{"id":2657,"date":"2023-08-04T22:49:30","date_gmt":"2023-08-04T20:49:30","guid":{"rendered":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=2657"},"modified":"2023-08-04T23:19:42","modified_gmt":"2023-08-04T21:19:42","slug":"mandels-eupener-kolleg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=2657","title":{"rendered":"Mandels Eupener Kolleg"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h2>Der Berg ging zum \u201ePropheten\u201c \u2013 Ein Trotzkist und die Umwelt<\/h2>\n\n\n\n<p>Aachener Volkszeitung vom 22. M\u00e4rz 1973<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Von Marcel Bauer<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Eupen* \u2013 Ernest Mandel streift um die deutschen Grenzen. Der bekannte Wirtschaftstheoretiker, B\u00fcrgerschreck und geistiger \u201eBrandstifter\u201c sprach im Eupener Kurhotel Pauquet zum Thema \u201eUmweltverschmutzung, technologischer Sachzwang und Kapitalismus\u201c. Den Sekret\u00e4r der trotzkistischen 4. Internationale hatte der Deutschostbelgische Hochschulbund geladen, eine akademische Verbindung, die sicherlich nicht im Geruch linker Umtriebe steht. Die Kunde vom Meister hatte sich offenbar wie ein Lauffeuer im Aachener Milieu herumgesprochen, denn das erste Hotel am Platz konnte den Ansturm kaum bew\u00e4ltigen. Abenteuerliche Typen hinter drapierten Jalousien! Mandel, mit kurzem Haarschnitt, Krawatte und Strickpullover fiel optisch aus der Rolle. Am Pressetisch schrieb der Geheimdienst mit.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Ernest Mandel stellte fest, da\u00df \u201edie optimistische Einstellung zu Fortschritt und Wachstum heute kaum noch geteilt wird\u201c. Der S\u00fcndenkatalog der Technik sei lang: Raubbau lasse die Rohstoffquellen versiegen; verpestete Luft, Wasser, Erde dezimiere bereits Tier- und Pflanzenwelt, und mit Erw\u00e4rmung der Atmosph\u00e4re drohe das \u201e\u00f6kologische Gleichgewicht\u201c vollends umzukippen. Scharf wandte sich Mandel gegen die Zivilisationskritiker linker wie rechter Schule, die Umweltverschmutzung als notwendigen Tribut an den technischen Fortschritt aussegnen. F\u00fcr Mandel ist die St\u00f6rung des Gleichgewichts keine Folge der Technik, sondern \u201edie Folge von ganz bestimmten Optionen. In dieser Meinung finden wir Marxisten, Revolution\u00e4re, Aufwiegler und anderes b\u00f6ses Geschmei\u00df uns in bester Gesellschaft mit b\u00fcrgerlichen Gesellschaftskritikern wieder.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h3>Die gro\u00dfen Schmutzmacher<\/h3>\n\n\n\n<p>Seine These, da\u00df hinter den Fehlentscheidungen Privat-Interessen st\u00fcnden, glaubt der Referent anhand der drei gro\u00dfen Schmutzmacher belegen zu k\u00f6nnen: Auto, Chemie, Energie. So seien von Anfang an verschiedene Entwicklungsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr den Nahtransport gegeben gewesen (etwa Dampf- oder Elektro-Autos). Aber Konstrukteure und Erd\u00f6l-Lobby h\u00e4tten politisch durchgesetzt, da\u00df die Gesellschaft kostenlos die Infrastruktur stelle: H\u00e4tte man den gro\u00dfen Trusts die Kosten f\u00fcr unsere Autobahnen aufgeb\u00fcrdet, w\u00e4re ihre Rechnung sicherlich nicht aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Da\u00df die petro-chemischen Saubermacher unsere Fl\u00fcsse und Seen verseuchen, wisse inzwischen jedes Kind. Da\u00df der Schmutz programmiert sei, werde wohlweislich verschwiegen: Die Chemie werfe in immer k\u00fcrzeren Zeitabst\u00e4nden Produkte auf den Markt, die nicht mehr auf ihre Umweltfreundlichkeit gepr\u00fcft werden k\u00f6nnten. Im marxistischen Jargon: \u201eWir erleben einen Alptraum, weil die technologischen Renten des Kapitals auf vier bis f\u00fcnf Jahre begrenzt sind\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Kassandrarufe auch in der Energie-Politik! \u00d6l als Billigware, das einst den Torschluss f\u00fcr die Zechen bedeutet habe, mache sich heute rar. Immer wenn es an einer Ware mangele, versuchten manche Teufelsanw\u00e4lte diese Mangelware in den \u201egesamtwirtschaftlichen Rentabilit\u00e4tszyklus\u201c einzubeziehen: \u201eWie aber will man Luft, Erde, Wasser oder gar ein Menschenleben preislich veranschlagen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<h3>Verwirrung beim Genossen<\/h3>\n\n\n\n<p>Zweifellos ist Mandel Moralist. Als sich in der anschlie\u00dfenden Diskussion ein \u00e4lterer Disputant \u00fcber die Umweltverschmutzung in der Sowjetunion erregt, pflichtet ihm der Professor bei. Erstens habe man dort in der Aufbauphase westliche Technologien unkritisch kopiert, zweitens \u201eunterliegt der b\u00fcrokratische Wasserkopf keiner gesellschaftlichen Kontrolle\u201c. Solche Spr\u00fcche schaffen nat\u00fcrlich Verwirrung bei vielen Genossen. W\u00e4hrend sie untereinander die alten H\u00fcte tauschen, schwebt der Geist des Ernest Mandel sachlich \u00fcber den Wassern.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich wird der Trotzkist Mandel nach seinem Verh\u00e4ltnis zur Gewalt befragt. Nicht nur Innenminister Genscher hat ihn als Apostel der Gewalt apostrophiert und ihn zur \u201ePersona non grata\u201c erkl\u00e4rt. Mittlerweile ist f\u00fcr den Belgier aus Frankfurt am Main die halbe Welt mit Brettern zugenagelt, und man bittet ihn in den Flugh\u00e4fen, erst gar nicht das K\u00f6fferchen zu \u00f6ffnen. \u201eMinister Genscher m\u00fc\u00dfte den gesamten Vorstand&nbsp; des Internationalen Gewerkschaftsbundes ausweisen, weil die sich an Fabrikbesetzungen beteiligen\u201c, verteidigt er sich. Im \u00fcbrigen sei jede Lokalpolizei gewaltt\u00e4tiger \u201eals die zehn Millionen Streikenden vom Mai 1968, die nicht einen Menschen umgebracht haben\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201ePhantasie an die Macht\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ernest Mandel ist \u201ekein Freund des Staates, weder des kapitalistischen noch irgend eines anderen\u201c. Er w\u00fcnscht sich \u201edie Phantasie an die Macht!\u201c Als nach dreist\u00fcndiger Debatte der Diskussionsleiter Josef Dries die Versammlung aufhebt und die b\u00e4rtigen J\u00fcnger \u201evon dr\u00fcben\u201c&nbsp; in ihre umweltverschmutzenden Vehikel steigen, schauen die M\u00e4nner vom Sicherheitsdienst noch einmal aufs Dach, als wollten sie sich versichern, da\u00df niemand Feuer gelegt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>* Eupen ist eine s\u00fcdwestlich von Aachen gelegene Kleinstadt in Belgien.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2>Marxist und Vision\u00e4r: Ernest Mandel zum 100. Geburtstag<\/h2>\n\n\n\n<p>\u201eDer am 5. April 1923 in Frankfurt am Main als Sohn eines j\u00fcdischen Marxisten fl\u00e4mischer Sprache geborene Ernest Mandel war zum Zeitpunkt seines Todes kein Jugendlicher. Doch sein Enthusiasmus f\u00fcr den Sozialismus erinnerte immer an den eines reifen Jugendlichen und an den eines j\u00fcdischen Propheten. (&#8230;) Ernest Mandel hinterlie\u00df mehr als f\u00fcnfzig B\u00fccher zur Analyse des modernen Kapitalismus, darunter grunds\u00e4tzliche Werke wie die \u203aMarxistische Wirtschaftstheorie\u2039 (1962), \u203aDer Sp\u00e4tkapitalismus\u2039 (1972) und \u203aDie Langen Wellen im Kapitalismus\u2039 (1980), die in zwei Dutzend Sprachen \u00fcbersetzt wurden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Mit diesen Worten leitete Winfried Wolf im Jahr 2005 seinen Nachruf auf Ernest Mandel ein, der zehn Jahre zuvor am 20. Juli 1995 in Br\u00fcssel gestorben war.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Beitrag findet sich auf Winfried Wolfs Homepage (https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=429) und stellt Mandels Leben, sein politisches und wissenschaftliches Wirken dar. Es ist ein langer Text, der in diesem Heft zehn Seiten f\u00fcllen w\u00fcrde. Ein Nachruf eines solchen Umfangs ist sicherlich auch Ausdruck der Wertsch\u00e4tzung, die der Autor dem Portraitierten entgegenbrachte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber Mandel hatte der damalige Innenminister Hans-Dietrich Genscher im Februar 1972 ein Einreiseverbot in die Bundesrepublik verh\u00e4ngt, das erst 1978 Gerhart Baum in seinem ersten Jahr als neuer Innenminister aufhob. In den Jahren dazwischen fanden Veranstaltungen mit Ernest Mandel in grenznahen Orten statt, zu denen auch Winfried Wolf reiste und f\u00fcr die er mobilisierte. Bei einem Wochenendseminar mit Mandel \u00fcbernachteten junge Deutsche, darunter auch Mitglieder der heutigen Lunapark-Redaktion, in der Aachener Jugendherberge und pilgerten tags \u00fcber die nahe Grenze zum Tagungsort. \u00dcber eine solche Veranstaltung berichtete die Aachener Volkszeitung, die wir hier dokumentieren.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.lunapark21.net\/inhalt-abschlussheft-62\/\">Ver\u00f6ffentlicht in Lunapark21, A<em>bschlussheft 54<\/em><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Berg ging zum \u201ePropheten\u201c \u2013 Ein Trotzkist und die Umwelt Aachener Volkszeitung vom 22. M\u00e4rz 1973 Von Marcel Bauer Eupen* \u2013 Ernest Mandel streift um die deutschen Grenzen. Der bekannte Wirtschaftstheoretiker, B\u00fcrgerschreck und geistiger \u201eBrandstifter\u201c sprach im Eupener Kurhotel Pauquet zum Thema \u201eUmweltverschmutzung, technologischer Sachzwang und Kapitalismus\u201c. 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