blog 09: Das LenkMal in Stuttgart

Winfried Wolf

Am 23. September entschieden die Stadtoberen in Stuttgart wie folgt: Die mehr als elf Meter hohe Skulptur des Bildhauers Peter Lenk „Schwäbischer Laokoon“ wird zur Aufstellung im Zentrum der Stadt – am Stadtpalais – zugelassen. Es handelt sich um eine bis zum 31. März 2021 befristete Aufstellung. Wo die Skulptur danach platziert werden wird, wird sich herausstellen. Im Fall vergleichbarer Vorhaben der Lenk‘schen Kunstwerke fand sich später an anderer Stelle ein würdiger Platz.

Peter Lenk wurde einer größeren Öffentlichkeit in den 1990er Jahren durch die Statue „Imperia“ bekannt. Wer sich mit dem Schiff, von Meersburg oder von der Insel Mainau kommend, der Stadt Konstanz nähert – und die Schiffsreise ist dringend zu empfehlen –, den begrüßt die zehn Meter hohe Skulptur bei der Hafeneinfahrt. Es handelt sich um die Darstellung einer Kurtisane, die in der einen Hand ein Schrumpel-Päpstlein und in der anderen einen Hutzel-Kaiser hält. Sie erinnert an das Konzil in Konstanz 1414 bis 1418, einen Höhepunkt der mittelalterlichen Amtskirche mit vielen öffentlichen Damen und der öffentlichen Verbrennung des arglos angereisten „Ketzers“ Jan Hus, grellbunt beschrieben von Honoré de Balzac als Teil seiner „Tolldreisten Geschichten“. Lenk hat die Statue 1993 in einer Nacht-und-Nebel-Aktion – ohne Genehmigung – auf der Hafenmauer platzieren lassen. Trotz massiver Proteste der Obrigkeit und eines sich zuständig und betroffen fühlenden Bischofs ist die Statue längst zum Wahrzeichen der Stadt Konstanz geworden, in jedem Jahr von Hunderttausenden Touristinnen und Touristen bewundert. Inzwischen gibt es ein Dutzend Städte, überwiegend im badischen Teil des Bodensee-Raums, mit – oft hochpolitischen – Lenk’schen Werken, darunter die „Global Players“ in Ludwigshafen am Bodensee oder „Das Narrenschiff“ in Bodman.

Und was lag da näher als ein LenkMal, das das größte Infrastruktur-Projekt in Deutschland und den breiten zivilgesellschaftlichen Widerstand gegen dasselbe zum Thema hat? Seit Mitte 2018 arbeitet Lenk an einem Kunstwerk zu Stuttgart 21. Im Januar 2019 initiierte ich eine Spendensammlung zur Finanzierung des Projekts. Inzwischen kam mit rund 120.000 Euro ein Betrag zusammen, der weitgehend die Materialkosten und die Ausgaben für Fremdarbeit deckt.

Denn eines war klar: Die Oberen in Baden-Württemberg und in der Landeshauptstadt Stuttgart, die in den Positionen Ministerpräsident, Landesverkehrsminister und Stuttgarter Oberbürgermeister der Partei Die Grünen angehören, würden ein solches LenkMal mit der landestypischen Begründung „Mer gäbet nix“ ablehnen. Vor einem Jahrzehnt als S21-Kritiker in diese Ämter gewählt, sind sie inzwischen mit daran beteiligt, das stadtzerstörerische und den Bahnverkehr einengende Projekt umzusetzen. Nachdem nun das Kunstwerk – ein nackter „Schwäbischer Laokoon“, von dem es heißt, er würde den MP Kretschmann darstellen, über dem sich mehr als zwei Dutzend Figuren der Nomenklatur tummeln, die für Stuttgart 21 mitverantwortlich sind (darunter Mappus, Rommel, Geißler, Mehdorn), – weitgehend vollendet ist, befanden sich die Stadtoberen in Erklärungsnot. Sollten sie es ablehnen, das Werk in Stuttgart selbst zur Schau zu stellen, und sich damit bundesweit dem Gespött preisgeben? Oder sollten sie unter Verweis auf die Freiheit von Kunst dem Tieflader mit dem S21-Kunstwerk grünes Licht signalisieren? Sie entschieden sich für einen Zwischenweg: Lenk darf seinen „Schwäbischen Laokoon“ zwar noch im Oktober vor dem Stadtpalais platzieren. Das – insgesamt mehr als elf Meter hohe Werk – soll jedoch zusammen mit zwei anderen Skulpturen präsentiert werden. Man darf gespannt sein, welche Darstellung den ersten Preis in diesem absurden Wettbewerb in Sachen Aufmerksamkeitsökonomie erhält.

Die Stadtoberen werden die Angelegenheit mit Verweis auf „Satire darf (fast) alles“ zu bagatellisieren versuchen. Doch es handelt sich um einen hochpolitischen Vorgang. In diesen Tagen beginnt der offizielle Wahlkampf um das Amt des Oberbürgermeisters der Landeshauptstadt. Der aktuelle OB, Fritz Kuhn, blickt auf eine äußerst dürftige Bilanz; er tritt nicht mehr an. Das Infrastrukturprojekt S21 entwickelt sich immer mehr zu einem finanziellen und verkehrspolitischen Desaster. Gerade erst wurde ein (seit einem Jahr unter Verschluss gehaltener) Prüfbericht des Bundesrechnungshofs publik, in dem wörtlich zu lesen ist: Das Bundesministerium für Verkehr „hält das Projekt S21 nicht mehr für verkehrsbedeutsam“. Zehn und mehr Milliarden Euro an Steuergeldern für ein „nicht bedeutsames“ Verkehrsprojekt? Und dann gibt es die aktuellen und die noch zu erwartenden Medienberichte anlässlich von „Zehn Jahre Schwarzer Donnerstag“ (am 30. September 2010 gab es den brutalen Polizeiangriff auf friedlich demonstrierende Jugendliche im Stuttgarter Schlossgarten) und zu „Zehn Jahre (manipulative) Geißler-S21-Schlichtung“.

Stuttgart ist eine Reise wert. Oder zumindest einen Zwischenstopp. Es gibt aktuell drei Sehenswürdigkeiten, die man sich dort nicht entgehen lassen sollte: Erstens, nach dem Aussteigen aus dem ICE, einige tiefe Einblicke in die Art und Weise, wie hier seit einem Jahrzehnt das stadt- und bahnhofzerstörerische Werk vorangetrieben wird – nebst Gang durch die seit einem Jahr weitgehend entkernte Haupthalle des „eigentlich“ unter Denkmalschutz stehenden Bahnhofsgebäudes, des „Bonatz-Baus“, in dem ein Vier-Sterne-Hotel errichtet werden soll. Als Großinvestor mit dabei: der Schweinepriester Tönnies. Zweitens – ab Mitte Oktober – besagtes LenkMal am Stadtpalais (Charlottenplatz; Stadtmuseum). Und drittens das seit zehn Jahren Tag und Nacht – rund um die Uhr – besetzte Mahnwachen-Zelt gegenüber vom Hauptbahnhof – als lebendige Einrichtung, die, zusammen mit den an jedem Montag um 18 Uhr stattfindenden Montags-Demos, den zivilgesellschaftlichen Widerstand gegen Stuttgart 21 dokumentiert.

Infos: Website: www.lenk-in-stuttgart.de, Spendenkonto: MBS/BFS e.V., IBAN DE04 1605 0000 3527 0018 66. Wer mindestens 75 Euro spendet, bekommt – wenn gewünscht – entweder Peter Lenks Bildband „Skulpturen: Bilder. Briefe, Kommentare“ oder das Buch von Winfried Wolf „abgrundtief + bodenlos. Stuttgart 21, sein absehbares Scheitern und die Kultur des Widerstands“ zugesandt. Jeweils mit Widmung des Autors.


Der Artikel erschien am 3.10. zuerst in der Zeitschrift Ossietzky