{"id":2659,"date":"2023-08-04T23:01:42","date_gmt":"2023-08-04T21:01:42","guid":{"rendered":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=2659"},"modified":"2023-08-04T23:20:10","modified_gmt":"2023-08-04T21:20:10","slug":"zwischen-schiffschaukel-und-achterbahn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=2659","title":{"rendered":"Zwischen Schiffschaukel und Achterbahn"},"content":{"rendered":"\n<h3>Pers\u00f6nliche Bilanzen zur Mitarbeit bei Lunapark21<\/h3>\n\n\n\n<h3>&#8230; die undogmatischen und pr\u00e4gnant vorgetragenen Inhalte<\/h3>\n\n\n\n<p>Lunapark21 war f\u00fcr mich lange eine Idee, auf deren materielle Gestaltwerdung ich nicht gewettet h\u00e4tte. Dass ein Magazin sehr sinnvoll ist, das gesellschaftliche und vor allem \u00f6konomische Fragen fundiert aus marxistischer Perspektive analysiert, stand und steht au\u00dfer Frage. Doch wie sollte das gelingen, ohne eine Partei oder finanzstarke Organisation im R\u00fccken? Dar\u00fcber haben wir, Winnie, Wolfgang Pomrehn und ich, immer wieder in Winnies sch\u00f6nem H\u00e4uschen mit dem wilden Garten in Michendorf diskutiert \u2013 stets bei einem guten Wein und oft vom Hausherren hervorragend bekocht.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist allein Winnies Beharrlichkeit, seiner \u00dcberzeugungskraft, Energie und Expertise zu verdanken, dass Lunapark21 tats\u00e4chlich startete, und alle Krisen und auch pers\u00f6nlichen Konflikte \u00fcberdauerte. Lunapark21 ist \u2013 leider muss man demn\u00e4chst sagen: war \u2013 ein tolles Produkt f\u00fcr die Linke im weiteren Sinne. Sie hat sich deutlich abgehoben von so vielen anderen linken Publikationen \u2013 durch die hervorragende und extrem kreative Gestaltung ebenso wie durch die undogmatischen und trotzdem pr\u00e4gnant vorgetragenen Inhalte. Zu den letzten der insgesamt 61 Ausgaben habe ich aus Zeitgr\u00fcnden nicht mehr beigetragen, nur noch als Leser von der Arbeit anderer profitiert. Klar ist: Lunapark21 war Winnies Projekt, ohne ihn geht es nicht. Ich werde sie vermissen. Und noch mehr ihren Chefredakteur, meinen Genossen und Freund.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><strong>Daniel Behruzi<\/strong>, Frankfurt am Main<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h3>&#8230;Themen aus der feministischen Bewegung abzubilden<\/h3>\n\n\n\n<p>Bekannt war mir Winnie Wolf als Linker, als herausragender Genosse der 68er Bewegung im deutschsprachigen Raum. Als Pers\u00f6nlichkeit und als Freund lernte ich Winnie als Chefredaktor der Zeitschrift Lunapark21 kennen, als er zusammen mit Gisela Notz mich vor gut acht Jahren in die Redaktion holte. Es war ihm ein Anliegen, in der Zeitschrift zur Kritik der globalen \u00d6konomie, entsprechende Standpunkte und Diskussionsthemen aus der Frauen- und feministischen Bewegung abzubilden. Vorbehaltlos hat er Vorschl\u00e4ge f\u00fcr Beitr\u00e4ge aufgenommen und unterst\u00fctzt \u2013 was mir die Chance gab, langwierige K\u00e4mpfe der Frauen in der Schweiz f\u00fcr ihre Rechte zu erkl\u00e4ren und darzustellen. Eine eigene Geschichte, die im umliegenden Ausland nicht immer verstanden wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich lernte Winnie auch als unerm\u00fcdlichen Schaffer kennen mit einer schier unersch\u00f6pflichen Arbeitskraft. Kaum war ein LP21-Heft im Druck, ein Projekt, das f\u00fcr ihn bis zuletzt \u201eeine Herzensangelegenheit\u201c war, standen bei ihm bereits weitere Projekte an wie Zeitungen zu spezifischen Themen aber auch B\u00fccher, die er als Autor zeichnete. Wir verlieren mit Winnie einen herausragenden Genossen und Freund, dem die linke Bewegung sehr vieles zu verdanken hat!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Therese W\u00fcthrich<\/strong>, Bern<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h3>Der Idee zu 101 M\u00e4rchen<\/h3>\n\n\n\n<p>Im Jahr 2015 fragte uns Winnie, den wir beide aus unterschiedlichen Zusammenh\u00e4ngen kannten, ob wir nicht Interesse an einer regelm\u00e4\u00dfigen Kolumne in Lunapark 21 h\u00e4tten. Inhalt der Texte sollte eine ideologiekritische Analyse neoliberaler Behauptungen und Ideen unter dem Titel \u201eM\u00e4rchen des Neoliberalismus\u201c sein. Der Vorschlag sagte uns zu, und so verfassten wir f\u00fcr das im September 2015 erschienene Heft 32 unser erstes M\u00e4rchen unter der \u00dcberschrift \u201eFreihandel schafft Arbeitspl\u00e4tze &amp; Wohlstand\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Vier Jahre sp\u00e4ter teilte uns Winnie dann mit, dass die Mehrheit der Redaktion \u2013 gegen sein Votum \u2013 unsere Kolumne auslaufen lassen wolle. Uns kam das entgegen, hatten wir aus verschiedenen Gr\u00fcnden doch selbst \u00fcberlegt, die M\u00e4rchen an anderer Stelle zu publizieren. Insbesondere der nur viertelj\u00e4hrliche Erscheinungsrhythmus von Lunapark war uns zu langsam.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach 21 M\u00e4rchen \u2013 die letzten beiden erschienen im Heft 48 (Titel: \u201eGewerkschaften sind sch\u00e4dliche Kartelle\u201c) sowie im Sonderheft \u201eMietenexplosion vs. Daseinsvorsorge\u201c (Titel: \u201eStaatliche Eingriffe in die Mieten am Wohnungsmarkt sind sch\u00e4dlich!\u201c) \u2013 war Anfang des Jahres 2020 unsere Autorenschaft bei Lunapark beendet. Die M\u00e4rchen sind seitdem \u00fcbergangslos in der Monatszeitschrift OXI erschienen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ende des vergangenen Jahres hatten wir unser selbst gestecktes Ziel von rund 50 publizierten M\u00e4rchen erreicht und wollten unsere Kolumne einstellen. Auf Bitte der OXI-Redaktion schrieben wir noch drei weitere M\u00e4rchen, und im August werden alle Kolumnen und weitere unver\u00f6ffentlichte Texte als \u201eWirtschaftsm\u00e4rchen. Hundertundeine Legende \u00fcber \u00d6konomie, Arbeit und Soziales\u201c im PapyRossa Verlag erscheinen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Idee, aus den M\u00e4rchen ein Buch zu machen, stammt von Winnie. Er hat uns das als Perspektive f\u00fcr die Kolumne bereits 2015 nahegelegt. Wir h\u00e4tten ihm gern ein Exemplar geschenkt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kai Eicker-Wolf und Patrick Schreiner<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h3>R\u00fcckblick mit Ausblick ohne Winnie<\/h3>\n\n\n\n<p>Einem von Anbeginn regelm\u00e4\u00dfig schreibenden Autor des Lunapark hatte ich als Abonnent 2015 wegen (aus meiner Sicht) inhaltlicher Unzul\u00e4nglichkeiten einen kritischen Brief geschrieben. Der antwortete und r\u00e4umte ein, dass ich einen wunden Punkt getroffen h\u00e4tte, um anschlie\u00dfend auf mein Mitarbeits-Angebot an den Lunapark nach meiner Pensionierung zu sprechen zu kommen:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201ePrima, dass Du Lunapark korrigierend auf die Finger sehen willst. Gleichzeitig mit dieser Mail schicke ich eine andere an Winnie Wolf und sage ihm, er solle Dein Angebot unbedingt annehmen. Ein Hindernis sehe ich allenfalls in seiner erratischen Arbeitsweise, mit der die Tatsache vereinbar gemacht werden muss, dass noch eine zus\u00e4tzliche Station, n\u00e4mlich eine Korrekturphase, einzubauen ist. Aber ohne diese k\u00f6nnte Lunapark orthographisch nicht besser sein als die Bl\u00e4tter, die die Korrektoren l\u00e4ngst abgeschafft haben und dann eben so sind, wie sie sind.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Zu den Anf\u00e4ngen unserer Zusammenarbeit schrieb Winnie 2016 im Lunapark21-Editorial : \u201eDer Marburger GEW-Aktivist J\u00fcrgen Hahn-Schr\u00f6der, der zu unserer gro\u00dfen Freude seit einigen LP21-Ausgaben das Korrekturlesen bei Lunapark21 besorgt, hielt sich in den Produktionswochen dieses Heftes in einer wild-romantischen Region Frankreichs auf. Er war trotz Urlaubs mehrmals zwischen erfrischenden B\u00e4dern in der Ard\u00e8che bereit, bepackt mit Rucksack und Laptop nach Aubenas zu radeln, um im \u201eMcDoof\u201c (McDonald\u2018s war tats\u00e4chlich in erreichbarer N\u00e4he der einzige \u00f6ffentlich zug\u00e4ngliche Ort mit Internet-Anschluss) die jeweils neu gestalteten LP21-Seiten herunterzuladen, diese umgehend Korrektur zu lesen und dann die korrigierten pdf-Seiten zwecks \u00dcbernahme und Endkontrolle directement an uns zur\u00fcckzusenden. Bis vor kurzem bewerkstelligten wir das Korrekturlesen h\u00f6chst altmodisch: Die pdf-Seiten in der ersten Gestaltung wurden ausgedruckt, dann auf Papier&nbsp; Korrektur gelesen. Schlie\u00dflich wurden die Seiten mit den handschriftlichen Korrekturen per Post nach K\u00f6ln zum Gestalter und zur Eingabe geschickt. Diese \u2013 vielleicht von vielen als skurril empfundene \u2013 \u00c4ra scheint seit J\u00fcrgens Einstieg als Chefkorrektor ehrenhalber nun vorbei zu sein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Das erste Mal pers\u00f6nlich trafen wir uns, das Kerntandem der LP21 &#8211; Winfried Wolf und der k\u00fcnstlerische Gestalter Joachim R\u00f6mer \u2013 und ich am 27. November 2016 im Hauptbahnhof zu Berlin. Wir sa\u00dfen beieinander, a\u00dfen zusammen und wir besprachen u.a.&nbsp; die Fragen: Was soll die Korrekturgrundlage von Texten f\u00fcr den lunapark21 sein? Welches Regelwerk soll gelten? Wie weit sollen Korrekturen&nbsp; in Texten gehen und wie sieht ein mit dem Autor oder der Autorin konsensf\u00e4higes Procedere aus? Dazu entwickelte sich in den folgenden Jahren ein Konzeptpapier: \u201eDer schlaue Redakt\u00f6r\u201c, redaktionelle Tipps f\u00fcr die Autorinnen und Autoren von Lunapark21.<\/p>\n\n\n\n<p>Im November 2021, also nach der lebensbedrohlichen Erkrankung und Operation kann ich (vor\u00fcbergehend aufatmend) schreiben: \u201eLieber Winnie, gro\u00dfen Dank f\u00fcr deine organisatorischen Arbeiten f\u00fcr unseren gemeinsamen Aktiv-Aufenthalt in S\u00fcdtirol. Da kommt jetzt schon Vorfreude auf.\u201c Und er schreibt vor unserem ersten und letzten gemeinsamen Treffen im S\u00fcdtiroler Bad Dreikirchen im M\u00e4rz 2022: \u201eWir \u2013 gemeint: die sechs der Technischen Redaktion \u2013 haben aus meiner&nbsp; Sicht eine gute neue LP21 gemacht. Wir \u2013 das genannte engere Team und gerne m\u00f6glichst zus\u00e4tzlich aus dem Plenums-Kreis \u2013 wollen grunds\u00e4tzlich weitermachen. Wir als Technische Redaktion werden uns vom 2. bis zum 6. Mai vier Tage zur\u00fcckziehen, nein, nicht nach Salecina, aber immerhin nach Bad Dreikirchen, und pr\u00fcfen, ob und wenn ja; wie unsere Teamf\u00e4higkeit gest\u00e4rkt werden kann.\u201c Und ein Jahr sp\u00e4ter, den Kampf ums eigene Leben verloren, l\u00e4sst Winnie an diesem, ei nem seiner wichtigsten&nbsp; Kraftquellorte, 13 Freunde, verbunden mit ihm in verschiedenen Freundschaftserfahrungen und -graden sich versammeln, seiner gedenken und in seinem Sinne beschlie\u00dfen:&nbsp; weitermachen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>J\u00fcrgen Hahn-Schr\u00f6der<\/strong>, Marburg<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h3>Ab und zu<\/h3>\n\n\n\n<p>Vor dreieinhalb Jahren lie\u00df ich mich ansprechen. Gut, ab und zu einen Beitrag f\u00fcr Lunapark21 k\u00f6nnte ich wohl schreiben. Dann aber begegnete ich in der Redaktion anderen, die sich st\u00e4rker einsetzten und die wie ich das Potential der Lunapark21 erkannten, und die Phantasie und Ehrgeiz entwickelten, das Heft zu verbessern. Wir haben uns richtig reingeh\u00e4ngt, uns gegenseitig im Eifer angesteckt, F\u00e4higkeiten entwickelt, und es hat Spa\u00df gemacht. Die Lunapark sieht heute anders aus als vor dreieinhalb Jahren; ich vermutlich auch.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Andr\u00e9 Geicke<\/strong>, Hamburg<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h3>\u201eWeniger arte, mehr Arbeiter-Illustrierte-Zeitung.\u201c<\/h3>\n\n\n\n<p>In der ersten gro\u00dfen Diskussion zum Lunapark21-Projekt legten unsere Gestalter auch einen Entwurf vor, wie das Ganze aussehen sollte. Und die Gestaltung war sehr gut. Es hat sich der ganz besondere Anspruch angek\u00fcndigt, der die Arbeit an den Heften in den folgenden Jahren gepr\u00e4gt hat. Aber ich habe gemeckert \u2013 und meine Formulierung haben sich die Beteiligten gut gemerkt: \u201eWeniger arte, mehr Arbeiter-Illustrierte-Zeitung.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Damit wollte ich keinem Traditionalismus das Wort reden. Es ging nicht um das alte Selbstbewusstsein von Marxisten, in deren Theorie alles gekl\u00e4rt war: Die Revolutionen sind die \u201eLokomotiven der Geschichte\u201c, die Gleise werden durch die \u00f6konomische Entwicklung gelegt und die Kommunisten sind die Lokomotivf\u00fchrer, denn sie \u201ehaben theoretisch vor der \u00fcbrigen Masse des Proletariates die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung voraus.\u201c (Manifest der Kommunistischen Partei) \u2013 also darum ging es nicht. Die Redaktion von Lunapark war nie der \u00dcberzeugung, in einer historischen Mission unterwegs zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ging mir um die ziemlich schwierige Verbindung zwischen dem Alltag der Leute und einer gr\u00fcndlichen Kritik der globalen wie der lokalen kapitalistischen \u00d6konomie. Historisch gesehen gibt es da weniger eine Verbindung, als eine sehr traditionelle Arbeitsteilung: Es gibt Leute, die malochen, finden vieles Mist und lesen manchmal schlaue Kritiken an der Welt, in der sie leben. Und es gibt Leute, die finden auch vieles Mist und schreiben schlaue Kritiken an der Welt, in der wir alle leben. Die Schnittmenge zwischen beiden Gruppen ist klein. Denn so wie diese Gesellschaft eingerichtet ist, muss man sehr gegens\u00e4tzliche Anforderungen in den 24 Stunden eines Tages unterbringen, wenn man in beiden Gruppen unterwegs ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Lunapark21 ist es leider nicht gelungen, zur Aufhebung dieser traditionellen Arbeitsteilung beizutragen. An der Gestaltung lag es nicht. Im Inhalt der Hefte zeigte es sich, weil die Schwerpunkte rasch wechselten.&nbsp; \u00dcber Konflikte wurde berichtet, wenn sie sich zuspitzten \u2013 aber nicht, wenn sie stagnierten. Wir haben die Geschichten selten zu Ende erz\u00e4hlt. (Es finden sich immer Konflikte, die sich gerade zuspitzten.) Die damit verbundene Kurzatmigkeit, die teils schr\u00e4gen apokalyptischen T\u00f6ne laufen auf eine Selbstbest\u00e4tigung eines eher engen Kreises aktiver Funktion\u00e4re oder funktionierender Aktivisten hinaus. Als normal arbeitender Mensch mit normalen Kolleginnen und Kollegen kann man sich das auf die Dauer kaum leisten. Das Problem ist alt. Eine L\u00f6sung f\u00fcr dieses Problem w\u00e4re etwas Neues.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sebastian Gerhardt<\/strong>, Berlin, Autor und 2012-2017 Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer bei Lunapark21.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h3>\u201e\u2026 man muss diese versteinerten Verh\u00e4ltnisse dadurch zum Tanzen zwingen, dass man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt!\u201c*<\/h3>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich war Lunapark21 ein 15 Jahre w\u00e4hrender Versuch, die Noten dieser Melodie zu finden \u2013 nicht als \u201eVors\u00e4nger, im Vollbesitz der Wahrheit\u201c (Die Schmetterlinge).<\/p>\n\n\n\n<p>Am Anfang, bei den Gr\u00fcndungplenen, geschah etwas, was ich in linken Zusammenh\u00e4ngen bis dahin nicht erlebt hatte: Da nahmen die Menschen von der analytisch schreibenden Zunft \u201edie \u00e4u\u00dfere Verpackung\u201c ernst. Den Gestaltern wurde f\u00fcr ihr Tun eine weitgehende Autonomie einger\u00e4umt. \u201e\u00dcber das Titelblatt entscheiden die Gestalter!\u201c Au\u00dfer wenn aus der Redaktion ein hartes Veto kam. Das geschah nur einmal: Da durften wir nicht \u201edes Kaisers neue Kleider\u201c abbilden \u2013 die Fibeglasnachbildung von Donald Trump, nackt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die f\u00fcr die Lesend-Betrachtenden sichtbare Reibung zwischen Texten und Bildern war gewollt: Die Melodie muss Dissonanzen enthalten beim Aufspielen zum Tanz.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie wirklichen Verh\u00e4ltnisse sind f\u00fcr sch\u00f6ne T\u00f6ne ganz vertrakt, sie sind immer konkret und nicht abstrakt\u201c, lie\u00dfe sich in Abwandlung einer Zeile der Schmetterlinge feststellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Lunapark21 war auch der Versuch, den sonst \u00fcblichen Rahmen linker Publizistik zu verlassen. Es fanden sich einzelne Schreibende aus verschiedenen Spektren zusammen zu einem debattenfreudigen linkspluralistischen Versuch. Das basierte auch darauf, dass die Herzkammer unseres Projektes, Winnie, zwar weiter linkssozialistisch schlug, sich aber zunehmend nicht mehr auf die engen Auslegungen einer bestimmten Str\u00f6mung bezog.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bandbreite der Texte bewegte sich zwischen leisem Pfeifen im Walde und pathetischem Choral. Wir legten viel Wert darauf, unsere Texte auch f\u00fcr nicht akademische Linke verst\u00e4ndlich aufzubereiten. Journalismus hat viel mit Handwerk zu tun.<\/p>\n\n\n\n<p>Unser Trial-and-Error-Vorgehen folgte keiner vorher theoretisch festgelegten Notenabfolge. Vergleichbar mit gutem Jazz, war es ein sich st\u00e4ndig ver\u00e4nderndes Verh\u00e4ltnis von Notation und Improvisation. Es passierte nicht selten, dass wir zwei Tage vor Drucktermin das fertig layoutete Heft komplett umbauten \u2013 wichtige Texte rein, andere wichtige Texte um ein Heft verschieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Der gewollte Vielklang bedeutete auch, dass alle Beteiligten viel Dissonanz aushalten mussten. R\u00fcckblickend finde ich es schade, dass es uns und vor allem Winnie nicht immer gelang, auszuhalten und trotzdem gemeinsam weiterzumachen. Wir brauchten offenbar mehr als zehn Jahre \u00dcbung darin, dass es nicht ums Rechthaben geht \u2013 auch aus der Erfahrung, wie oft man selbst schon daneben gelegen hatte. Bei allen, die auch wegen unserer falschen H\u00e4rte nicht mehr mitsingen konnten, m\u00f6chte ich mich entschuldigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz pers\u00f6nlich verbinde ich mit Lunapark21 das langsame Wachsen einiger tiefer Freundschaften. Das an der gemeinsamen Sache mit hohem Aufwand und viel Herzblut arbeiten ging fast unmerklich \u00fcber in eine pers\u00f6nliche Verbundenheit. Wir redeten seltener \u00fcber Gott, daf\u00fcr viel \u00fcber die Welt, die auch unsere kleinen privaten Welten beinhaltete. Kurze Anrufe \u00fcber einen neuen Seitenplan konnten sich auswachsen zu zwei Stunden gegenseitigem Zuh\u00f6ren und Erz\u00e4hlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei meinem letzten Besuch bei Winnie in der Charit\u00e9, ein paar Tage bevor er nicht mehr kommunizieren konnte, erz\u00e4hlte er von seinen Sternens\u00e4nger-Eins\u00e4tzen im Umland von Ravensburg. Bis dahin wusste ich nicht, wie sch\u00f6n seine Singstimme war. Er sang, auf schw\u00e4bisch, das Sternens\u00e4ngerlied.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Joachim R\u00f6mer<\/strong>, K\u00f6ln, Gestalter von Lunapark21<\/p>\n\n\n\n<p>*Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.lunapark21.net\/inhalt-abschlussheft-62\/\">Ver\u00f6ffentlicht in Lunapark21, A<em>bschlussheft 54<\/em><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pers\u00f6nliche Bilanzen zur Mitarbeit bei Lunapark21 &#8230; die undogmatischen und pr\u00e4gnant vorgetragenen Inhalte Lunapark21 war f\u00fcr mich lange eine Idee, auf deren materielle Gestaltwerdung ich nicht gewettet h\u00e4tte. 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