{"id":429,"date":"2005-11-01T08:54:00","date_gmt":"2005-11-01T07:54:00","guid":{"rendered":"http:\/\/winfriedwolf.de\/wordpress\/?p=429"},"modified":"2020-01-25T08:59:22","modified_gmt":"2020-01-25T07:59:22","slug":"ernest-mandel-marxist-und-visionaer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=429","title":{"rendered":"Ernest Mandel &#8211; Marxist und Vision\u00e4r"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Der Tod von Ernest Mandel vor zehn\nJahren, am 20. Juli 1995, ereignete sich zu einem Zeitpunkt, an dem\nauf weltweiter Ebene \u2013 mit erheblichem Aufwand und einigem Erfolg \u2013\nversucht wurde, marxistische Theorie zu entsorgen und revolution\u00e4res\nEngagement als billigen Romantizismus abzutun, den man h\u00f6chsten\njungen Menschen durchgehen lassen sollte. \n<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Der am 5. April 1923 in Frankfurt am\nMain als Sohn eines j\u00fcdischen Marxisten fl\u00e4mischer Sprache geborene\nErnest Mandel war zum Zeitpunkt seines Todes kein Jugendlicher. Doch\nsein Enthusiasmus f\u00fcr den Sozialismus erinnerte immer an den eines\nreifen Jugendlichen und an den eines j\u00fcdischen Propheten. Er \u00e4hnelte\nhier im \u00fcbrigen J\u00fcrgen Kuczynski, mit dem er in den letzten Jahren\nseines Lebens befreundet war. Ernest Mandel hinterlie\u00df mehr als\nf\u00fcnfzig B\u00fccher zur Analyse des modernen Kapitalismus, darunter\ngrunds\u00e4tzliche Werke wie die \u201eMarxistische Wirtschaftstheorie\u201c\n(1962), \u201eDer Sp\u00e4tkapitalismus\u201c (1972) und \u201eDie Langen Wellen\nim Kapitalismus\u201c (1980), die in zwei Dutzend Sprachen \u00fcbersetzt\nwurden.(1) Winfried Roth bezeichnete ihn in einer im Juli 2005\nausgestrahlten Sendung von DeutschlandRadio Kultur als \u201eeinen der\neinflussreichsten Vertreter der so genannten Neuen Linken in der\nzweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts\u201c.(2) Die SED wiederum hielt\nErnest Mandel f\u00fcr so gef\u00e4hrlich, dass sie ihm 1980 ein Buch mit dem\nTitel \u201eDer wahre Marxismus des Ernest Mandel\u201c widmete. 1990\nstellte Ernest Mandel auf einer Veranstaltung, auf der er zusammen\nmit J\u00fcrgen Kuczynski sprach, fest: \u201eIch geh\u00f6re wohl zu den\nwenigen in Europa, die gleichzeitig in der BRD und in der DDR\nEinreiseverbot hatten.\u201c(3) Das war noch untertrieben: Mandel war\ndie Einreise zeitweilig in rund einem Dutzend L\u00e4ndern untersagt, so\nauch in Frankreich, in der Schweiz und in den USA. Der damalige\nBundesminister des Inneren, Hans-Dietrich Genscher, argumentierte am\n1. M\u00e4rz 1972 im Bundestag,  da\u00df \u201emit der Einreise des belgischen\nStaatsangeh\u00f6rigen Ernest Mandel &#8230; eine Gefahr f\u00fcr die \u00f6ffentliche\n Sicherheit und Ordnung und f\u00fcr die freiheitlich-demokratische\nGrundordnung entstehen\u201c konnte. Im \u00fcbrigen habe Mandel \u201ezum\nKreis der Hinterm\u00e4nner der Pariser Mai-Unruhen des Jahres 1968\ngeh\u00f6rt.\u201c Auf die Frage des Abgeordneten Zander (SPD) \u201eKann ich\nIhrer Antwort entnehmen, dass das &#8230; eine zeitlich befristete\nMa\u00dfnahme ist?\u201c, antwortete Genscher: \u201eEs liegt an Herrn Mandel,\ndie im Zusammenhang mit ihm entstandenen Bef\u00fcrchtungen dadurch\nauszur\u00e4umen, dass er von seinen revolution\u00e4ren Zielen abr\u00fcckt.\u201c\nDieser Aufforderung des famosen freien Demokraten leistete Mandel\noffensichtlich nicht Folge; das Einreiseverbot wurde sechs Jahre\nlang, bis 1978, aufrecht erhalten.(4)<\/p>\n\n\n\n<p>Mandels Analysen und Schriften\nbeeinflussten Hunderttausende Menschen \u2013 allein die deutsche\nAusgabe seiner \u201eEinf\u00fchrung in die marxistische Wirtschaftstheorie\u201c\nerlebte eine Gesamtauflage von mehr als 100.000 Exemplaren.(5) Viele\nseiner Arbeiten sind erfrischend aktuell, so seine Analysen des\nsp\u00e4ten Kapitalismus und dessen Krisenerscheinungen, die sich heute\nwie Beitr\u00e4ge zu einer fr\u00fchen Globalisierungsdebatte lesen.\nAnl\u00e4sslich seines Todes gab sich die real existierende marxistische\nund liberale Prominenz die Ehre und publizierte Nachrufe \u2013 Elmar\nAltvater in der \u201eS\u00fcddeutschen Zeitung\u201c (\u201eWarten auf die\nWeltrevolution\u201c, 22.7.1995), Robert Kurz in der jungen Welt (\u201eDer\nletzte Klassenk\u00e4mpfer\u201c \u2013 22.7.1995), Joachim Bischoff im \u201eNeuen\nDeutschland\u201c (\u201eSymbolgestalt der 68er Bewegung\u201c, 24.7.1995),\nRudolf Hickel in der Taz (\u201eGegen das Cham\u00e4leon Kapitalismus\u201c;\n22.7.1995) und Karl Grobe in der \u201eFrankfurter Rundschau\u201c\n(\u201eScharfsinnige Analysen\u201c; 22.7.1995).<\/p>\n\n\n\n<p>Am zehnten Todestag von Ernest Mandel\nwar weitgehend Schweigen angesagt. Die B\u00fccher von Mandel \u2013 auch\ndie genannten Standardwerke \u2013 sind kaum mehr verf\u00fcgbar. Die\nHerausgabe von Gesammelten Werken von Ernest Mandel, die der Neue\nISP-Verlag ab Herbst 2005 beginnt, ist ebenso erfreulich wie k\u00fchn.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich, der ich 20 Jahre lang mit\nErnest Mandel in pers\u00f6nlicher Freundschaft verbunden war und\ngemeinsam mit ihm drei B\u00fccher ver\u00f6ffentlichte,(6) gab es in der\nPerson Mandel eine dreifache Einheit: Erstens leistete Mandel einen\nbedeutenden Beitrag zur Weiterentwicklung des Marxismus. Anders als\nviele eher abgehobene Marxisten war \u2013 zweitens \u2013 sein Engagement\nimmer mit der Tagespolitik verkn\u00fcpft. Drittens verf\u00fcgte Ernest\nMandel \u00fcber eine au\u00dferordentliche \u00dcberzeugungskraft, die vor allem\njunge Menschen begeisterte und die sich aus dem pers\u00f6nlichen\nBeispiel speiste. \n<\/p>\n\n\n\n<h2>Aktueller\nMarxismus \u2013 Aktualit\u00e4t von Mandel<\/h2>\n\n\n\n<p>Ernest Mandels Beitr\u00e4ge zur Kritik der\npolitischen \u00d6konomie haben jenen Charakter, der das Werk von Karl\nMarx auszeichnet. Er selbst beschrieb diese Methode in der\n\u201eMarxistischen Wirtschaftstheorie\u201c folgenderma\u00dfen: \u201eWir\nst\u00fctzen uns &#8230; auf die namhaftesten Wirtschaftstheoretiker,\nEthnologen, Anthropologen, Soziologen und Psychologen unseres\nZeitalters, soweit sie Erscheinungen der wirtschaftlichen Aktivit\u00e4t\nmenschlicher Gesellschaften in der Vergangenheit, der Gegenwart oder\nder Zukunft beurteilen. Was wir zu zeigen versuchen, ist, dass man\naus den empirischen Daten der heutigen Wissenschaft das gesamte\n\u00f6konomische System von Karl Marx rekonstruieren kann &#8230; Die gro\u00dfe\n\u00dcberlegenheit der Marxschen Methode im Vergleich mit anderen\n\u00f6konomischen Schulen beruht in der Tat in jener dynamischen\nVerbindung von Wirtschaftsgeschichte und Wirtschaftstheorie.\u201c(7)<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist wichtig, den Hei\u00dfhunger des\nKapitals nach Mehrwert mit nackten Zahlen zu belegen. Beeindruckend\nplastisch wird die Darstellung dann, wenn sie mit historischen\nBeispielen verbunden und zugleich der Zynismus der Herrschenden\ndargestellt wird: \u201eAls die L\u00f6hne (Ende des 18. Jahrhunderts; W.W.)\nso tief gefallen sind, dass jeder Feiertag ein Hungertag bedeutet,\nzeigt sich Napol\u00e9on gro\u00dfherziger als sein Minister Portalis, als er\ndessen Vorschlag, die Sonntagsarbeit zu verbieten, zur\u00fcckweist. \u00b4Da\ndas Volk jeden Tag i\u00dft, mu\u00df ihm auch erlaubt sein, jeden Tag zu\narbeiten.\u00b4\u201c(8)<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u201eurspr\u00fcngliche Akkumulation des\nKapitals\u201c in Westeuropa, die die Voraussetzung f\u00fcr die\nindustrielle Revolution war und, wie Marx es beschrieb, die\n\u201eMorgenr\u00f6te der kapitalistischen Produktions\u00e4ra\u201c darstellt,\nh\u00e4ngt eng mit der \u201eEntdeckung der Gold- und Silberl\u00e4nder, der\nAusrottung, Versklavung und Vergrabung der einheimischen Bev\u00f6lkerung\nin die Bergwerke, &#8230;  der Verwandlung von Afrika in ein Geheg zur \nHandelsjagd auf Schwarzh\u00e4ute\u201c zusammen.(9) Ernest Mandel lieferte\nin einem seiner spannendsten Aufs\u00e4tze dar\u00fcber hinaus den Nachweis,\ndass das aus Nord- und S\u00fcdamerika im Zeitraum 1503 bis 1660 geraubte\nGold und Silber, die aus Indonesien von 1650 bis 1780 herausgeholte\nBeute, die Gewinne aus dem Sklavenhandel im 18. Jahrhundert, die\nGewinne aus der Sklavenarbeit in Britisch Westindien und die\nPl\u00fcnderung Indiens im Zeitraum 1750 bis 1800 sich \u201eauf eine Summe\nvon mehr als einer Milliarde Goldpfund addiert, das hei\u00dft mehr als\nden Wert des gesamten Anlagekapitals in allen europ\u00e4ischen\nIndustrieunternehmen um das Jahr 1800.\u201c(10) Das Startkapital f\u00fcr\nden ersten Einsatz im Gro\u00dfen Spiel des Kapitalismus \u2013 Ergebnis\neines Raubes bei denjenigen V\u00f6lkern, die eben deshalb auch 200 Jahre\ndanach \u00fcberwiegend in Elend leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Es f\u00e4llt schwer zu entscheiden, was\nder wichtigste Beitrag Mandels f\u00fcr die Weiterentwicklung der\nmarxistischen \u00f6konomische Theorie ist. Topaktuell bleibt z.B. seine\nAnalyse der Weltw\u00e4hrung Dollar \u2013 und des f\u00fcr ihn 1968 absehbaren\n\u201eSturzes des Dollar\u201c mit der M\u00f6glichkeit der Herausbildung\n\u201eeiner Reservew\u00e4hrung eines vereinigten Europas\u201c.(11)  Seine\nAnalyse zur \u201eKonkurrenz Europa \u2013 Amerika\u201c ist auch in der\naktuellen Debatte zur Zukunft der EU von Bedeutung. Mandel betonte,\ndass die EWG sich nur zu einem neuen Staat und damit erst zur\nHerausforderung f\u00fcr die USA entwickeln k\u00f6nnte, wenn es zu einer\n\u201ewachsenden internationalen Kapitalverflechtung innerhalb der EWG\u201c,\ndie letzten Endes die national gepr\u00e4gten Konzerne ersetzen w\u00fcrde,\nkommt.(12)<\/p>\n\n\n\n<p>Spannend zur Begr\u00fcndung des nur\ntheoretischen zeitweiligen Funktionierens und der grunds\u00e4tzlichen\nKrisenanf\u00e4lligkeit jeglicher kapitalistischer Produktion sind\nMandels Analysen zur einfachen und erweiterten Reproduktion. Er f\u00fcgte\nzu den zwei \u201eProduktionsabteilungen\u201c, die Karl Marx vorsah (die\nKonsumg\u00fcter und die Produktionsg\u00fcter herstellende Abteilung), eine\ndritte Produktionsabteilung, die R\u00fcstungsproduktion, hinzu. Dieses\nausf\u00fchrlich in \u201eDer Sp\u00e4tkapitalismus\u201c entwickelte Thema ist f\u00fcr\ndie aktuelle Debatte zur US-Hochr\u00fcstung interessant. Mandel betont\ndabei einerseits, dass \u201eder Ausdehnung der permanenten\nR\u00fcstungswirtschaft innere, objektive gesellschaftliche Grenzen\ngesetzt\u201c sind. Gleichzeitig unterstreicht er \u2013 wie bereits Rosa\nLuxemburg \u2013 die spezifischen Vorteile der Kapitalanlage in der\nR\u00fcstungswirtschaft im \u201eSp\u00e4tkapitalismus\u201c und die Eigendynamik,\ndie ein \u201emilit\u00e4risch-industrieller Komplex\u201c entwickeln kann.(13)<\/p>\n\n\n\n<p>Ernest Mandel war als \u00d6konom auch\nP\u00e4dagoge. Er hielt Hunderte Seminare zum Thema \u201eEinf\u00fchrung in die\nmarxistische Wirtschaftstheorie\u201c. Ein schmales B\u00e4ndchen mit 76\nSeiten Umfang resultierte daraus; es d\u00fcrfte weltweit mehr als\n500.000 mal gedruckt worden sein.(14) Einen \u00e4hnlichen Charakter hat\nMandels \u201eEinf\u00fchrung in den Marxismus\u201c, die auch in dem kleinen,\nengagierten ISP-Verlag eine Gesamtauflage von bisher 19.000\nExemplaren erreichte.(15)<\/p>\n\n\n\n<h2>Engagement\nin der Tagespolitik<\/h2>\n\n\n\n<p>Viele Beitr\u00e4ge zu Ernest Mandel, die\nseine au\u00dferhalb der politischen L\u00f6konomie liegenden Engagements\nnicht ausblendeten, streifen kurz die \u201etrotzkistische IV.\nInternationale\u201c, um sich dann anscheinend Interessanterem \u2013 zum\nBeispiel seinem Buch \u201eEin sch\u00f6ner Mord. Die Sozialgeschichte des\nKriminalromans\u201c \u2013 zuzuwenden.(16) Ohne Zweifel widmete Ernest\nMandel einen gro\u00dfen Teil seiner Arbeitszeit dem Aufbau einer\nrevolution\u00e4ren Organisation \u2013 wie dies vor ihm Karl Marx,\nFriedrich Engels, W.I. Lenin und Leo Trotzki taten. Und zweifellos\nhatte die von Mandel ma\u00dfgeblich bestimmte IV. Internationale (mit\ndem \u201eVereinigten Sekretariat\u201c) keine gro\u00dfe gesellschaftliche\nRelevanz. Ernest Mandel nahm die Organisationsarbeit so ernst, dass\ndie Erstellung und Ver\u00f6ffentlichung seines ersten, grundlegenden\nWerkes, der \u201eMarxistische Wirtschaftstheorie\u201c, um viele Jahre\nhinausgez\u00f6gert wurde.(17) \n<\/p>\n\n\n\n<p>Doch Mandel war kein Sektierer. Und\nsein praktisches tagespolitisches Engagement beschr\u00e4nkte sich eben\nnicht auf kleinteilige Organisationsarbeit. Bei fast allen\nbedeutenden gesellschaftlichen Ereignissen in seiner politisch\naktiven Zeit \u2013 beispielsweise im Generalstreik der wallonischen\nArbeiterinnen und Arbeiter 1960\/61 \u2013 war Mandel beteiligt. \n<\/p>\n\n\n\n<p><em>Beispiel Kuba:<\/em> In den Jahren\n1963 bis 1965 gab es auf Kuba eine Debatte \u00fcber die sozialistische\nOrganisation der \u00d6konomie. Den Ausgangspunkt stellten die Positionen\nvon Ernesto Che Guevara und dem maoistisch gepr\u00e4gten \u00d6konom Charles\nBettelheim dar. Letzterer behauptete, in Kuba habe \u201edas Wertgesetz\nweiter G\u00fcltigkeit\u201c; es existiere \u201eein sozialistischer Markt, der\nber\u00fccksichtigt werden\u201c m\u00fcsse. Guevara dagegen verteidigte das\nPrimat einer gesellschaftlichen Planung. Ernest Mandel griff 1964 in\ndie Debatte ein; seine Beitr\u00e4ge wurden in den kubanischen Bl\u00e4ttern\nwiedergegeben. Er ergriff Partei f\u00fcr die Position von Guevara und\nargumentierte, dass die G\u00fcltigkeit des Wertgesetzes zwar \u201enicht\nbestritten\u201c werden k\u00f6nnte, es jedoch darum ginge, einen \u201ez\u00e4hen\nund langfristigen Kampf zwischen dem Prinzip des bewussten Plans und\ndem blinden Spiel der Wertgesetzes\u201c zu f\u00fchren.(18) Che\nargumentierte gemeinsam mit Mandel: \u201eDer \u00f6konomische Sozialismus\nohne kommunistische Moral interessiert mich nicht. Wir k\u00e4mpfen gegen\ndas Elend, aber gleichzeitig k\u00e4mpfen wir gegen die Ent\u00e4u\u00dferung.\nEines der wichtigsten Ziele des Marxismus ist es, das &#8230; \nGewinnstreben als psychologische Motivation aus der Welt zu schaffen\n&#8230; Der Marxismus wird, wenn er sich nicht um das Bewusstsein\nk\u00fcmmert, zu einer blo\u00dfen Methode der Verteilung werden, er wird\nsich dann aber nie zu einer revolution\u00e4ren Moral entwickeln.\u201c(19)<\/p>\n\n\n\n<p><em>Beispiel erste westdeutsche Krise:<\/em>\n1966\/67 kam es in der BRD zu einer ersten Rezession. Obgleich der\nsprunghafte Anstieg der offiziellen Arbeitslosenzahl auf 750.000 beim\nheutigen R\u00fcckblick l\u00e4cherlich erscheint, stellte diese Krise einen\ntiefen Einschnitt in der BRD-Geschichte dar. Die deutsche\nStudentenrevolte 1967-1969 und die \u201ewilden Streiks\u201c 1969 und 1973\nwurden durch sie beeinflusst. Auf der politischen Ebene war die\nAntwort eine Gro\u00dfe Koalition (1966-1969) bzw. die sozialliberalen\nRegierungen unter Willy Brandt und Helmut Schmidt (1969 \u2013 1982).\nWenige Monate nach dieser Rezession erschien eine B\u00fcchlein von\nMandel zu diesem Thema. Es erlebte binnen weniger Monate acht\nAuflagen und hatte den Charakter einer Art angewandter marxistischer\nWirtschaftstheorie. Ernest Mandel skizzierte am Ende dieser\n60-Seiten-Schrift, wie eine sozialistische Alternative zum aktuellen\nKapitalismus aussehen m\u00fcsste und endete dann mit den S\u00e4tzen: \u201eIst\ndas eine Utopie? Es ist genauso utopisch wie die Proklamierung der\nGleichheit der Menschen &#8230; vor den Adligen des 15. oder 16.\nJahrhunderts. Die materiellen Vorbedingungen zur Verwirklichung\ndieser freien sozialistischen Gesellschaft bestehen im Westen bereits\nheute. Die Alternative ist deutlich: Entweder erscheint der Gevatter\nTrend &#8230; mit wachsender Erwerbslosigkeit, wachsender Ungleichheit,\nwachsender Unfreiheit und immer autorit\u00e4rer ausgerichtetem Staat,\noder wir erreichten die sozialistische Umgestaltung der Eigentums-\nund Produktionsverh\u00e4ltnisse.\u201c(20) Da es nicht zur Umgestaltung der\nEigentums- und Produktionsverh\u00e4ltnisse kam, marschierte seither der\n\u201eGevatter Trend\u201c. Und dies in einem Ma\u00df \u2013 mit im Fr\u00fchjahr\n2005 mehr als f\u00fcnf Millionen offiziell Registrierten Erwerbslosen \u2013\nwie dies Ende der sechziger Jahre kaum  vorstellbar war.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Beispiel BRD 1968:<\/em> Der\nInternationale Vietnam-Kongre\u00df, der im Februar 1968 in Westberlin\nstattfand, stellte den H\u00f6hepunkt der westdeutschen Studentenrevolte\ndar. Liest man heute die dort gehaltenen Referate und\nDebattenbeitr\u00e4ge  &#8211; von Tariq Ali (London), Rudi Dutschke (Berlin),\nErich Fried (London) oder Alain Krivine (Paris) \u2013 und vergleicht\nman diese mit dem Beitrag von Ernest Mandel, so springt bei letzterem\nsofort die enorme Spannkraft zwischen (Politischer) \u00d6konomie und\n(\u00f6konomisch abgeleiteter) Politik ins Auge. Mandel stellte am Beginn\nseiner Rede fest: \u201eDie Aggression des amerikanischen Imperialismus\nund die konterrevolution\u00e4re Rolle Washingtons sind kein\ngeschichtlicher Zufall.\u201c Er sah darin n\u00fcchtern ein Resultat des\n\u201eProzesses der internationalen Konzentration und Zentralisation des\nKapitals.\u201c Dieser Prozess f\u00fchre \u201ezu einer Polarisierung der\nKr\u00e4fte auf weltweiter Ebene, bei der der amerikanische Imperialismus\nnotwendig die globalen Interessen der st\u00e4rksten, konsequentesten und\naggressivsten Str\u00f6mungen des Kapitals zum Ausdruck\u201c bringe. Mandel\nargumentierte in den folgenden Abschnitten \u00f6konomisch (neue\nAbh\u00e4ngigkeit der USA von den Rohstoffen Eisenerz und Roh\u00f6l,\n\u00dcberkapazit\u00e4ten in den USA, die im Ausland Anlage suchen), um dann\nstrikt politisch zu schlussfolgern: \u201eDas ist der rationale Sinn und\ndas ist die Erkl\u00e4rung des Kriegs in Vietnam: die Warnung an alle\nV\u00f6lker der Welt. Wenn sie es wagen sollten, f\u00fcr ihre Emanzipation\nzu k\u00e4mpfen, werden sie daf\u00fcr durch unz\u00e4hlige Ruinen und Tote\nbezahlen m\u00fcssen  &#8211; wie in Vietnam.\u201c(21)<\/p>\n\n\n\n<p>Mandel orientierte als einer der\nwenigen Redner auf dem Kongress auf den Feind in der eigenen Region:\nNotwendig sei \u201eeine allgemeine, einheitliche Aktion gegen die Nato\nin Europa.\u201c Er verwies dabei auf den \u201ePlan Prometheus\u201c, einen\nNato-Plan, der 1967 in Griechenland umgesetzt worden war und zu dem\nfaschistische Regime unter Patakos und Papadopoulos  gef\u00fchrte hatte.\nIn der Schlu\u00dferkl\u00e4rung des Kongresses hie\u00df es dann in Punkt 3:\n\u201eGegen Nato-Basen in westeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern wird in Aktionen\nund Demonstrationen eine Kampagne \u00b4Zerschlagt die Nato\u00b4 gef\u00fchrt.\nIn allen L\u00e4ndern wird der Austritt aus der Nato &#8230; gefordert.\u201c(22)<\/p>\n\n\n\n<h1>Mensch\nund Vision\u00e4r<\/h1>\n\n\n\n<p>Die letzten S\u00e4tze von Ernest Mandel\nauf dem Vietnam-Kongress sind beispielhaft f\u00fcr die Kombination von\nAnalyse und Vision, auch f\u00fcr die Verbindung zwischen Stringenz einer\n\u201epessimistischen\u201c, rationalen Analyse und dem Optimismus des\nrevolution\u00e4ren Engagements. Mandel bilanzierte wie folgt: \u201eIhr\nkennt alle die scharfen Worte von Karl Marx, dass das Kapital auf die\nWelt gekommen ist beschmutzt und befleckt mit Blut und Dreck, und\nwenn ihr die Geschichte des Ursprungs des Kapitals kennt, wenn ihr\nwisst, wie eine gerade Linie geht von den Sklavenhaltern und den\nSklaventransporten bis zu den Finanziers der ersten gro\u00dfen\nTextilfabriken in Frankreich und England, dann wisst ihr, dass diese\nWorte von Karl Marx keine \u00dcbertreibung und keine romantische\nVerunglimpfung, sondern den Ausdruck der historischen Wahrheit\ndarstellen. Heute erleben wir, wie das Kapital auch untergeht in\nderselben Form, wie es entstanden ist, das hei\u00dft, beschmutzt von\nBlut und Dreck, indem es versucht, gr\u00f6\u00dfte Greuel in weltweitem\nAusma\u00df gegen all diejenigen V\u00f6lker zu begehen, die den Kampf gegen\ndas Kapital aufgenommen haben. Aber diese Greuel sind nutzlos, das\nKapital ist zum Tode verurteilt. Unsere Pflicht ist es, nicht passive\nBeobachter dieses historischen Prozesses zu sein, sondern uns darin\neinzuschalten.\u201c(23)<\/p>\n\n\n\n<p>Meine erste pers\u00f6nliche Begegnung mit\nMandel hatte ich 1971 als 22j\u00e4hriger in der Garderobe des\nOtto-Suhr-Instituts in Westberlin. Nach einem Seminar mit Mandel zur\n\u201e\u00dcbergangsgesellschaft\u201c, an dem zweihundert Studierende\nteilgenommen hatten, wollten meine Freundin und ich, noch tief\nbeeindruckt von Vortrag und Diskussion, unsere M\u00e4ntel in der\nGarderobe abholen. In dem ansonsten leeren Raum stand nur noch &#8211;\nErnest Mandel. Wir waren einigerma\u00dfen verunsichert. Mandel ging auf\nuns zu, stellte sich vor und gab uns die Hand.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 23. September 1978 trafen sich in\nOostende konspirativ Ernest Mandel und der zuk\u00fcnftige\nMultimillionenerbe eines Zigarettenimperiums, der damals mit der\nVierten Internationale sympathisierte. Ein befreundeter Berliner\nAnwalt und ich waren mit von der Partie. Besprochen werden sollte,\nwie der jugendliche Erbe mit dem ihm bald anvertrauten\nIndustriekonzern umgehen sollte und welche Ideen f\u00fcr erste zu\nfinanzierende revolution\u00e4re Projekte es geben w\u00fcrde.(24) Beim\nersten Thema pl\u00e4dierte Mandel f\u00fcr den sofortigen Verkauf des\nUnternehmens. Er begr\u00fcndete dies damit, dass ein Linker an der\nSpitze eines solchen Konzerns seines Lebens nicht sicher sein k\u00f6nnte.\nKurz darauf verfuhr der Erbe so. Bei den zu finanzierenden Projekten\nhatte ich die zugegebenerma\u00dfen kleinkr\u00e4merische Idee des Kaufs\neiner Druckerei f\u00fcr revolution\u00e4re Pamphlete. Ernest Mandels\nVorschlag lautete: Aufkauf einer internationalen Fluglinie. Bei\ndieser sollte dann einerseits business as usual gelten, andererseits\nsollten die in Sachen Weltrevolution wichtigen Flugreisen \u201ef\u00fcr\nunsere Genossen\u201c gratis sein. Der Vorschlag f\u00fcr ein fr\u00fches miles\n&amp; more-Programm wurde \u2013 soweit ich wei\u00df \u2013 nicht realisiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Debatten \u00fcber gro\u00dfe\n\u201eInvestitionen\u201c in die revolution\u00e4re Sache fanden in einer Zeit\nstatt, in der sich Ernest Mandel in au\u00dferordentlich prek\u00e4ren\nfinanziellen Verh\u00e4ltnissen befand. \u00c4hnlich wie im Fall des\nWiderspruchs zwischen pers\u00f6nlichen Publikationsw\u00fcnschen und der\nOrganisationsarbeit sah Mandel jedoch seine eigene materielle\nReproduktion als sekund\u00e4r und der \u201erevolution\u00e4ren Sache\nuntergeordnet\u201c an.(25)<\/p>\n\n\n\n<p>Ernest Mandel sagte von sich selbst, er\nsehe viel durch \u201edie rosarote Brille\u201c. Sein Glaube an den\nMenschen und an dessen F\u00e4higkeit zu sozialem Verhalten und zu\nemanzipativer Revolte bestimmte sein Engagement. Eine solche\nEinstellung d\u00fcrfte charakteristisch sein f\u00fcr Revolution\u00e4re. Es war\nausgerechnet der \u201epragmatische\u201c W.I. Lenin, der postulierte: \u201eEin\nRevolution\u00e4r mu\u00df tr\u00e4umen k\u00f6nnen\u201c. Doch Mandels \u201erosarote\nBrille\u201c trug auch zu \u201eblinden Flecken\u201c und gravierenden\nFehleinsch\u00e4tzungen bei. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die von Trotzki \u00fcbernommene\nCharakterisierung der Sowjetunion als \u201edegenerierter Arbeiterstaat\u201c\nund die Bezeichnung anderer nichtkapitalistischer Gesellschaften wie\nChina und DDR als \u201eb\u00fcrokratisierte Arbeiterstaaten\u201c oder als\n\u201e\u00dcbergangsgesellschaften\u201c beinhaltete zwar formal, dass eine\npolitische Revolution mit der Durchsetzung eines demokratischen\nSozialismus ebenso m\u00f6glich sei wie eine kapitalistische\nRestauration. Indem der grundlegende Charakter dieser Gesellschaften\njedoch positiv besetzt war und als fortschrittlich charakterisiert\nwurde, und indem das Moment der jahrzehntelangen Erstarrung dieser\nGesellschaften und der durch und durch konterrevolution\u00e4ren Politik\nder jeweils herrschenden Nomenklatur unterbelichtet wurde, wurden\npolitische Fehleinsch\u00e4tzungen beg\u00fcnstigt. Der Einmarsch der\nSowjetunion in Afghanistan im Dezember 1979 wurde von Mandel kaum und\nvon der IV. Internationale nicht kritisiert bzw. die Forderung nach\neinem Abzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan wurde von beiden\nabgelehnt. Dies trug im \u00fcbrigen zum Austritt von Tariq Ali aus der\nIV. Internationale bei.(26)<\/p>\n\n\n\n<p>Die Einzigartigkeit der Vernichtung des\nj\u00fcdischen Volkes und die besondere Bedeutung des deutschen\nNationalsozialismus hat Mandel lange Zeit nicht wahrgenommen. Sein\n1986 in London erschienenes Buch \u201eDer Zweite Weltkrieg\u201c erw\u00e4hnt\nden Holocaust eher am Rande. Erst in der deutschen Fassung von 1991\ngab es \u2013 auch auf mein Dr\u00e4ngen hin \u2013 ein erg\u00e4nzendes Kapitel\nzum \u201eHistorikerstreit\u201c, in dem erstmals die Singularit\u00e4t von\nAuschwitz umfassend hervorgehoben wurde.(27)<\/p>\n\n\n\n<p>Die damit verbundene unterschiedliche\nSichtweise verst\u00e4rkte sich mit der \u201eWende\u201c. Sie war \u00fcberlagert\nvon der bereits skizzierten Einsch\u00e4tzung, die Sowjetunion, DDR und\nChina seien \u201edeformierte\u201c oder \u201edegenerierte Arbeiterstaaten\u201c,\nin denen eine \u201epolitische Revolution\u201c zur Durchsetzung einer\nsozialistischen Gesellschaft auf der Tagesordnung st\u00fcnde. Mandel sah\nin den Ereignissen 1989 bis 1991 in der UdSSR, DDR und Mittel- und\nOsteuropa fast ausschlie\u00dflich die Chance zur Durchsetzung eines\nauthentischen Sozialismus. Die Gefahren, die mit einer \u201edeutschen\nEinheit\u201c verbunden waren, ignorierte er weitgehend. Die Parole \u201eNie\nwieder Deutschland\u201c, der ich mich 1990 verbunden f\u00fchlte und mit\nder im Juni 1990 f\u00fcr eine Demonstration von 20.000 Menschen geworben\nund vor einem erstarkenden, imperialistischen Deutschland gewarnt\nwurde, lehnte Mandel strikt ab. Noch 1993 schrieb er mit Blick auf\ndie Debatte zur \u201edeutschen Einheit\u201c: \u201eHinter unserer Differenz\nsteckt ein interessantes Problem: der Unterschied zwischen\nNationalismus (den wir als reaktion\u00e4r bek\u00e4mpfen) und\nNationalgef\u00fchl, Identifizierung mit der Nation, das fortschrittlich\nist.\u201c(28)<\/p>\n\n\n\n<p>In Mandels Buch \u00fcber Gorbatschow hei\u00dft\nes kategorisch: \u201eMan sollte die Hypothese der Restauration des \nKapitalismus in der Sowjetunion ausklammern. Wer annimmt, dass der\nliberale Fl\u00fcgel der B\u00fcrokratie aus einer Restauration des\nKapitalismus Nutzen ziehen k\u00f6nnte, verkennt .. die weitreichenden\nPrivilegien der sowjetischen B\u00fcrokratie, die bei einer solchen\nEntwicklung viel mehr verlieren als gewinnen w\u00fcrde.\u201c(29)<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen kann nicht bestritten\nwerden, dass die f\u00fchrende Kraft bei der Restauration des\nKapitalismus in der Sowjetunion bzw. in Russland, in den mittel- und\nosteurop\u00e4ischen Staaten, in China und in Vietnam jeweils aus dem\nZentrum der vormals Kommunistischen Parteien kommt. Die Privilegien,\ndie diese Schicht in den nichtkapitalistischen Gesellschaften\ngenossen, konnten nicht nur in die kapitalistische \u00c4ra\nhin\u00fcbergerettet werden. Vielfach haben die Ex-KP-B\u00fcrokraten und\nheutigen \u201eOligarchen\u201c gr\u00f6\u00dfere Privilegien als vor der Wende.\nDie DDR bzw. die neuen Bundesl\u00e4nder in der BRD stellen nur insofern\neinen Sonderfall dar, als es hier der ehemaligen SED-Elite zun\u00e4chst\nverwehrt wurde, diesen Transformationsprozess mit \u00e4hnlich hohem\npers\u00f6nlichem Einsatz mitzugestalten und an ihm teilzuhaben. Auf\ndiese Weise kam es zu einem \u201eSonderweg\u201c, der jedoch bisher\nzumindest auf Ebene der Bundesl\u00e4nder Berlin und\nMecklenburg-Vorpommern \u00e4hnliche Ergebnisse zeitigt wie wir diese aus\nRussland, Mittel- und Osteuropa und China kennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bundesinnenminister Hans-Dietrich\nGenscher begr\u00fcndete 1972 das Einreiseverbot f\u00fcr Mandel \u2013 das im\n\u00fcbrigen sechs Jahre aufrecht erhalten wurde \u2013 wie folgt: \u201eDie\nEntscheidung \u00fcber die Zur\u00fcckweisung (Mandels beim Zwischenstopp auf\ndem Flughafen Frankfurt\/M. und dann das Einreiseverbot; W.W.) galt\nnicht dem marxistischen Wissenschaftler Mandel. Sie galt vielmehr dem\nRevolution\u00e4r Mandel.\u201c(30)<\/p>\n\n\n\n<p>Heute sind die Erkenntnisse des\nmarxistischen Wissenschaftlers Mandel von gr\u00f6\u00dferer Bedeutung als\ndie eine und andere Position des Revolution\u00e4rs Mandel. So trug\nMandel zur Weiterentwicklung der \u201eTheorie der langen Wellen\u201c der\nKonjunktur bei. W\u00e4hrend fr\u00fchere Vertreter dieser Theorie wie\nParvus, N.D. Kondratieff und J. Schumpeter von einem Automatismus\nausgingen, wonach auf lange (20 bis 30 Jahre w\u00e4hrende) Wellen mit\nexpansivem Grundton und hohen Wachstumsraten solche (ungef\u00e4hr ebenso\nlange) mit depressivem Grundton und niedrigen Wachstumsraten folgen \u2013\nund die dann wiederum erneut in eine lange Welle mit hohen\nWachstumsraten \u00fcbergehen w\u00fcrde \u2013 , betonte Mandel, dass eine neue\nexpansive Phase keiner inneren \u00f6konomischen Logik folgen w\u00fcrde. Es\nseien in der Regel au\u00dfer\u00f6konomische, politische Aspekte gewesen,\ndie zu einem solchen Umschlag beigetragen h\u00e4tten. So nannte er u.a.\ndie Niederlagen der Arbeiterbewegung im Faschismus (in Deutschland\nund Italien), den Zweiten Weltkrieg und die damit zusammenh\u00e4ngende\nmassiv erh\u00f6hte Ausbeutungsrate als solche politische bedingte\nFaktoren am Beginn der langen Welle nach dem II. Weltkrieg und als\nrationale Erkl\u00e4rung des \u201eWirtschaftswunders\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Interpretiert man die Ereignisse im\nGefolge der Wende 1989-1991 als eine Restauration des Kapitalismus in\nGebieten, in denen rund 1,5 Milliarden Menschen und damit ein Viertel\nder Weltbev\u00f6lkerung leben und in denen sich gewaltige, f\u00fcr die\nkapitalistische Produktion wichtige Ressourcen befinden, dann gab es\nam Ende der letzten langen Welle mit depressivem Grundton erneut \nweitreichenden politische Ver\u00e4nderungen, die einen neuen Aufschwung\ndes Kapitalismus m\u00f6glich machen w\u00fcrden. Mitte 1991 schrieb Ernest\nMandel in einem Brief: \u201eDie Frage, die Du bez\u00fcglich der\nmittelfristigen \u00f6konomischen Perspektive stellst, ist die\nGretchenfrage f\u00fcr die kommenden Jahre. Ich bin mit Dir einer\nMeinung, dass sie eng verbunden ist mit jener der Restauration des\nKapitalismus in der UdSSR (Osteuropa ist zu klein, um eine neue\nexpansive lange Welle abzusichern) und deren totaler Integration in\nden Weltmarkt. Eine erste Tendenz in dieser Sinne hat gewi\u00df\nbegonnen. Aber es liegt ein weiter Weg zwischen Anfang und Ende.\u201c(31)<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen ist die Restauration des\nKapitalismus in Russland eine Tatsache. Vor allem kam es auch zur\nRestauration des Kapitalismus in China, was zum Zeitpunkt der\nzitierten Debatte kaum Thema war. Anfang der neunziger Jahre ahnte\nniemand, dass der neue \u2013 bereits stark von westlichen Konzernen\ndurchsetzte \u2013 Kapitalismus in China sich bald als expansiver als\nder russische erweisen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Insofern spricht einiges daf\u00fcr zu\npr\u00fcfen, inwieweit wir es heute mit einer neuen polit\u00f6konomischen\nWeltlage zu tun haben. Ganz offensichtlich gibt es zwei sich\n\u00fcberschneidende und widerspr\u00fcchliche Prozesse: Auf der einen Seite\nhaben wir weiterhin die niedrigen Wachstumsraten und die tiefen\nKrisenerscheinungen im \u201eklassischen Kapitalismus\u201c in Nordamerika,\nWesteuropa und in den USA. Auf der anderen Seite gibt es seit rund\neineinhalb Jahrzehnten hohe Wachstumsraten in den zum Kapitalismus\ntransformierten Gesellschaften von Mittel- und Osteuropa und vor\nallem in China.<\/p>\n\n\n\n<p>Mandel beendete seinen Beitrag in\nunserem gemeinsam verfassten und 1977 erschienenen  Buch \u201eEnde der\nKrise oder Krise ohne Ende\u201c mit S\u00e4tzen, die in vieler Hinsicht\nauch heute G\u00fcltigkeit haben: \u201eDie Wirtschaftsentwicklung der\nletzten Jahre best\u00e4tigt, dass das kapitalistische System &#8230; sich,\nhistorisch gesehen, im Todeskampf befindet. Doch wir wissen, dass\nTodeskampf noch nicht automatisch Verschwinden bedeutet &#8230; Wenn &#8230;\nnicht rechtzeitig eine revolution\u00e4re Arbeiterpartei aufgebaut wird,\neine Partei mit Masseneinflu\u00df &#8230;, gleichzeitig jedoch die\ngesellschaftlich-\u00f6konomischen Widerspr\u00fcche immer explosiver werden,\ndann ist es m\u00f6glich, dass die imperialistische Bourgeosie &#8230; ein\nzweites Mal  zu \u00b4Heilmitteln\u00b4 Zuflucht nimmt, mit denen sie die\nKrise der drei\u00dfiger Jahre \u00b4l\u00f6ste\u00b4. Sie w\u00fcrde sich dann bem\u00fchen,\nder Arbeiterklasse weltweit schwere Niederlagen beizubringen, die\nProfitrate mit Hilfe der verst\u00e4rkten Ausbeutung der Arbeiter und\neiner erneut verst\u00e4rkten R\u00fcstung langfristig anzuheben und\nversuchen, die gesellschaftliche Stabilit\u00e4t durch einen \u00b4starken\nStaat\u00b4, wenn nicht durch eine blutige Diktatur zu erlangen. Sie\nw\u00fcrde wieder Kurs auf Krieg nehmen. Das w\u00e4ren \u2013 in der Epoche der\natomaren und biologischen Waffen \u2013 noch unendlich katastrophalere\n\u00b4Heilmittel\u00b4, als sie es zu Zeiten Hitlers waren. Die allgemeine\nKrise der internationalen kapitalistischen Wirtschaft zeigt uns immer\nwieder die Aktualit\u00e4t des historischen Dilemmas: Sozialismus oder\nBarbarei!\u201c(32)<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Namen Ernest Mandel und seinem\nEngagement bleibt die \u00dcberzeugung verbunden, dass es sich lohnt, der\nkapitalistischen Barbarei zu trotzen und sich f\u00fcr eine alternative,\nsozialistische, demokratische Gesellschaft in Wort und Tat\neinzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Anmerkungen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ol><li>Eine relativ\n\tumfassende Bibliographie mit 46 deutschsprachigen B\u00fcchern von\n\tErnest Mandel findet sich in: Gilbert Achcar (Hg), Gerechtigkeit und\n\tSolidarit\u00e4t \u2013 Ernest Mandels Beitrag zum Marxismus, Neuer\n\tISP-Verlag K\u00f6ln 2003, S.271ff\n\t<\/li><li>Winfried Roth,\n\tTheoretiker der globalen Krisen \u2013 Ernest Mandel zum zehnten\n\tTodestag, DLR-Kultur, DeutschlandRadio, 20. Juli 2005, 19.30h.\n\t<\/li><li>Zitiert in\n\tDeutschlandRadio, a.a.O., Manuskript.\n\t<\/li><li>Aktuelle Stunde\n\tDeutscher Bundestag, 6. Wahlperiode \u2013 174. Sitzung, Bonn,\n\tMittwoch, den 1. M\u00e4rz 1972, Protokoll Seiten 10083ff.\n\t<\/li><li>Ernest Mandel,\n\tEinf\u00fchrung in die marxistische Wirtschaftstheorie, Verlag Neue\n\tKritik 1967.\n\t<\/li><li>Ernest Mandel \/\n\tWinfried Wolf, Weltwirtschaftsrezession und BRD-Krise 1974\/75,\n\tFrankfurt\/M. 1976 (ISP-Verlag); Ernest Mandel \/ Winfried Wolf, Ende\n\tder Krise oder Krise ohne Ende?, Berlin 1977 (Wagenbach Verlag);\n\tErnest Mandel \/ Winfried Wolf, Cash, Crash &amp; Crisis \u2013\n\tProfitboom \u2013 B\u00f6rsenkrach und Wirtschaftskrise, Hamburg 1988\n\t(Rasch und R\u00f6hring).\n\t<\/li><li>E. Mandel,\n\tMarxistische Wirtschaftstheorie, Frankfurt\/M. 1970, S.16.\n\t<\/li><li>A.a.O.,\n\tS.141.\n\t<\/li><li>Karl Marx, Das\n\tKapital Band I, S.716.\n\t<\/li><li>Ernest Mandel, Die\n\tMarxsche Theorie der urspr\u00fcnglichen Akkumulation und die\n\tIndustrialisierung der Dritten Welt\u201c, in: Folgen einer Theorie \u2013\n\tEssays \u00fcber Das Kapital, Frankfurt\/M. 1971 (Suhrkamp), S.77.\n\t<\/li><li>E.M., Der Sturz des\n\tDollars \u2013 Eine marxistische Analyse der W\u00e4hrungskrise, Westberlin\n\t1973 (der zitierte Aufsatz tr\u00e4gt das Datum 1.12.1968) (Edition\n\tPrinkipo), S.145.\n\t<\/li><li>Ernest Mandel, Die\n\tEWG und die Konkurrenz Europa \u2013 Amerika, Frankfurt\/M. 1969, S.51.\n\tIn der selben Schrift findet sich auch eine Passage, die ebenso\n\ttypisch wie fatal ist f\u00fcr die marxistische Position in dieser Zeit:\n\t\u201eAus all den \u00dcberlegungen sollte man keineswegs den Schlu\u00df\n\tziehen, die Arbeiterbewegung Westeuropas habe ein Interesse daran,\n\tden Proze\u00df der internationalen Kapitalverflechtung zu bremsen &#8230;\n\tErstens w\u00e4re es sowieso utopisch, der Entwicklung der\n\tProduktivkr\u00e4fte entsprechende wirtschaftliche Ver\u00e4nderungen\n\tverhindern zu wollen&#8230; Und zweitens liegt die historische Rolle der\n\tArbeiterbewegung &#8230; keineswegs darin, sich dieser oder jener\n\tInteressensgruppe des Gro\u00dfb\u00fcrgertums &#8230; zu unterwerfen &#8230; Der\n\tinternationalen Kapitalverflechtung mu\u00df die Alternative der\n\thistorischen Notwendigkeit eines sozialistisch vereinten Europa\n\tentgegengesetzt werden und nicht jene des R\u00fcckfalls in b\u00fcrgerliche\n\tKleinstaaterei.\u201c (S.99). Mandel argumentiert hier wie teilweise\n\tMarx und Engels im 19. Jahrhundert, mit dem Unterschied, dass die\n\tEntwicklung der Produktivkr\u00e4fte zu dieser Zeit \u00fcberwiegend\n\tfortschrittlich war, wohingegen sie im 20. Jahrhundert \u00fcberwiegend\n\tdestruktive Tendenzen zum Ausdruck bringt. In derselben Schrift von\n\tE. Mandel findet sich dann allerdings auch die folgende Passage:\n\t\u201eDas Fortschreiten der internationalen Kapitalverflechtung\n\tschw\u00e4cht unvermeidlich das wirtschaftliche Potential der\n\tGewerkschaften. Diese Schw\u00e4chung ist nur relativ, solange die\n\tinternationale Kapitalverflechtung noch in ihrem Anfangsstadium\n\tsteht. Sie wird absolut, sobald diese Verflechtung einen bestimmten\n\tPunkt erreicht hat, an dem Quantit\u00e4t in Qualit\u00e4t umschl\u00e4gt, d.h.\n\tan dem sich die entscheidenden Eigentumspositionen der\n\tentscheidenden Produktionsmittel \u00fcber mehrere oder alle\n\tEWG-Mitgliedstaaten verteilen. Es ist offensichtlich, dass die\n\tL\u00fctticher Stahlarbeiter die Streikwaffe kaum noch erfolgreich im\n\tWirtschaftskampf anwenden k\u00f6nnten, wenn sich die Eigent\u00fcmer \u00fcber\n\tsechs L\u00e4nder verteilen.\u201c (S.100). Darauf l\u00e4sst sich nur mit\n\teinem \u201eC\u00b4est ca!\u201c antworten, wie es Ernest oft tat. Wobei es\n\tdann jedoch  unverst\u00e4ndlich ist, weshalb man einen Prozess, der die\n\tArbeiterklasse und die Gewerkschaften schw\u00e4cht, nicht kritisieren\n\tund sich diesem nicht entgegenstellen soll. Immerhin gab es\n\tdutzendfach Anl\u00e4sse, dies konkret zu tun: so im Fall der vielen\n\tErweiterungsrunden der EWG\/EG\/EU oder im Fall des\n\tMaastricht-Vertrags (von 1992). Und in einigen L\u00e4ndern, so in den\n\tskandinavischen Staaten und in \u00d6sterreich, gab es eine starke, auch\n\tfortschrittlich gepr\u00e4gte Bewegung gegen einen EWG\/EG\/EU-Beitritt.\n\tZur Debatte EU-Entwicklung vgl.  Winfried Wolf, Fusionsfieber \u2013\n\tDas gro\u00dfe Fressen, K\u00f6ln 2001 (PapyRossa), S.101ff.\n\t<\/li><li>E.M., Der\n\tSp\u00e4tkapitalismus, Frankfurt\/M. 1972, S.272 u. S. 286 (Suhrkamp).\n\t<\/li><li>So entstand die\n\tSchrift Ernest Mandel, Einf\u00fchrung in die marxistische\n\tWirtschaftstheorieaus\n\tReferaten, die Ernest Mandel 1963 auf einem Schulungslehrgang der\n\tfranz\u00f6sischen, linkssozialistischen Parti Socialist Unifi\u00e9 (PSU),\n\tdie 1960 aus dem Zusammenschluss von drei sozialistischen\n\tOrganisationen hervorgegangen war, hielt. Siehe Anmerkung (5)\n\t<\/li><li>Das Buch wurde von\n\tLothar Boepple, einem verdienten Kommunisten und alten Freund von\n\tErnest Mandel, \u00fcbersetzt. Ich durfte 1979 als damaliger\n\tISP-Verantwortlicher die Herausgabe der ersten Auflage betreuen und\n\tdas Lektorat besorgen. Inzwischen gibt es die siebte Auflage: Ernest\n\tMandel, Einf\u00fchrung in den Marxismus, K\u00f6ln 2002, Neuer ISP Verlag.\n\t<\/li><li>E.M., Ein sch\u00f6ner\n\tMord \u2013 Sozialgeschichte des Kriminalromans, Frankfurt\/M. 1987\n\t(Athen\u00e4um). Gisela Mandel schrieb mir dazu am 29.8.1978: \u201eAls ich\n\tvor 15 Jahren vom SDS zur Vierten nach Belgien ging, war ich\n\tentsetzt zu sehen, dass Ernest sich nachts um 2h &#8230; mit Krimis vor\n\tdem Schlafengehen eine halbe Stunde erholte. Ich hatte nie einen\n\tgelesen. Das tat man im Berliner SDS nicht. Inzwischen bin ich wie\n\tErnest &#8230; \u00b4professioneller Krimileser\u00b4&#8230; Ich k\u00f6nnte Dir in\n\tBr\u00fcssel eine Kartei von rund 60 Krimi-Schriftstellern anbieten &#8230;\n\tWenn Ernest \u00fcber 80 wird (denn bis dahin hat er bereits gen\u00fcgend\n\tB\u00fccherpl\u00e4ne), so wird er ein materialistische Buch \u00fcber Goya und\n\teine Soziologie des Krimi schreiben. Goya finde ich eine dufte Idee.\n\tAber das mit den Krimis mag ihm gerne ein anderer Marxist vorher\n\tabnehmen.\u201c\n\t<\/li><li>Er schrieb dazu in\n\teinem Brief an mich, datiert auf den 4.3.1977:  \u201eIch habe mehr\n\tVerst\u00e4ndnis f\u00fcr Deine Schwierigkeiten als Du das glauben k\u00f6nntest.\n\tIch habe mich n\u00e4mlich mit einem ganz \u00e4hnlichen Problem\n\tkonfrontiert gesehen und sehr darunter gelitten.  Im Jahre 1947\n\tbrach ich mein Uni-Studium abrupt ab um (23 Jahre alt) in der\n\tF\u00fchrung der Internationale hauptamtlich t\u00e4tig zu sein. Meine\n\tDoktorarbeit habe ich dann genau (25 (!) Jahre sp\u00e4ter\n\tfertiggestellt &#8230; Mein erstes Buch brauchte genau 10 (!) Jahre\n\tArbeit \u00b4nebenbei\u00b4 (neben der Org.-T\u00e4tigkeit), bevor es gedruckt\n\twurde (1952-1962), und ich habe mich oft gefragt &#8230; ob sich die\n\tOrg-Routine wohl lohnt, und ob ich nicht, auch f\u00fcr die\n\tInternationale, mehr h\u00e4tte erreicht, wenn ich zwei oder drei B\u00fccher\n\twie das \u00b4Trait\u00e9\u00b4 (die \u201eWirtschaftstheorie\u201c; W.W.), z.B. \u00fcber\n\tdie \u00dcbergangsgesellschaften und \u00fcber die Revolutionen in der\n\tDritten Welt geschrieben h\u00e4tte. Heute &#8230; bin ich dessen \u00fcberzeugt,\n\tdass ich richtig gew\u00e4hlt habe.\u201c\n\t<\/li><li>Nuestra\n\tIndustria, 6\/1964, Havanna.\n\t<\/li><li>Una profecia del Ch\u00e9,\n\tin: Jean  Daniel, Escorpion, Buenos Aires 1964.\n\t<\/li><li>Ernest Mandel, Die\n\tdeutsche Wirtschaftskrise \u2013 Lehren der Rezession 1966\/67,\n\tFrankfurt\/M. 1969 (EVA), S.56.\n\t<\/li><li>Der Kampf des\n\tvietnamesischen Volkes und die Globalstrategie des Imperialismus,\n\tInternationaler Vietnam-Kongre\u00df Westberlin, Westberlin 1968  (SDS\n\tWestberlin), S.124ff.\n\t<\/li><li>A.a.O.,\n\tS. 160.\n\t<\/li><li>A.a.O.,\n\tS.134.\n\t<\/li><li>Nach: Brief von E.M.\n\tan mich vom 16.8.1978.\n\t<\/li><li>In zwei Briefen an\n\tmich beschrieb Gisela Mandel, Mandels Frau, diese Situation.  Am\n\t16.4.1977 schrieb sie: \u201eWir, d.h. Ernest und ich , stehen\n\tfinanziell schlecht. &#8230; Ihr m\u00f6gt das nicht glauben, aber es ist\n\teine Tatsache, da unsere Privatfinanzen direkt mit denen der IV. \n\tliiert sind, so dass ich jetzt manchmal noch nicht einmal gen\u00fcgend\n\tGeld habe, um zu tanken.\u201c Am 10.5. 1977 hie\u00df es: \u201eIch bin nun\n\tmeist in Paris und habe, ohne dass er (Ernest M.) es wei\u00df, f\u00fcr\n\tmorgens sehr fr\u00fch und abends sp\u00e4t Jobs als Putzfrau angenommen mit\n\t7 Mark die Stunde, um uns, d.h. mich ohne seine Unterst\u00fctzung,\n\teinigerma\u00dfen \u00fcber Wasser zu halten. Er wundert sich zwar, wie\n\twenig ich ausgebe von dem, was er mir gibt, aber ich finde immer\n\teine Ausrede&#8230; Bis jetzt haut das hin, aber irgendwann wird er\n\tdahinter kommen, und ich bin sicher, dass es dann in 13 Jahren zum\n\tersten Mal einen pers\u00f6nlichen Streit geben wird. Bis jetzt waren\n\talle politisch.\u201c\n\t<\/li><li>Am 31.10.1980 schrieb\n\tMandel: \u201eZu Afghanistan: Meine Position bleibt unver\u00e4ndert: gegen\n\tEinzug (Einmarsch; W.W.), gegen Abzug, wie Trotzki zu Finnland. Du\n\tuntersch\u00e4tzt die B\u00fcrgerkriegsdimension. Wenn heute Abzug, dann\n\tDjakarta, d.h. alle Linke, ob pro oder anti-Moskau werden\n\tumgebracht. Das best\u00e4tigen auch die paar afghanischen Genossen, die\n\twir gewonnen haben, obwohl sie im \u00fcbrigen eher Deiner Position\n\tzuneigen.\u201c Vor allem Tariq Ali betonte in seiner Kritik an dieser\n\tPosition der IV. Internationale, dass der sowjetische Einmarsch den\n\tislamischen Fundamentalismus steigern m\u00fcsste. Ich antwortete in\n\teinem Brief an E.M. vom 9.11.1980: \u201eIch bin mir weder sicher, ob\n\tes bei einem sowjetischen Abzug tats\u00e4chlich zu einem \u00b4Djakarta\u00b4\n\tkommen mu\u00df. Vor allem bin ich mir nicht sicher, ob ein solches\n\t\u00b4Djakarta\u00b4 nicht gerade durch Moskau herbeigef\u00fchrt wird. &#8230; Im\n\t\u00fcbrigen gilt: Wenn man den Einmarsch verurteilt und seine guten\n\tGr\u00fcnde daf\u00fcr hat, muss man auch den Abzug fordern.\u201c \n\t\n\t<\/li><li>E.M., Der Zweite\n\tWeltkrieg, Frankfurt\/M. 1991 (ISP-Verlag). Brief W.W. an Mandel vom\n\t5.2.1989 und Antwort von E.M. an W.W. vom 20.2.1989.\n\t<\/li><li>Brief E.M. an W.W.\n\tvom 8.3.1993. In meiner Antwort (Brief vom 13.6.1993) hei\u00dft es:\n\t\u201eDas st\u00f6\u00dft bei mir auf heftigen Widerspruch, soweit es ein\n\timperialistisches Land und soweit es Deutschland betrifft&#8230; Was\n\tsoll daran fortschrittlich sein, wenn jemand in Deutschland erkl\u00e4rt,\n\ter \u00b4identifiziere sich mit der deutschen Nation\u00b4. Ganz abstrakt\n\tist denkbar, dass er meint, er liebe die deutsche Kultur, die\n\tLandschaft in Deutschland etc. &#8230; Im konkreten gesellschaftlichen\n\tKontext jedoch wird jedes Nationalgef\u00fchl in Deutschland sich als\n\treaktion\u00e4r erweisen. &#8230; Ich gebe zu bedenken, dass  bei den Folgen\n\tder Wiedervereinigung, den \u00f6konomischen und den\n\tnational-reaktion\u00e4ren, wir, r\u00fcckblickend betrachtet, sicher nicht\n\t\u00fcbertrieben haben.\u201c \n\t\n\t<\/li><li>E.M., Das\n\tGorbatschow-Experiment \u2013 Ziele und Widerspr\u00fcche, Frankfurt\/M.\n\t1989 (Athen\u00e4um), S.19. Dort hei\u00dft es auch: \u201eEine Revolution von\n\toben (zur Restauration des Kapitalismus) w\u00fcrde also bedeuten, dass\n\tsich die herrschende klasse oder Klassenfraktion selbst liquidiert.\n\tDas hart es in der Geschichte noch nie gegeben und das wird auch in\n\tZukunft nicht eintreten.\u201c (Ebenda, S.272).\n\t<\/li><li>Bundestagsprotokoll\n\tvom 1. M\u00e4rz 1972.\n\t<\/li><li>Brief E.M. an W.W.\n\tvom 26.6.1991.\n\t<\/li><li>E.M.\/W.W., Ende der\n\tKrise oder Krise ohne Ende, a.a.O., S.110f.\n<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p><em>Der Text wurde Ende\n2005 verfasst. Es ist unklar, wo er ver\u00f6ffentlicht wurde.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Tod von Ernest Mandel vor zehn Jahren, am 20. 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