{"id":573,"date":"2020-02-01T15:51:52","date_gmt":"2020-02-01T14:51:52","guid":{"rendered":"http:\/\/winfriedwolf.de\/?p=573"},"modified":"2020-02-26T13:07:44","modified_gmt":"2020-02-26T12:07:44","slug":"blog-02-die-500-montagsdemo-gegen-das-monsterprojekt-s21-und-die-fuenf-luegen-der-sueddeutschen-zeitung-zu-stuttgart-21","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=573","title":{"rendered":"blog 02: Die 500. Montagsdemo gegen das Monsterprojekt S21 und die f\u00fcnf L\u00fcgen der \u201eS\u00fcddeutschen Zeitung\u201c zu Stuttgart 21"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Das Projekt Stuttgart 21 wird in diesen Tagen neu in die Schlagzeilen r\u00fccken, unter anderem weil es in zwei Tagen, am 3. Februar 2020, in Stuttgart die 500. Montagsdemo gibt. Heute ist das Thema wichtig, da die gr\u00f6\u00dfte Tageszeitung dem Projekt S21 eine Seite widmet und dabei f\u00fcnf Mal die Unwahrheit sagt. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Es ist einer dieser Tage, an denen mir\ndas Wort \u201eL\u00fcgenpresse\u201c durch den Kopf schie\u00dft \u2013 das ich mir\ndann jedoch schnell wieder verbiete. Blo\u00df kein Peginda-AfD-Jargon! \n<\/p>\n\n\n\n<p>Gestern hatte sich \u201emeine\u201c\nBahnexpertengruppe B\u00fcrgerbahn statt B\u00f6rsenbahn (BsB) in Fulda\ngetroffen \u2013 unter anderem, um anl\u00e4sslich von \u201e10 Jahre\nWiderstand gegen Stuttgart 21\u201c und \u201e500. Montagsdemo gegen S21\u201c\n\u2013 auf der u.a.  BsB-Mitglied und Freund Heiner Monheim sprechen\nwird \u2013 \u00fcber den Stand des Projekts zu diskutieren. Ein anderes\nBsB-Mitglied, der IT-Experte Dr. Christoph Engelhardt hatte auf\nunserem Treffen (und zuvor auf einer Veranstaltung im Stuttgarter\nRathaus) beeindruckendes neues Material vorgelegt, das belegt: der\nneue S21-Tiefbahnhof bringt einen massiven Kapazit\u00e4tsabbau mit sich.\nEr dokumentierte dies mit Vergleichen der Fahrpl\u00e4ne f\u00fcr bestehende\nBahnh\u00f6fe wie K\u00f6ln und Hamburg (die wesentlich \u201elockerer\u201c\ngestaltet sind als der geplante Fahrplan f\u00fcr den S21-Bahnhof), wo es\ndennoch best\u00e4ndig zu Versp\u00e4tungen kommt. Seine und unser aller\nBilanz: Ein \u201eDeutschlandtakt\u201c kann in dem S21-Bahnhof nie und\nnimmer umgesetzt werden; der Kapazit\u00e4tsabbau, der mit Stuttgart 21\ngebaut wird, bedeutet, dass der gesamte S\u00fcdwesten  von diesem\nsinnvollen integrierten Taktfahrplan, den es in Deutschland ab Mitte\nder 2020er Jahre geben soll, abgeh\u00e4ngt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann: In der heutigen \u201eS\u00fcddeutschen\nZeitung\u201c ein umf\u00e4nglicher Artikel \u00fcber die gesamte Seite 2\nhinweg, der mit dem Satz endet: \u201eSelbst das Ministerium des\nS21-Kritiker Winfried Hermann macht die Aussage: \u00b4Die mit Stuttgart\n21 geplante Infrastruktur [\u2026] verf\u00fcgt \u00fcber ausreichende\nKapazit\u00e4ten f\u00fcr die [\u2026] absehbare Verkehrsentwicklung sowie f\u00fcr\nden Deutschlandtakt.\u201c Allerdings werbe der Verkehrsminister \u201ef\u00fcr\neinen kleinen Kopfbahnhof als \u201eErg\u00e4nzungsstation\u201c f\u00fcr den\nRegionalverkehr. Die SZ-Autorin Claudia Henzler verschweigt, dass es\nDutzende konkrete Belege daf\u00fcr gibt, dass rein physikalisch,\nobjektiv, fahrplantechnisch usw. acht Durchfahrgleise in Tunnellage\nnie und nimmer einen solchen Taktfahrplan in Stuttgart leisten k\u00f6nnen\nund  dass auch der doch eher recht regierungsfromme TV-Sender swr in\nAnalysen dies dokumentierte. Siehe z.B.\n<a href=\"https:\/\/www.swr.de\/swraktuell\/baden-wuerttemberg\/Stuttgart-21-nicht-fuer-Deutschlandtakt-geeignet,s21-nicht-fuer-deutschlandtakt-geeignet-100.html\">https:\/\/www.swr.de\/swraktuell\/baden-wuerttemberg\/Stuttgart-21-nicht-fuer-Deutschlandtakt-geeignet,s21-nicht-fuer-deutschlandtakt-geeignet-100.html<\/a>.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Sie verschweigt des Weiteren, dass der\nsich windende Verkehrsminister dies nat\u00fcrlich wei\u00df, und genau\ndeshalb einen neuen (!), zus\u00e4tzlichen Kopfbahnhof vorschl\u00e4gt\u2026 Sie\nverschweigt, dass dies ein neuer UNTERIRDISCHER Kopfbahnhof sein\nsoll, was erstens absurd ist, zweitens  v\u00f6llig unrealistisch, eine\nNebelkerze ist, weswegen drittens Hermann davon l\u00e4ngst nicht mehr\nspricht. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist aber nur eine <em><strong>erste  L\u00fcge\n<\/strong><\/em>in diesem Artikel. \n<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>L\u00fcge Nr. 2<\/strong><\/em> lautet: Am\n\u201eSchwarzen Donnerstag\u201c, dem 30. September 2010, h\u00e4tten \u201emehr\nals tausend Demnstranten\u201c im Schlossgarten gegen die geplante\nAktion zur F\u00e4llung hunderter sehr alter B\u00e4ume demonstriert, worauf\nein Polizeieinsatz \u201eaus dem Ruder gelaufen\u201c und \u201eetliche\nMenschen verletzt\u201c worden seien. Tats\u00e4chlich demonstrierten an\ndiesem Tsg mehr als zehntausend, \u00fcbrigens \u00fcberwiegend sehr junge\nMenschen. Rein gar nichts war damals \u201eaus dem Ruder gelaufen\u201c,\nvielmehr lie\u00dfen die Regierung Mappus, die Bahnspitze, der damalige\nOB und die Polizei eine massive Polizeiprovokation durchgef\u00fchren. Es\nwurden mehr als 40 Menschen schwerverletzt; einer von ihnen verlor\nein Auge.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>L\u00fcge Nr. 3:<\/strong><\/em> Die Autorin\nlobt die \u201eorganisch geformten Kelchst\u00fctzen\u201c, die das Dach des\nneuen S21-Bahnhofs bilden w\u00fcrden, was \u201eauf eine Idee\u201c von \u201eFrei\nOtto, der schon das M\u00fcnchner Olympiagel\u00e4nde mitgeplant hat,\u201c\nzur\u00fcckgehen w\u00fcrde. Tats\u00e4chlich war der preisgekr\u00f6nte Architekt\nFrei Otto einer der beiden S21-Architekten. Doch er distanzierte sich\nbereits 2011 komplett von dem Gro\u00dfprojekt und warnte davor, dass es\nbei Starkregen \u201eaufsteigen k\u00f6nnte wie ein U-Boot\u201c und im \u00dcbrigen\nmenschenverachtend sei.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>L\u00fcge Nr. 4<\/strong><\/em> betrifft den\nAblauf der S21-Planungen und die Gr\u00fcnde, die zu einem zeitweisen\nStopp des Projekts gef\u00fchrt haben. In der SZ hei\u00dft es: \u201e1995\u201c\nsei das Projekt S21 geboren worden. Doch dann habe \u201edie damalige\nrot-gr\u00fcne Bundesregierung sowie der neue Bahnchef\u201c das \u201eProjekt\nkritisch gesehen\u201c, weshalb dann das Land mit einer Kofinanzierung\ndas Projekt neu belebt habe. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich wurde S21 im April 1994\nverk\u00fcndet. Gestoppt wurde es 1998 von dem damals von Kanzler Kohl\neingesetzten neuen Bahnchef Johannes Ludewig mit der Begr\u00fcndung, es\nsei unwirtschaftlich. Rot-Gr\u00fcn setzte Ende 1999 den neuen Bahnchef\nHartmut Mehdorn ein. Dieser war es, der S21 neu beleben und bauen\nlie\u00df. Und warum erfolgte die Neubelebung des Monsterprojekts \u2013 im\n\u00dcbrigen ausgerechnet unter Rot-Gr\u00fcn? Mehdorn lie\u00df am Beginn seiner\nAmtszeit von seinem damaligen Infrastrukturchef Thilo Sarrazin (!)\nbei allen Bahn-Gro\u00dfprojekten berechnen, wie wirtschaftlich oder\nunwirtschaftlich diese seien. Das Ergebnis lautete: Das\nunwirtschaftlichste Gro\u00dfprojekt war Stuttgart 21. Dennoch\nbeauftragte Mehdorn bald darauf Sarrazin, genau dieses Projekt neu zu\nbeleben und daf\u00fcr in Stuttgart die entsprechenden Vertr\u00e4ge zu\nunterzeichnen. Der Grund: Das Land schloss mit der Bahn einen\nLangzeitvertrag \u00fcber den Nahverkehr ab, bei dem um 50 bis 75 Prozent\n(mehr als 1,5 Milliarden Euro) zu viel  bezahlt wurde. Es wurden\ndamals also faktisch Steuergelder als Schmiergeld f\u00fcr den Bau von\nS21 eingesetzt. Dies belegte Sarrazin als Zeuge und Experte im\nVerkehrsausschuss des Deutschen Bundestags im Juni 2018. Das wiederum\nwurde in vielen Medien ausf\u00fchrlich dokumentiert. Sarrazins\nStellungnahme ist nachzulesen HIER: \nhttps:\/\/www.bundestag.de\/resource\/blob\/558030\/7dc606b4a946b75eecebe043028df4b7\/011_sitzung_sarrazin-data.pdf\n   \n<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>L\u00fcge Nummer 5:<\/strong><\/em> Die\nSZ-Autorin behauptet, mit dem Tiefbahnhof S21 und der Neubaustrecke\nnach Ulm w\u00fcrde sich \u201eim Dezember 2025 die Fahrt von Ulm nach\nStuttgart von heute 56 auf dann 31 Minuten verk\u00fcrzen\u201c. Tats\u00e4chlich\nhat S21 nichts mit der Neubaustrecke zu tun. Diese Neubaustrecke nach\nUlm, die in Wendlingen beginnt, wird auch bereits 2023 fertig und\nverk\u00fcrzt dann tats\u00e4chlich die Fahrtzeit wie beschrieben. Wobei\ndiese extrem teuer erkaufte Fahrzeitverk\u00fcrzung kontr\u00e4r zum Projekt\nDeutschlandtakt steht, weil damit die Anschl\u00fcsse im Knotenbahnhof \nUlm nicht gegeben sind bzw. weil damit f\u00fcr einen gro\u00dfen Teil der\nFahrg\u00e4ste in Ulm lange Wartezeiten erforderlich werden. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Im \u00dcbrigen wird Stuttgart 21 auch\nnicht im Dezember 2025 in Betrieb gehen. Das Projekt wird nie fertig\nerstellt werden und eine Bauruine bleiben. Es ist ausschlie\u00dflich die\n\u201eStaatsr\u00e4son\u201c, die dazu f\u00fchrt, dass an S21 weitergebaut wird.\nNiemand will sein Gesicht verlieren. Beziehungsweise man wartet ab,\nbis alle Verantwortlichen sich in den Ruhestand oder das Grab\nverabschiedet haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Und so ist nat\u00fcrlich auch der letzte\nSatz in dem Artikel ein Skandal. Er lautet: \u201eF\u00fcr die Stadt ist das\nProjekt eine einmalige Chance zur Stadtentwicklung. Wenn die Gleise\n[\u2026] verschwinden, werden im Talkessel fast hundert Hektar Land\nfrei. Hier soll der neue Stadtteil Rosensteinviertel entstehen.\u201c \n<\/p>\n\n\n\n<p>Welch eine Heuchelei! Welche eine\nVerdrehung der Wirklichkeit! Wie sehr provoziert dieser Artikeldazu,\ndass erneut, wie in der Hochzeit des S21-Widerstands skandiert wird:\n\u201eL\u00fcgenpack\u201c! Da wird ein funktionierender Bahnhof in seiner\nKapazit\u00e4t massiv geschw\u00e4cht \u2013 was eine VERTANE Chance f\u00fcr\nStadtentwicklung ist. Da wird ein Taktverkehr verhindert \u2013 was die\nZerst\u00f6rung der Chance \u201eDeutschlandtakt\u201c ist. Da soll\nausgerechnet im Talkessel ein neues Viertel gebaut werden, womit eine\nFreiluftschneise zerst\u00f6rt, eine Fl\u00e4che, die nachts f\u00fcr Abk\u00fchlung\nsorgte, zus\u00e4tzlich versiegelt und die Temperaturen im Talkessel, die\nim Sommer bereits unertr\u00e4glich hoch sind, weiter angeheizt werden. \n<\/p>\n\n\n\n<p>In der Summe wirkt der Beitrag, als\nw\u00e4re er von der Pressestelle der Deutschen Bahn AG bestellt worden.\nEr f\u00fchrt dabei nochmals vor Augen, wie zerst\u00f6rerisch f\u00fcr die\nDemokratie die mediale Kapitalkonzentration ist. Die \u201eS\u00fcddeutsche\nZeitung\u201c wurde 2008 von der S\u00fcdwestdeutschen Medienholding \n\u00fcbernommen. Zu dieser Holding geh\u00f6ren neben der SZ auch die\n\u201eStuttgarter Zeitung\u201c, die \u201eStuttgarter Nachrichten\u201c und der\n\u201eSchwarzw\u00e4lder Bote\u201c. Es handelt sich um eine geballte\nMedien-Macht mit t\u00e4glich mehr als 600.000 gedruckter\nTageszeitungen-Exemplare (hinzu kommenden Dutzende andere\nPublikationen). Die S\u00fcdwestdeutsche Medienholding trommelte mehr als\nein Jahrzehnt lang fast geschlossen f\u00fcr das Monsterprojekt Stuttgart\n21. Enth\u00fcllungen zu dem Projekt und S21-kritische Publikationen\nwurden verschwiegen. Der Widerstand wurde und wird systematisch\nkleingeschrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Der SZ-Beitrag verdeutlicht ein\nweiteres Mal, wie wichtig die Entwicklung einer unabh\u00e4ngigen\n\u00d6ffentlichkeit ist \u2013 mit unabh\u00e4ngigen Medien, wie es sie im\nInternet und teilweise auch noch gedruckt gibt. Und wie wichtig  der\nWiderstand auf der Stra\u00dfe und vor dem Bahnhof gegen das\nstadtzerst\u00f6rerische Projekt Stuttgart 21 ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir werden oben bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Winfried Wolf ist Verfasser des\neinzigen umfassenden Buch zu Stuttgart 21: abgrundtief + bodenlos.\nStuttgart 21, sein absehbares Scheitern und die Kultur des\nWiderstands, 380 Seiten, 20 Euro, 3. Und erweiterte Auflage, K\u00f6ln\n(PapyRossa), M\u00e4rz 2019.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Projekt Stuttgart 21 wird in diesen Tagen neu in die Schlagzeilen r\u00fccken, unter anderem weil es in zwei Tagen, am 3. Februar 2020, in Stuttgart die 500. Montagsdemo gibt. 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