00fcckblick auf die Anf\u00e4nge unserer beider Politisierung.<\/p>\n\n\n\n<p>Einmal schafften wir es sogar, in Konstanz das schweizer Schiff von Kreuzlingen nach Schaffhausen zu erreichen. Die Fahrt war wundersch\u00f6n, voller herrlicher Eindr\u00fccke und Erinnerungen. Winnie erinnerte sich daran, wie er am Ufer dieses Teils des Bodensees, dem \u201eUntersee\u201c, im Ferienhaus der Eltern einer Freundin und vollgepackt mit Material einen Teil seines Buches \u201eEisenbahn und Autowahn\u201c verfassen konnte. Angekommen in Schaffhausen und nach einem guten Nachmittagsessen, fuhren er per Zug weiter zu einem Vortrag in Waldshut, ich zur\u00fcck nach Lindau.<\/p>\n\n\n\n<p>Deutlich aufgeregt war er, als er nach der Ankunft in Konstanz per Zug nach Ludwigshafen am Westende des \u00dcberlinger Teils des Bodensees weiterfuhr, um dort den Bildhauer Peter Lenk zu treffen. Es ging um die schlie\u00dflich erfolgreiche Vereinbarung zur Erstellung und Finanzierung des Laokoon-Denkmals gegen \u201eStuttgart 21\u201c.&nbsp; Das gab auch Anlass, sich erneut die Lenk\u00b4schen Skulpturen in Konstanz, Meersburg und \u00dcberlingen anzuschauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich waren auch die Entwicklungen in unserem Privatleben immer wieder Teil unserer Gespr\u00e4che und nicht nur einmal mussten wir daf\u00fcr auf dem Schiff einen Bereich ohne weitere und ungebetene Zuh\u00f6rerschaft aufsuchen. Doch die meisten Schiffsg\u00e4ste wollen ja w\u00e4hrend der Fahrt auf den Au\u00dfendecks Platz nehmen. Auch die \u00fcber die Jahre anwachsende Zahl pers\u00f6nlicher und politischer Entt\u00e4uschungen stellte immer wieder hartn\u00e4ckig die Frage in den Raum, wie sinnvoll letztendlich langj\u00e4hriges politisches Engagement eigentlich ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit \u00fcber zwei Jahren sprachen wir auch \u00fcber unserer beider Krebserkrankungen und wie wir damit \u201eam besten\u201c umgehen. Trotz realistischem Blick auf diese Art b\u00f6sartiger Krankheit, versuchten wir einen unsere Lebenspraxis nicht l\u00e4hmenden praktischen Optimismus zu leben und uns darin gegenseitig zu best\u00e4rken. Doch Winnies viel zu fr\u00fcher Tod verhinderte inzwischen auch, dass wir unseren Plan f\u00fcr den Sommer 2023, endlich auch das Schweizer Bodenseeufer per Schweizer Linienschiff zu erkunden, noch verwirklichen konnten. Mit ihm verlie\u00df uns ein Freund und Genosse, der mit seinem Wissen, seiner Zuverl\u00e4ssigkeit, seinem Mut, seinen Ideen und seinem weit links verorteten praktischen Engagement eines der wichtigen Vorbilder f\u00fcr die Linke in Deutschland war und bleiben wird.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Charly Schweizer<\/strong>, Lindau<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2>Winnie als Kulturmensch<\/h2>\n\n\n\n<p>Die gemeinsame Arbeit an Lunapark21, sein konsequentes Eintreten f\u00fcr die arbeitende Klasse, wie auch der Kampf gegen das bahnpolitische Milliardengrab S 21, f\u00fchrten Winnie und mich im politisch-kulturellen Sinne Anfang 2000 zusammen. Er kandidierte in Mannheim f\u00fcr die PDS zum Bundestag und ich unterst\u00fctze die Kandidatur unter anderem mit einem ewo2-Konzert unter der Losung: \u201eDie Revolution findet im Saale statt \u2013 Bahnsteigkarten werden kostenlos ausgegeben\u201d. Das war die Art \u201eHistorischer Humor\u201d, auf die wir uns gut verst\u00e4ndigen konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Es folgten viele gemeinsame Auftritte bei Kundgebungen und Veranstaltungen, eine Tournee (Konzertlesung Winfried Wolf &amp; ewo2 \u2013 \u201eSieben Krisen. Ein Crash\u201c) mit Auftritten in S\u00fcddeutschland, Wien, Berlin oder Z\u00fcrich, sowie spektakul\u00e4re multimediale Saalprojekte zur Unterst\u00fctzung der Bewegung gegen S 21 (\u201eZug um Zug\u201d, \u201eEin Zug aus Feuer und Eis\u201d), jeweils aufgef\u00fchrt im voll besetzten gro\u00dfen Saal des Stuttgarter Rathauses. Aus meiner Sicht, neben den Hunderten \u201eVolksbildungsveranstaltungen\u201d vor den Montagsdemos, eine weitere exemplarische Form der kulturellen \u201eIn Besitznahme\u201d \u00f6ffentlichen Raums.<\/p>\n\n\n\n<p>Winnie konnte nicht nur mit Printmedien umgehen wie zu der Zeit kein anderer, sondern auch aus dem Kopf wichtige Degenhardt-Lieder, Brecht-Gedichte oder ganze literarische Passagen rezitieren, hatte ein Augenmerk auf das Theater (Volker L\u00f6sch) oder den Film (Klaus Gietinger) und konnte immer wieder \u00fcberraschen, so wie in einem seiner letzten Texte, als er uns das Verh\u00e4ltnis von k\u00fcnstlerisch-sportlicher \u00c4sthetik und politischem Engagement des \u2013 wer w\u00fcrde es erahnen \u2013 Boxers Cassius Clay alias Muhammad Ali sehr unterhaltsam zu vermitteln vermochte.<\/p>\n\n\n\n<p>Und er, der Textbesessene, hatte auch das Format (die Weitsicht) sich auf das \u201eGestalterische Experiment Lunapark21\u201d einzulassen, das ich zusammen mit Joachim R\u00f6mer an ihn und die LP21-Redaktion herangetragen hatte: Kunst nicht nur als dekoratives Beiwerk zu sehen, sondern durch eigene, der Kunst vorbehaltene Gestaltungsfl\u00e4chen den geschriebenen Artikeln gleichwertig zu stellen. Es sollte ein Markenzeichen von LP21 werden.<\/p>\n\n\n\n<p>An all dem werden sich in Zukunft andere linkspolitische Blatt- und Kulturmacher noch lange reiben k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bernd K\u00f6hler<\/strong>, Texter, Grafiker, Musiker<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2>Freund und Ratgeber<\/h2>\n\n\n\n<p>Es war vor \u00fcber 30 Jahren, 1992, ich sollte f\u00fcr Franz Alt und seine Sendung Zeitsprung, es ging um die bevorstehende Klimakatastrophe (!), damals kam sowas in der ARD um 20.15 Uhr, einige Filmchen machen und kam gerade vom Verkehrswissenschaftler Heiner Monheim, der mir sein Buch \u201eStra\u00dfen f\u00fcr alle\u201c und insbesondere Winnie Wolfs \u201eEisenbahn und Autowahn\u201c ans Herz legte und mir gleich mitgab. Im Hauptbahnhof Bonn stieg ich in den IC nach Frankfurt, setzte mich in den Speisewagen und las Winnies Buch. Der Mann der mir gegen\u00fcber sa\u00df, nahm mir das Buch pl\u00f6tzlich aus der Hand \u2013 ich dachte noch: \u201eWas ist das f\u00fcr ein Idiot?\u201c \u2013 schlug das Umschlagfoto auf zeigte es mir und ich erkannte Winnie Wolf mir gegen\u00fcbersitzend. Seitdem haben wir verkehrspolitisch immer zusammengearbeitet, bei B\u00fcrgerbahn statt B\u00f6rsenbahn, zahlreichen Verkehrsinitiativen, mit dem Austausch unserer autokritischen B\u00fccher und gegen Stuttgart 21 (sowie Frankfurt 21&nbsp; und Lindau 21). Zuletzt bei B\u00fcrgerbahn \u2013 Denkfabrik f\u00fcr eine starke Schiene. Und in Lunapark21 durfte ich verkehrspolitisch revolution\u00e4res, aber auch zur Deutschen Revolution 1918\/19 wie zur Oktoberrevolution 1917 Kritisches verbreiten. Winnie war nicht nur ein unerm\u00fcdlicher Netzwerker, ein undogmatischer linker Politiker, sondern meines Erachtens einer der besten Verkehrswissenschaftler der Republik, der schon von Verkehrswende sprach, als die meisten Gr\u00fcnen noch Weltmeister im Durch-die-Gegend-Fliegen waren und mit alten 190er Daimlern stinkend \u00fcbers Land dieselten. Sein Tod rei\u00dft in der Verkehrspolitik einen Abgrund.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.lunapark21.net\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/62.12.-erinnerungen4.png\"><img src=\"https:\/\/www.lunapark21.net\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/62.12.-erinnerungen4.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-10451\"\/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Sogar ein Buch haben wir mal zusammen gemacht, obwohl ich politisch nicht immer seiner Meinung war, sei es Israel, sei es linker Antisemitismus. Doch meist sahen wir uns d\u2019accord, wenn es um die Kritik des \u201erealen Sozialismus\u201c ging, um Basisdemokratie und um Kriegsgegnerschaft. Sei es der Kosovo-Krieg, sei es Afghanistan gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Winnie war ein Freund, ein manchmal etwas herber Freund und unser vorletztes gemeinsames Projekt, der Film Das Trojanische Pferd \u2013 Stuttgart 21, bei dem er nicht nur der Crowdfunder, sondern auch Ratgeber in jeder Hinsicht war, kann sich sehen lassen, l\u00e4sst sich \u2013 in der inzwischen 4. Fassung \u2013 immer noch sehen und hat der Bewegung gegen dieses Wahnsinnsprojekt neuen Schwung gegeben. Unser letztes Projekt kann er nun nicht mehr begleiten: Die Bahn \u2013 Der Film. Doch ich werde versuchen, es auch ohne ihn hinzubekommen, das wird schwer, aber es ist eine Verpflichtung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Klaus Gietinger<\/strong>, Autor, Regisseur, Sozialwissenschaftler<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2>Der Vulkan ist erloschen<\/h2>\n\n\n\n<p>Mit Winnie kreuzten sich meine Wege seit den sp\u00e4ten 1960er Jahren, als wir im globalen 1968 engagiert waren. Er war noch nicht einmal 30, als er zum publizistischen Koordinator der Gruppe Internationaler Marxisten avancierte. Als Redakteur von Was tun hatte er einen beeindruckenden politischen Hintergrund.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Spannbreite der IV. Internationale zwischen Praxis und Theorie war riesig. Sie unterst\u00fctzte weltweit den Widerstand der GIs gegen den Vietnamkrieg und beteiligte sich am Aufbau der Fluchtrouten der Desertierten. Am anderen Pol agierte Ernest Mandel, der mit der Pr\u00e4sentation seiner Variablen zur Analyse des Sp\u00e4tkapitalismus die H\u00f6rs\u00e4le f\u00fcllte.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus dieser Vorgeschichte \u2013 1968, dann GIM \u2013 bezog Winnie seinen politischen Elan \u2013 ungest\u00fcm, fordernd und z\u00e4h. Seine Analysen waren fundiert. Seine Texte hatten Biss. Als Redner konnte er mitrei\u00dfen, und seine Flugschriften faszinierten. Dabei hatte er immer das gleiche Ziel vor Augen: Die B\u00fcndelung der zerstrittenen und zunehmend zerfasernden Str\u00f6mungen des sozialen Widerstands zu einer systemsprengenden politischen Kraft.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAuch Ihr Autonomen m\u00fcsst Euch bewegen\u201c \u2013 \u201e Ihr Operaisten habt auch&nbsp; nicht die Wahrheit gepachtet\u201c: Das war sein Credo mir gegen\u00fcber, als er zur Unterst\u00fctzung seiner publizistischen Pl\u00e4ne und politischen Projekte \u2013 von der Vereinigten Sozialistischen Partei bis zum Aufbau eines New-Left-Fl\u00fcgels innerhalb der PDS \u2013 aufforderte.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Elan blieb ungebrochen, trotz aller R\u00fcckschl\u00e4ge, die er mit unerbittlicher Sch\u00e4rfe analysierte, um Ansatzpunkte zum Neustart zu finden. Wir diskutierten \u00fcber den Stand der deutschen Edition der Werkausgabe Trotzkis, der ihr reicher Sponsor, ehemals Anh\u00e4nger der IV., ein Ende gesetzt hatte. Winnie berichtete immer wieder sarkastisch \u00fcber seine Erfahrungen als Mitglied der PDS-Fraktion und als Bundestagsabgeordneter. Wie ist einem Linken zumute, wenn er beim Gratisflug in der First Class der Lufthansa vom Flugkapit\u00e4n per Handschlag begr\u00fc\u00dft wird?<\/p>\n\n\n\n<p>Sein bedeutendstes Projekt startete Winnie in seiner letzten Lebensphase: die Zeitschrift Lunapark 21. An ihr hing er mit Leib und Seele. Es war sein letzter Versuch, die Reste der Linken \u2013 von den Post-Keynesianern und Marxisten \u00fcber den New Feminism bis zu den Sozialrevolution\u00e4ren \u2013 in einem medialen Netzwerk zu b\u00fcndeln.<\/p>\n\n\n\n<p>In Bad Dreikirchen im Alto Adige, wo er selbst immer wieder Kraft sch\u00f6pfte, kam es zu einem legend\u00e4ren Seminar, von dem Aufbruchstimmung ausging. Das Projekt Lunapark 21 hat wichtige Impulse gesetzt. Aber es war nicht der erhoffte Startpunkt, an dessen Ende ein von Winnie gemanagter linker TV stehen sollte, der systemkritische Informationen mit antisystemischem Wissen kombinierte und in die Wohnzimmer vermittelte. Darauf hatten wir uns einmal nach einem vortrefflichen Schwarzriesling aus seiner w\u00fcrttembergischen Heimat geeinigt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.lunapark21.net\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/62.12.-erinnerungen5.png\"><img src=\"https:\/\/www.lunapark21.net\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/62.12.-erinnerungen5.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-10452\"\/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Hinter dem aktivistischen und vorw\u00e4rtsdr\u00e4ngenden Winnie versteckte sich ein au\u00dferordentlich feinf\u00fchliger Mensch. Der Vulkan Winnie war mit einem sensiblen Sensorium ausgestattet, das seismographische Qualit\u00e4ten erreichte. Der Vulkan ist erloschen. Wann endlich werden die Eruptionen unserer Enkelgeneration in Gang kommen?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Karl Heinz Roth<\/strong>, Arzt und Historiker<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.lunapark21.net\/inhalt-abschlussheft-62\/\">Ver\u00f6ffentlicht in Lunapark21, A<em>bschlussheft 54<\/em><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Buchform lebt er weiter Kennengelernt habe ich Winnie Wolf als Verleger. Es war auf der Leipziger Buchmesse 2006, als er sein damals neuestes Werk dem Promedia Verlag anbot. Es sollten 495 Seiten zur \u201eGlobalisierung des Tempowahns\u201c werden, wie das Buch im Untertitel hei\u00dft. Die erste Auflage von \u201eVerkehr.Umwelt.Klima\u201c widmete &hellip; <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2655"}],"collection":[{"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2655"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2655\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2667,"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2655\/revisions\/2667"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2655"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2655"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/winfriedwolf.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2655"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}