{"id":732,"date":"2020-03-17T12:56:55","date_gmt":"2020-03-17T11:56:55","guid":{"rendered":"http:\/\/winfriedwolf.de\/?p=732"},"modified":"2020-03-17T12:58:54","modified_gmt":"2020-03-17T11:58:54","slug":"die-neue-krise-und-das-imperium-der-schande","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=732","title":{"rendered":"Die neue Krise und das Imperium der Schande"},"content":{"rendered":"\n<h2>Kolumne von Winfried Wolf in Lunapark21<\/h2>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Wir\nstehen inmitten einer neuen weltweiten Krise. Die vorausgegangene\nhatte ihren \u201eSchwarzen Schwan\u201c in Gestalt der Pleite des\nFinanzinstituts Lehman Brothers am 15. September 2008. Die\ngegenw\u00e4rtige hat ihren \u201eSchwarzen Schwan\u201c in Gestalt des neuen\nCorona-Virus (Covid-19), \u00fcber dessen Existenz zum ersten Mal am 7.\nJanuar 2020 informiert wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>\nDoch in beiden F\u00e4llen schwammen diese\n\u201eSchwarzen Schw\u00e4ne\u201c deutlich dem Ereignis Krise hinterher. Die\nletzte Weltwirtschaftskrise hatte sp\u00e4testens im Herbst 2007 mit dem\nPlatzen der Subprime-Kredite in den USA begonnen. Die aktuelle Krise\nbegann im Herbst 2019 in China. Anfang Januar 2020 waren die\nWeltautoproduktion gegen\u00fcber dem vorausgegangenen H\u00f6chststand\nbereits um knapp 9 Prozent, die Autoindustrie in China um 20 Prozent,\nder Absatz von Elektroautos in China um 30 Prozent und die deutsche\nIndustrie um vier Prozent abgeschmiert (siehe Seiten 4f). Diese neue\nKrise wurde von \u00d6konomen wie Robert Shiller und Nouriel Roubini\nprognostiziert.<sup>1<\/sup>\nSie wurde auch in dieser Zeitschrift seit Ende 2018 vorhergesagt und\nbeschrieben.<sup>2<\/sup>\n\n<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>\nDamit verblasst auch das \u201eBesondere\u201c, das\nf\u00fcr den vergangenen Zyklus immer wieder behauptet wurde, wonach wir\neinen \u201ehistorisch einmalig langen Konjunkturaufschwung\u201c erlebten.\nDie neue Krise begann im Herbst 2019 \u2013 nach einem neun Jahre\nw\u00e4hrenden, schw\u00e4chlichen  Wirtschaftswachstum. Die L\u00e4nge des\nZyklus 2009-2019 ist weitgehend identisch mit der L\u00e4nge der Zyklen\n1982-1990 und 1990-2000. Unsere Grundaussagen, dass die\nkapitalistische Weltwirtschaft sp\u00e4testens seit 1974\/75 ihren typisch\nzyklischen Verlauf nimmt, dass es diese zyklische Bewegungsform seit\nAnfang des 19. Jahrhunderts gibt und dass es lediglich Kriege und\ngro\u00dfe Krisen waren, die diesen zyklischen Verlauf ab\u00e4nderten,\nbest\u00e4tigt sich ein weiteres Mal.<\/p>\n\n\n\n<p>\nDennoch gibt es erneut ein Verwirrspiel bei der\nBezeichnung der Krise. Am 2. M\u00e4rz erkl\u00e4rte die OECD, die Prognosen\nf\u00fcr die Weltwirtschaft m\u00fcssten \u201ewegen des Corona-Virus und seiner\nwirtschaftlichen Folgen\u201c gesenkt werden. Es liegt auf der Hand,\ndass bald nur noch von einer Corona-Krise gesprochen wird.\nVergleichbares gab es 1974\/75. Damals erlebten wir die erste gro\u00dfe\nKrise seit der Weltwirtschaftskrise 1929-33. Da nicht sein durfte,\nwas tats\u00e4chlich stattfand, da eine Wiederkehr ordin\u00e4rer\nkapitalistischer Krisen von den seit 1948 vorherrschenden\nWirtschaftswissenschaften geleugnet wurde, war bald der B\u00f6sewicht\nidentifiziert: Es waren der \u00d6lpreis respektive die \u201eScheichs\u201c,\ndie die Welt ins Chaos gest\u00fcrzt und die Arbeitslosenzahl allein in\nWestdeutschland von 250.000 im Jahresdurchschnitt 1973 auf mehr als\neine Millionen 1975 hatten hochschnellen lassen. Tats\u00e4chlich hatte\ndas OPEC-Kartell als Reaktion auf den Nahostkrieg die \u00d6llieferungen \nan den Westen drastisch verknappt; der \u00d6lpreis hatte sich\nverdreifacht. Doch bereits damals handelte es sich beim \u00d6lpreis\nebenso wie heute beim Corona-Virus lediglich um einen Nebenaspekt im\nWirtschaftsgeschehen. F\u00fcr das Publikum aber war der Begriff\n\u201e\u00d6lkrise\u201c ideal. Sp\u00e4ter bem\u00fchten sich die Medien bei fast\njeder Krise, f\u00fcr diese eine spezifische Erkl\u00e4rung zu drechseln. Da\ngab es eine \u201eAsien-Krise\u201c, eine \u201eRubel-Krise\u201c, eine\n\u201eTequila-Krise\u201c, eine \u201eIT-Krise\u201c und eine \u201eSubprime-Krise\u201c.\n\n<\/p>\n\n\n\n<p>\nNun also eine Krise, bei der eine Epidemie die\nUrsache sein soll. Tat\u2013s\u00e4chlich gab es in den letzten zweihundert\nJahren ein Dutzend Epidemien und einige Pandemien ohne gr\u00f6\u00dfere\nR\u00fcckwirkungen auf die \u00d6konomie. Die \u201eSpanische Grippe\u201c 1918\/19\nmit mehr als 25 Millionen Toten und die \u201eAsiatische Grippe\u201c\n1957\/58 mit bis zu zwei Millionen Toten hatten keine gr\u00f6\u00dferen\nAuswirkungen auf die Weltwirtschaft. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\nAll das Gerede von der \u201evernetzten\nWeltwirtschaft\u201c, von der \u201eBedeutung der Chinesen f\u00fcr den\nWelttourismusmarkt\u201c, von dem \u201estark gest\u00f6rten Weltflugverkehr\u201c\nund den brachliegenden Container-Schiffen \u2013 nett und gut. Doch\nwarum blo\u00df stieg in der Sars-Krise die Nachfrage nach Autos\ndrastisch an; insbesondere in China? Und warum  bricht sie aktuell\nein, erneut insbesondere in China? Weil wir 2002\/2003 Jahre des\nAufschwungs, nach der \u00fcberstandenen \u201eIT-Krise\u201c, hatten\nbeziehungsweise weil wir uns seit Ende 2019 inmitten dieser neuen\nKrise befinden. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\nBegriffe wie \u201e\u00d6lkrise\u201c und \u201eCorona-Krise\u201c\nwerden gew\u00e4hlt, weil man den Menschen eine Erkl\u00e4rung bieten will,\ndie \u201evon au\u00dfen\u201c kommt, weil nicht sein darf, was der Fall ist:\nWir erleben eine neue ordin\u00e4re kapitalistische Krise. Und diese\nk\u00f6nnte nochmals heftiger als die vorangegangene ausfallen.<\/p>\n\n\n\n<p>\nDenn eines ist in der aktuellen Krise\noffensichtlich anders als 2008\/2009: Damals begann die Krise mit\neinem Finanzcrash (Subprime, IKB, Lehman). Sie m\u00fcndete erst 2009 in\neinen Einbruch der materiellen Produktion (u.a. mit der Pleite der\nAutoriesen GM und Chrysler). Dieses Mal beginnt die Krise eher\nklassisch als \u00dcberproduktionskrise in der materiellen Produktion.\nSie hat erst Ende Februar die B\u00f6rsen erfasst. Und sie wird den\nFinanzsektor erst noch erfassen. Das macht diese Krise besonders\nbedrohlich.<\/p>\n\n\n\n<p>\nDiese Krise wird vier entscheidende Schaupl\u00e4tze\nhaben, die sich in gef\u00e4hrlicher Wechselwirkung zueinander befinden.\nDa ist zun\u00e4chst die zweitgr\u00f6\u00dfte \u00d6konomie der Welt. Zum ersten Mal\nwird China nicht mehr als \u201eKrisend\u00e4mpfer\u201c wirken. Das Land mit\nall seinen St\u00e4rken (immer noch gibt es die erhebliche staatliche\nEinflussnahme auf die kapitalistische \u00d6konomie) und seinen Schw\u00e4chen\n(der stark gestiegene Verschuldung, der gro\u00dfen Immobilienblase;  den\ngewaltigen Schattenbanken) ist eines der Zentren der weltweiten\nKrise. Sodann wird die Weltautobranche von der neuen Krise besonders\nbetroffen sein. F\u00fchrende Konzerne in dieser Weltindustrie waren\nbereits mit \u201eDieselgate\u201c angeschlagen.<\/p>\n\n\n\n<p>\nDie Branche als Ganzes befindet sich als\nResultat der Klima-krise und des Versuchs einer teilweisen\nUmstrukturierung hin zu Elektroautos in einer Umbruchphase. Allein in\ndieser Branche sind aktuell mehr als eine Million Arbeitspl\u00e4tze\nbedroht. Drittens droht eine neue EU-Krise und eine neue Euro-Krise.<sup>3<\/sup>\nDie Entwicklung in Italien d\u00fcrfte hier wichtig werden. Dieses Land\nbefindet sich seit 20 Jahren im Krisenmodus; die Staatsschuld liegt\nmit 130 Prozent auf Rekordniveau. Die \u00f6konomische Krise wird durch\neine politische \u2013 Matteo Salvini ante portas \u2013 noch verst\u00e4rkt.\nUnd schlie\u00dflich \u2013 viertens \u2013 d\u00fcrfte diese Krise auch den\nFinanzsektor erfassen. Sie kann ihren Ausgang nehmen bei der\ngewaltigen Immobilienblase in Indien oder bei der angeschlagenen\nDeutschen Bank (siehe Seiten 62f) oder bei einem argentinischen\nStaatsbankrott. Sicher ist, dass heute der Finanzsektor vergleichbar\nlabil ist wie vor der letzten gro\u00dfen Krise. Staatliche Auffan\ngprogramme in der Gr\u00f6\u00dfe, wie es solche 2008\/2009 gab, sind im\nRahmen der bestehenden Logik der Wirtschaftspolitiken und der\npolitischen Strukturen nicht mehr zu stemmen.<\/p>\n\n\n\n<p>\nMuss sich das zu einem Weltdebakel entwickeln?\nNicht unbedingt. Die Menschen ben\u00f6tigen eigentlich nur: ausreichend\nNahrung, gute D\u00e4cher \u00fcber den K\u00f6pfen, W\u00e4rme und Energie. So what?\nNahrungsmittel sind ausreichend vorhanden \u2013 in den OECD-Staaten\nwird rund ein Drittel vernichtet. Weltweit stehen als Teil der\nImmobilienblase mehr als 100 Millionen neu gebaute Wohnungen leer.\nAuch gibt es gen\u00fcgend Sonne, Wind und Potentiale durch die Gezeiten,\num ausreichend Energie und W\u00e4rme bereitzustellen \u2013 und dies sogar\nauf eine Art und Weise, die die Belastung des Klimas massiv\nreduzieren w\u00fcrde. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\nWie sagt es Jean Ziegler? Wir leben in einem\n\u201eImperium der Schande\u201c. Deswegen werden diese Sch\u00e4tze nicht\ngehoben. Deswegen kann diese Krise Massenarbeitslosigkeit und\nmassenhaftes Elend schaffen. Erinnert sei an den Slogan von 2008 und\n2009: \u201eWir zahlen nicht f\u00fcr eure Krise!\u201c Dieser sollte das\nvereinigende Band von Gewerkschaften und Klimabewegung sein, um den\nGefahren dieser Krise zu begegnen, einem drohenden Rechtsrutsch\nentgegenzuwirken und die M\u00f6glichkeiten f\u00fcr system change\nauszuloten.<\/p>\n\n\n\n<h3>Anmerkungen:<\/h3>\n\n\n\n<p>\n1 Siehe zuletzt z.B. das Interview mit Robert\nShiller Die Rezession wird kommen, in: Handelsblatt vom 4. Dezember\n2019.<\/p>\n\n\n\n<p>\n2 Siehe Heft 44, Dezember 2018, Warten auf den\ngro\u00dfen Knall \u2013 Die Weltwirtschaft Anfang 2019 \u2013 ein gewaltiges\nKrisenpotential, Seiten 28-35. Und Heft 47, Herbst 2019, Die\nWeltwirtschaft vor der Krise. China wird es nicht nochmals richten,\nSeiten 20-33. Das erste Lunapark21-Heft erschien Anfang 2008 mit dem\nTitel Vorsicht Konjunkturschlag! Von einst\u00fcrzenden US-Neubauten zur\nweltweiten Rezession.<\/p>\n\n\n\n<p>3 Teil der neuen EU-Krise ist das Fl\u00fcchtlingsdrama  an der t\u00fcrkisch-griechischen Grenze, was in eine neue politische Krise wie 2015 m\u00fcnden kann. Teil der EU-Krise ist auch die Situation in Frankreich, wo Staatspr\u00e4sident Macron am 2. M\u00e4rz beschloss, die parlamentarische Debatte \u00fcber das Rentensystem dadurch zu beenden, dass er mit einer Art Notstandsrecht das Vorhaben per Dekret durchsetzt. (Siehe Seite 14)<\/p>\n\n\n\n<p><em>Diese Beitrag erschien zuerst als <a href=\"https:\/\/www.lunapark21.net\/die-neue-krise-und-das-imperium-der-schande\/\">Kolumne von Wilfried Wolf<\/a> im neuen Heft 49 von Lunapark21 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kolumne von Winfried Wolf in Lunapark21 Wir stehen inmitten einer neuen weltweiten Krise. Die vorausgegangene hatte ihren \u201eSchwarzen Schwan\u201c in Gestalt der Pleite des Finanzinstituts Lehman Brothers am 15. 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