blog 04: Die Corona-Epidemie zeigt: Notwendig wäre eine doppelte Zahl der Krankenbetten. Dabei gab es diese doch bereits

Winfried Wolf

Oder: Das Mysterium der verschwundenen DDR-Krankenbetten

Die verfügbare Krankenhausstatistik zu Deutschland nennt für die Zeit vor 1990 nur die westdeutsche Situation. Die DDR-Krankenhäuser und DDR-Krankenbetten sind nicht existent. Werden diese jedoch berücksichtigt, dann zeigt sich, wie dramatisch der Abbau der Krankenbetten auf deutschem Boden ist. Er hat sich halbiert, während die Bevölkerung um 6 Prozent wuchs und die Lebenserwartung um ein Jahrzehnt stieg.

In der aktuellen Corona-Epidemie wird zu Recht die mangelnde Qualität des Gesundheitswesens beklagt. Es tauchen dann auch schnell ein paar Zahlen auf, die dokumentieren, dass es zu einem Abbau der Zahl der Krankenhäuser und der Bettenzahl in diesen Krankenhäusern kam. Genauere Zahlen zur Bundesrepublik Deutschland – also, insoweit es um die Zeit vor 1990 geht, zu Westdeutschland – fanden sich in meinem auf NDS veröffentlichten Beitrag (siehe: https://www.nachdenkseiten.de/?p=59459)

Doch exakte Zahlen, die auch die Vereinigung von BRD und DDR berücksichtigen, gibt es nirgendwo. Sucht man beispielsweise bei Wikipedia unter https://de.wikipedia.org/wiki/Krankenhaus, dann enthält dieser Beitrag einen Abschnitt, überschrieben mit „Krankenhausstatistik Deutschland“. Dort erfährt man: Es gab 1966 3635 Krankenhäuser mit 640.372 Betten, 1971 waren es noch 3545 Krankenhäuser mit 690.336 Betten. 1991 noch 2411 Krankenhäuser mit 665.565 Betten. Und 2015, im letzten dort aufgeführten Jahr, waren es noch 1956 Krankenhäuser mit 499.351 Betten. Bei den Zahlen für 1966 und 1971 ist ein Sternchen (*) angebracht und man erfährt im Kleingedruckten: „Daten nur von Westdeutschland und Westberlin“. Die gesamten dort wiedergegebene Statistik („Krankenhausstatistik Deutschland“) hat eine Fußnote mit Ziffer 10. In dieser wird als Quelle genannt: „Statistisches Bundesamt: Grunddaten der Krankenhäuser 2015 – Fachserie 12 Reihe 6.1.1. (PDF); abgerufen am 19. Oktober 2016.“

Da man Wikipedia nicht ohne Weiteres trauen soll, „unserem“ Statistischen Bundesamt dann doch eher, klickt man also auf diese „Grunddaten … Fachserie 12..“ – und erhält eine Fehlermeldung des Statistischen Bundesamts, wonach „der von Ihnen gesuchte Inhalt nicht mehr existiert oder umgezogen ist“. Das Amt meldet: „Wir haben unsere Seite neu gestaltet und etwas aufgeräumt.“ Man möge doch über die „Suchfunktion“ oder über „unsere Themen“ oder über „die Startseite“ versuchen, das Gewünschte herauszufinden.

Das habe ich versucht. Ich wollte einerseits eine Bestätigung der Wikipedia-Zahlen erhalten und andererseits etwas darüber erfahren, ob es Angaben zu den Krankenhäusern und Krankenbetten in der DDR oder ab 1990 auf DDR-Boden gibt. Das gelingt aber im elektronischen Statistischen Jahrbuch nicht – mir jedenfalls nicht. Das aktuell aufrufbare Statistische Jahrbuch berichtet zu dem Thema nur, dass es aktuell 1942 Krankenhäuser „in Deutschland“ geben würde, dass „Deutschland […] im internationalen Vergleich über eine hohe Versorgungsdichte mit Intensivbetten in Krankenhäusern (verfügt)“. Ruft man dann unter „Tabellen“ die „Krankenhäuser nach Jahren“ auf, so gelangt man über mehrere Umwege zur „Fachserie 12“. (Siehe: file:///C:/Users/WINFRI~1/AppData/Local/Temp/grunddaten-krankenhaeuser-2120611177004.pdf). Doch hier beginnen alle Zahlen 1991. Auch unter „Metadaten“ konnte ich nicht fündig werden. Liegt es an mir?

Nun ist ja bereits die Darstellung bei Wikipedia, die offensichtlich vom Statistischen Bundesamt übernommen wurde, hochproblematisch, da als „Deutschland“ auch die Jahre 1966 und 1971 genannt werden, die DDR-Situation nicht erfasst wird, und diese Statistik dann nahtlos in Gesamtdeutschland übergeht.

Angesichts der Kontaktsperre dürfte es aktuell nicht ganz einfach sein, sich in einer gut geordneten Bibliothek in alten Statistische Jahrbücher als Print schlau zu machen. Ich bin allerdings in der glücklichen Lage, über zwei Dutzend Statistische Jahrbücher im Zeitraum 1975 bis 2017 zu verfügen – im altmodischen Print. (Die Serie ist nicht komplett, da ich die doch recht teuren Schwarten immer dann privat erstand, wenn ich ausreichend flüssig war). Diese „Statistischen Jahrbücher für die Bundesrepublik Deutschland“ verfügten immer über eine gut 50-seitige Abteilung zur „Deutschen Demokratischen Republik und Berlin (Ost)“. Die dort aufgeführten Zahlen zur DDR dürften auch heute noch als vertrauenswürdig gelten. Oder auch: Würde ich im Folgenden aus einem Statistischen Jahrbuch der DDR zitieren, könnte das als weniger glaubwürdig angesehen werden.

Und hier, in diesen westdeutschen Statistischen Jahrbüchern finde ich das Gesuchte. Danach gab es in der DDR 1971 noch 620 Krankenhäuser mit 187.756 Betten. Vier Jahre vor der Vereinigung, 1986, waren es noch 542 Krankenhäusern mit 169.179 Betten. Führt man die Zahlen zusammen und ergänzt man sie mit zwei Jahreszahlen aus der Nach-Wende-Zeit, dann erhält man das Bild wie in der Tabelle wiedergegeben.

Tabelle: Krankenbetten auf deutschem Gebiet (DDR und BRD) 1971-2020

Regionale Einheit 1971 1986 1991 2020 Entwicklung 2020/1986 in %

Kranken- Häuser Betten Kranken- häuser Betten Kranken- häuser Betten Kranken- häuser Betten Kranken- häuser Betten
BRD 3545 690236 3071 674384



Abbau um 53,4% Abbau um 44,2%
DDR 620 187756 542 169179



Gesamt- Deutsch-land 4165 877992 3613 843563 2411 665565 1942 490.00
Einwohner BRD 61,3 61,1

80,3 Mio


83,1 Mio


+6,1%
Einwohner DDR 17,o 16,6
Gesamt 78,3 77,7
Betten je 100.000 Einwohner 1121 1087 829 590 -47,4%

Quellen: Statistisches Jahrbuch für die Bundesrepublik Deutschland, Ausgabe 1975, S.93 und S. 539; Ausgabe 1988, S. 395 und S. 624; und aktuelle Artikel zum Stand der Betten und Krankenhäuser in Deutschland im Jahr 2020 (Tagespresse im Zusammenhang mit der Corona-Epidemie)

Danach gab es auf deutschem Boden 1971 noch 4165 Krankenhäuser – davon 3545 in Westdeutschland und 620 in Ostdeutschland – die zusammen über 877.992 „aufgestellte Krankenbetten“ verfügten. 1986 waren es gesamtdeutsch noch 3613 Krankenhäuser mit insgesamt 843.563 Krankenbetten. Es gab auch in diesen eineinhalb Jahrzehnten in der BRD und in der DDR einen Abbau der Zahl der Krankenhäuser und der Betten; dieser fiel übrigens in der DDR etwas stärker aus als in Westdeutschland. Danach – mit der Wende und danach bis 2020 – gab es dann einen dramatischen Abbau bei der Zahl der Krankenbetten und nochmals stärker bei der Zahl der Krankenhäuser. Insgesamt – im Zeitraum 1971 bis 2020 – wurde die Zahl der Krankenhäuser auf deutschem Boden mehr als halbiert und die Zahl der Krankenbetten um rund 45 Prozent abgebaut.

Ist das Gebiet, für das es die Krankenversorgung vorzuhalten gilt, geschrumpft? Offensichtlich nicht. Hat sich die Einwohnerzahl, für die eine ausreichende Gesundheitsvorsorge bereit zu stellen war, treffen war, verändert? Allerdings. 1971 zählte die Bundesrepublik 61,3 Millionen Einwohner, die DDR hatte eine Bevölkerung von 17,0 Millionen Menschen; das war addiert eine gesamtdeutsche Bevölkerung von 78,3 Millionen Menschen. Heute zählt die Bevölkerung in Deutschland 83,1 Millionen Menschen – es kam zu einem Zuwachs um 6,1 Prozent.

Berücksichtigt man dies beim Abbau der Zahl der Krankenbetten, dann kam es auch hier fast zu einer Halbierung der Bettenzahl je 100.000 Einwohner.

Sind die Menschen heute gesünder, mehr fit; sind sie seltener im Krankenhaus und brauchen sie weniger ärztliche Versorgung? Das Gegenteil ist der Fall. Bereits die Entwicklung des Durchschnittsalters ist ein Grund dafür, dass es wesentlich mehr Krankheiten, auch solche, die einen Krankenhausaufenthalt notwendig machen, gibt. 1971 lag die Lebenserwartung in Deutschland bei 72 Jahren (sie war in der DDR und in der BRD im Wesentlichen gleich hoch). Kurz vor der Vereinigung 1989 lag sie in der DDR bei 74 und in Westdeutschland bei 76 Jahren. Aktuell liegt sie in Deutschland im Durchschnitt bei 81 Jahren – bei Frauen bei 83,3 Jahren und bei Männern bei 78,5 Jahren. Die Menschen werden heute im Schnitt zehn Jahre älter als vor 50 Jahren.

In der aktuellen Debatte im Zusammenhang mit der Corona-Epidemie heißt es, nur dann, wenn es gelänge, die Zahl der Betten auf den Intensivstationen zu verdoppeln, wäre das Gesundheitssystem den Herausforderungen gewachsen. Unterstellt man einmal grob, dass das Verhältnis von Intensivstationsbetten zur Gesamtzahl der Betten im genannten Zeitraum dasselbe blieb, dann lässt sich sagen: Die Alarmmeldungen, wonach diese Bettenzahl binnen weniger Wochen zu verdoppeln wäre, erübrigten sich, wenn es diesbezüglich noch die Standards des Jahres 1971 geben würde.

Winfried Wolf ist Chefredakteur von Lunapark21 – Zeitschrift zur Kritik der globalen Ökonomie (www.lunapark21.net und www.winfriedwolf.de)