{"id":747,"date":"2018-08-15T17:44:00","date_gmt":"2018-08-15T15:44:00","guid":{"rendered":"http:\/\/winfriedwolf.de\/?p=747"},"modified":"2020-03-21T18:18:58","modified_gmt":"2020-03-21T17:18:58","slug":"100-jahre-erster-weltkrieg-und-novemberrevolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/winfriedwolf.de\/?p=747","title":{"rendered":"100 Jahre Erster Weltkrieg und Novemberrevolution"},"content":{"rendered":"\n<h2>Behauptungen und Antworten  <\/h2>\n\n\n\n<p>Wenn sich in diesen Wochen das Ende des\nErsten Weltkriegs und der Beginn der Novemberrevolution j\u00e4hren,\nbegegnen wir erneut einer Reihe von Behauptungen, die die\nKriegsursachen leugnen und die Ziele der Novemberrevolution\nverf\u00e4lschen.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Behauptung 1:  Es waren die\ndeutschen Milit\u00e4rs und die \u201eAlldeutschen\u201c, die expansive\nKriegsziele vertraten. Die Politik jedoch steuerte dagegen.<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Antwort:<\/em>  Richtig ist, dass es\nin Deutschland einige Gruppierungen und Kapitalfraktionen gab, die\nbereits vor 1914 besonders aggressive Kriegsziele verfolgten. Doch\nauch der immer wieder als \u201egem\u00e4\u00dfigt\u201c bezeichnete Reichskanzler\nBethmann Hollweg orientierte bereits wenige Wochen nach Kriegsbeginn\nauf den schnellen milit\u00e4rischen Sieg. Als Zielsetzungen eines\n\u201ePr\u00e4liminarfriedens\u201c nannte er u.a. das Folgende: \u201eFrankreich:\n[\u2026.]In jedem Fall abzutreten, weil f\u00fcr die Erzgewinnung unserer\nIndustrie n\u00f6tig, das Erzbecken von Briey. [\u2026] Luxemburg wird\ndeutscher Bundesstaat und erh\u00e4lt einen Streifen aus der jetzt\nbelgischen Provinz Luxemburg [\u2026] Holland \u00e4u\u00dferlich unabh\u00e4ngig\nbelassen, innerlich aber in Abh\u00e4ngigkeit von uns zu bringen.\u201c \n<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Das waren wohlgemerkt keine\nTagebucheintragungen. So beschrieb der deutsche Reichskanzler, ganz\noffensichtlich gedeckt vom Kaiser, die deutschen Kriegsziele in\nseinem \u201eSeptemberprogramm\u201c. Das Kriegsziel war ein Diktatfrieden\nmit massiven Annexionen. \n<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Behauptung 2: Die Konzerne und\nBanken spielten im Ersten Weltkrieg keine Rolle.<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Antwort: Tats\u00e4chlich spielten die\ngro\u00dfen Unternehmen eine ma\u00dfgebliche Rolle beim Weg in den Krieg.\nSie formulierten immer wieder ihre expansiven Kriegsziele. Zwei\nBeispiele: (1) Im September \u00fcberreichte der Abgeordnete Erzberger\neine \u201eDenkschrift\u201c von August Thyssen. Dort wird beschrieben, was\nalles \u201edem Deutschen Reiche als Reichsland einverleibt werden\u201c\nm\u00fcsse, beispielsweise im Osten: \u201eRussland muss uns die\nOstprovinzen [\u2026] das Don-Gebiet mit Odessa, die Krim, sowie [\u2026]\nden Kaukasus  abtreten, um auf dem Landwege Kleinasien und Persien zu\nerreichen.\u201c (2) Am 10. M\u00e4rz 1915 wurde gar hochoffiziell eine\n\u201eKriegszieleingabe\u201c eingereicht, die u.a. vom \u201eCentralverband\ndeutscher Industrieller\u201c und dem \u201eBund der Industriellen\u201c\nunterzeichnet war. In ihr wurden massive Annexionen im Westen und\nOsten verlangt. Und so ging das weiter bis Jahr 1918 hinein. \n<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Behauptung 3:  Es gab in Deutschland\nauch Unternehmer, die expansionistischen Tendenzen auszubremsen\nversuchten.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Antwort: <\/strong>Den Hintergrund f\u00fcr eine gewisse  Zur\u00fcckhaltung  bei dieser Kapitalgruppe bildete in der Regel eine realistischere Sicht auf die milit\u00e4rischen M\u00f6glichkeiten. Das entscheidende Ziel dieser Unternehmer, die u.a. von Rathenau (AEG) und Robert Bosch personifiziert wurde, bestand in der Schaffung eines \u201eMitteleuropas unter deutscher F\u00fchrung\u201c, wobei die drei Kernelemente lauteten: erstens Sonderfrieden mit Frankreich, zweitens eine enge Zusammenarbeit Berlin \u2013 Paris und drittens eine \u201emitteleurop\u00e4ische Zollunion\u201c. (Siehe Artikel U. Sander S. 4). Rathenau im September 1914: \u201eDer Zeitpunkt ist g\u00fcnstig. Nach der beispiellosen Niederwerfung Frankreichs durch unsere Armee w\u00fcrde eine Aufrichtung des Landes [durch einen Sonderfrieden; ZgK] [\u2026] als Akt der imposanten Fernsicht erscheinen.\u201c Im Februar 1918, also wenige Monate vor dem Zusammenbruch, meldete sich dieselbe Fraktion, nunmehr prominent vertreten durch Robert Bosch, nochmals mahnend zu Wort. Wenn der Krieg fortgesetzt w\u00fcrde, so die unterzeichnenden Herren, w\u00fcrde \u201edie Widerstandskraft unseres Volkes gegen die revolution\u00e4re Unruhe [\u2026]  schlie\u00dflich zusammenbrechen.\u201c Gefordert wurde ein schnelles Kriegsende. Nur damit k\u00f6nnten \u201ewir einen Frieden schlie\u00dfen, der einmal unsere koloniale Zukunft sichert, sodann es uns erm\u00f6glicht, ein unter unserer F\u00fchrung stehendes Mitteleuropa in den Frieden hineinzuretten.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Behauptung 4: Deutschland und\n\u00d6sterreich verloren den Krieg, weil es ein Mehrfrontenkrieg war und\nweil 1917 die USA in den Krieg eintraten.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Antwort:<\/strong> Tats\u00e4chlich gab es\ndurch die Oktoberrevolution 1917 und den Diktatfrieden am 3. M\u00e4rz\n1918 in Brest-Litowsk mit Russland eine massive Entlastung f\u00fcr die\nvon Berlin und Wien kommandierten Heere. Den wesentlichen Beitrag\ndazu, dass der Krieg beendet werden musste, leisteten in Deutschland\nund \u00d6sterreich (wie zuvor bereits in Russland) die arbeitenden\nMenschen und die revoltierenden Soldaten: Ab 1917 kam es zu gr\u00f6\u00dferen\nStreiks in vielen deutschen Betrieben. Im Januar 1918 streikten dann\nim Bereich der Mittelm\u00e4chte Millionen \u2013 vor allem in den\nR\u00fcstungsbetrieben. Am 31. Oktober 1918 kam es bei Metz, Frankreich,\nzur Befehlsverweigerung einer ganzen deutschen Division. Am 3. und 4.\nNovember meuterten in den deutschen K\u00fcstenst\u00e4dten die Matrosen. Es\nkam zur November-Revolution. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Das Ziel der Revolution war die\nEntmachtung derjenigen, die in den Krieg gef\u00fchrt hatten und die\nErrichtung einer sozialistischen Republik, weil der Kapitalismus als\neine wesentliche Ursache f\u00fcr den Krieg erkannt worden war. Die\nRevolution scheiterte. Ihre f\u00fchrenden K\u00f6pfe \u2013 u.a. Rosa Luxemburg\nund Karl Liebknecht \u2013 wurden ermordet. Die Eigner von Konzernen und\nBanken blieben in ihren Positionen. Das kapitalistische System wurde\nrestauriert. Damit waren die Grundlagen f\u00fcr einen neuen Weltkrieg\ngelegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur November-Revolution siehe die\nAnk\u00fcndigung des neuen Buchs von K. Gietinger auf dieser Seite \/\/ zum\nErsten Weltkrieg siehe Klaus Gietinger und Winfried Wolf, Der\nSeelentr\u00f6ster. Wie Christopher Clark die Deutschen von der Schuld am\nErsten Weltkrieg erl\u00f6st. Stuttgart 2017, Schmetterling, 345 Seiten,\n19,80 Euro. Siehe: <a href=\"http:\/\/www.schmetterling-verlag.de\/\">http:\/\/www.schmetterling-verlag.de<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><em>Dieser Beitrag erschien zuerst in der <strong>Zeitung gegen den Krieg, Nr. 43<\/strong>, August 2018.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Behauptungen und Antworten Wenn sich in diesen Wochen das Ende des Ersten Weltkriegs und der Beginn der Novemberrevolution j\u00e4hren, begegnen wir erneut einer Reihe von Behauptungen, die die Kriegsursachen leugnen und die Ziele der Novemberrevolution verf\u00e4lschen. 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