{"id":742,"date":"2019-08-20T17:32:00","date_gmt":"2019-08-20T15:32:00","guid":{"rendered":"http:\/\/winfriedwolf.de\/?p=742"},"modified":"2020-03-21T18:09:39","modified_gmt":"2020-03-21T17:09:39","slug":"der-drohende-iran-krieg-fakten-hintergruende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=742","title":{"rendered":"Der drohende Iran-Krieg: Fakten &#038; Hintergr\u00fcnde"},"content":{"rendered":"\n<h2>  (Fragen \/ Antworten)<\/h2>\n\n\n\n<p>Ein Iran-Krieg erscheint m\u00f6glich. Die\n<em>Zeitung gegen den Krieg<\/em> greift einige Argumente auf, die in\ndieser Situation immer wieder auftauchen und gibt Antworten.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Erste Behauptung<\/strong><\/em> Es\nhandelt sich bei der Krise im Persischen Golf um einen Konflikt wie\nviele andere. Siehe Venezuela, Nordkorea, Syrien. Damit wird \u201edie\nStaatengemeinschaft\u201c schon fertig werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Antwort<\/strong>: Die betroffene Region\nhat wie keine andere wirtschaftliche Bedeutung und zwar f\u00fcr die\n<em>gesamte<\/em> Welt. Siehe dazu unten Antwort 6. Der Iran ist mit den\ngenannten anderen Krisenherden bereits deshalb nicht zu vergleichen,\nda es sich mit 81 Millionen Menschen um das bev\u00f6lkerungsreichste\nLand der Region handelt. Die milit\u00e4rischen Kr\u00e4fte des Landes sind\nwesentlich schlagkr\u00e4ftiger als es diejenigen des Irak beim letzten\nIrak-Krieg 2003 waren. Was umgekehrt hei\u00dft: Wenn die USA und ihre\nVerb\u00fcndeten den Iran angreifen, dann werden die Opfer an\nMenschenleben gewaltige sein. Ein Iran-Krieg w\u00fcrde mit gro\u00dfer\nWahrscheinlichkeit die gesamte Region in ein Chaos st\u00fcrzen. Der fast\nbeendete Krieg in Syrien d\u00fcrfte neu aufflammen. Die Lage im Irak\nwird eskalieren. Dort sitzen derzeit noch Iran-Gegner und\nIran-Verb\u00fcndete nebeneinander in Regierung und Parlament. Der Krieg\nim Jemen, bei dem es derzeit Chancen auf Eind\u00e4mmung gibt, w\u00fcrde neu\nangefacht. Auch gilt: Ein Iran-Krieg w\u00e4re ein Bombengesch\u00e4ft \u2013\nf\u00fcr die internationale R\u00fcstungsindustrie, die in der\nTrump-Regierung direkt personell vertreten sind. Der amtierende\nUS-Verteidigungsminister  Mark Thomas Esper war z.B. bis zu seiner\nAmtseinf\u00fchrung im Juni 2019  Top-Lobbyist des US-R\u00fcstungsriesen\nRaytheon. Sein Vorg\u00e4nger im Amt, Patrick M. Shanahan, war zuvor\nTop-Mann des gr\u00f6\u00dften R\u00fcstungskonzerns, von Boeing. \n<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><strong>Zweite Behauptung<\/strong>: Im\nIran-Konflikt stehen sich mit Donald Trump und  Hassan Rohani \nWild-West-Raufbolde gegen\u00fcber. Es ist schwer, hier die Verantwortung\nf\u00fcr den Konflikt zu benennen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Antwort<\/strong> Nach einem 13 Jahre\nw\u00e4hrenden Konflikt um ein m\u00f6gliches iranisches Atomwaffen-Programm\nwurde im Juli 2015 mit dem Iran ein Atomabkommen geschlossen. Es trat\nam 16. Januar 2016 in Kraft. Das Abkommen wurde\nzwischen dem Iran und den USA,\nFrankreich, Gro\u00dfbritannien, Deutschland, Russland und China\ngeschlossen. Darin verpflichtete sich\nder Iran, Teile seines Atomprogramms so zu beschr\u00e4nken, dass keine\nAtomwaffen&nbsp;gebaut werden k\u00f6nnen.\nIm Gegenzug wurden Sanktionen gegen den Iran aufgehoben. Seither hat\nsich der Iran nach Feststellungen der Internationalen\nAtomenergiebeh\u00f6rde komplett an das Abkommen gehalten. Dennoch\nstiegen die USA  im M\u00e4rz 2018 aus dem Abkommen aus. Die US-Regierung\nbeschloss einseitig und v\u00f6lkerrechtswidrig neue Sanktionen gegen den\nIran.  Sie zwingen seither ihre Verb\u00fcndeten dazu, sich diesen\nSanktionen anzuschlie\u00dfen. Faktisch f\u00fchren die USA und mit ihnen\ngro\u00dfe Teile des Westens einen Wirtschaftskrieg gegen den Iran mit\nweitreichenden Folgen. Die Wirtschaftsleistung (BIP) des Iran sank\n2018 um 4 Prozent; sie wird 2019 noch st\u00e4rker schrumpfen. Die\n\u00d6lexporte schrumpften auf einen Bruchteil. Die Arbeitslosigkeit\nschnellt hoch auf real 25 Prozent. Die Inflation stieg auf gut 30\nProzent. \n<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dritte Behauptung<\/strong> In dem\nKonflikt kommt der EU bzw. der deutschen Regierung die Rolle von\nStatisten zu.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Antwort<\/strong> Das entspricht\neinerseits den Tatsachen. Und ist zugleich Unsinn. Richtig ist, dass\ndie EU sich faktisch weitgehend der Politik der US-Regierung\nangeschlossen hat. Die westlichen Konzerne (so\nRenault und Peugeot, die die Autoindustrie im Iran dominierten),\nzogen sich aus dem Land zur\u00fcck. Der deutsch-iranische Handel hat\nsich halbiert. Doch die EU ist als Ganzes betrachtet die gr\u00f6\u00dfte\nWirtschaftsmacht der Welt. Sie k\u00f6nnte den USA Paroli bieten. Doch\nsie versucht dies nicht einmal; sie praktiziert vielmehr\nVasallentreue (siehe Seite 4 M. Massarrat). Ja, sie unterst\u00fctzt in\neinigen Bereichen die US-Politik. Das <em>Handelsblatt<\/em>\nschrieb am 17.6.2019: \u201eSeit Jahresanfang [2019] hat die\nBundesregierung R\u00fcstungslieferungen f\u00fcr mehr als eine Milliarde\nEuro  an die von Saudi Arabien angef\u00fchrte Allianz im Jemenkrieg\ngenehmigt.\u201c Vergleichbar sind hier Gro\u00dfbritannien und Frankreich\nmit eigenen R\u00fcstungslieferungen engagiert.  Damit sind diese L\u00e4nder\nKriegspartei; sie sind mit gewaltigen  R\u00fcstungsexporten engagiert\nauf der Seite, die sich auch gegen den Iran richtet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vierte\nBehauptung: <\/strong>Was spricht denn\ndagegen, dass es einen Geleitschutz f\u00fcr Handelsschiffe im Persischen\nGolf gibt und dass sich die deutsche Marine daran beteiligt?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Antwort<\/strong>: Selbst der deutsche\nReeder-Verband hat erkl\u00e4rt: Je mehr Kriegsschiffe im Persischen Golf\nunterwegs sind, desto gr\u00f6\u00dfer ist die Gefahr einer Eskalation und\neines Kriegs. Ein umfassender Schutz f\u00fcr alle Schiffe ist gar nicht\nm\u00f6glich. Kriegsschiffe dort w\u00fcrden nur \u2013 zu Recht \u2013 als weitere\nProvokation und als potentielle Ziele f\u00fcr Attacken begriffen werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>F\u00fcnfte Behauptung: <\/strong>Wir sollten\nuns in der Region engagieren \u2013 schlie\u00dflich erwarten dies unsere\nVerb\u00fcndeten dort.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Antwort<\/strong>: Welche Verb\u00fcndeten? Es\nhandelt sich im Fall von Saudi Arabien und den anderen Golfstaaten\n(Vereinigten Arabischen Emirate; Bahrain, Kuwait, Katar, Oman) um\ndiktatorisch  regierte L\u00e4nder. In ihnen werden die Menschenrechte\nfl\u00e4chendeckend missachtet. Rechte f\u00fcr Frauen sind so gut wie\ninexistent. Die arbeitenden Menschen werden in gro\u00dfen Teil in einem\nZustand gehalten, der moderner Sklaverei gleicht. In Saudi Arabien\nbesteht mehr als ein Drittel der Bev\u00f6lkerung aus \u201eAusl\u00e4ndern\u201c,\nin Bahrein hat die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung diesen weitgehend\nrechtlosen Status. In Katar und in den VAE sind jeweils 90%\nweitgehend rechtlose Ausl\u00e4nder.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sechste Behauptung: <\/strong>Es geht beim\nIran-Konflikt wieder Mal um \u00d6l.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Antwort<\/strong>: Ja und nein. Es geht im\nGrunde um viel mehr. Bei den USA und Gro\u00dfbritannien spielt \u00d6l aus\nder Golfregion keine  Rolle; beim Rest der EU spielt das Golf-\u00d6l\neine untergeordnete Rolle. Noch in den 1950er Jahren bezog Europa 75\nProzent seines \u00d6ls aus dieser Region, heute sind es noch 20 Prozent.\nEs sind vor allem Japan, China und andere asiatische L\u00e4nder, die vom\nGolf-\u00d6l abh\u00e4ngig sind. Die Kontrolle der Region durch die USA und\nteilweise weiterhin durch Gro\u00dfbritannien hat &lt;I&gt;<em>geostrategische\nBedeutung<\/em>&lt;I&gt;. Wie j\u00fcngst Tom Stevenson in &lt;I&gt;<em>Le\nMonde Diplomatique<\/em>&lt;I&gt; (Juli 2019) es formulierte: \u201eDie\nMacht der USA am Golf beruht auf der profitabelsten\nSchutzgeldvereinbarung in der modernen Geschichte.\u201c Es gibt f\u00fcnf\nS\u00e4ulen, auf denen diese Macht beruht: 1. Gibt es eine massive\nmilit\u00e4rische Pr\u00e4senz vor allem der USA mit rund 100.000 Milit\u00e4rs\nvor Ort und mehr als einem Dutzend St\u00fctzpunkten (und zwei britischen\n\u2013 einer in Bahrain und ein neuer in Duqm in Oman). 2. Die USA und\nGro\u00dfbritannien (und danach Frankreich und Deutschland) exportieren\nin massivem Umfang R\u00fcstungsg\u00fcter in die Region. Wobei Wartung des\n(und  Ausbildung am) hochmodernen Kriegsger\u00e4t die Abh\u00e4ngigkeit\nverst\u00e4rken. 3. Es existiert eine erhebliche \u201ekulturelle\nKontrolle\u201c, indem der gr\u00f6\u00dfte Teil der Top-Milit\u00e4rs der\nwestlichen Verb\u00fcndeten in den USA (v.a. West Point) bzw. in\nGro\u00dfbritannien (Sandhurst) ausgebildet wurden. Einkauft wird in New\nYork und London, wo auch Krankheiten behandelt werden. 4. Einen\ngro\u00dfen Teil der gigantischen Gewinne aus dem \u00d6lgesch\u00e4ft legen  die\nGolf-Potentaten im Westen an (\u201ePetrodollars\u201c). Als 2008 die\nbritische Barclay-Bank vom Einsturz bedroht war, retten Katar und Abu\nDhabi mit 8,1 Milliarden Pfund die Bank. Wobei auch deutsche Banken\nund Konzerne von den Petrodollars profitieren. 5. Schlie\u00dflich\nexistiert seit 1974 ein Geheimabkommen, wonach Saudi Arabien und die\nmeisten anderen OPEC-Staaten alle \u00d6lverk\u00e4ufe in US-Dollar abrechnen\nm\u00fcssen. Das Abkommen trat p\u00fcnktlich nach der Aufgabe des\nGoldstandards des US-Dollars, was 1973 erfolgte, in Kraft. Es stellt\neine St\u00fctze f\u00fcr die US-W\u00e4hrung und damit f\u00fcr die US-Hegemonie\ndar, die kaum \u00fcbersch\u00e4tzt werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Dieser Beitrag erschien erstmals in:<strong> Zeitung gegen den Krieg, Nr. 45<\/strong>, August 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Fragen \/ Antworten) Ein Iran-Krieg erscheint m\u00f6glich. Die Zeitung gegen den Krieg greift einige Argumente auf, die in dieser Situation immer wieder auftauchen und gibt Antworten. Erste Behauptung Es handelt sich bei der Krise im Persischen Golf um einen Konflikt wie viele andere. Siehe Venezuela, Nordkorea, Syrien. 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