{"id":332,"date":"2018-07-24T12:22:07","date_gmt":"2018-07-24T10:22:07","guid":{"rendered":"http:\/\/winfriedwolf.de\/wordpress\/?p=332"},"modified":"2020-01-24T09:00:21","modified_gmt":"2020-01-24T08:00:21","slug":"solidaritaet-statt-heimat-wirklich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=332","title":{"rendered":"Solidarit\u00e4t STATT Heimat \u2013 wirklich?"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Der Aufruf \u201eSolidarit\u00e4t\nstatt Heimat\u201c fand viele \u201eUnterst\u00fctzerinnen und Unterst\u00fctzer\u201c.\nIch z\u00e4hle zu ihnen. Die Grundaussage, die von vielen getragene\nStellungnahme gegen Fremdenhass und Rassismus, die vehemente\nForderung \u201eausgehetzt!\u201c, wie dies in M\u00fcnchen am vergangenen\nSonntag, dem 22. Juli, Zehntausende forderten, ist jede Unterst\u00fctzung\nwert. \n<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Inzwischen hat sich eine\nengagierte Debatte um diesen Aufruf entwickelt. Im Mittelpunkt steht\ndabei offensichtlich die Debatte innerhalb der Partei DIE LINKE.\nGefragt, was er von dem Aufruf halte, antwortete das IG\nMetall-Vorstandsmitglied Hans-J\u00fcrgen Urban: \u201eGro\u00dfartig! Wenn\nMenschen ihre Stimme gegen einen Rassismus erheben, der bis weit in\ndie Mitte der Gesellschaft hineinragt, dann k\u00f6nnen es nicht genug\nsein.\u201c Auf die Nachfrage von Johannes Schulten im \u201eFreitag\u201c,\nwarum er selbst den Aufruf nicht unterzeichnet habe, antwortete\ndieser: \u201eWeil dieser Aufruf neben den offenkundigen\nantirassistischen Botschaften, denen ich mich anschlie\u00dfe, auch eine\nversteckte Agenda enth\u00e4lt [\u2026] Die Subbotschaft des Aufrufs zielt\nauf eine innerlinke Kontroverse. Sein Anlass war offenbar die\nAuseinandersetzung in der Partei Die Linke um Migration [\u2026] Der\nAufruf stellt sich in diesem Konflikt auf eine Seite und bezichtigt\n[\u2026] einen Teil der Linken des Rassismus.\u201c (siehe:\n<a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/der-freitag\/anti-rassismus-und-eine-versteckte-agenda\">https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/der-freitag\/anti-rassismus-und-eine-versteckte-agenda<\/a>)<\/p>\n\n\n\n<p>Nun d\u00fcrfte diesen Teil\nder Debatte nur ein kleiner Teil der \u00d6ffentlichkeit, die diesen\nAppell zur Kenntnis nimmt, nachvollziehen k\u00f6nnen. Dies ist eine \u2013\nberechtigte \u2013 innerlinke Debatte, die auch auf den Nachdenkseiten\nintensiv gef\u00fchrt wurde. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Aber wie kommt die\n\u00dcberschrift zu dem Appell zustande? Warum soll es diese Art\nGegensatz zwischen \u201eSolidarit\u00e4t\u201c und \u201eHeimat\u201c geben? Das\nstie\u00df mir sehr fr\u00fch in Diskussionen \u00fcber den Appell und nach der\nFrage eines Freundes, warum ich denselben denn unterzeichnet h\u00e4tte,\nauf. In der \u00dcberschrift ist das Wort \u201eHeimat\u201c nicht in\nAnf\u00fchrungszeichen gesetzt. Im Appell selbst taucht nur ganz kurz ein\nteilweise nachvollziehbarer Bezug auf: \u201eHeimatministerium,\nAbschiebeoffensiven, Hetzkampagnen und institutioneller Rassismus\ngeh\u00f6ren zum Alltag\u2026\u201c \n<\/p>\n\n\n\n<p>Doch dann hei\u00dft es dort\nauch: \u201eDer deutsche Pfad von Sparpolitik und einseitiger\nExportorientierung [\u2026] schafft prek\u00e4re Arbeits- und\nLebensbedingungen und n\u00e4hrt Zukunfts\u00e4ngste. Seine Probleme lassen\nsich nicht durch [\u2026] nationalistische Wohlfahrtsstaatlichkeit\nl\u00f6sen, die auf [\u2026] Abschottung setzt \u2013 und auf weltfremde\nPhantasien einer \u00b4Steuerung\u00b4 von Migration und des wohligen\nPrivatgl\u00fccks in der \u00b4Heimat\u00b4\u201c. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Einmal abgesehen von der\nverqueren Sprachf\u00fchrung (auf den \u201eProblemen des Pfads\u201c m\u00f6chte\nman nicht ernstlich wandeln; der Genitiv am Satzende bezieht sich auf\n\u201ePhantasien\u201c; bei derlei \u201ePhantasien [\u2026] des Privatgl\u00fccks in\nder \u00b4Heimat\u00b4\u201c wird einem ganz schwummerant) \u2013 die negative\nKonnotation von \u201eGl\u00fcck\u201c beziehungsweise \u201ePrivatgl\u00fcck\u201c\neinerseits und \u201eHeimat\u201c \u2013 nun in Anf\u00fchrungszeichen \u2013\nandererseits ist ungut. Dies stellt eine fatale Kapitulation vor den\nS\u00f6der, Seehofer &amp; Salvini dar.<\/p>\n\n\n\n<p>Fragte mich jemand, was\ndenn meine \u201eHeimat\u201c sei, w\u00fcrde ich vielleicht kurz z\u00f6gern, aber\ndann doch antworten: \u201eOberschwaben\u201c und \u201eBodensee\u201c. Z\u00f6gern,\nweil das Substantiv inzwischen doch etwas fremd \u2013 weil CSU-belastet\n\u2013 erscheint. Wobei mir dann auch wieder die wunderbare TV-Serie von\nEdgar Reitz einf\u00e4llt, die just den Titel \u201eHeimat\u201c tr\u00e4gt: Und\ndie in keiner Weise mit rechten Positionen belastet, sondern voll von\nsolidarischer \u2013 gemeinschaftlicher \u2013 Liebe zur Heimat Hunsr\u00fcck\nerf\u00fcllt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4testens bei einer\nabgewandelten Adjektiv-Frage, der Frage, wo ich mich \u201eheimatlich\u201c\noder \u201eheimatlich verbunden\u201c f\u00fchlte, g\u00e4be ich ohne jegliches\nZ\u00f6gern die genannte Antwort. Und ich w\u00fcrde an den 1. Mai in diesem\nJahr erinnern, als es in meiner HEIMATstadt Ravensburg einen\nalternativen Ersten Mai zu feiern gab, den die Leute vom \u201ePolitischen\nWohnzimmer\u201c in Ravensburg um Micha und Frank Matschinski und viele\nandere phantasiereich, bunt und heimatverbunden gestalteten; unter\nden mehr als hundert Anwesenden waren gut zwei Drittel Gefl\u00fcchtete.\nDer Clown, der die Fl\u00fcchtlingskids bespa\u00dfte, sprach schw\u00e4bisch \u2013\ndoch, was wunder: Er ward von den afghanischen, pal\u00e4stinensischen\nund irakischen Kindern sehr wohl verstanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wie sah das am\nvergangenen Sonntag auf dem K\u00f6nigsplatz in M\u00fcnchen aus, als\nf\u00fcnfzigtausend gegen S\u00f6der, Seehofer &amp; Salvini demonstrierten?\nDa gab es \u2013 wiedergegeben in der \u201eS\u00fcddeutschen Zeitung\u201c\n(23.7.) \u2013 ein Transparent mit der Aufschrift \u201eHome is where the\nSeehofer not is\u201c. Diese Zeitung berichtet von einer Stefanie\nStohwasser, \u201edie vom Chiemsee gekommen ist und ein traditionelles\nDirndl tr\u00e4gt. [\u2026] Das Dirndl hat sie extra angezogen: um zu\nzeigen, dass sie \u00b4Bayern sich nicht wegnehmen l\u00e4sst\u00b4\u201c. In der\nDemo wurde \u2013 ganz bewusst getragen \u2013 eine Bayern-Fahne mit\ngef\u00fchrt. Sein Tr\u00e4ger wird zitiert mit: \u201eDamit ich mich f\u00fcr\nBayern nicht nur sch\u00e4men muss\u201c. Der von Josef Wirnshofer\nverfasste, verdienstvolle Seite-Drei-Artikel der SZ endet wie folgt:\nDie Kulturwissenschaftlerin Simone \u201eEgger will gerade aufbrechen,\nda sammelt sich pl\u00f6tzlich eine Hochzeitsgruppe um die Bavaria.\nM\u00e4nner in Dreadlocks und Trachtenjacken. \u00dcppig t\u00e4towierte Frauen,\nderen Dirndlsch\u00fcrzen flattern, wenn sie lachen. Egger z\u00fcckt ihr\nSmartphone, das muss sie fotografieren, genau das meint sie: Die\nLeute wollen sich nicht vorschreiben lassen, wie Heimat aussieht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ach ja. Und dann las ich\ngestern zu Bette in meiner derzeitigen n\u00e4chtlichen Lust- und\nPflichtlekt\u00fcre S\u00e4tze, die mich f\u00f6rmlich elektrisierten und eine\ngute Stunde Schlafs kosteten: \u201eNun wollen wir auch einmal Ja sagen.\nJa -: zu der Landschaft und zu dem Land Deutschland. [\u2026] Dem einen\ngeht das Herz auf in den Bergen, wo Feld und Wiese in die kleinen\nStra\u00dfen sehen, am Rande der Gebirgsseen, wo es nach Wasser und Holz\nund Felsen riecht und wo man einsam sein kann; wenn da einer seine\nHeimat hat, dann h\u00f6rt er dort ihr Herz klopfen. [\u2026] So widerw\u00e4rtig\nmir jene sind, die \u2013 umgekehrte Nationalisten \u2013 nun \u00fcberhaupt\nnichts mehr Gutes an diesem Land lassen, kein gutes Haar, keinen\nWald, keinen Himmel, keine Welle \u2013 so scharf verwahren wir uns\ndagegen, nun etwa ins Vaterl\u00e4ndische umzufallen. Wir pfeifen auf die\nFahnen \u2013 aber wir lieben dieses Land. Und so wie die nationalen\nVerb\u00e4nde \u00fcber die Wege trommeln \u2013 mit dem gleichen Recht [\u2026]\nnehmen wir, die wir hier geboren sind, wir, die wir besser deutsch\nschreiben und sprechen als die Mehrzahl der nationalen Esel \u2013 mit\ngenau demselben Recht nehmen wir Fluss und Wald in Beschlag, Strand\nund Haus, Lichtung und Wiese: es ist unser Land. Wir haben das Recht,\nDeutschland zu hassen \u2013 weil wir es lieben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Kurt Tucholsky schrieb\ndiese S\u00e4tze in einem Beitrag mit Titel \u201eHeimat\u201c im Jahr 1929,\nangesichts eines damals aufziehenden Nationalismus. Man lese die zwei\nSeiten in Band 7, Gesammelte Werke (Rowohlt 1981), Seite 312 oder\nHIER <a href=\"https:\/\/www.textlog.de\/tucholsky-heimat.html\">https:\/\/www.textlog.de\/tucholsky-heimat.html<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><em>Erstmals erschienen auf: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=45141\">NachDenkSeiten<\/a> im Juli 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Aufruf \u201eSolidarit\u00e4t statt Heimat\u201c fand viele \u201eUnterst\u00fctzerinnen und Unterst\u00fctzer\u201c. Ich z\u00e4hle zu ihnen. Die Grundaussage, die von vielen getragene Stellungnahme gegen Fremdenhass und Rassismus, die vehemente Forderung \u201eausgehetzt!\u201c, wie dies in M\u00fcnchen am vergangenen Sonntag, dem 22. 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