{"id":353,"date":"2018-04-08T13:53:06","date_gmt":"2018-04-08T11:53:06","guid":{"rendered":"http:\/\/winfriedwolf.de\/wordpress\/?p=353"},"modified":"2020-08-27T09:01:59","modified_gmt":"2020-08-27T07:01:59","slug":"der-langlaeufer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=353","title":{"rendered":"Der Langl\u00e4ufer"},"content":{"rendered":"\n<h2><em><strong>Bernd K\u00f6hler: Werk\n&amp; Wirken. <\/strong><\/em>\n<\/h2>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Alle Welt schreibt in diesen Tagen \u00fcber\n\u201e50 Jahre \u00b41968\u00b4\u201c. Das mutet oft schrill an (rief auf dem\nVietnam-Kongress in Westberlin im Februar 1968 wirklich  der\nitalienische Million\u00e4r und Verleger Giangiacomo Feltrinelli zum\n\u201eKampf f\u00fcr den Sozialismus in ganz Europa\u201c auf?<sup><a href=\"#sdfootnote1sym\"><sup>1<\/sup><\/a><\/sup>).\nOft sind die R\u00fcckblicke demagogisch (f\u00e4lschlich behauptet wird, es\nhabe eine \u201elogische Verbindung vom SDS zur RAF\u201c gegeben\u2026).\nPeinliche Autoren werden in Stellung gebracht (Alt-68er, die l\u00e4ngst\nim vormals bek\u00e4mpften System \u201eangekommen\u201c sind). \u00c4u\u00dferst\nselten wird jedoch berichtet, dass es au\u00dfer diesen <em>\u00dcberl\u00e4ufern<\/em>\nnicht wenige <em>Langl\u00e4ufer<\/em> gibt: solche, die sich treu und den\nIdealen von 1968 weiter verpflichtet blieben. So gut wie nie wird\ndieses \u201eLangl\u00e4ufertum\u201c <em>personalisiert<\/em>. Dabei w\u00e4re dies\nm\u00f6glich. Zumal in Mannheim und Ludwigshafen \u2013 mit Bernd K\u00f6hler\nalias Schlauch.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Die k\u00fcnstlerische und politische\nArbeit des in Ludwigshafen 1951 geborenen und in einer\nArbeiterfamilie aufgewachsenen Bernd K\u00f6hler bereitet demjenigen, der\ndie gleiche Zeitspanne linker Politik aktiv in Teilen mitgestaltete,\nviele d\u00e9j\u00e0-vu-Erlebnisse. Vier Themenkreise seien herausgegriffen:\n(1) der Einschnitt \u201e1968\u201c, der allein in Westdeutschland\nhunderttausende junge Menschen veranlasste, gegen reaktion\u00e4re\nStrukturen aufzubegehren und sich f\u00fcr eine neue, solidarische\nGesellschaft zu engagieren. (2) Die lange Kette von K\u00e4mpfen\n1968-1980, die gro\u00dfe Hoffnungen auf Weltrevolution\u00e4res \nvermittelten. (3) Die fortw\u00e4hrende Pr\u00e4senz von Alt- und\nNeufaschisten und das Engagement gegen rechts. Und schlie\u00dflich (4)\ndas neue emanzipatorische Engagement, das 1999 mit dem Widerstand\ngegen den Kosovo-Krieg begann, das \u00fcber die Globalisierungskritik\nf\u00fchrte und sich heute einem modernen und m\u00f6rderischen\nIT-Kapitalismus gegen\u00fcber sieht. \n<\/p>\n\n\n\n<h3><em><strong>1968<\/strong><\/em><\/h3>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Zehntausende junge Menschen in\nWestdeutschland bedeutete 1968 eine radikale Wende. Bernd K\u00f6hler\n[BK] sagt von sich: \u201eMit 15 Jahren [= 1966] war ich im Kirchenchor\nund hab Posaune gespielt. Wollte unbedingt zur Bundeswehr. Ich\ndachte, warum schmei\u00dfen die Amis in Vietnam keine Atombombe rein,\ndann w\u00e4r doch Ruh.\u201c Zwei Jahre sp\u00e4ter textet und singt K\u00f6hler\nalias Schlauch mit \u201eImmer wenn die Schule brennt\u201c \u00fcber Anarchie\n&amp; Utopie. Ein weiteres Jahr sp\u00e4ter sieht er seine Arbeit im\nKontext des Antifaschismus, der ein wesentlicher Antrieb f\u00fcr die\n1968er Revolte war. \n<\/p>\n\n\n\n<p><em>Doch es gab mal\nne Zeit, da hatte man zu denken vergessen \/ S\u00b4ist drei\u00dfig Jahre\nher, da hat man\u00b4s dann auch ausgefressen \/ Und ich mach mir da keine\nIllusion \/ Und sage mir, das kam davon \/ Vom sch\u00f6ne Lieder singen\nund vom Tr\u00e4umen \/ Nur so kann man die Zeit vers\u00e4umen \/ Und heut\u00b4\nist es wieder mal soweit\u2026<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>K\u00f6hler bzw. Schlauch war 1968 und 1969\nzwei Mal Sieger beim Folksongfestival HARLEKINADE in Ludwigshafen in\nder Sparte Einzelk\u00fcnstler.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e1968\u201c war auch ein Einschnitt f\u00fcr\ndas vorherrschende Kunstverst\u00e4ndnis, das nach Ende des Zweiten\nWeltkriegs \u2013 die kollektive Verdr\u00e4ngung von T\u00e4tern wie Opfern\nwiderspiegelnd \u2013 oft abstrakt und so gut wie immer unpolitisch war.\nKunst ist f\u00fcr K\u00f6hler von vornherein mit sozialem Engagement\nverbunden. Er formulierte damals: \u201eDer Ma\u00dfstab der\n\u00dcberzeugungskraft einer Aktion liegt in der Vielfalt ihres\nkulturellen Ausdrucks.\u201c Da ist es dann logisch, wenn K\u00f6hler 1970\nzum Thema \u201eWarum ist Dali in\u201c schrieb: \n<\/p>\n\n\n\n<p><em>Man m\u00fc\u00dfte dalis\nbilder im hyde-park an die b\u00e4ume nageln  [\u2026] alle k\u00f6nnten [\u2026]\nmit wurfpfeilen danach werfen. [\u2026] kunst soll nicht darstellen,\nsondern versuchen zu ver\u00e4ndern. ansonsten ist kunst reaktion\u00e4r.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Dali personalisierte glatte,\nmarktg\u00e4ngige und (finanziell) erfolgreiche Kunst. Schlauch wollte in\nerster Linie engagierte, linke Kunst. Zum Thema Erfolg sollte K\u00f6hler\n30 Jahre sp\u00e4ter sagen: \u201eErfolg \u2013 der Begriff hat mich fr\u00fcher\nnie interessiert. [\u2026] Nat\u00fcrlich wollte ich Einfluss haben; aber\nich habe das vor allem unter sozialen Aspekten gesehen. [\u2026]\nR\u00fcckblickend w\u00fcrde ich sagen, dass es ein Fehler war, Erfolg im\nklassischen Sinn so zu vernachl\u00e4ssigen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h3><em><strong>Perlenkette der Mutmacher-K\u00e4mpfe<\/strong><\/em><\/h3>\n\n\n\n<p>Heute wird die Revolte von 1968 meist\nals isoliertes Ereignis dargestellt. Umso st\u00e4rker dann der\nbehauptete Kontrast zwischen utopischem Hoffen und radikalen\nEngagement einerseits und der Realit\u00e4t eines verkl\u00e4rt\ndargestellten, komfortablem, \u201erheinischen Kapitalismus\u201c\nandererseits. Ein falsches Bild. Zum einen, weil auch in diesem\n\u201eRheinischen\u201c Kapitalismus all das behauptete Sozialstaatliche,\nalso konkret jede Minute mehr Pause bei der Flie\u00dfbandarbeit, jede\nStunde weniger Wochenarbeitszeit und jeder Tag mehr Lohnfortzahlung\nim Krankheitsfall erk\u00e4mpft werden musste. Zum anderen, weil die\nrevolution\u00e4ren Hoffnungen eben nicht aus der Luft gegriffen waren.\nBernd kann davon  mehr als hundert Lieder singen. Songs gegen den\nVietnamkrieg und f\u00fcr die FNL, den Vietcong: immerhin ein Kampf, an\ndessen Ende ein kleines Volk die eigentlich allm\u00e4chtigen USA \u2013\nauch dank einer weltweiten Solidarit\u00e4tsbewegung \u2013 bezwungen hatte.\nLieder in Solidarit\u00e4t mit den sozialen Aufst\u00e4nden auf der\niberischen Halbinsel \u2013 wo in den Jahren 1974 und 1975 immerhin in\nSpanien eine faschistische Diktatur und in Portugal eine faschistoide\nDiktatur gest\u00fcrzt wurden. Mehr noch: Die \u201eNelkenrevolution\u201c in\nPortugal war mit vorrevolution\u00e4ren Situationen verbunden.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Und staunend\nh\u00f6r\u00b4n wir von der gro\u00dfen Farm \/ wo das Volk die F\u00fchrung \u00fcbernahm.\nWo hundertf\u00fcnfzig Bauern, Kinder und Frau\u00b4n, \/ Zusammen leben, das\nLand bebau\u00b4n, \/ Wo das Volk jede Sache gemeinsam beschlie\u00dft, ber\u00e4t,\n\/ Wo alles gemeinsam besser geht. \/ Estrela Vermelha \u2013 Rote Farm \/\nRote Farm im S\u00fcden von Portugal. <\/em>\n<\/p>\n\n\n\n<p>Einer der letzten Erfolge in dieser\nroten Perlenkette war der Kampf der Sandinisten gegen die\nSomoza-Diktatur (Song: \u201eDer Film rei\u00dft ab \u2013 gewidmet dem\nUS-Reporter William Steward und seinem \u00dcbersetzer Juan Espinosa,\nermordet von der Nationalgarde Nicaraguas am 20. Juni 1979\u201c). Er\nm\u00fcndete am 19. Juli 1979 in den Sieg dieser Revolution, mit der im\n\u00dcbrigen das sozialistische \u2013 durch eine US-Blockade existenziell\nbedrohte \u2013 Kuba eine regionale Unterst\u00fctzung fand.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor allem gab es in diesem\nZeitabschnitt hunderte begeisternde  Arbeitsk\u00e4mpfe. International\nbeginnend mit dem Mai 1968 in Paris, als, beeinflusst von der\nStudentenrevolte mit Barrikaden im Pariser Quartier Latin,  bis zu\nzehn Millionen Arbeiter und Arbeiterinnen in den Streik traten.\nFortgesetzt mit dem \u201ehei\u00dfen Herbst\u201c in Italien 1969.\nVerallgemeinert in den fr\u00fchen 1970er Jahren mit dutzenden besetzten\nFabriken in Frankreich (exemplarisch dabei die Uhrenfabrik Lip in\n<em>Besan\u00e7on 1973\/74<\/em>)\nund die K\u00e4mpfe der Stahlarbeiter in Lothringen (Song \u201eChiffon\nrouge\u201c von Michel Fugain, von K\u00f6hler und sp\u00e4ter K\u00f6hler mit ewo2\njeweils neu vertont).  \n<\/p>\n\n\n\n<p>Solche f\u00fcr die arbeitenden Menschen\noft durchaus erfolgreichen Auseinandersetzungen zwischen Lohnarbeit\nund Kapital gab es auch in Westdeutschland \u2013 mit den zwei Wellen\n\u201ewilder\u201c \u2013 nicht gewerkschaftsoffizieller \u2013 Streiks in den\nJahren 1969 und 1973. Mit den K\u00e4mpfen der Stahlarbeiter und der\nBergbaukumpels Anfang der 1980er Jahre (\u201eStahlwerkersong\u201c 1983).\nMit dem Widerstand gegen die geplanten Massenentlassungen bei BBC\nMannheim \u2013 Bernd K\u00f6hler ist 1988 beteiligt an dem Kulturspektakel\n\u201eOhne Arbeit stirbt die Stadt\u201c in Solidarit\u00e4t mit diesem\nWiderstand. Mit den langandauernden K\u00e4mpfen f\u00fcr die\n35-Stunden-Woche, zun\u00e4chst im Stahlbereich, dann in der Druckbranche\nund vor allem in der Metallindustrie. Bernd K\u00f6hler engagiert sich\ngemeinsam mit Freundinnen und Freunden 1984 und 1986 in zwei\nRevue-Programmen (\u201eEs gibt ein Leben vor der Rente\u201c und \u201e35 und\nkein bisschen leiser\u201c) in dieser gro\u00dfen gewerkschaftlichen\nAuseinandersetzung. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die Verbindung von Kampf und Kultur\nkommt tats\u00e4chlich immer wieder exemplarisch zustande. So schrieb die\n<em>Heidenheimer Neue Presse<\/em> am 11. November 1985 anl\u00e4sslich des\nStreiks bei dem Unternehmen Programma in Gerstetten:  \n<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<em>Letzten Montag\nherrschte auf der Gerstetter Gartenstra\u00dfe gro\u00dfer Auftrieb. 1300\nGewerkschafter aus dem ganzen Land waren gekommen, um sich mit den 35\nStreikenden aus dem Autoradiowerk Programma zu solidarisieren. Mit\ndabei der Liedermacher Schlauch alias Bernd K\u00f6hler\u201c. Damals\nerschien \u2013 mit getragen von der IG Metall \u2013 eine Single mit dem\nTitel \u201eWeit droben im Land \u2013 Das Lied zum Programma-Streik\u201c.\nDazu die zitierte Zeitung: \u201eDie Aufnahme einer solchen Platte ist\nein Novum in der Bundesrepublik. Bei der Gewerkschaft will man\nk\u00fcnftig \u00b4wieder mehr Wert auf die kulturelle Arbeit legen\u00b4\u201c. <\/em>\n<\/p>\n\n\n\n<h3><strong>Das st\u00e4ndige Ansingen gegen alte\nund neue Faschisten und gegen Fremdenhass<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>1978 fand in Mannheim der Parteitag der\nNPD statt. Die offen neonazistische Partei war Ende der 1960er Jahre\nstark geworden und hatte in Baden-W\u00fcrttemberg eine starke Basis (bei\nden Landtagswahlen 1969 erhielt die NPD 9,8 %). K\u00f6hler verfasste\n1976 den Song \u201eGute Tradition: Nazis raus aus unserer Stadt!\u201c, in\ndem er den Kampf der Mannheimer Arbeiter in den 1930er Jahren gegen\neinen Nazi-Aufmarsch in der Neckarstadt und das Engagement Mannheimer\nAntifaschisten im Spanischen B\u00fcrgerkrieg mit den aktuellen\nErfordernissen des Kampfs gegen die Rechtsextremen verband. \n<\/p>\n\n\n\n<p><em>Nazis raus aus unserer Stadt \/ Weil\nes hier keinen Platz f\u00fcr Faschisten hat, \/ Nieder mit der Reaktion,\n\/ Das hat schon eine gute Tradition.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das Thema blieb seither aktuell \u2013 und\nist gerade auch seit dem j\u00fcngeren AfD-Aufstieg brandaktuell.\nEntsprechend wurde der Song seit seinem Entstehen von Bernd mehr als\nhundert Mal in der Region vorgetragen \u2013 so auch am 23. M\u00e4rz 2018\nim Rahmen einer antifaschistischen Mobilisierung gegen die\nv\u00f6lkisch-nationale Junge Alternative und die AfD in Heidelberg. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn am 3. Mai 2018 in Ellwangen mehr\nals hundert bewaffnete Polizisten eine Fl\u00fcchtlingsunterkunft\nst\u00fcrmen, um einen Gefl\u00fcchteten aus Afrika aufzufinden und der\nAbschiebung \u201ezuzuf\u00fchren\u201c und wenn in dem Zusammenhang alle\ndiejenigen im Fl\u00fcchtlingsheim, die sich solidarisch mit dem\nGefl\u00fcchteten zeigen, des \u201eVerbrechens gegen den Rechtsstaat\u201c \neschuldigt werden, dann erinnert dies an die lange Tradition des\nneuen \u2013 und alten \u2013 Rassismus in Deutschland. Und an ein fr\u00fches\nLied von Bernd K\u00f6hler aus dem Jahr 1983, mit dem er ein Denkmal f\u00fcr\nKemal Altun setzte, dem Abschiebung drohte und der sich aus einem\nFenster in den Tod st\u00fcrzte.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Ein Tag, der 30. August \/ f\u00e4llt\nschw\u00e4rzer noch als schwarz \u2013 \/ auf unser Land \u2013 \/ reiht sich in\ndiese gro\u00dfe Schuld. \/ Sie t\u00f6ten mit Gewehren nicht &#8211; \/ mit Gas\nnicht oder Strick \/ ein Federstrich gen\u00fcgt, \/ auf sauberes Papier\ngesetzt. \/ Sie werden in den Tod gehetzt &#8211; \/ die ausgewiesen sind\u2026<\/em><\/p>\n\n\n\n<h3><em><strong>Neuanfang \u2013 neue Ufer<\/strong><\/em><\/h3>\n\n\n\n<p>In der 2007 erschienenen CD des\nelektronischen weltorchesters &#8211; ewo2 (mit Bernd K\u00f6hler, Hans\nReffert, Christiane Schmied und Laurent Leroi) hei\u00dft es als\nErkl\u00e4rung f\u00fcr den letzten Song auf der CD \u2013 und damit indirekt\nauch als Erkl\u00e4rung f\u00fcr eine l\u00e4ngere Pause in Bernd K\u00f6hlers\nSongwerkstatt bzw. f\u00fcr eine Neuorientierung und einen Neuanfang: \n<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<em><strong>Blauer\nPlanet<\/strong><\/em><em> beschreibt die Vision einer \u00f6kologischen und\nsolidarischen Welt und war als Lied zur Jahrtausendwende gedacht,\nwurde aber wegen der miesen Weltlage erst einmal in die Schublade\nverbannt. [\u2026] Die aktuelle Klimadebatte wie die weltweiten\nBewegungen gegen die Globalisierung sind f\u00fcr uns Signale, die das\nLied wieder spielbar machen\u2026\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Wende hei\u00dft nicht umsonst Wende.\nIn deutschen Landen gab es ab 1990 ein massives R\u00fcckfluten von\nK\u00e4mpfen, gepaart mit einem Siegeszug der neoliberalen Ideologie. Und\nwie das im ungebremsten Kapitalismus so ist \u2013 1999 dann der\nPaukenschlag. Ausgerechnet unter Rot-Gr\u00fcn beteiligt sich Deutschland\nam Nato-\u00dcberfall auf Jugoslawien, verharmlosend als \u201eKosovo-Krieg\u201c\nbezeichnet. Bernd K\u00f6hler ist aktiv beteiligt am K\u00fcnstlerprojekt\n\u201eSTOP WAR-MASHINE NOW!\u201c. K\u00f6hler 2015 [CHECK Jahreszahl!]: \u201eEs\nwar ein politischer Paradigmenwechsel, der das Tor zu einer\nEntwicklung aufgesto\u00dfen hat, die mit den zweistelligen\nWahlergebnissen der AfD noch nicht abgeschlossen ist.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Im Zeitraum 2003 bis 2015 entstehen\nzehn neue CDs. Die k\u00fcnstlerische Bandbreite im Schaffen von Bernd\nK\u00f6hler ist so gro\u00df wie nie zuvor: Arbeiterlieder (eine CD mit dem\nAlstom-Chor und zwei ewo2-CDs \u201eAvanti  populo\u201c 1 + 2),\nfranz\u00f6sische Chansons (drei CDs K\u00f6hler mit Blandine Bonjour) und\nvor allem die zwei neuen Alben \u201edie neue welt\u201c (2007) und \u201ein\ndieser stra\u00dfe \u2013 das waterboarding-syndrom\u201c (2015).<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich sind vor allem diese letzten\nzwei CDs ein kreativ-kraftvoller Sprung nach vorn. Die Sprache  \u2013\ngelegentlich an Franz-Josef Degenhardt erinnernd \u2013 ist klar, aber\nauch kunstvoll, oft subtil. Die Themen der Songs treffen den\nZeitgeist in der Periode von Globalisierungs- und IT-Kriegen; ab und\nan auch an Brecht, beispielsweise an \u201eDickicht der St\u00e4dte\u201c,\nerinnernd (<em>Kennst du die neuen St\u00e4dte \/ Drau\u00dfen vor der alten\nStadt \/ Kennst du die neuen St\u00e4dte \/ Wo man keine Augen hat\u2026<\/em>).\nWunderbar, dass es auch \u2013 wie in den 1970er Jahren mit dem\n\u201eWartezimmer-Blues\u201c \u2013 Bl\u00f6delsongs zum Abh\u00e4ngen gibt (\u201eDicker\nHund\u201c; \u201eDas ganz normale Ekel\u201c). Begeisternd und mich bewegend\nder Song \u201eKomm Marie\u201c, in dem die K\u00e4lte der \nComputergehirne-Welt auf Romantik und Liebe st\u00f6\u00dft \u2013 und die\nHoffnung auch am Schluss nicht stirbt:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00fcber dem schutt\nder gro\u00dfen st\u00e4dte \/ wehen stille bunte fahnen \/ f\u00fcr das prinzip \ndes \u00fcberlebens \u2013 die vernunft. \/ komm marie, lass uns grad heut \/\nden roten stern zum tanzen bringen \/ lass uns \u00fcber maulwurfh\u00fcgel \/\npurzelb\u00e4ume schlagen, springen. \/ wir brechen das eis der\ncomputergehirne, \/ wir bieten die stirne \u2013 wir bieten die stirn. <\/em>\n<\/p>\n\n\n\n<p> Ach ja: Die Reaktivierung und\nDynamisierung der musikalischen und k\u00fcnstlerischen Arbeit von Bernd\nK\u00f6hler vor rund 15 Jahren wurde im \u00dcbrigen erheblich beeinflusst \u2013\ndurch was wohl?  \n<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<em>Zur\u00fcck in die\nArbeiterbewegung transferierte mich dann 2003 die Mannheimer\nBelegschaft des Turbinenbauers Alstom mit ihrem unbedingten\nKampfeswillen. Die konsequente Gegenwehr, aus der dann auch der\nbekannte Alstom-Chor hervorging, war erfolgreich und sicherte die\nArbeitspl\u00e4tze f\u00fcr die folgenden zehn Jahre.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Quellen:\nUZ vom 30.1982 [Kirchenchor + A-Bombe auf Vietnam] \/  Protokoll\nArbeitskreis Aktionslieder (ohne Datum) \/  Interview in Stadtzeitung\nMeier, M\u00e4rz 2008 [gemeinsam mit Debusy D\u00b4eeper; Interview gef\u00fchrt\nvon David Fischer-Kerlin \/ Song Estrela Vermelha vom August 1975 \/ An\nden beiden Revue-Programmen Mitte der 1980er Jahre waren neben Bernd\nK. noch beteiligt: Renate Fresow, Margit Heer, Uli R\u00fcgner, Erich\nSchaffner, Vera Sebastian, Einhardt Klucke \/ Zitate zum Kosovo-Krieg \nund zum Alstom-Chor aus: Melody &amp; Rhythmus  (Interview mit B.K.)\n\/ \n<\/p>\n\n\n\n<p><em>Dieser Text erschien im Fr\u00fchjahr 2020 in \u201eChaussee \u2013 Zeitschrift f\u00fcr Literatur und Kultur der Pfalz\u201c, Herbst 2019<\/em><\/p>\n\n\n\n<h4>Anmerkung:<\/h4>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote1anc\">1<\/a>\n\tSo tats\u00e4chlich am 17. Februar 1968 auf dem Vietnam-Kongress in\n\tWestberlin vorgetragen. Feltrinelli geh\u00f6rte einer der reichsten\n\tFamilien Italiens an. Er war engagierter Sozialist, Kommunist und\n\tAktionist. 1972 wurde er tot bei einem Hochspannungsmast in der N\u00e4he\n\tvon Mailand gefunden. Nach offizieller Lesart wollte er den Mast\n\tsprengen und verletzte sich dabei t\u00f6dlich. Einiges spricht jedoch\n\tdaf\u00fcr, dass er in einer Geheimdienstaktion ermordet wurde. Zitat\n\tnach: Internationaler Vietnam-Kongress Westberlin, herausgegeben vom\n\tSDS Westberlin, Redaktion Sibylle Plogstedt, S.13.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bernd K\u00f6hler: Werk &amp; Wirken. Alle Welt schreibt in diesen Tagen \u00fcber \u201e50 Jahre \u00b41968\u00b4\u201c. 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