{"id":2670,"date":"2023-08-04T23:26:33","date_gmt":"2023-08-04T21:26:33","guid":{"rendered":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=2670"},"modified":"2023-08-04T23:26:35","modified_gmt":"2023-08-04T21:26:35","slug":"rede-von-georg-fuelberth-am-15-7-23-in-stuttgart-zur-erinnerung-an-winfried-wolf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=2670","title":{"rendered":"Rede von Georg F\u00fclberth am 15.7.23 in Stuttgart zur Erinnerung an Winfried Wolf"},"content":{"rendered":"\n<p>Liebe Anwesende,<\/p>\n\n\n\n<p>jetzt, zum Schluss, bleibt vielleicht noch eine Frage:<\/p>\n\n\n\n<p>Wie hat Winnie Wolf es geschafft, nach der Zerschlagung der Hoffnungen von 1968 und nach dem Ende des Staatssozialismus 1989\/1991, zugleich ein radikaler Reformer zu werden und doch unver\u00e4ndert ein revolution\u00e4rer Sozialist zu bleiben?<\/p>\n\n\n\n<p>Er geh\u00f6rte zun\u00e4chst zu den Achtundsechzigern. Das waren Menschen, die zwischen 1940 und 1950 geboren wurden und die 1968 zu dem Schluss kamen, jetzt sei alles m\u00f6glich. In Vietnam verloren die USA gerade einen Krieg, in Mitteleuropa behauptete sich der Staatssozialismus gegen das Rollback, in Kuba gegen die USA, in Afrika siegten nationale Befreiungsbewegungen, in der Bundesrepublik wankten Hierarchien. Es gab weltweite Protestbewegungen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Ein Vierteljahrhundert sp\u00e4ter war nicht mehr viel davon \u00fcbrig. Der Kapitalismus hatte sich als \u00fcberlegen erwiesen. Die Revolution\u00e4rinnen und Revolution\u00e4re von 1968 waren keine zwanzig Jahre mehr alt, sondern \u00fcber vierzig. Die \u00fcberlebten \u2013 das waren nicht alle \u2013, hatten noch Jahrzehnte vor sich, aber politisch ihre Zukunft hinter sich. Ihr erster Atem war verbraucht, wo nahmen sie einen zweiten her?<\/p>\n\n\n\n<p>Viele haben ihn gefunden, indem sie Reformpolitikerinnen und Reformpolitiker wurden: in Gewerkschaften, in Umweltbewegungen, in den Grabenk\u00e4mpfen des Patriarchats. Da waren nicht mehr revolution\u00e4re Generalisten gefragt, sondern Spezialistinnen und Spezialisten. Winfried Wolf wurde Verkehrsexperte und Abgeordneter im Deutschen Bundestag \u2013 der zweite Atem. 1986 war sein Buch \u201cEisenbahn und Autowahn\u201d erschienen \u2013 die theoretische Grundlage f\u00fcr seine sehr praktischen Gutachten f\u00fcr eine Verkehrswende im gro\u00dfen Berlin und im kleinen Marburg und gegen Stuttgart 21.<\/p>\n\n\n\n<p>Als er starb, stand in Nachrufen, dass er ein Verkehrsexperte war. Als w\u00e4re er sonst fast nichts anderes gewesen. Diese Einschr\u00e4nkung ist zutiefst ungerecht. Wie wir wissen, hat Winfried Wolf eine ungeheure Breite von Themen behandelt, die weit auseinander lagen. Man muss sich fragen: Gab es denn etwas, das diese Vielfalt zusammenhielt \u2013 vom Verkehr \u00fcber ein alternatives Parteiprogramm f\u00fcr die PDS, \u00fcber die griechischen Staatsfinanzen, Corona-Politik, karibische Zust\u00e4nde bis zur Zeitung gegen den Krieg und Lunapark 21, der Zeitschrift zur Kritik der globalen \u00d6konomie? Wieso war das kein Potpourri? Gab es einen archimedischen Punkt, an dem Winfried Wolf den Hebel ansetzte?<\/p>\n\n\n\n<p>Es gab ihn. Die Antwort ist versteckt in der Email-Adresse von Winfried Wolf: redmole@gmx.net. Red mole, der rote Maulwurf. Es ist ein Zitat von Karl Marx aus dessen Schrift \u201cDer achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte\u201d. Das stammte seinerseits aus Shakespeares \u201cHamlet\u201d. Bei Marx hei\u00dft es: \u201cBrav gew\u00fchlt, alter Maulwurf.\u201d Gemeint ist, bei Marx, nicht bei Shakespeare, nichts anderes als die Revolution. Diese stecke im Kapitalismus selbst drin, verschwinde zeitweilig und breche pl\u00f6tzlich wieder auf. Wenn sie ihre Vorarbeit geleistet habe, werde Europa, so hei\u00dft es da recht pathetisch, aufspringen und rufen: \u201cBrav gew\u00fchlt, alter Maulwurf!\u201d Ihrem sch\u00f6nen Nachruf auf Winfried Wolf hat Angela Klein die zutreffende \u00dcberschrift gegeben: Ein Leben f\u00fcr die Revolution.\u201d Da war der Nagel, an dem alles hing, da war der Kopf, sie hat ihn getroffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Winnie war nicht so \u00fcberheblich, sich selbst f\u00fcr den roten Maulwurf zu halten. Der war f\u00fcr ihn ein \u00fcberpers\u00f6nlicher Prozess, die Revolution auf ihrem unterirdischen Weg. Die Leistung von Winfried Wolf bestand darin, dass er den Maulwurf aufsp\u00fcrte und ihm half, indem er Menschen sammelte, die diesem dann gemeinsam nachw\u00fchlten.<\/p>\n\n\n\n<p>Winfried Wolf hat bereits 1988 gemerkt, dass etwas bevorstand, das dem alten grauenhaften Streit zwischen seiner politischen Richtung, der trotzkistischen, und meiner, der DKP, den Gegenstand entzog. Damals kam er auf mich zu. Er hatte in Vielem rechtbehalten:<\/p>\n\n\n\n<ul><li>in seiner Kritik der B\u00fcrokratie,<\/li><li>-in seiner Hinwendung zu den Massen \u2013 auch wenn die Massen irrten und er mit ihnen, sodass er sich dann und wann korrigieren musste,<\/li><li>in seinem grenzenlosen Internationalismus, der sich nicht auf Parteinahme im Kalten Krieg einengen lie\u00df.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Er hat nicht aufgetrumpft, als sich der Untergang des Staatssozialismus abzeichnete. Er tat den ersten Schritt. Seitdem kannten wir uns pers\u00f6nlich. Gelesen hatte ich ihn schon fr\u00fcher. Daran kam man eh nicht vorbei.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Winfried Wolf wirkte die Suche nach der Revolution nie verstiegen oder grotesk. Er war ein Sch\u00fcler von Ernest Mandel. Dieser gewann ihn f\u00fcr die trotzkistische Vierte Internationale. Selbst als Winfried Wolf sich, sehr sp\u00e4t, organisatorisch von ihr abgel\u00f6st hatte, behielt er ein pers\u00f6nliches Programm bei, das nichts anderes war als der unverf\u00e4lschte Marxismus des 19. Und 20.Jahrhunderts. Der erwies sich bei ihm als realit\u00e4tst\u00fcchtig auch im einundzwanzigsten. Das war aber nur m\u00f6glich, indem es nicht eine allgemeine Parole war, karikiert in dem antikommunistischen Hohn: \u201cKeine Butter, keine Sahne, auf dem Mond die rote Fahne\u201d, sondern indem es im Detail konkretisiert wurde auf den verschiedenen Schaupl\u00e4tzen, zwischen denen der rote Maulwurf immer neu anfing zu w\u00fchlen. So gewann Winfried Wolf seinen dritten Atem. Es war zugleich der erste.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch einmal: Wie hat Winnie Wolf es geschafft, nach der Zerschlagung der Hoffnungen von 1968 und nach dem Ende des Staatssozialismus 1989\/1991, den er ohnehin ablehnte, zugleich ein radikaler Reformer zu werden und dennoch unver\u00e4ndert ein revolution\u00e4rer Sozialist zu bleiben? Die Antwort hei\u00dft: Nur indem Winfried Wolf ein radikaler Sozialist blieb, konnte er ein radikaler Experte werden. Reformen waren f\u00fcr ihn nur unkaputtbar, wenn die Kompassnadel auf den sozialistischen Fixstern zeigte, so weit weg dieser auch sein mochte.<\/p>\n\n\n\n<p>Winfried Wolf auf der Suche in den unterirdischen G\u00e4ngen einer m\u00f6glichen latenten Revolution. Well grubbed, old mole, brav gew\u00fchlt, alter Maulwurf. Aber auch: Gut aufgepasst, Winnie.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Anwesende, jetzt, zum Schluss, bleibt vielleicht noch eine Frage: Wie hat Winnie Wolf es geschafft, nach der Zerschlagung der Hoffnungen von 1968 und nach dem Ende des Staatssozialismus 1989\/1991, zugleich ein radikaler Reformer zu werden und doch unver\u00e4ndert ein revolution\u00e4rer Sozialist zu bleiben? 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